JoBr52-05_165-168 Der 20. Januar 1942

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Der 20. Januar 1942

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Der 20. Januar 1942

Zum 20. Januar brauche ich kaum etwas zu sagen. Seine Struktur und Bedeutung ist bereits in die Geschichte übergegangen. Es mag darum genügen, wenn ich einige Briefausschnitte, die an dem ereignisreichen Tag geschrieben worden sind, hierher setze. Ich tue es ohne Kommentar, da der Brief ja nicht an Fremde gerichtet ist(37).

»Es war eine große Freude für mich, Dich gestern und vorgestern kurz sehen zu dürfen(38). Im Geiste habe ich Dir inzwischen meinen ‚Prophetenmantel'(39) um die Schultern geworfen. Trag ihn mit Würde. Ich trage vorläufig einen anderen Mantel – ich tue es gern – in der Überzeugung, so dem Werke mehr dienen zu können. Für Deinen guten Rat(40) danke ich. Laß mir etwas Bedenkzeit. Wirst sehen, es steht eine höhere Macht über unserem Leben, die alles zum Besten lenkt. Hauptsache ist, daß ihr draußen ganz für das Werk /

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lebt. Jetzt erst wird es schön. Es steckt so viel Leidensliebe und Frohsinn in mir – teile Dir [[63]] gern etwas mit. Kannst Du Dir vorstellen, daß es mir gar nicht so ‚recht‘ wäre, wenn ich nicht ins Lager käme? Dort warten viele Bekannte. Es lebe die Treue!(41)«

»Eben während der heiligen Wandlung kommt mir die Antwort auf die gestern offengelassene Frage. Unsere Priester sollen ernst machen mit Inscriptio und Blankovollmacht – besonders einige von den Alten. Dann werde ich wieder frei. Die Antwort verstehe bitte aus dem Glauben an die Realität der Übernatur und an die Schicksalsverwobenheit der Glieder unserer Familie. Sorge bitte, daß auch unsere PSM(42) ähnlich handelt wie wir, dann gewinnt sie die Schlacht. So werden widergöttliche Mächte zwar geweekt und gereizt, aber auch überwunden. Nimm es also nicht übel, wenn ich euren Rat nicht annehme. Versucht, mich zu verstehen(43).«

»Den ersten Brief habe ich heute morgen post celebrationem(44) geschrieben. Eben nach dem Mittagessen war der Herr Direktor(45) hier und teilte mir mit, der Arzt wäre bereit,… wenn ich mich krank melden würde. Ich kann mich dazu nicht entschließen. Und nun – kommt Besuch auf Besuch am Turmfenster und macht mir den Entschluß schwer. Und trotzdem: Hier steh‘ ich und kann nicht anders(46)! Erfüllt mir eine Bitte: /

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Sorgt, daß die Familie Blankovollmacht und Inscriptio ernst nimmt, dann werde ich frei. Das ist immer dieselbe Antwort in mir. Ob es Täuschung ist? Ich weiß, was auf dem Spiele steht – denke an die Familie, ans Werk. Aber gerade um derentwillen glaube ich, so handeln zu müssen. ‚Suchet erst das Reich Gottes, und alles Übrige wird euch zugegeben(47).‘ Aber – die menschlichen Mittel? Lehren wir denn nicht, daß man sie anwenden muß? Aus allem, was ihr versucht, muß ich schließen: Reichlich ist nach der Richtung getan, was normalerweise zu tun ist. Darum nochmals die Bitte: Macht mir die Entscheidung nicht zu schwer. Versprecht zu arbeiten für Verwirklichung der Blankovollmachr und Inscriprio und – so glaube ich – ‚bald‘ bin ich wieder frei(48).«

