CmL1996 IV C 2 Jesus als der gute Hirt

CmL1996 IV C 2 Jesus als der gute Hirt

J. Kentenich, aus: Predigt für die deutsche Gemeinde St. Michael in Milwaukee, USA, 28.4.1963

Das Heilandsbild, das das Evangelium (Joh 10,11-16) uns darstellt: es ist das Bild des Guten Hirten. Ob wir annehmen dürfen, daß unser Heilandsbild, daß unser Gottesbild auch diese Züge trägt? Das ist mehr als wahrscheinlich; schon deswegen mehr als wahrscheinlich, weil es sich hier um ein Bild, um ein Heilandsbild handelt, das so ganz tief im Lebensgefühl der Christenheit lebendig ist alle Jahrtausende hindurch. Wir brauchen uns zum Beispiel nur einmal zu besinnen auf das Heilandsbild in den Katakomben. Mehr als neunzigmal finden wir dort das Bild des Guten Hirten, so tief hat sich das Bild eingeprägt in das Lebensgefühl der Christenheit, das der Heiland heute im Evangelium von sich selber gezeichnet hat. So ging es das ganze Mittelalter hindurch bis zur heutigen Zeit. Und wenn wir an uns selber denken, dann müssen wir ja wohl gestehen: Wer von uns hat nicht schon einmal das Bild des Guten Hirten gesehen, gemalt gesehen, vielfach unter einer doppelten Gestalt.

Erste Gestalt: Da sehen wir den Heiland gekleidet mit dem Kleid eines Hirten, in der Hand den Hirtenstab, um ihn herum die Herde. Und mit welch einer Liebe, welch einer Wärme ruht der Blick des Hirten auf der Herde! Und die Herde selber, wie drängt die hin zum Hirten! Wie sieht der Blick der Herde aus, der einzelnen Schäflein? Es ist eben das tiefe Bewußtsein, das hier zum Ausdruck kommt: Wir gehören zusammen. Hirt und Herde eine einzige große seelische Geschlossenheit, Hirt und Herde ein einziges großes seelisches Ineinander, Miteinander und Füreinander.

Und die zweite Gestalt, die greift uns wahrscheinlich noch mehr an das Herz. Da sehen wir den Guten Hirten, bei ihm ein Schäflein, das in die Dornen hineingeraten ist: es kommt nicht mehr heraus. Mit einem mutigen, überaus gütigen Griff bewegt sich nun die Hand des Guten Hirten hinein in das Gestrüpp. Es dauert nicht lange, dann ist das Schäflein befreit. Der Gute Hirt nimmt es auf seine Schulter. Und nun? Beide sind wieder beieinander. Mit welch einer Wärme trägt der Gute Hirt das Schäflein auf seiner Schulter, und wie geborgen fühlt sich das Schäflein nun auf den Schultern, ja mehr noch: im Herzen des Guten Hirten!

Nicht wahr, andächtige Zuhörer, das sind Züge des Guten Hirten, die auch unserer Seele sich tief eingeprägt haben. Das sind Züge, die auch unser Christus-, die auch unser Gottesbild in irgendeiner Weise mitgestalten und mitformen.

Ja, und wenn wir tiefer schauen und wenn wir uns fragen, woher kommt denn die geheime Sympathie zwischen uns und dem Guten Hirten, ach, dann fällt die Antwort uns nicht schwer. Wir tragen ja alle ohne Ausnahme die Last der Unerlöstheit: wir tragen die Last der Erbsünde, die Last der persönlichen Sünde. Und wer soll uns nun befreien? Wir sind ja das Schäflein, das unter die Dornen gefallen ist! Und wer soll uns erlösen, wer soll uns freimachen von den Banden der Leidenschaften, von den Sklavenbanden? Ach, wir verstehen, woher die geheime Sehnsucht kommt, die geheime Sympathie zwischen uns und dem Guten Hirten. Der Gute Hirt soll auch uns lösen, uns aus dem Gestrüpp befreien, uns freimachen, daß wir sagen können: Nun fangen wir an, wahrhaftig freie Kinder Gottes zu werden; innerlich gelöst, innerlich freie Gotteskinder zu werden.

Nicht wahr, andächtige Zuhörer, wenn wir das so auf uns wirken lassen, was wir da allgemein sagen, dann verstehen wir, daß es sich schickt, heute das Bild des Guten Hirten uns ein wenig genauer zeigen zu lassen. (…) Wie das Idealbild aussieht? Wir haben es eben ja gehört. Da zeichnet der Heiland dieses Bild selber. Es ist also eine Selbstdarstellung. Ja wenn wir genauer zusehen, dann finden wir: Es ist eine doppelte Selbstdarstellung. Die eine ist sehr deutlich gegeben; da zeichnet der Heiland sich selber mit klaren, volkstümlichen Worten. Und die zweite Antwort gibt uns die Beobachtung seines praktischen Lebens.

Mit klaren Worten zeichnet der Heiland das Idealbild. Und was er uns dort sagt, ist deswegen von so großer Bedeutung, weil es einen schroffen Gegensatz darstellt: auf der einen Seite das Bild des schlechten Hirten – darauf baut er auf, das Bild hat er vor sich -, und demgegenüber charakterisiert er sich selber als das Ideal des guten Hirten.

