CmL1996 I 1 Die äußere und innere Gestalt Christi

CmL1996 I 1 Die äußere und innere Gestalt Christi

J. Kentenich, aus: Exerzitien für Schönstätter Marienschwestern, 25. – 27. 8. 1950

Wie sieht denn nun Christus im einzelnen aus? Müßte ich seine Gestalt nicht kennenlernen, müßte ich nicht wieder und wieder hineinschauen in ihn, in das Antlitz des Edelsten, damit ich genauer weiß, wie mein Antlitz aussehen soll? Dann müßte ich in das Innere gehen und mir sagen, auch meine Seele muß die und jene Eigenschaft haben. An sich können wir hier lange stehenbleiben. Weil wir (…) Christus in uns tragen, Christusgebärerin, Christusdienerin, Christusträgerin und Christusbringerin sind, steht nun das ganze Bild des Heilandes vor uns. Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen mit ein paar Zügen zeichnen darf.

I. Wie sieht das Äußere des Heilandes aus? Da kommen wir in Verlegenheit. Die Aufzeichnungen darüber sind spärlich. Die Apostel mögen auch wohl darüber gesprochen haben, aber aufgezeichnet haben sie es nicht. Ich glaube, wenn wir das geschrieben hätten, unsere Eindrücke als Augenzeugen, wir wären gar nicht weggekommen vom Äußeren des Heilandes. Wie sahen seine Augen aus, waren sie wehmütig, voll Freude? Aber davon steht in der Heiligen Schrift gar nichts. Ob die Apostel nicht auch dem Einflusse des Heilandes erlegen sind? Doch! Aber der Heilige Geist hat sie so geführt, daß sie vom Äußeren in das Innere vorgedrungen sind, nur das Letzte, Größte, Innere gekündet haben. Es ist ja nicht alles geschrieben, was gesprochen wurde. Die Apostel mögen auch davon gesprochen haben, aber der Heilige Geist hat es so gefügt, daß wir vom Äußeren des Heilandes nicht sehr viel wissen. Wenn wir zusammenfassen, läßt sich alles auf drei Punkte zurückstraffen:

1. Es muß ein ungemein starker Einfluß von ihm ausgegangen sein. Denken Sie doch, es kommt jemand da vorbei, und der Heiland sagt: „Komm, folge mir!“ (Joh 1,43 u.ö.). Und er läßt alles im Stich und folgt ihm nach. Sicherlich, der Einfluß war in etwa zwar vorbereitet durch die übrigen Apostel, die ihm vom Heiland gesprochen hatten, aber immerhin: Er muß eine Gewalt gehabt haben über die Menschenherzen.

2. Wiederum müssen wir tiefer schauen, müssen wir uns sein Wesen vorstellen. Obwohl ständig von einer starken Menschennähe getragen, ist er doch auch auf der anderen Seite von einer endlosen Majestät. Nehmen Sie die Majestät seines ganzen Wesens. Petrus ruft aus: „Herr, gehe hinweg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lk 5,8). Was das wiederum besagen will? Das ist ein außerordentliches Getragensein von Spannung zwischen Nähe und Ferne, zwischen der hinlaufenden und der rücklaufenden Linie.

3. Endlich ein dritter Zug. Das erleben wir auch, wenn wir Menschen kennenlernen. Die ganze Persönlichkeit kommt im Auge zum Ausdruck.Das ist auch derselbe starke Einfluß, der vom Auge des Heilandes ausging. Im Auge gibt sich zu erkennen das Kernstück seiner Persönlichkeit, es ist Symbol seiner Persönlichkeit. Wir denken daran, wie Petrus seinerzeit den Heiland verleugnet hat (Lk 22,54-62). Das war die schwerste Sünde, die man sich denken kann, viel schwerer als eine Sünde gegen die heilige Reinheit. Petrus mußte fallen, damit er sich endlich bekehre, alle versteckte Selbstherrlichkeit ablege. Ich sage absichtlich, versteckte Selbstherrlichkeit. Unter dem Mäntelchen der Heilandsliebe, wie stark hat er sich noch selber gesucht! Der Heiland hat zugelassen, daß Petrus in die schwerste Sünde fiel. Und nun hat er gesündigt. Der Heiland geht vorbei. Der Herr schaut ihn an! Der eine Blick hat fertiggebracht, was alle Erziehertätigkeit nicht fertigbrachte. Er bricht zusammen. Jetzt erkennt er endlich seine Armseligkeit, seine Schwäche. Jetzt ist Petrus fähig, der Felsenmann der Kirche zu werden, zum Nachfolger Christi erklärt zu werden.Das sind ein paar äußere Züge seines Wesens. Wenn nun auch wir Christusgebärerin, Christusträgerin, Christusbringerin sein wollen, müßte dann nicht auch unser Äußeres ihm ein wenig angeglichen sein? Müßte nicht auch von uns ein großer Einfluß auf Menschen ausgehen, ein Einfluß, der nicht gemacht ist, der aus dem quellenden, überfließenden Reichtum unseres Inneren fließt? (…)

