GdL-1965-12 Ausruhen im Herzen und im Plane Gottes

GdL-1965-12 Ausruhen im Herzen und im Plane Gottes

Aus: Vortrag 30. November 1965

Die Lehre und die Überzeugung vom kreisförmigen Verlauf unserer Familiengeschichte regt uns an, Lebensvorgänge am Ende der ersten Gefangenschaft zu vergleichen mit Lebensvorgängen am Ende der zweiten Gefangenschaft. Gleichzeitig vergleichen wir miteinander die Grundhaltungen hüben und drüben und suchen sie nach Möglichkeit zu vertiefen. Die Grundhaltung am Ende der ersten Verfolgung finden wir unter anderem wiedergegeben im Fessel- oder Dankeslied. Alles, was das Dankeslied zum Ausdruck bringt, lebt auch jetzt in uns, wahrscheinlich vertiefter, inniger, schöpferischer als Anno dazumal. Wofür wir zu danken haben und wie wir zu danken haben, ist der Inhalt des Liedes.

„Auf schwerer Pilgerreise
hat Gott sich groß und weise
zu seinem Ruhm und Preise
erwiesen unserem Kreise.“

Hier stehen wir wieder vor dem Ewigen, vor dem Unendlichen, von dem wir mit der ganzen Seele abhängig sein möchten. Alles, was geschehen ist, auch das, was unergründlich, unerforschlich, unverständlich ist, wird lichtvoll, wenn wir es im Spiegel der ewigen Vaterliebe und des Vorsehungsglaubens betrachten.

Schon lange haben wir diese Strophe zum Gegenstand der Erwägungen, des inneren Erlebens, des Nachlebens gemacht.

„Auf schwerer Pilgerreise…“

Wodurch ist die Reise so schwer geworden? Vor allem dadurch, daß sie ständig in das Dunkel hineinging. Und in und über diesem Dunkel stand allezeit der Gott des Lebens.

„Auf schwerer Pilgerreise
hat Gott sich groß und weise
zu seinem Ruhm und Preise
erwiesen unserem Kreise.“

Hier steht also über allem der Gott, der unsere Pilgerreise mit allen Schwierigkeiten geplant, der unser praktisches Leben, unsere Pilgerreise, im Verlauf der letzten vierzehn Jahre gelenkt und hingeordnet hat auf sich selbst.

Wir legen hier besonderes Gewicht darauf, uns bewußt zu werden, wie schwarz, pechschwarz die Nacht war, in die wir ständig hineingeführt und von Station zu Station weitergelenkt und weitergeleitet worden sind.

Wir versuchten dann aber vor allem zu erforschen, weshalb diese Reise ins Dunkel gehen mußte. Drei Antworten haben wir gefunden.

Die erste Antwort: Weil der Plan Gottes mit Sicherheit nur Gott allein bekannt ist. Darum ist es klar, wir können denken, soviel wir wollen, den natürlichen Verstand gebrauchen, soviel wir wollen – zu Ende kommen wir nicht. Die menschliche Natur ist so veranlagt: Es mögen Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten für uns vorgesehen sein, wenn wir aber dahinter eine Linie entdecken, wenn der natürliche Verstand eine Linie finden und erklären kann, wie das eine notwendig aus dem andern folgt, dann ist der Geist zufriedengestellt, auch wenn das Herz zu leiden hat. Aber hier liegt ja die Schwierigkeit, daß das rein natürliche Denken das nicht greifen kann. Wohl können wir im Lichte des Glaubens aus dem, was geworden, aus einer gewissen umrißweisen, teilweisen Erkenntnis des Planes in etwa die Weiterentwicklung des Planes schlußfolgern, aber das Dunkel bleibt. Darum das Wort, das wir so gern gebrauchen: Todessprung für den natürlichen Verstand! Das müssen Sie sehr ernst nehmen, was das heißt: Todessprung für den rein natürlichen Verstand. Schon allein das Bewußtsein, daß Gott über unser Leben und über die einzelnen Schicksalsschläge unseres Lebens einen Plan entworfen hat und daß er diesen Plan uns verheimlicht, daß er diesen Plan uns nicht auf einmal voll und ganz und klar entschleiert, erklärt die Dunkelheit, erklärt die Nacht der verflossenen Jahre.

Ein zweiter Gedanke! Ich möchte ihn gerne des öfteren wiederholen, weil er unsere Seele innerlich noch freier und froher macht, weil er unsere Seele noch stärker befriedigt. Was ist das? Wenn Gott nur einen Plan hätte für unser hiesiges Leben, genügte uns das Gesagte wohl, jetzt wissen wir aber, was die Erfassung des Planes noch schwieriger macht: Gott hat auch für uns alle die Seligkeit, die visio beata, vorgesehen, und diese ist für jeden einzelnen unterschiedlich.