»Nun kommen auch noch Briefe – die zermartern. Ich kann aber nicht anders(49).«

»Vielen Dank, daß Du mich verstehst. Du wirst es später noch besser. Letzten Dienstag gab es Sturm um Sturm auf die Festung. Sie war und blieb und bleibt – so Gott will – uneinnehmbar. Laß mich nach Abschluß einer Epoche unserer Familiengeschichte Dir nochmals herzlich danken für alle Bemühungen und für alle Treue. Die Macht des Teufels ist vorläufig – wie mir scheint – in der Familie gebrochen. Wenn wir uns alle ernst bemühen um Verwirklichung der Blankovollmacht und Inscriptio, hat er das Gegenteil erreicht von dem, was er wollte. Nach der neuen Situation glaube ich, bald frei zu werden. Freilich muß die Bedingung erfüllt werde(50).«

»Ich rechne auf die Treue von allen in allem. Solange ich gefangen bin, bleiben Sie frei. Ich bin sehr, sehr froh über Ihre Haltung. So ist es recht. Niemand liebt uns mehr als /

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Gott. Und wenn Sie wüßten, wie gerne ich für die Familie mein Leben hergäbe – blutig oder unblutig. Sorgen Sie nur, daß alle treu bleiben bis zum Grabe. Mir geht es sehr gut. Habe mehr Arbeit, als ich leisten kann(51).«

»Schwer ist es mir ja geworden, trotz der vielen Beweise der Anhänglichkeit von allen Seiten, meinen Weg zu gehen und das angebotene menschliche Mittel beiseite zu schieben. Genaueres können Sie in den Sponsa-Gedanken zwischen den Zeilen lesen(52).«

37. An dieser Stelle erkennt man deutlich den Charakter der Studie, die von P. Kentenich nur an den engeren Kreis der Schönstattfamilie gerichtet ist.

38. P. Kentenich konnte von seiner Gefängniszelle in Koblenz aus auf ein Fenster im Turm der nahegelegenen Karmeliterkirche schauen. Am 20. 12. 1941 hatten zwei Marienschwestern entdeckt, daß man von dort aus mit P. Kentenich Verbindung aufnehmen könne.

39. Vgl. die Geschichte in 1 Kg 19,19 wo Elija bei seiner Himmelfahrt über seinen Schüler Elischa seinen Mantel wirft. Der Ausdruck »Prophetenmantel« steht hier in Anführungszeichen, weil es sich um ein Prophetentum im weiteren Sinn des Wortes handelt, d.h. um die Kunst, Zeitenstimmen als Gottes Stimmen zu deuten und diese Deutung in die Tat umzusetzen.

40. Über eine Krankenschwester hatte P. Menningen Verbindung mit dem Gefängnisarzt aufgenommen. Dieser erklärte sich bereit, P. Kentenich noch einmal zu untersuchen und ihn wegen seiner Lunge lagerunfähig zu schreiben, falls dieser sich bis Dienstag, den 20. Januar, zur Untersuchung melde. Vgl. E. Monnerjahn, Vor 25 Jahren II, in: Regnum, 1. Jg. (1966), bes. 182-184.

41. Brief vom 19.1.1942 an P. Menningen.

42. Pia Societas Missionum, Fromme Missionsgesellschaft, bis 1947 der offizielle Name der Pallottiner.

43. Brief vom 20.1.1942 an P. Menningen, nach der hl. Messe geschrieben.

44. Nach der hl. Messe. P. Kentenich feierte in seiner Gefängniszelle illegal unter der ständigen Gefahr, entdeckt zu werden, nach Möglichkeit täglich die hl. Messe.

45. Der Gefängnisgeistliche war zugleich Direktor des Caritasverbandes Koblenz, später Caritasdirektor der Diözese Trier, Msgr. Paul Fechler.

46. Die gleichen Worte soll M. Luther 1521 vor dem Reichstag zu Worms gesagt haben.

47. Vgl. Mt 6,33.

48. Brief vom 20.1.1942 nachmittags an P. Menningen.

49. Brief vom 20.1.1942 nachmittags.

50. Brief vom 23.1.1942 an P. Menningen.

51. Auszug aus einem Privatbrief an eine Marienschwester, der in die Sammlung der Karmel- und Dachaubriefe aufgenommen wurde. Vgl. oben, S. 116, Anm. 19.

52. Wie Anm. 15.

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de

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