CS52-3 CAUSA SECUNDA Text 52/3

CS52-3 CAUSA SECUNDA Text 52/3

Aus: Vortrag 1963

Fortsetzung von Text 52/2

III. Das dritte Gesetz ist fast nur eine konkretere Ausdrucksweise oder Anwendung des zweiten Gesetzes: das ist das Weltvervollkommnungsgesetz. Wir müssen das dann so wohl ausdeuten: Die verschiedenen Ordnungen, die der liebe Gott in die Kreatur hineingeschaffen hat, bedeuten ebenso viele Vollkommenheitsstufen. (Das) Weltvervollkommnungsgesetz kennt deswegen, wenn schon verschiedene Vollkommenheitsstufen, auch eine letzte, eine höchste Vollkommenheitsstufe. Und diese letzte, höchste Vollkommenheitsstufe der ganzen Kreatur stellt halt nach katholischer Auffassung die Gottesmutter dar. Was will das alles besagen? Ausdrücke, die wir ja schon häufig gehört, wollen nun in diesen Zusammenhang hinein gegliedert werden. Dann steht die Gottesmutter da als das Geschöpf, das der liebe Gott gleichsam erschaffen hat in einer Vision, in einer Entzückung. Ein Mensch, der entzückt, ist, wie ist der vom Gegenstande hingerissen! Wenn nur der liebe Gott schon einmal – das ist natürlich nur ein Bild – in Verzückung schafft, was muß er dann ein Kunstwerk fertiggebracht haben!

Wenn Sie einmal Ausdrücke, die wir ja im Laufe der Zeit auch des öfteren schon einmal auf uns haben wirken lassen, (nun nochmals hören), etwa Ausdrücke vom heiligen Bernhard. (Es) sind ihrer drei ja gewesen, die wir da und dort erörtert haben:

(1.) Opus dei, quod omnia dei antecedit, antecellit. Was heißt das? (Sie) ist das Werk, geschaffene Werk, das alle anderen geschaffenen Werke, die aus der Hand Gottes hervorgegangen sind, endlos – man sagt ja wohl auch: unendlich; ich sage lieber endlos – überragt. (Sie) ist also das vollkommenste Geschöpf, das so aus der Hand Gottes hervorgegangen ist. Natürlich, immer ausgenommen ist der Heiland. Schauen Sie, deswegen ist das ja auch sinngemäß, wenn wir sagen: Wenn wir der Gottesmutter eingegliedert, das heißt, Abglanz ihrer Herrlichkeiten, ihrer Vollkommenheiten sind -, dann ist es so, dann steht die Gottesmutter gleichsam an der Spitze der ganzen Wertordnung, an der Spitze; und wir sind stufenweise in sie und in ihre Vollkommenheiten hineingewachsen.

So können wir zum Beispiel sagen: Wenn sie per ementiam die Braut Christi ist – ich suche nur einige Ausdrücke -, wenn wir auch Braut Christi werden, dann sollen wir in der Gottesmutter – ist jedenfalls berechtigt -, in der Gottesmutter und mit der Gottesmutter Braut Christi sein. Sie sehen also, wie hier die Gottesmutter in die objektive Seinsordnung immer wieder neu hineingezogen ist. Sie ist also gleichsam die Chorführerin, die Dirigentin, die Chorführerin der ganzen Schöpfung. Und wir haben in diesem Chore auch einen Platz. (Es) soll aber alles dirigiert werden von ihr. (Es) ist also durchaus verständlich, wenn wir sagen: Wir orientieren uns an ihr, sie ist in alleweg unser Vorbild, und wir lassen uns auch und alles, was wir dem lie ben Gott schenken, durch sie, also durch die Chorführerin, durch die Chorleiterin, dem lieben Gott anbieten. Das eine Wort von Bernhard zeigt also, wie stark er überzeugt ist, wie die Gottesmutter schlechthin die Spitze der Wertsäule ist, die Gott in der ganzen Natur und Obernatur geschaffen hat.

(2.) Dann zweitens das andere Wort: Propter hanc, et propter hanc totus mundus creatus est. Das zeigt die Gottesmutter. Ich muß erst beifügen: Wenn ich darüber spreche, pflege ich immer gerne der nüchternen Denkweise halber beizufügen: etiam propter hanc, auch ihretwegen. Weil sie so eng verknüpft ist, eine Welt für sich darstellt, mit Christus und Gott, will auch alles sinngemäß auf sie übertragen werden, was für Gott letzten Endes Vollgeltung hat. Wenn die Welt erschaffen ist, um Gott zu verherrlichen, und wenn sie so in der Nähe Gottes, das heißt Nähe trotz unendlicher Ferne, steht, ist es durchaus berechtigt zu sagen: Der liebe Gott hat sie auch erschaffen und hat die Welt erschaffen, damit die Welt, ihr ganzes Sein im gewissen Sinne auch ihr Abglanz ist und die ganze Weltordnung die Gottesmutter mehr und mehr verherrlicht. Propter hanc, etiam propter hanc, totus mundus creatus est. Wir singen ja bei Wallfahrten gerne die Litanei – ich glaube, sie stammt aus Bayern-wo alles, alles immer wieder aufgefordert wird – die Pflanzen dort draußen, oder das Wässerlein, die Sterne -, die Gottesmutter zu verherrlichen. Es ist eben dann der volkstümliche Ausdruck dieser Grundeinstellung, dieser Grundlage, die wir damit neu gelegt haben.