II. Das innere Wesen des Heilandes können wir unter einem bestimmten Gesichtspunkt studieren. Ich glaube, wenn wir eine Linie ziehen wollen, müssen wir zunächst erklären:

1. Der Heiland steht vor uns mit einer großen souveränen Freiheit, Freiheit gegenüber jeglicher Kreatur. Ja sogar, wenn Sie genauer sehen, Freiheit den urwüchsigsten und natürlichsten Bedürfnissen der menschlichen Natur gegenüber, und dazu rechnen wir zunächst die Heimat und Menschen, die ganze sinnenhafte Schöpfung. Wollen Sie nachschauen, wie im Herzen des Heilandes hier im gewissen Sinne eine gesunde Spannung herrscht.Wir denken an die Heimat. Wenn der Heiland später von sich gesteht in überaus rührender Weise: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel des Himmels ihre Nester, der Menschensohn aber hat nicht, wohin er sein Haupt legen soll“ (Mt 8,20), was klingt da mit? Ein ganz ehrliches Geständnis eines Naturbedürfnisses. Das war zu der Zeit, wo er die drei Jahre ständig auf Wanderschaft war. Das war der Schrei nach einem Ort, wo er sich ständig aufhalten darf. So steht er da mit einer starken, gesunden Heimatgebundenheit, mit einem starken, gesunden menschlichen Empfinden. So steht der Heiland also hier vor uns als das Ideal einer gesunden menschlichen Natur mit gesunden menschlichen Bedürfnissen.

Und doch, wenn Sie genauer sehen, wie frei ist er von diesen Bedürfnissen, von diesem Heimatbewußtsein, dieser Heimatgebundenheit, Heimatversklavung. Wie sehr! Nachdem er 30 Jahre zu Hause war, hatte der Vater das Signal gegeben. Nun verläßt er alles, und nun will er auch gar nichts mehr wissen von seiner Heimat, im gewissen Sinne nichts mehr von seinen Eltern, von seiner Mutter. Sie kennen ja diese verschiedensten Gelegenheiten, bei denen er diese innere Freiheit zum Ausdruck bringt. Er hat eine Menge Menschen um sich versammelt, die Mutter kommt und weiß, es droht ihm Gefahr, daß man ihn etwa töten will (vgl. Mk 3,31-35). So menschlich erscheint uns das, wie die Gottesmutter kommt. Heute können wir fast lächeln über diese naive Art. Aber der Heiland, wie steht er da? Wer ist mir Vater und Mutter? … Der Fall ist erledigt, ich muß in dem sein, was meines Vaters ist (vgl. Lk 2,49). Heimat, mag recht sein, aber ich muß da stehen, wo der Vater mich haben will. Wo will der Vater mich haben? Ich soll in gewissem Sinne von Ort zu Ort wandern, weg von der Atmosphäre des Heimathauses. „Es ist meine Speise, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). Wo der Heiland auftritt, kennt er nur einen einzigen Gedanken, das Kreisen um den Vatergott. Sein Wille, das ist ihm Richtschnur. Alles andere, die notwendigsten Bedürfnisse müssen zurücktreten, stark zurücktreten, wenn der Eine, der Vater, es will. Merken Sie, wie frei der Heiland ist? (…)

So steht der Heiland vor uns als der innerlich wahrhaft Freie, der innerlich wahrhaft Große. Wenn ich ein Sonnenkind sein will, muß der Heiland in mir herrschen, muß er mich zu dieser großen Freiheit erziehen. Frei von jeder Gebundenheit, frei vor allem, um frei zu werden für ihn. Frei! Er ist gebunden an den Vatergott, deswegen ist er frei jeglichem anderen, jeglichem Geschöpf gegenüber.

