GdL-1949-10 Die göttliche Idee vom Menschen und der Gemeinschaft (Fortsetzung)

GdL-1949-10 Die göttliche Idee vom Menschen und der Gemeinschaft (Fortsetzung)

Aus: Oktoberbrief 1949

Von einer geschichtlichen Wende kann und muss man sprechen, wenn ein Menschenbild, das eine Zeit beherrscht hat, sein Gesicht bedeutsam ändert, wenn beispielsweise das intellektualistische dem vitalistischen oder das anthropozentrische dem theozentrischen Bild Platz macht. Dasselbe ist der Fall, wenn der vornehmlich oder ausschließlich diesseits orientierte Mensch dem jenseitig, übernatürlich eingestellten weicht.

Damit berühren wir bereits die zweite, die gnadenhafte Seite der Menschenidee, die wie die Erlösungsordnung auf den übernatürlichen Charakter des göttlichen Ebenbildes weist, der in Christus Jesus eine Inkarnation feiert, eine Fülle und Vollendung erreicht hat, die jedem geschichtlichen Nacheinander in Entwicklung und Ausreifung der Menschenidee als Ideal vorschwebt, dem alle ohne Ausnahme aus eingeborener und gnadenhaft geschaffener innerer Tendenz unaufhaltsam zustreben.

So wird der Sinn der Geschichte Vorbereitung, Fortsetzung, Abrundung und Vollendung der Lebensgeschichte Christi zwecks vollkommener Liebesvereinigung mit dem Vater. Die Zeit vor ihm ist die Vorbereitung auf sein Kommen, das im Proto Evangelium 9 deutlich genug angesagt worden ist. Die Zeit nach ihm ist die geheimnisvolle Wiederholung der einzelnen Phasen seines Lebens sowohl in bestimmten Individuen als auch in ganzen Geschlechtern. Bald ist es der kindliche Heiland, der Individuum und Zeit beherrscht und beiden das Gepräge gibt, bald der kämpfende Christus. Hier wiederholt sich in greifbarer Weise der Schauer des Karfreitags, dort der Jubel des Ostertages.

Als der erste Mensch das Paradies überschritt, um mit Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies im Herzen in die Verbannung zu gehen, gesellte sich Christus mit dem Protoevangelium in der Hand zu ihm, um ihn in seiner Nachkommenschaft nie mehr zu verlassen. Als Logos spermatikós10 folgt er den Heiden, und in geheimnisvoller Umhüllung begleitet er den Christen.

Hier bereitet er Advent oder Weihnachten vor, wenn auch nur wenige kommen, um ihn anzubeten, wenn auch nur wenige bereit sind, ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe darzubringen. Dort erneuert er sein Nazarethleben. Er tut es überall, wo christliche Familien ihm den Zutritt gestatten. Predigend und heilend durchzieht er in Priestern und Laien die Welt. Allerorten verlangt sein Wort und Wirken unerbittlich eine starke Scheidung der Geister. In geheimnisvoller Weise lebt er noch einmal die Karwoche mit allen und in allen, die wie Paulus an ihrem Leibe ersetzen, was Christi Leiden noch fehlt11, die stille bleiben, wenn die Massen den Pilatussen ihrer Zeit mit stürmischem Drängen zurufen: „Kreuzige ihn!“, die nicht zusammenbrechen, wenn Judasnaturen an ihnen zum Verräter werden und sie für dreißig Silberlinge verkaufen. Tag für Tag feiert er Ostern, wenn er auch nur wenig gläubige Zeugen seiner Auferstehung und seines glorreichen Sieges findet. Allen, die beharrlich sind im Beten und Brotbrechen, sendet er den Heiligen Geist. (…)

Damit berühren wir das zweite Merkmal, an dem eine Zeitenwende konstatiert werden kann. Es gehört der Erlösungsordnung an. Tritt eine wesentliche Wandlung im Verhältnis zum Offenbarungsgott ein, so spricht man mit Recht von einer Wende.

Das dritte Merkmal ist dem Verhältnis zum Heiligen Geist zu entnehmen. Der Gottesgeist ist der Geist der Liebe und Einigung: der Gemeinschaft… Die Stellung zur Gemeinschaft kann gleichfalls eine Zeitenwende verursachen. Schon in der natürlichen Ordnung ist der Mensch ein animal sociale.12 Deshalb erfolgt nach der Schöpfung Adams die besinnliche Überlegung und der bedeutsame Entschluss Gottes: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Lasst uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleich sei.“13 Und Gott schuf Eva aus der Seite des schlafenden Adam. Seither entsteht der Mensch in der Gemeinschaft der Familie und wird durch die Familie geformt und emporgebildet. Ohne Gemeinschaft verkümmert er. Die Gemeinschaft schafft Hindernisse und gibt Antriebe. Sie bringt Spannungen und drängt zu ihrer Überwindung. Sie steckt Ziele und gibt Motive, die nie zur Ruhe kommen lassen. Sie stellt Genossen und Gehilfen zur Verfügung oder lässt Gegner auf dem Plan erscheinen. Beides zum großen Vorteile für Werkgestaltung und Selbstentfaltung. So wird verständlich, was Goethe sagen will, wenn er erklärt, dass er sieben Achtel von all seinen Werken anderen zuschreiben müsse. Der Mensch braucht die Gemeinschaft, um von ihr zu empfangen. Er hat sie gleichfalls nötig, um zu geben, um reichlich, überreichlich schenken und verschenken zu können. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Weil die Gefolgschaft an den Künstler, an den Erzieher große Forderungen stellt, weil sie von beiden beschenkt werden möchte, weckt sie fortlaufend alle schöpferischen Kräfte.

