EK2004-71 – Setzen auf den Geist, nicht auf Gesetze

EK2004-71 – Setzen auf den Geist, nicht auf Gesetze

Aus: J. Kentenich, Vortrag vor Priestern, 10.2.1968.

Sehen Sie, wie sieht das neue Bild, das neue Antlitz der Kirche aus? Das ist ein Antlitz, das immer leuchtet per eminentiam im Glanze Gottes, das mehr und mehr in den Hintergrund treten lässt alle menschlichen Züge. Ich sage mehr und mehr alle menschlichen Züge. Das ist ein Bild ja, wie soll ich das weiter ausdrücken und formen? das verzichtet auf der einen Seite auf eine Kollektion, endlos gewaltige Kollektion von Vorschriften. Auf der einen Seite Vorschriften, weshalb? Das ist halt eine Kirche, die hauptsächlich man hat uns das früher einmal gesagt eine Gesetzeskirche (ist). Wir haben an sich all die Dinge früher mitgemacht, die heute einen gewissen Höhepunkt er-reicht haben, eine ganze Kollektion von Gesetzen, eine ganze Kollektion von Gebräuchen, von Vorschriften, von Übungen! Übungsfrömmigkeit auf Übungsfrömmigkeit!

Sie ahnen natürlich, wie groß jetzo die Gefahr ist, ins Extrem zu geraten. Und darin liegt ja heute die Gefahr: Das Alte schwimmt weg, das Neue ist noch nicht da. Und da vermeinen wir sagen zu dürfen: wir haben nunmehr mehr als 50 jährige Erfahrung. Das ist ja mit ein Grund, weshalb wir immer zurückgreifen und wünschen, dass Wir zurückgreifen auf unsere Tradition. Denn was heute gefährdet, was heute neu ist, was heute auf der ganzen Linie mit Gefahren umdräut, das haben wir ja durchschifft, so meinen wir, und zwar mit einer überaus klaren Linie, aber auch mit einem gesunden so dünkt mich Gefühl für Maß. Schon allein der Ausdruck „organisches Denken“ über-legen Sie einmal, was das besagt! Organisches Denken, das immer „Sowohl als auch“, das was gestern war, ist immer festgehalten.

Freilich, es ist auch ein perspektivisches Denken! Jetzt kämen wir an sich zu wissenschaftlichen Fragen von Bedeutung. Könnte Ihnen das jetzt auch einmal nachweisen, wie wenig verstanden worden ist oder sein mag, was ich nach der Richtung alles gesagt habe, vor allem in der Weihnachtstagung. Da sind alle wesentlichen Punkte der Lösung wenigstens berührt und einigermaßen verständlich gemacht. Wir dürfen heute nicht zufrieden sein mit einigen Eindrücken. Wir müssen schon in die Tiefe graben. Perspektivisches Denken, was heißt das? Das ist immer ganzheitliches Denken. Ich komme gleich darauf noch einmal zu sprechen.

Sehen Sie, deswegen nun im einzelnen, wie sieht an sich die Anpassung aus, oder besser gesagt; Wie sieht die Auffassung der Kirche von sich aus? Allgemeine Linie halten Sie die bitte fest: Geöffnet sein bis zum Äußersten für das Göttliche, für den Heiligen Geist. Zurückdrängung aber nur bis zu einem gewissen Grade von der Überbetonung des Menschlichen, ob es sich dreht um Gesetze, die wir uns selber gegeben, ob es sich dreht um eine ganze Kollektion von Vorschriften oder von Übungen, ob es sich dreht um die Abhängigkeit vom Staate! Staat mag Gott weiß wie viele Macht haben, und (es) war durchaus verständlich, dass die Kirche sich mit dem Staat ver-mählte. Aber wo liegt jetzt der Haken? Und all diese Dinge, die werden nun in den Hintergrund gesenkt. Im Vordergrunde steht immer wieder. Der Herrgott leitet seine Kirche! Oder wollen Sie das einmal anders ausgedrückt haben? Der Heiland hat sich vermählt mit einer sündigen Kirche, und der Heiland hat die Verantwortung übernommen, dass diese sündige Kirche letzten Endes das neue Zeitenufer, das Ewigkeitsufer erreicht.

Merken Sie die starke Umakzentuierung? Da heißt alles hinein ins Göttliche! Nicht weg, total weg vom Menschlichen, – wohl auch! Und das ist die Schwierigkeit, da liegen auch die Haken.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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