CmL1996 IV A 3 Christus liebt in uns den Vater

CmL1996 IV A 3 Christus liebt in uns den Vater

J. Kentenich, aus: Vortrag für Schönstätter Marienschwestern, Gründonnerstag, 6.4.1950

Der Heiland liebt in mir mit einer grenzenlosen Kindesliebe den Vater. Hier müssen Sie lange stehenbleiben. Damit haben wir einen Ausdruck, der in überaus schöner Weise wiedergibt, was im Wesentlichen unserer Seelenlage entspricht.

Der Heiland liebt in mir mit einer grenzenlosen Kindesliebe den Vater. Der unendliche Liebesstrom – unendlich müssen Sie wörtlich nehmen – fließt aus der Seele, aus dem Innern des Vaters hinein in den Sohn und äußert sich im Vater als Vaterliebe und im Sohn als Kindesliebe. Der Heiland möchte diese Kindesliebe – nicht nur möchte -, er hat diese Kindesliebe, soll ich sagen, in grenzenlosem Maße hineingesenkt in mein Kindesherz. Meine Kindesliebe ist also nicht bloß schlechthin ein natürlicher Zug, der ins Übernatürliche erhoben ist, nein, das ist einfach der unendliche Liebesstrom, der aus dem Herzen des Verbum divinum (des göttlichen Wortes) hineingeströmt ist in das Herz des Verbum incarnatum (des menschgewordenen Wortes) und in mich einmünden möchte. Der Heiland liebt in mir den Himmelsvater. Was ist das eine überaus schöne, aber auch überaus wahre Auffassung. Da ist alles in mir übernatürlich, alles christozentrisch oder christomystisch. Darum mag ich auf der einen Seite auch gerne stehenbleiben bei der Kindesliebe, die im Heiland lodert dem Vater gegenüber. Und alles, was die Heilige Schrift uns entschleiert von dieser Kindesliebe, möchte auch in mein eigenes Herz hinein.

Der heilige Johannes weiß uns etwas geheimnisvoll Schönes zu schildern in seinem Evangelium wie auch in der Apokalypse. In beiden Büchern entschleiert der Heiland eigentlich erst am Ende seines Lebens den Reichtum der Innigkeit seiner Liebe. Im allgemeinen zeigte er seine effektive Liebe, am Schluß seines Lebens in außergewöhnlicher Weise die affektive Liebe. Das ist es, was uns auch so tief berührt. Der Heiland hält sorgfältig den Reichtum und die Innigkeit seiner Liebe zurück, aber gegen Ende seines Lebens kann er nicht anders, da läßt er einen Blick tun in den ganzen Reichtum seiner Liebe. Dort, wo der Heiland gelehrt theologisch spricht, nennt er Gott immer seinen Vater. Das ist genauso, wie wenn der Prediger in der Predigt vom Vater spricht. Eine objektive Predigt, man kann es ganz gut hören. Aber gegen Ende seines Lebens, im Hohenpriesterlichen Gebete (Joh 17), wie klingt da das Wort „Vater“ gefüllt. Er wird nicht müde, ein um das anderemal Vater zu sagen. Dasselbe gilt aber auch von seiner zarten Innigkeit und der innigen Zärtlichkeit seiner Liebe zu den Seinen. Man spürt, das Herz ist gefüllt bis zum Rande. Das Geheimnis der effektiven und affektiven Liebe!

