CmL1996 II 2 Christusinnigkeit des Werktagsheiligen

CmL1996 II 2 Christusinnigkeit des Werktagsheiligen

J. Kentenich, aus: Exerzitien für Schönstätter Marienschwestern, 4.-11.3.1933

Wir stehen noch an der affektbetonten Gottgebundenheit. Wir dürfen nun das Wort ein wenig wandeln. Ist die affektbetonte Gottgebundenheit nicht auch gleichzeitig für mich affektbetonte Christusgebundenheit? Ist für mich Gottinnigkeit nicht auch gleichzeitig Christusinnigkeit? Diese Christusinnigkeit begleitet den Werktagsheiligen auf allen seinen Wegen, auf allen Stufen des geistlichen Lebens. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), sagt der Heiland von sich selber. „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). – „Ich bin der Weg.“ Er ist nicht nur der Wegführer, nein, er ist der Weg selber. „Ich bin die Wahrheit.“ Er ist die Wahrheit selber, nicht nur der Wahrheitsführer. „Ich bin das Leben.“ Ich bin nicht nur der Führer zum Leben, ich bin selbst das Leben. Sehen Sie, wir kommen nicht zum dreifaltigen Gott, es sei denn durch ganz innigen Anschluß an den Heiland.

Es hat wohl mystisch begnadete Seelen gegeben, die eine Zeitlang sich selber überlassen waren. Deswegen sind sie auch in große Irrtümer verfallen, selbst die große heilige Theresia. Sie hat vorübergehend gemeint, nachdem Gott sie so ganz hineingezogen hatte in den Genuß des Dreifaltigen, in diese mystische Ehe bis in die höchsten Stufen, sie brauche den Gottmenschen nicht mehr. Das ist aber ganz gegen die Heilige Schrift. Und es dauerte nicht lange, da ist sie ihres Irrtums innegeworden. Sie sah ein, daß die Bindung an Menschen mit hineingezogen wird in die Bindung an die Gottesmutter, in die Bindung an Christus und so an den geistigen dreifaltigen Gott. Darum müssen wir in allen Lagen unseres geistlichen Lebens, auch dann, wenn wir vor dem dreifaltigen, geistigen Gott stehen, die Fühlung mit Christus, dem Gottmenschen, festhalten. Ja, wir dürfen sagen, der Gottmensch steht in alleweg im Mittelpunkt des Ringens und Strebens und Minnens des Werktagsheiligen. Er steht im Mittelpunkt seiner Gedanken, seines Herzens und seines Lebens.

1. Christus steht im Mittelpunkt seiner Gedanken. Der Gottmensch ist der große Gedanke des Werktagsheiligen. Deswegen durchforscht er wohl auch gern die Heilige Schrift, ob er sie nun in einer Bibelausgabe vor sich hat oder in der Liturgie; denn im Mittelpunkt der Heiligen Schrift steht ja immer die übergroße Persönlichkeit des Gottmenschen.

Wenn die Liebe zum Gottmenschen groß geworden, ist es für den Werktagsheiligen eine Selbstverständlichkeit, wenn auch immer er die Hand ausstreckt nach einer Tugend, sucht er erst die Linienführung hin zur Person des Gottmenschen. Er will wissen, wie der Gottmensch diese Tugend geübt hat. Christus ist der Gedanke seines Lebens. Alles ist geknüpft an ihn und verknüpft mit ihm. Selbst wenn er andere Bücher und Schriften liest, lernt er mit der Zeit das Wort verstehen, das der heilige Bernhard einmal geschrieben hat: „Jesum quaerere in libris!“ Jesus in den Büchern suchen. Man sucht überall ihn, den Gottmenschen. So geht es der Seele, die an ihn gefesselt ist. Sie ist eine vincta Christi, eine Gefesselte Christi. So muß es auch sein. Wenn Werktagsheiligkeit ganz marianisch eingestellt ist, dann ist alles geknüpft und verknüpft mit der Person der lieben Gottesmutter. Und sie will uns kraft ihrer Haltung und Gebundenheit hinführen zu Christus, dem Gottmenschen.