Das ist der schöne Gedanke, den Sie bei Franz von Sales wiederfinden. Alle Neigungen müssen wir einmal hergeben, auch die edelsten. Wir können sie mit zu Gott emporheben. Aber wenn sie alle einmal zu Gott emporgehoben sind, dann umkleidet sich die Seele wieder mit diesen alten Neigungen, aber dann sind sie gebunden an Gott, dann fluten sie von Gott aus auf die Kreatur, dann hänge ich an Vater und Mutter, an meinem Beruf, aber doch mit einer inneren Reserve, weil alles in Gott gebunden ist. Die Freiheit allem Geschöpflichen gegenüber wurzelt in der stärkeren Gebundenheit an das Göttliche.

2. Wenn Sie eine zweite Eigenschaft wissen wollen im Seelenleben des Heilandes, dann müssen wir sagen, mit dieser inneren Freiheit ist verbunden eine ganz große Ruhe allen Begegnungen menschlicher Art, allen unangenehmen oder angenehmen Begegnungen gegenüber. Wenn Sie einmal beobachten, wie das in unserem Leben ist. Was macht unsere Seele oft so zappelig? Das kann Erfolg, Mißerfolg sein. Das sind die Spannungen: Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt!

Sie müssen einmal überlegen, wie das beim Heiland gewesen ist, wenn der Heiland Erfolg gehabt hatte. Wohl haben die Massen sich vorübergehend elektrisieren lassen, aber nicht lange, dann folgte auf das Hosianna das Crucifige. Er war seinen Erfolgen gegenüber immer sehr gemessen und ruhig, weil er so ganz tief in Gott beheimatet war. Gott war immer der erstrangige Wert. Von Gott aus bekam alles Wert und Maß in seinem Leben, auch der Gedanke an Erfolg und Mißerfolg. Der Heiland wußte ja genau, was im Menschen war. Wieviel Untreue hat er selbst erlebt. Er wurde aber deshalb kein Menschenverächter. Heute erleben wir das ja so stark. Wie viele Menschen werden Menschenverächter, gehen lieber zu den Tieren, weil es so wenig Treue unter den Menschen gibt. Es steht einmal in der Heiligen Schrift: „Der Herr wußte, was im Menschen ist“ (Joh 2,25), und trotzdem hat er sich in Güte hinabgeneigt. Und trotzdem, obwohl er wußte, wie bald schreien sie Crucifige, obwohl sie heute Hosianna rufen, hat er doch immer ein inneres Wohlwollen bewahrt. Es ist immer dasselbe: Bei aller Nähe bewahrte der Heiland doch allen Geschöpfen gegenüber immer eine gewisse Ferne, weil er in Gott beheimatet war. Sehen Sie diese souveräne Ruhe den Erfolgen und Mißerfolgen gegenüber!

Wieviel Mißerfolg hat er erlebt. Sehen Sie, wie steht er am Ende seines Lebens da! Am Ende seines Lebens lag das ganze Lebenswerk zerbrochen zu seinen Füßen. Es gibt vielleicht kaum jemanden, der so viel Mißerfolg zu verzeichnen hat wie der Heiland. Nicht einmal seine Apostel haben ihn ganz verstanden, nicht einmal dieser engste Kreis war wirklich zuverlässig. Alles ist am Wanken und am Schwanken; und trotzdem in seinem Leben diese souveräne Ruhe. Seine Seele ist total gebunden an den Vatergott, und daraus fließt auf der einen Seite die vollkommene Freiheit den Geschöpfen gegenüber und auf der anderen Seite die Ruhe allem gegenüber.

Wenn Sie daran denken, wie er sich gibt, ob er nun Freund oder Feind vor sich hat. Das ist klar, wer in die Öffentlichkeit geht, hat eine Menge Freunde und Feinde. Das war auch beim Heiland so. Was haben sie alles von ihm gesagt! Johannes kam, hat nicht gegessen und getrunken – was haben sie mit dem gemacht? Und ich komme, esse und trinke – was haben sie gemacht? (vgl. Mt 11,18). Ihn geschlagen, zumal die Führer des Volkes. Mußte das sein? Sie müssen das Heilandsleben sehen als Vorbild für unser Leben. Souveräne Ruhe. Und weshalb diese souveräne Ruhe? Weil er so tief beheimatet war im Herzen des Vatergottes. Seine Gebundenheit an den Vatergott ist das große Geheimnis seines Lebens. Deshalb spricht er mit so großer Wärme, wenn er vom Vater spricht. Sie wissen das, wie Philippus darüber zu sprechen weiß: „Dann zeig uns doch den Vater!“ (Joh 14,8). Wir können uns sehr gut vorstellen, wie schlicht das alles gewesen ist.