Wie die Schöpfungsordnung, so setzt auch die Erlösungsidee die Gemeinschaft voraus und fordert sie. Sie geht aus von der communio peccatorum mit Adam und gipfelt in der communio sanctorum14 durch die Einbürgerung in die Gemeinschaft des Gottesreiches hier auf Erden.

Christus ist gekommen, um dieses Reich zu künden, zu gründen und zu vollenden. Darum beginnt er seine öffentliche Tätigkeit mit der Forderung: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe.“15 Täglich lehrt er die Seinen beten: „Zu uns komme dein Reich.“16

Der Seher von Pathmos schildert dieses Reich als Zelten Gottes unter den Menschen und als Zelten der Menschen in und mit Gott, als innige gegenseitige Liebes und Lebensgemeinschaft zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch. Er spricht deshalb vom tabernaculum Dei cum hominibus.17 Das Reich Gottes ist tiefste, innigste Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, ist Wurzelschlagen des innertrinitarischen göttlichen Lebens hier auf Erden, ist eine Kolonie des Himmels, die alle bewährten Institutionen des Mutterlandes getreulich nachahmt, ist ein Reich der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, das sich in ständigem Widerstreit befindet mit dem Reich der Lüge, der Ungerechtigkeit und des Hasses.

Das alles meint Paulus, wenn er mahnt: „Euer Wandel sei im Himmel.“18 Er will damit sagen: Als Kolonie des Himmels sollt ihr dessen Lebensrhythmus nachahmen. Damit ist ein sinniger Gedanke der alten mesopotamischen Kultur verwirklicht, der in allen Geschehnissen eine Nachahmung der himmlischen sieht. Pseudo Dionysius führt ihn im 6. Jahrhundert bis in alle Einzelheiten durch. In seinem Werk De coelesti hierarchia stellt er dar, dass alles Weltgeschehen nur Nachbildung der Tätigkeit der durchgegliederten Geisterwelt sein soll, die sich unmittelbar um die Dreifaltigkeit schart.

Der Heiland gewährt uns durch sinnvolle Gleichnisse tieferen Einblick in Aufgabe und Eigenart des Gottesreiches auf Erden. Er vergleicht es einem Manne, der seinem Sohne Hochzeit hielt.19 Die Geschichte des Gottesreiches ist eine Hochzeits , eine Vermählungsgeschichte zwischen Gott und Mensch als Individuum und Gemeinschaft… (…)

Der Heilige Geist, die Liebe zwischen Vater und Sohn, ist das Band, das alle Christen zu lebendiger Einheit miteinander verbindet: „Caritas Dei diffusa est in cordibus vestris per Spiritum Sanctum qui datus est vobis.“20

So ist mit der Schöpfungs , Erlösungs und Heiligungsidee gleichzeitig die Idee der Gemeinschaft gegeben.

Daraus ergibt sich von selbst ein vielgestaltiges Spannungsverhältnis zwischen Persönlichkeit und Gemeinschaft, das vor allem die Völker des Abendlandes seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe kommen lassen will. Zwei Strömungen ringen um Lösung des schwierigen Problems: der Individualismus und Kollektivismus. Beide sind extrem, beide verkennen sowohl das Wesen der PersönIichkeit als der Gemeinschaft. Beide führen den Wagen der Geschichte auf eine Sandbank, von der es nur schwer ein Entrinnen gibt. (…)

Bei der Bedeutung des Gemeinschaftsbewusstseins für die menschliche Gesellschaft ist ohne weiteres ersichtlich, dass ein tiefgehender Wandel im herrschenden Gemeinschaftsleben ein leicht erkennbares Merkmal einer Zeitenwende sein kann…

1 Mich schuf Gottes Allmacht, seine höchste Weisheit und einzigartige Liebe.

2 Die Tätigkeiten Gottes nach außen sind (den drei Personen) gemeinsam.

3 Gen 1,26.

4 Vgl. Gen 2,7.

5 Gen 3,14.

6 Gen 1,1 ff.

7 Gen 1,28.

8 Gewissermaßen alles.

9 Vgl. Gen 3,15.

10 Wie Samen ausgestreuter Logos.

11 Vgl. Kol 1,24.

12 Ein soziales Wesen.

13 Gen 2,18.

14 Gemeinschaft der Sünder. Gemeinschaft der Heiligen.

15 Vgl. Mt 4,17.

16 Mt 6,10 und Lk 11,2.

17 Zelt Gottes bei den Menschen (Apok 21,3).

18 Phil 3,20.

19 Vgl. Mt 22,2 ff.

20 Die Liebe Gottes ist ausgegossen in eure Herzen durch den Heiligen Geist, der euch gegeben ist (Röm 5,5).

Aus:
Pater Josef Kentenich:
Oktoberbrief 1949,
Ein Beitrag zum christlichen Auftrag: Neuer Mensch
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
ISBN: 978-3-920849-01-0
S. 41-60

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