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Christus ist der Weg, nicht irgendein Mensch. Wir haben wohl Menschen als Abbilder, aber die müssen mehr und mehr vor dem Urbild weichen. Ich darf wohl in Anlehnung an Abbilder Christi zum eigentlichen Urbild vordringen. Das ist alles recht und gesund. Aber im Mittelpunkt muß letztlich in ganz hervorragender Weise mehr und mehr das Urbild stehen, und das ist Christus, der Gottmensch. Und in Christus, dem Gottmenschen, sehen wir mehr und mehr das Antlitz des geistigen Gottes. Da haben wir wieder den ganzen Organismus vor uns.

2. Wenn Christus der Mittelpunkt unserer Gedanken ist, muß er aber auch werden der Mittelpunkt unseres Herzens. All unsere Liebesfähigkeit muß an ihn gebunden werden. Was wir vom geistigen, lebendigen Gott gesagt, will angewandt werden auf die Person des Gottmenschen. Ihm muß also meine kindliche Liebe gehören, meine bräutliche Liebe, meine schwesterliche und meine mütterliche Liebe. Da steht er in überragender Größe. Er ist der Mittelpunkt meines Herzens, und an ihn binde ich mich ganz.

Lacordaire hat einmal gemeint: Nachdem ich die Liebe des Gottmenschen verkostet, ist jede andere Liebe eine Last, verschwindet alle andere rein menschliche Liebe ob der Größe dieser minniglichen Persönlichkeit.

Müßte das nicht bei mir auch so werden? Müßte nicht die Liebe zu Christus das Charakteristische meines persönlichen Ringens und Minnens und Strebens sein?

Und erst, wenn Sie Linien ziehen aus dem Leben des Heilandes hinein in sein Affektleben: Was er getan hat aus Menschengebundenheit heraus, um mir seine Liebe zu bezeigen? Der heilige Thomas hat in seiner Art kurz zusammenfassend gesagt: Er, das Verbum Divinum, ist Mensch geworden. Er ist unser Weggenosse geworden, er hat die menschliche Natur angenommen. Was liegt etwas Großes und Erhabenes darin, er hat meine arme Natur angenommen, und ich soll durch die Verbindung mit ihm mehr und mehr seiner verklärten Natur teilhaftig werden. Er will Menschenantlitz tragen die ganze Ewigkeit hindurch.

Er will auch meine Speise werden. Hier können Sie die ganze Größe seiner Liebe sehen. So liebt er mich, so ist er an mich gebunden.

Er ist auch mein Lösepreis geworden durch seinen Tod für meine Seele, und in der Ewigkeit will er einmal mein großer Lohn werden. Sehen wir hier nicht die Liebe des Gottmenschen? Sonst sind wir gewohnt, die Stationen seiner Liebe so auszudrücken: Krippe, Kreuz, Altar. Das ist alles recht. Aber wenn wir nur ein wenig verspürten von dem Hingezogenwerden von ihm und zu ihm! Er muß die große Liebe unserer Liebe, die große Liebe unseres Herzens werden, er und niemand anders. „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben“ (Ex 20,3). Alles andere soll und will nur ein Abglanz seiner Liebe sein oder ein Wegweiser zu seiner Liebe. Das ist unsere Größe: Christus der Mittelpunkt unseres Gedankens, unseres Herzens.

3. Er ist auch der Mittelpunkt unseres Lebens. Wir gehen Hand in Hand nebeneinander. Er ist der Mittelpunkt unseres Lebens. In allen großen und kleinen Fragen orientieren wir uns an seinem Leben. Und selbst, wenn wir als Abglanz seines Lebens die Gottesmutter vor uns haben, wissen wir, letztlich ist sie die frauenhafte Verkörperung von ihm. Dann wissen wir, so sieht in etwa die Christusliebe, die Christusgebundenheit, die Christusinnigkeit des Werktagsheiligen aus.

 

Erschienen in:
Joseph Kentenich
Christus mein Leben
Ausgewählte Texte zum Christus-Jahr 1997
Herausgegeben von Günther M Boll, M. Pia Buesge, Peter Wolf
Patris-Verlag Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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