CS40 CAUSA SECUNDA Text 40

CS40 CAUSA SECUNDA Text 40

Aus: Pädagogische Tagung 1950

Dieser natürliche Bindungsorganismus findet seine Entsprechung in der übernatürlichen Ordnung, in der Beziehung vom Menschen zu Gott. Die Antwort finden wir im „Weltregierungsgesetz Gottes“. Es ist das große Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung.

Ich muß es mir versagen, ausführlicher darüber zu sprechen, deshalb nur ein kurzes Wort über organische Obertragung und Weiterleitung. Ich sage organische Obertragung und Weiterleitung.

Gott überträgt auf Menschen seine Eigenschaften, seine Güte, seine Macht. So hat er zum Beispiel seine Eigenschaften übertragen auf die Eltern oder auf uns, die wir als Erzieher tätig sein dürfen. – Das Kind überträgt Haltungen, die Gott gegenüber am Platze sind, auf die Eltern: Ehrfurcht, Gehorsam und Liebe. Das nennen wir Gesetz der organischen Obertragung und Weiterleitung, nicht einer mechanischen.

Das heutige mechanistische Denken kommt damit nicht zurecht. Auch religiöse Menschen glauben, wenn sie Gott dienen wollen, müßten sie alles Menschliche, auch die Bindungen an Fleisch und Blut in der natürlichen Ordnung, auf der ganzen Linie verneinen.

Wie viele Verzerrungen in der heutigen Zeit, weil viele Katholiken überspitzt geistig sein wollen! Der extrem einseitig geistige Mensch sinkt morgen, übermorgen in die niedrigste Sinnlichkeit.

Wir wollen diese Wahrheiten mitnehmen und sorgfältig studieren. Die Dinge sind nicht „aus den Fingern gesogen“. Dahinter steht die pädagogische Erfahrung von rund vierzig Jahren.

An dem mechanistischen Denken krankt unsere heutige Pädagogik, kranken wir selber. Wollen Sie Gesundheit messen, dann messen Sie diese an Art und Grad des Bindungsorganismus.

Wie viele formversklavte Ästheten, formversklavte Liturgen gibt es! Wie manche Menschen klammern sich heute deshalb an die Form, weil sie es nicht fertigbringen, sich in gesunder Weise an eine Person zu binden. Woher kommt das? Nietzsche hat uns darauf aufmerksam gemacht: Es gibt keine Kinderländer mehr, weil wir keine Vater- und Mutterländer mehr haben. – Das heißt: Wir finden eine ganze Menge seelischer Krankheiten, weil wir nicht genug personale und lokale Gebundenheit kennen.

Nehmen Sie zum Beispiel an, ein Zögling hängt leidenschaftlich an seinem Erzieher, so daß die Anhänglichkeit zum Zwang geworden ist. Was muß ich tun?-Unter der Hand sorgen, daß die anderen Bindungen lebendig werden: lokale und ideenmäßige Gebundenheit.

Die Diktatoren suchen den heutigen Menschen, der sowieso in Gefahr ist, nestentbunden zu werden, gänzlich nestentbunden zu machen. Wir aber wollen – Sie haben das Wort von der Arche gehört -, wir wollen viele darin aufnehmen, um sie auf diese Weise zu immunisieren gegenüber dem Zeitgeist. Damit verstehen wir in etwa, was unter Bindungspädagogik zu verstehen ist.

gedruckt als:
Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher, Schönstatt-Verlag, Vallendar, 1971, ISBN 978-3-920849-06-5
S.188-189, **

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