Und wenn Sie einmal tatsächlich stehenbleiben wollen bei der brennenden Kindesliebe dem Vater gegenüber, dürfen Sie sich sagen: Das ist der eine gerade Zug, der immer wieder durch das Seelenleben des Heilandes zog. Er kreist immer nur um den Vater. Von da aus lösen sich alle Probleme. Wenn wir schon Christuskinder sein wollen – das müssen wir alle sein -, dann müssen wir Kinder werden, mit Christus Kinder des Vaters. Wir wollen uns wiederum daran erinnern: Aus Liebe zum Vater hat der Heiland sich den Seinen so geschenkt bis zum Übermaß. Das wissen wir alle, daß es nicht so zu deuten ist, als ob der Heiland nur den Vater liebgehabt und wegen des Vaters uns etwas geschenkt hätte. Er hat uns auch unseretwegen gerne gehabt, aber alles im Vater. Und deswegen: Der Liebesstrom, der zum Vater zurückflutet, hat uns mitgenommen und hat uns gleichsam mitweggerissen. Aus Liebe zum Vater, aber auch aus Liebe zu uns hat er sich uns geschenkt und dann wieder dem Vater geschenkt.

Im Gloria der Werkzeugsmesse (HW 19-21) ist der ganze Liebesstrom aufgefangen und zum Ausdruck gebracht: ausgegangen aus dem Herzen des Vaters, durch das Herz des Heilandes hindurch in unsere Herzen und wieder zurück zum Vater. „Vom Vater bin ich ausgegangen und in diese Welt gekommen, und ich kehre zum Vater wieder zurück“ (Joh 16,28). Das gilt nicht etwa bloß von Leib und Seele (allgemein), sondern vor allem von unserer Liebe. Vom Vater ist sie ausgegangen, und im Heiland strömt sie ständig zum Vatergott zurück. In diese Welt ist diese Liebe gekommen. Und dadurch, daß wir Christus eingegliedert worden sind, haben wir auch ein Recht, nicht bloß ein Recht, sondern in hervorragender Weise Anteil an dieser seiner Kindesliebe. Wozu will diese Liebe uns drängen? Wir kehren in unserer Liebe immer wieder zurück zum Vater. So ist also unsere Kindesliebe eine Teilnahme, eine gradmäßig hohe, je nachdem außerordentlich hohe Teilnahme an der Kindesliebe des Heilandes dem Vater gegenüber. Wollen Sie das anders ausdrücken? Der Heiland will in mir in kindlicher Weise den Vater lieben.

Wer ist der Vater? Hier müssen Sie immer die schlichte Denkweise festhalten, wie man sie früher in der Kirche hatte, wie sie uns aber allen mehr und mehr verlorengegangen ist. Deswegen soviel Verarmung unseres Gemütes. Der liebe Gott hat sorgfältig dafür gesorgt, daß meine reife, ursprüngliche Kindesliebe immer nur und fast ausschließlich dem lieben Gott gehört. Es kommt eine Zeit – und die Zeit muß kommen, wenn wir für die heutigen Menschen vorbildlich sein wollen -, da strömt diese Kindesliebe wiederum zurück vom Vater auf seine Geschöpfe. Es mag auch anders sein, daß erst das Geschöpf die Liebe aufgefangen hat und daß dann wieder die Liebe zum Vater zurückströmt. Meist ist das allerdings so: Wo nicht Elternliebe die Kindesliebe auffängt und empor trägt zum Vaterherzen Gottes, da verarmt unser Gemüt. Der Herrgott hat uns so geschaffen, der liebe Gott will das; sonst hätte er das vierte Gebot (vgl. Ex 20,12) nicht gegeben. Gott spricht nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten. Nachdem der Mensch sinnenhaft erschaffen war, hat er Rücksicht darauf genommen: er ließ die zweite Person in Gott menschliche Natur annehmen. Der Heiland ist das uns sinnenhaft zugewandte Antlitz des Vaters. Wir sind sinnenhaft erschaffen und möchten unsere Liebe sinnenhaft an etwas Sinnenhaftes binden. Aber nicht so, daß alles, was damit verbunden ist, verlorengeht, sondern um so gesünder zurückströmt zum Himmelsvater.

Erschienen in:
Joseph Kentenich
Christus mein Leben
Ausgewählte Texte zum Christus-Jahr 1997
Herausgegeben von Günther M Boll, M. Pia Buesge, Peter Wolf
Patris-Verlag Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

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