Dieselbe souveräne Ruhe zeigt er auch dort, wo es sich um das größte Leid eines Menschen handelt, um die innere Einsamkeit. Sein ganzes Leben war eine große Einsamkeit. Seine Umgebung hat ihn nicht verstanden. Die Apostel haben ihn nicht verstanden, nicht einmal seine Mutter. Sie verstanden nicht, was das alles besagen sollte. Was noch schlimmer ist, die gräßlichste Einsamkeit hat er erlebt am Ölberg und nachher am Kreuz auf Golgotha. Sogar vom lieben Gott hat er sich getrennt gefühlt, deswegen der erschütternde Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Wir müssen das sehr ernst nehmen, dürfen das nicht als Mimik auffassen. Trotzdem diese souveräne Ruhe. „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Sehen Sie, auf der einen Seite diese souveräne Ruhe, auf der anderen Seite die tiefe Freiheit, und beides hat seinen Grund in dem tiefen Ausgeliefertsein an den Vatergott.

Ich meine, der Heiland ist uns das große Beispiel dafür, was wir so häufig in unserer Sprache sagen: Wir müssen das Kind einer einzigen großen Liebe werden. Was ist das für eine einzige große Liebe? „Ja, Vater, ja, dein Wille stets gescheh, ob er mir Freude bringt, ob Leid, ob Weh.“ Wenn Sie noch einmal in das Leben des Heilandes hineinschauen, er hat nicht nur Mißerfolg gehabt, sondern all seine Werke, wenigstens äußerlich gesehen, sind gescheitert. (…) Und trotzdem: „Das Werk, das du mir aufgetragen, habe ich vollendet“ (Joh 17,4). Welches Werk? Das Werk seiner ganzen Hingabe an den Vater, das Werk seiner Leiden, seines Opfers. Der Heiland wußte, daß sein Mißerfolg sein Erfolg war. Er mußte leiden, mußte am Ende seines Lebens nur Trümmer vor sich sehen. Das war ja das Mittel, um die Welt zu erlösen. So steht der Heiland vor uns in einer großen inneren Freiheit und einer souveränen Ruhe, weil er tief verankert ist im Vater. (…)

3. Noch ein Drittes ist hervorzuheben: seine Treue. Treu ist der Heiland gewesen. Treu vor allem seiner Sendung bis zum Äußersten. Wenn wir das anwenden auf uns: Manche von uns leben in der Vergangenheit, manche schwärmen in die Zukunft hinein. Wie war das beim Heiland? Er hat jeden Augenblick ausgetrunken, als wenn es eine Ewigkeit wäre. Treue schenkt sich in jedem Augenblick dem lieben Gott. Sehen Sie, wie der Heiland immer beim Vater lebte, aber auch immer seinen Willen tun wollte. Er hat uns das ja eingeprägt: Nicht wer zu mir sagt: Herr, Herr, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der ist es, der mich liebt (vgl. Mt 7,21). Und am Ende seines Lebens: „Das Werk, das du mir aufgetragen hast, habe ich vollendet.“ (…)

Dazu fügt die Heilige Schrift das andere Wort: „Da er die Seinen liebte, liebte er sie bis ans Ende“ (Joh 13,1). Was heißt das? Ein Doppeltes: Er ist seiner Liebe treu geblieben, er liebte sie bis zur Aufzehrung aller Kräfte. Der Grad war ein endlos tiefer. Berufstreue, Sendungstreue, aber auch Treue in der Liebe. Er liebte die Seinen bis zum Ende, auch der Zeit nach, ja bis zum Ende seines Lebens, auch noch darüber hinaus. Im Alten Testament steht: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt und voll Erbarmen dich an mich gezogen“ (Jer 13,1).

Wir müssen uns ein Doppeltes merken: Wir dürfen festhalten, ich bin auch der Gegenstand dieser treuen Heilandsliebe. Doppelt, weil ich ihm durch das Liebesbündnis, durch das bräutliche Liebesbündnis mein Herz angeboten und weil er auch mir sein Herz angeboten. Diese ungemein tiefe Treue ist für mich eine große Freude, weil ich der Gegenstand dieser Treue bin. Andererseits (…) müssen wir dafür sorgen, daß auch unsere eigene Seele von einer tiefen, tiefen Treue erfüllt wird.

Erschienen in:
Joseph Kentenich
Christus mein Leben
Ausgewählte Texte zum Christus-Jahr 1997
Herausgegeben von Günther M Boll, M. Pia Buesge, Peter Wolf
Patris-Verlag Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

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