GthVg2005 1 Sinn der Geschichte – Östliche und westliche Auffassung

GthVg2005 1 Sinn der Geschichte – Östliche und westliche Auffassung

Aus: Brief an Pater Bezler, Juli 1961

Das Kernproblem, das heute die Welt in zwei Lager teilt, ist die Frage nach dem Sinn des Weltgeschehens. Unter dem Gesichtspunkte gibt es eine naturgeschichtliche und eine heilsgeschichtliche Auffassung. Praktisch fließen beide nicht selten sehr stark ineinander über.

Ich persönlich habe solche Überlegungen zur Grundlage der hiesigen Seelsorge für die Deutschen gemacht. Sie leben ja überall zerstreut und haben keine eigene Kirche, bilden auch keine eigene Gemeinde. Füglich blieb kein anderer Weg übrig.

Es gilt also für mich, den aus verschiedensten Pfarreien zusammenströmenden hiesigen deutschen Katholiken das zeitüberwindende katholische Geschichtsbild lebendig nahe zu bringen und Kopf und Herz unverlierbar einzuprägen.

Wie dieses Bild aussieht? Es ist eine Zusammenfassung des augustinianisch-platonischen und des Geschichtsbildes der östlichen Väter.

St. Augustin betont in seiner Civitae Dei besonders stark die Gegensätzlichkeit zum Civitas Diaboli. Er sieht die Weltgeschichte außerordentlich stark unter dem Gesichtspunkte der Bedrohung des Gottesreiches durch das Teufelsreich. Diese Schau ist – grundsätzlich betrachtet – durchaus biblisch und entspricht zweifellos den historischen Tatsachen. Wird aber die Macht des Teufels überbetont, so treibt dieses Bild für gewöhnlich seine Anhänger und Vertreter in die Defensive, es weckt einen lähmenden Pessimismus und drängt zum Zurückziehen auf das Eiland der historisch gewordenen Kirche, die vielfach als eine kleine Herde gesehen und gewertet wird.

Demgegenüber umspannt das Geschichtsbild der östlichen Väter die ganze Welt, also nicht nur die christlichen und katholischen Völker, sondern auch die Heiden aller Nationen und jeglicher Kultur. Weltgeschichte als Heilsgeschichte ist danach ein ständig wachsender Reifungsprozeß der gesamten Welt hinein in das Vollalter Christi. Wer von dieser Einstellung innerlich getragen ist, wird fortlaufend von einer starken Offensive ergriffen. Er ist von einem unbezwingbaren Optimismus getragen und weiß sich nicht nur den Christen und Katholiken, sondern allen Menschen und Völkern innerlich verbunden, in denen die anima naturaliter christiana wirksam ist.

Das Atomzeitalter mit seiner ausgesprochen pluralistischen Gesellschaftsauffassung und seiner vollkommenen Einebnung völkischer Schutzmauern ist offenbar durch die moderne Zeitsituation – hinter der zweifellos Gott steht – gezwungen, sich zumindesten der Einstellung der griechischen Väter anzupassen.

Wir haben von Anfang an beide Auffassungen zu einer organischen Einheit verschmolzen. Schon in der Frühzeit der Familie leuchtete uns deshalb das Leitbild der marianischen Christusgestaltung der ganzen Welt auf. Gleichzeitig nahmen wir in reichem Maße Rücksicht auf den Fürsten dieser Welt. Gerade weil die Gottesmutter nach göttlicher Planung, wie sie in der heiligen Schrift umrissen ist, schlechthin die große Schlangentöterin ist, weil sie in heiliger, unzertrennlicher Zweieinheit mit dem Welterlöser die Sendung erhalten hat, die Werke des Teufels zu zerstören und die Menschheit zum Vater zu führen, nimmt sie die bekannte hervorragende Stellung in unserer Geistigkeit, genauer: in unserer Familienstruktur und Familiengeschichte ein. Allezeit war die Gottesmutter für uns nicht nur die amtliche Mitspielerin des Welterlösers, sondern auch die amtliche Gegenspielerin gegen den Fürsten dieser Welt. Beides in bewußter Weise zur Verherrlichung des Vaters. (…)

Eine reflexiv erfaßte und scharf zugespitzte Formulierung erhielt unsere Geschichtsauffassung – nachdem sie bereits jahrelang als Funktion wirksam war – erstmalig im bedeutungsvollen Kurs über den apokalyptischen Priester. Damals bekannten wir uns zur Idee des Geschichtstheologen, dessen Aufgabe darin bestehen soll, Gott – genauer gesagt: die Eigenschaften Gottes oder seine Führungswege – in der Geschichte verständlich zu machen und zu rechtfertigen. Damals betrachteten wir den Sinn der Weltgeschichte als einer ausgesprochenen Heilsgeschichte. Wir sahen sie von Gott und vom Menschen aus. Absicht Gottes – so stellten wir fest – ist beschleunigte sieghafte Heimholung der Auserwählten (oder der Vaterkinder) im Heiligen Geist durch Christus (und seine amtliche Dauerhelferin und Dauergefährtin) zum Vater. Die Antwort des Menschen umreißt der Merksatz: Beschleunigte Heimkehr im Heiligen Geist durch Christus (und seine amtliche Dauerhelferin und Dauergefährtin zum Vater. Heimholung und Heimkehr entsprechen einander. So sollte es wenigstens sein. Man konnte dafür wohl auch sagen: Weltgeschichte ist das Mysterium caritatis zwischen Gott und Menschheit, oder: Weltgeschichte ist die Ehegeschichte zwischen Gott und Menschheit. Leider wird sie da und dort zu einer Ehescheidungsgeschichte.

Was von der Weltgeschichte im großen gilt, will sodann sinngemäß auf die Lebensgeschichte der einzelnen Völker, der einzelnen Familien und Gemeinschaften und der Individuen angewandt werden.

In unseren Kreisen sprechen wir gerne von der Welt- und Lebensgeschichte als einer originellen Bündnisgeschichte.

Aus:
Kleine Textsammlung zum Thema
Geschichtstheologie/Vorsehunsglaube
Zusammengestellt von Pater Herbert King (20. Mai 2005)

 

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