Es ist halt so das alte Gesetz: Quidquid agis prudenter agas et respice finem! Für den Weisen, den irdisch Weisen, ist es ein selbstverständliches Gesetz: Alles muß hingeordnet werden auf das letzte Ziel. Und dieses letzte Ziel ist noch in besonderer Weise dunkel für uns. Wir wissen ja gar nicht, welcher Grad, welche Art der visio beata für uns vorgesehen ist. So wird das Dunkel noch dunkler.

Abermals, wenn ich das erfasse, im Lichte des Glaubens betrachte, fällt es mir leichter, die Augen zu schließen, doppelt, wenn ich weiß: Es ist ein Vater, der all das für mich vorgesehen hat, ein Vater, der mich mehr liebt, als ich mich selber lieben kann ein Vater, der nicht nur weise, der nicht nur gütig, der auch allmächtig ist. Wie mich das befreit, wenn ich weiß, wenn ich überzeugt bin: Hinter allem, was in meinem Leben vor sich geht, steht der Vatergott, steht der allweise, der allgütige, der allmächtige Vatergott! Aber das hindert uns nicht, wieder erneut überzeugt zu sein: Das Schwierigste in unserem Leben ist der Sprung, der Todessprung für den Verstand. Der Todessprung für das Herz, der Todessprung für den Willen ist unter bestimmten Umständen leichter als der Todessprung für den Verstand. Aber ohne Todessprung können wir an sich im Dunkel, in der Unsicherheit, in der Verworrenheit des heutigen Lebens nicht sicher unseres Weges gehen.

Wenn wir andere Menschen auf uns wirken lassen, meinetwegen die sogenannten Existenzialisten, so kennen sie auch – vielleicht mehr noch als wir – die Verworrenheit der heutigen Kultur, die Geworfenheit, die Wurzellosigkeit des heutigen Lebens. Wie sollen sie aber das alles meistern? Eigentlich nicht wie wir durch urpersönliche heroische Hingabe an den Vatergott und die Vaterplanung, sondern – in unserer Sprache – durch einen gewissen Trotz. Sehen Sie, die Fügungen Gottes können entweder durch vollkommene Hingabe oder durch Trotzgebärde beantwortet werden. Wie äußert sich dieser Trotz? Zähne aufeinandergebissen und hineingeworfen in den Strom! Vielleicht der Versuch, da und dort eine Scholle zu finden, auf der man ein wenig ausruhen kann, aber im übrigen: Zähne zusammengebissen! Ich will allein fertig werden mit meinem Schicksal!

Ob Sie verstehen, weshalb ich das bald in dieser, bald in jener Form wiederhole? Was wir alle brauchen, zumal jetzt am Ende der Epoche, ist ein Ausruhen im Herzen und im Plane Gottes, Was ist das etwas überaus Schönes, wenn wir rückschauend im Lichte des Glaubens in etwa die Linien sehen, die der liebe Gott uns geführt hat! Alles, was wir erleben, meinetwegen auch das Ereignis von gestern oder vorgestern – in unserer Familiengeschichte zweifellos ein ganz großes Ereignis (der Besuch ausländischer Bischöfe in Schönstatt) – (lehrt uns den Plan Gottes besser verstehen). Es ist wohl wahr, was ich gestern abend wieder kurz in Erinnerung rufen durfte: Die Kirche, die uns ans Kreuz geschlagen hat, die uns gekreuzigt hat, holt uns jetzt vom Kreuz herunter. Die Weise, wie sie uns ans Kreuz geschlagen hat, war wahrhaftig ein getreues Abbild des Gekreuzigten. Wenn wir uns als Gemeinschaft sehen, gab es wohl kein Glied, das nicht ans Kreuz genagelt war. Der Gott, der dahinter steht, der uns den Karfreitag, die Leidensepoche des Heilandes hat nachleben lassen, oder besser: der Heiland, der all das in uns noch einmal gelitten, möchte jetzt in einzigartiger Weise in der Familie Verklärung und Auferstehung feiern. Darum tun wir immer gut daran, in die Geschichte der Familie hineinzuleuchten. Magistra vitae ist die Geschichte, bei uns eine Lehrerin, Schulmeisterin eines ausgeprägt übernatürlichen Lebens, Liebens und Denkens.

