CmL1996 V 3 Geburtswehen – bis Christus Gestalt annimmt

CmL1996 V 3 Geburtswehen – bis Christus Gestalt annimmt

J. Kentenich, aus: Vortrag für Ehepaare in Milwaukee, USA, 20.3.1961

Wenn Sie in die Briefe des Apostels Paulus hineinschauen, finden Sie einen Brief an die Galater. Die Gemeinde, die er dort gegründet hatte, war eigentlich seine Lieblingsgemeinde. Er hat mit besonderer Liebe an ihr gehangen.

Wie sehr er an der Gemeinde gehangen hat, können Sie aus folgendem Bild, aus folgender Schilderung herauslesen. Sie haben vielleicht schon einmal diesen überaus schönen Ausdruck gehört. Er redet sie an: Filioli XE „Filioli“ , meine Kindlein! (Gal 4,19). Das kann man gar nicht (so leicht übersetzen). Filioli, my dear little children, my smallest children! Und dann das so wunderschöne Wort, was an sich die echte Vaterweisheit ausdrückt: „Ich leide Geburtswehen um euch, bis Christus in euch Gestalt und Form angenommen hat“ (Gal 4,19). Das heißt praktisch, er ist nicht nur Vater, er ist Mutter für seine Gemeinde. Also, so sehr hängt er an ihr, daß er sich als Mutter fühlt für die ganze Gemeinde.

Und jetzt müssen Sie gut hören, was er sagt: Bis Christus in euch geboren ist. Er sagt nicht: Ich habe Geburtswehen, damit ihr sittlich hochwertig lebt, oder etwa, damit ihr eine gesunde Geschäftsmoral habt. Der Kerngedanke: Christus muß in euch geboren werden. Nicht wahr, das ist genau der Gedanke, von dem wir vorher sprachen: Teilnahme am Leben Christi, am Leben Gottes, das ist die Hauptsache. Natürlich, die waren getauft, deswegen hatten sie bereits die Teilnahme am Leben Christi, am Leben Gottes. Ja, was wollte Paulus? Christus soll voll und ganz Gestalt in ihrem Leben annehmen! Deswegen ist auch dort, wo er sich selber charakterisiert, immer der große Gedanke: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). (…)

So stark ist Paulus XE „NM Paulus, Apostel“ davon ergriffen, daß Christus in ihm lebt, daß er den Gedanken später ausweitet. Nicht nur: Christus lebt in mir – Christus wirkt in mir; Christus leidet in mir; Christus betet in mir. Sehen Sie, da steht eigentlich Christus ganz anstelle des eigenen Ich; so stark beherrscht Christus seine ganze Natur. Sein ganzes Wesen, alle Regungen seiner Natur sind immer hin geordnet auf Christus und mit Christus verbunden; sie wachsen aus Christus heraus.

Darf ich jetzt noch mal bitten: Ist das nicht das Ideal, das wir eigentlich als Vater und Mutter den Kindern gegenüber alle haben müßten?

Wenn ich jetzt an mich als Mutter denke: Was für Geburtswehen habe ich durchmachen müssen, bis das Kind zur Welt kam? Das war nur einmal. Jetzt muß ich aber auch Geburtswehen leiden, daß Christus in meinen Kindern wach wird und lebendig wird. Und das ist nicht nur einmal, das ist einfach meine ständige Aufgabe. Es genügt also nicht, daß ich dafür sorge, daß meine Kinder gesund bleiben. Das muß ich selbstverständlich auch tun. Es ist nicht genug, wenn ich dafür sorge, daß meine Kinder etwas lernen, damit sie später selber ihren Unterhalt verdienen und das Leben fristen können. No, no! Christus muß Gestalt in ihnen annehmen. Und das ist nicht leicht, meine Kinder so zu erziehen. Das kostet Geburtswehen. Und das kostet manchmal Todeswehen, denn Geburtswehen sind nicht selten Todeswehen.

Aus all dem, was ich Ihnen jetzt dargestellt habe, können Sie zweierlei ersehen: Erstens, wie Paulus an der Gemeinde der Galater gehangen hat. Es ist fast, als wenn er sagen wollte: Ich bin nicht nur euer geistlicher Vater, ich bin auch eure Mutter geworden. Und er geniert sich gar nicht, das zu sagen. Das ist einfach so ein selbstverständliches gegenseitiges Verhältnis.

Dann zweitens: Was wir heraushören müssen, das ist diese tiefe Verknüpftheit mit seinem Ideal; alles wird gesehen von Christus, vom Leben Christi aus.

Wenn Sie das jetzt einmal auf sich – Mann und Frau – anwenden, was müssen Sie dann sagen? Ich als Mann, was verehre ich in meiner Frau? Das ist Christus. Und ich als Frau, was verehre ich im Manne? Das ist wiederum Christus. Nicht wahr, wenn wir uns alle als Abbilder der Christusgestalt sehen, was ist das ein wundersam tiefes, ehrfürchtiges, liebendes Hingegebensein.

Jetzt werden Sie sagen: Solche Dinge hören wir zum ersten Mal; die haben wir noch nie in der Predigt gehört. Darauf erwidere ich: Ist das denn nicht komisch? Paulus hat den Mut gehabt, diese Dinge den Christen zu sagen, die kaum aus dem Heidentume bekehrt waren. Und wie lange sind wir schon Christen! Die ganz spezifischen christlichen Wahrheiten sind uns im Kerne fast unbekannt.

Erschienen in:
Joseph Kentenich
Christus mein Leben
Ausgewählte Texte zum Christus-Jahr 1997
Herausgegeben von Günther M Boll, M. Pia Buesge, Peter Wolf
Patris-Verlag Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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