(3.) Noch einmal: Die Gottesmutter an der Spitze der geschaffenen Welt, ob es sich um Natur oder um Obernatur handelt, also an der Spitze nicht nur des Seins, sondern auch des Wirkens. Es ist das alte bekannte Wort, was ja so häufig zitiert wird, wo man spricht von der Gnadenvermittlung oder sogar von der allgemeinen Gnadenvermittlung. Das hat ja damals der Heilige so formuliert: Deus sic voluit. Das ist einfach dem Willen Gottes entsprechend, was ist. So, wie er das darstellt, der heilige Bernhard, sic deus voluit, das ist ein allgemeines Gesetz. Es liegt also in der ganzen Heilsordnung begründet, daß wir keine Gnade erhalten ohne Gott, ohne die Gottesmutter.

Oder wenn Sie denken an das klassische Wort, das Leo XIII. so häufig vom heiligen Bernhard von Siena zitiert. (Er) beruft sich immer wieder darauf: Gottesmutter – das ist eigentlich mehr eine Begründung unseres Titels -, du dreimal Wunderbare: wunderbar in der Naturordnung, wunderbar in der Gnadenordnung und wunderbar in der Glorienordnung.

Was wir mit all diesen Überlegungen wollen, das ist weiter nichts als der Versuch, tiefer hineinzuwachsen in große Sinnzusammenhänge der ganzen Schöpfung. Also drei Gesetze durften wir kurz miteinander besprechen: Weltregierungsgesetz, Weltordnungsgesetz, Weltvervollkonmungsgesetz.

IV. Ein viertes Gesetz; das verlangt nun eine etwas ausführlichere Darstellung. Ja, wie lautet denn das Gesetz nun im einzelnen: Weltanpassungsgesetz. Der liebe Gott paßt sich an. Wie paßt der liebe Gott sich an? Um die Tragweite zu verstehen des hier gemeinten und geminnten Gesetzes, darf ich einmal kurz hinweisen auf so mannigfache Schwierigkeiten, die man gemeiniglich hat und gemeiniglich haben kann, die auch recht häufig vorkommen, daß man so sagt: Ja, du meine Güte, was so die Religion will, das ist zutiefst und zuletzt weiter nichts als ein Phantasiegebilde. In der Natur stecken bestimmte Bedürfnisse; und weil diese Bedürfnisse darinnen stecken, da schreit die Natur etwa nach einer der – oder derartigen Erfüllung dieser Bedürfnisse. Also zum Beispiel, die Natur hat den starken Drang, möglichst vollkommen zu sein. Und dieser Drang, vollkommen zu sein, adelig, edel zu sein, hat letzten Endes das Bild der Gottesmutter geschaffen. Die existiert nicht, die Gottesmutter, zumal nicht in der Schönheit, in der Vollkommenheit, wie sie vielfach dargestellt wird, (sondern) das hat die Phantasie, das hat das Gemüt des Menschen als Symbol geschaffen, (ist) Ausdruck eines persönlichen inneren Drängens; (es) ist also letzten Endes nicht eine Realität; die Gottesmutter, so wie sie dargestellt wird, das ist ein Produkt. Ich habe das Produkt, ich habe die Gottesmutter geschaffen. Sie kennen die Art dieser Schwierigkeiten, die immer wieder kommen, zumal, wie wir wissen, was die moderne Psychologie, besonders die Psychoanalyse in den verschiedensten Formen, uns alles zu sagen weiß. Natürlich kann ich dann unter diesem Gesichtspunkte das Bild der Gottesmutter ruhig anerkennen, allerdings nur als Produkt meiner eigenen Phantasie, als Produkt meiner eigenen Herzenswünsche. Ist also etwas von mir Geschaffenes. Ich habe die Gottesmutter, ich habe das Bild geschaffen.