Eine dritte Antwort – sie will das Gesagte noch stärker im Lichte des Glaubens sehen! Da erinnern wir uns an die große Wahrheit, die man so gerne vergißt: Der Sinn unseres Lebens ist ein Nachleben des Heilandslebens. Wenn wir die inneren Zusammenhänge, wie ieh sie eben dargestellt habe, nicht verständen, wenn wir also den Schicksalsschlägen ausgeliefert wären, wenn wie nicht ein und aus wüßten und wiederholten, was heute Millionen Menschen emporschreien: Welchen Sinn soll das alles haben, wie hängt das mit einem gütigen Vatergott zusammen?, und wenn wir dann die Antwort einmal solid, überzeugt durchschauten, sehen Sie, dann würde es uns gar nicht schwer zu erwidern: Gleichschaltung, Einschaltung in das Heilandsleben! Der Vater möchte alles, was er über den Heiland verhängt hat, den Heiland noch einmal erleben lassen in uns und durch uns. Ich darf dem Heiland ähnlich werden.

Selbstverständlich bleibt das für den rein natürlichen Verstand ein Geheimnis, wie der Vatergott seinen eingeborenen Sohn so mißhandeln lassen konnte. Das ist ein Geheimnis im Heilandsleben. In meinem Leben dürfte das Geheimnis nicht so tief und groß sein, wenn ich überzeugt bin, daß Gott mich erschaffen hat, damit der Heiland sein ganzes Leben noch einmal in mir leben, fortsetzen und vollenden kann. Es ist ein gewisser Stolz, eine gewisse Freude, daß der Himmelsvater mich so in das Schicksal des eingeborenen Sohnes hineinzieht.

Wiederum – das dürfen wir nicht vergessen -: Wenn wir alle Glieder des geheimnisvollen Leibes Christi sind, sind wir das aber in origineller Weise. Das will heißen: Jeder von uns darf in originellster Weise, in persönlich originellster Weise am Heilandsleben teilnehmen. In jedem einzelnen darf der Heiland sein Leben noch einmal originell nachleben. Da haben wir wieder das, was ja heute für uns so wesentlich ist: Das Dunkel in allen Schattierungen will von uns gefaßt werden und eine Antwort haben, Ich werde eben vom lieben Gott anders behandelt als etwa der Mitbruder oder die Mitschwester. Scherzhaft ausgedrückt: Bei mir mag das Butterbrot immer auf die linke Seite fallen, bei anderen immer auf die rechte. Weshalb gerade bei mir? Im Sinne des Volkes gesagt, heißt das: Weshalb werden wir, die wir so treu gewesen sind, die Gebote Gottes bis zum äußersten befolgt, auf seinen Wink immer ja gesagt haben, weshalb werden wir denn nun so mißhandelt, weshalb werden wir so stiefmütterlich behandelt? Ich habe bereits sagen dürfen, daß vielfach die Antwort lautet: Der liebe Gott möchte andere hier belohnen für alles Gute, was sie getan. Die Belohnung für mich ist aufgespart für die Ewigkeit. – Eine Antwort!

Viel tiefer, sinnreicher, beglückender – weil heroischer – dünkt mich aber die zweite Antwort zu sein: Ich darf eben in dieser Weise dem Heiland Gelegenheit geben, sein Leben und sein Leiden in mir noch einmal nachzuleben und nachzuleiden. Was setzt das eine große Ichlösung, ein großes Freisein von mir selber, ein Schweigen aller ichbetonten Triebe voraus, daß ich einfach dem Vatergott, dem Vaterplan im Sinne des Heilandslebens in individuellster Art so ausgesetzt bin! Für den Verstand ist das ein helles Licht. Natürlich, das Herz sagt nicht so schnell ja dazu. Es steckt ja auch ein Gerechtigkeitstrieb in uns. Ist das gerecht? War das gerecht, daß der Heiland so mißhandelt wurde? Das sind einfach andere Wertmaßstäbe, mit denen Gott mißt. Er ist ja der ganz, ganz andere. Sicher, man kann eine Lösung, eine Antwort finden: Die Gerechtigkeit des ewigen Vatergottes, die eine Sühne verlangt, hat aus Liebe den Heiland dazu bestimmt, dieser Gerechtigkeit in seinem Leben Spielraum zu lassen. Weil der gerechte Gott so oder so handeln mußte, hat der Heiland das, was mich, was die Menschheit treffen sollte, auf sich genommen, deswegen hat der Vater den Heiland gebeten, das für uns auf sich zu nehmen, damit er uns letzten Endes wieder als Kinder annehmen kann, als Kinder annehmen darf. Das sind die innersten Zusammenhänge.

Aus: Vortrag 1965, 30. November (C)

in: Rom-Vorträge 24. Nov. – 3. Dez. 1965, o.O., o.J., 215-247, Seite 217 – 225

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