Wo ist das Zerrbild? Der heilige Johannes hat uns das dargestellt. Wir müssen uns im Hintergrund vorstellen: Der Heiland hat gerade den Blindgeborenen geheilt (Joh 9), und der Blindgeborene, der kommt nun in die Hände der Hohenpriester und der Schriftgelehrten. Sie wollen ihn zwingen, darzustellen, daß der Heiland, der ihn geheilt hat, ein Volksverführer sei. Gewandt weiß der Blindgeborene sich aus der Schlinge herauszuziehen, bekennt sich zum Heiland, beweist, daß es selbstverständlich ist, daß er vorher blind gewesen ist und der Heiland ihn geheilt. Allerdings – so hat uns Johannes das ja auch dargestellt -, das hat er büßen müssen: deswegen haben die Priester und Pharisäer ihn ausgeschlossen aus der Synagoge. – Das ist der Hintergrund. Was waren das für Hirten, die Priester, die Priesterkaste der damaligen Zeit? Hat diese Kaste das Wohl des Volkes, das Wohl des einzelnen – der einzelnen Gläubigen, der einzelnen Glieder und Mitglieder der Synagoge – gesucht? Keineswegs!

Auf diesem Hintergrunde zeichnet nun der Heiland sich selber, als wenn er sagen wollte: Hier habt ihr das verzerrte Bild eines Hirten, ich aber, ich stelle das Idealbild des guten Hirten dar. Und was zeichnet er dann? Wenn wir genauer achten, dann sind es drei Züge, die er an sich selber hervorhebt. Er will sagen:

Erstens, ich bin der Lehrer meines Volkes und meiner Gefolgschaft. Ich habe also die Funktion des Lehrers; Lehramt in meinem Leben. Es heißt ja ausdrücklich: Die Schafe hören meine Stimme. Wir müssen also überlegen, wie oft der Heiland während seines Lebens seine Stimme erhoben, wie oft er gepredigt, wie oft er als Lehrmeister aufgetreten ist.

Zweitens hebt das Evangelium, hebt der Heiland selber hervor, er sei der Priester seines Volkes. Und das ist ja wohl das Kernstück dessen, was er uns zu sagen weiß. Der gute Hirt, der gibt sein Leben hin für seine Schafe. Priestertum des Herrn.

Und Hirtentum: Er ist auch der Hirt seines Volkes. Er vergleicht sich wieder mit den Zerrbildern eines Hirten. Mietlinge sind sie. Wenn der Wolf kommt, dann laufen sie weg. Sie bewachen die Herde nicht. Er aber ist der Wächter seiner Herde. Er sorgt für seine Herde, und wenn er sein Leben dafür hergeben müßte. – Das ist das Idealbild des guten Hirten, gezeichnet durch Worte!

Und wenn wir nun hineinschauen in das Leben des Heilandes, dann wäre es uns wahrhaftig nicht schwer, im einzelnen zu zeigen, wie der Heiland sich praktisch als Priester, als Lehrer und als Hirt seines Volkes bewährt hat.

Ich meine, wir sollten nunmehr wenigstens einen Zug im Leben des Guten Hirten praktisch stärker hervorheben, das ist das, was so ganz klar im Vordergrund der Selbstzeichnung steht: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für seine Schafe“ (Joh 10,11). Das ist es ja auch, was uns den Heiland so sympathisch macht. Das ist es ja auch, was uns immer wieder zu ihm hintreibt, wenn wir eine Zeitlang das verlorene Schäflein gewesen. Dadurch zeigt er ja seine Liebe zu uns. So hat uns der heilige Johannes ja zusammenfassend hervorgehoben: Seine Liebe hat Gott uns dadurch erwiesen, daß er sein Leben hingegeben hat für uns. Er hat es deswegen getan, damit auch wir unsere Brüder lieben sollten und bereit sein sollten, für unsere Brüder auch das Leben hinzugeben (vgl. 1 Joh 3,16). (…)

Und weshalb das alles? Es ist eben das große Gesetz des Reiches Gottes: Gott will geliebt werden. Und weil er geliebt werden wollte, darum hat er seine eigene Liebe zur Welt, zur Menschheit in grandiosester Weise dokumentiert. Si vis amari, ama! Wenn du geliebt werden willst, mußt du selber lieben; verschwenderisch lieben, verschwenderisch dich hingeben! Wie willst du sonst die Liebe der anderen an dich ziehen? Forderungen stellen, das kann jeder: Du mußt dich selber in die Waagschale werfen! Ja wahrhaftig, wenn du geliebt werden willst, dann mußt du lieben! Und Gott will geliebt werden. Und deshalb hat er seinen eingeborenen Sohn in dieser überschwenglichen Weise seine Liebe dokumentieren lassen, daß er das letzte Tröpflein seines Blutes hingegeben hat für uns.

Man sagt, alle großen Menschen, alle großen Christen, Katholiken, die haben da angefangen, nach Heiligkeit zu streben, wo sie sich in besonderer Weise von Gott geliebt empfunden haben. Das ist das große wahre Gesetz im Reiche Gottes: Wenn ich mich von Gott geliebt weiß, fühle, innerlich hingerissen bin von dieser Liebe, dann wird meine Gegenliebe geweckt. Der Adlerflug des Gottmenschen weckt den Adlerflug in den Seelen der Menschen. Der Adlerflug der Liebe weckt den Adlerflug der Gegenliebe.

Erschienen in:
Joseph Kentenich
Christus mein Leben
Ausgewählte Texte zum Christus-Jahr 1997
Herausgegeben von Günther M Boll, M. Pia Buesge, Peter Wolf
Patris-Verlag Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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