Ich meine, die Lösung liegt – nicht nur in diesem Falle, sondern in ungezählt vielen andern Fällen – darin, was wir das Weltanpassungsgesetz nennen. Weil der liebe Gott in die menschliche Natur hineingeschaffen hat eine Unsumme von Bedürfnissen, hat er die geschaffene Ordnung auch diesen Bedürfnissen angepaßt. Weltanpassungsgesetz. Es ist also nicht die Gottesmutter, um bei dem Falle zu bleiben, ein Produkt unserer Phantasie oder ein Produkt unserer Herzenswünsche, (sondern) die Gottesmutter ist eine objektive Realität, die von Gott ins Leben gerufen worden ist so mit einem Hinblick, mit einem Seitenblick auf die natürlichen Bedürfnisse, die er in mich hineingeschaffen hat. Das ist also so: Das Bild der Gottesmutter in Anwendung auf mich ist ein „ut consecutivum“. Von Gott aus gesehen, müssen wir uns das so vorstellen: (Gott) hat (den) Menschen geschaffen mit den und den Bedürfnissen und hat auch eine Ordnung geschaffen als reale Ordnung, die aber eine Antwort gibt auf diese Bedürfnisse, so daß ich dann klar sagen muß: Meine Bedürfnisse, meine Phantasie, mein Herz hat diese Dinge nicht geschaffen, Gott hat sie geschaffen, aber als Antwort auf die Bedürfnisse, die er in meine Natur hineingelegt hat. Weltanpassungsgesetz.

Ja, wenn ich jetzt nochmal genauer auf Einzelheiten eingehen darf, dann steht eine ganze Welt vor uns, eine ganze Welt von Wahrheiten und von Wirklichkeiten. Wir wollen sie im wesentlichen bloß, wenigstens strichweise, auf die Gottesmutter anwenden. Sehen Sie, dann sagen wir so: Der liebe Gott hat uns sinnenhaft geschaffen, sinnenhaft; und darum gibt er auf diese Sinnenhaftigkeit unserer Natur auch eine Antwort, eine Antwort der Wirklichkeit.

Ich meine, von hier aus können wir besser verstehen, weshalb – vielleicht sage ich besser, wozu – der liebe Gott die zweite Person in der Gottheit hat Mensch werden lassen. Weltanpassungsgesetz. Anpassung an die Sinnenhaftigkeit meiner Natur. Was ist danach der Heiland in seiner ganzen Person? Wir kennen den Ausdruck: Das uns sinnenhaft zugewandte Antlitz des geistigen Vatergottes. „Wer mich sieht, der sieht den Vater“. Wenn ich also wissen will, wie der Vater aussieht – so dürfen wir das wohl erklären, was Gottes Absicht darstellt -, dann sollen wir am Heiland sinnenhaft das Antlitz des Vaters verstehen lernen und (sollen) dadurch, daß wir den Heiland verstehen, den sinnenhaft uns entgegentretenden Heiland, den Vatergott besser verstehen lernen. Das ‚uns sinnenhaft zugewandte Antlitz des Vaters. Wir hören in dem Zusammenhange Philippus: Zeige uns doch das Antlitz des Vaters! Sie wissen die Antwort des Heilandes: Philippus, wer mich sieht, der sieht den Vater. Solange – fügt er dann ja wohl bei – bin ich nun bei euch, habe euch all diese Wahrheiten immer und immer explizieren wollen, und was wißt ihr jetzt? Jetzt haltet doch endlich einmal fest.

Sehen Sie, hier wirkt sich ja auch wieder aus, wenn auch in eigenartiger Weise, das Gesetz der Übertragung und der Weiterleitung. Sie merken, überhaupt (alles), was ich zusanmen trage an Gesetzmäßigkeiten, fließt ineinander über. (Das) müssen Sie also nie getrennt sehen.

Wende! wir das jetzt an auf das Leben, Sein und Wirken der Heiligen – was will der liebe Gott durch das Anpassungsgesetz? Wir sollen also nicht nur abstrakte Ideen haben, nicht bloß Prinriipien.kennenlernen, (sondern) es sollen diese inkarnierten Prinzipien durch das Beispiel, durch das Leben und Wirken der Heiligen uns tiefer eingeprägt werden. Gottes Weisheit. Alles geht ineinander und alles soll einander dienen und helfen, damit letzten Endes Gott alles in allem ist und Gott über allem steht.

Sehen Sie, hier ist nun noch einzugliedern das Bild der lieben Gottesmutter, auch dorten, wo es sich um ihre Sinnenhaftigkeit handelt. Mag es sich jetzt drehen um das sinnlich wahrnehmbare äußere Bild der Schönheit, mag es sich

nun drehen um das geistige Bild ihrer Persönlichkeit; wenn das alles wahr ist, was wir vorher sagten: Spitze der Schöpfung und Chorführerin der Schöpfung – (das) müssen Sie nebeneinander halten: Spitze und Chorführerin der ganzen Schöpfung, da wo es sich um das Loblied Gott gegenüber handelt -, dann ist es selbstverständlich, dann verstehen wir, weshalb sie so glänzend ausgestattet ist. In einzigartiger Weise soll an ihr das Weltanpassungsgesetz verkörpert werden. Ich meine, (damit) haben wir im großen und ganzen die Linie.

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