EK2004-22 – Neues Bild von der Kirche

EK2004-22 – Neues Bild von der Kirche

Aus: J. Kentenich, Vortrag zur symbolischen Grundsteinlegung, 8.12.1965.

Was ich zur ersten Frage sagen soll: Wie sieht die Kirche aus? Die hat ein anderes Gesicht als die Kirche von gestern und von ehegestern. Wie sieht die Kirche aus? Wenn Sie später einmal Gelegenheit haben, alles auf sich wirken zu lassen, was das Konzil gebracht an Entschließungen, an Äußerungen, dann werden Sie bald finden: Das Mittelstück, das Zentralstück, das ist die Konstitution über die Kirche. Alles, was sonsten dort beraten, geredet, beschlossen, das alles finden Sie wenigstens keimhaft in der Konstitution über die Kirche.

Weshalb eine neue Grundeinstellung der Kirche, eine neue Auffassung der Kirche von sich selber, zu einem großen Teile unterschiedlich von gestern und ehegestern? Das ist die große Frage: Wie sieht die heutige Kirche sich selbst? Also nicht etwa nur: Wie sehen die absolut unveränderlichen Grundfesten der Kirche aus? Also nicht etwa nur die Frage nach der Metaphysik der Kirche, sondern das ist die große Frage: wie die heutige Kirche sich selber sieht.

Wir wissen, wie stark und wie lange disputiert worden ist auf dem Konzil über die Züge, die neuen, (die) neuartigen Züge dieser Kirche. Und nun die Frage: Wie sieht diese Kirche aus gegenüber gestern und vorgestern?

Die Antwort? Das ist eine eigenartige Kirche. Das ist eine Kirche, die auf der einen Seite tief innerlich beseelt traditionsgebunden ist, aber auf der anderen Seite ungemein frei, gelöst von erstarrten traditionsgebundenen Formen.

Das ist eine Kirche, die in überaus tiefgreifender Brüderlichkeit geeint, aber auch gleichzeitig hierarchisch, ja väterlich gelenkt und regiert wird.

Das ist eine Kirche, die die Sendung hat, die Seele der heutigen und der kommenden Kultur und Welt zu werden.

Ob es nun der Mühe wert ist, auf Einzelheiten ein wenig einzugehen? Dann weiß ich nicht, was ich besonders betonen soll. Soll ich daran erinnern, dass alte Bilder der Kirche nunmehr gegenüber den neuen Zügen der Kirche stärker zurücktreten?

Für uns ist es von besonderer Bedeutung, dass das Konzil bei der Selbstdarstellung sehr gerne den Ausdruck gebraucht: Die jetzige Kirche erlebt sich als die pilgernde Kirche, nicht die in sich fertige, nicht als die in sich abgeschlossene Kirche, (sondern als) die pilgernde Kirche. Wenn sie am Pilgern ist, was will das bedeuten? Dann hat sie rechts und links am Pilgerwege, am Pilgerwesen ihrer Existenz, am Pilgerwege ihrer historischen Existenz Elemente verschiedenster Art in sich aufzunehmen, hat dafür zu sorgen, dass diese Elemente ihr Antlitz, ihr zeitbedingtes Antlitz wesentlich mitprägen. Eine pilgernde Kirche.

Weiter, wie sieht das Antlitz aus? Wie sieht die Kirche heute sich selber? Wenn ich in Form von Bildern sprechen darf: Wir sind daran gewöhnt, waren daran gewöhnt, die Kirche aufzufassen als einen unerschütterlichen Felsen. Auf Felsen ist die Kirche aufgebaut. Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam. (Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.) Die Kirche ist also auch Fels. Aber wir wollen und wir dürfen – ja die Kirche selber tut das, deutet das Bild des Felsen wesentlich anders als früher. Früher wurden die Völker eingeladen, ihrerseits den Weg zu suchen, zu finden zu diesem Felsen. Heute will dieser Felsen sich ständig bewegen. Wenn ich das wenig gebräuchliche Bild nun formulieren darf, dann müsste ich so sagen: Dieser Felsen ist ein pilgernder Felsen. Er pilgert hindurch durch die Nationen, er pilgert hindurch durch die Zeiten und sucht selber Menschen, Seelen, ja lockt sie an, wartet also nicht, bis sie von selber kommen.

Dafür wohl viel lieber das andere Bild, so wird es wenigstens gerne gebraucht: Die Kirche – ein Schiff. Mit dem Begriffe Schiff ist ja die Beweglichkeit verbunden; ein Schiff, hindurch durch Wogen und Wellen, und mögen die Wellen haushoch sein, und mögen die Wellen vielfach das Schiff gefährden, so dass die Not besteht, jederzeit die Gefahr, dass es in den Abgrund hinuntergerissen wird. Bild der Kirche. So sieht die Kirche sich selber, so erlebt die Kirche sich selber. Ob wir den großen Unterschied verstehen zwischen gestern und ehegestern und heute und morgen? Von hier aus wird es Ihnen viel leichter, auch die Diskussion zu verstehen, die um das Bild der Kirche herumgeweht und -gewittert hat.

Ferner, suchen wir andere Bilder. Es ist ja die erste Eigenschaft der Kirche, die wir heute vor uns haben: Das ist eine pilgernde Kirche, das ist ein pilgernder Fels, das ist ein Schiff, mitten hinein und hinausgeschickt auf hohe See, das ist gegenüber früherer Auffassung eine überaus dynamische Kirche. Weg also, oder wenigstens wo es sich um die Akzentuierung handelt: nicht so stark die Statik, sondern auch, sondern viel mehr die dynamische Kraft und Macht, die Dynamik der Kirche will heute betont werden. – So sieht diese Kirche aus. Ein neues Bild der Kirche. …

Und die dritte Eigenschaft? Sie müssen später – oder dürfen – nachprüfen, dass ich Ihnen hier nichts vortrage, was lediglich selber zusammengebraut, sondern was auf der ganzen Linie durch das Konzil in den Aussprachen immer und immer wieder bald so, bald so, hervorgehoben worden ist: Diese Kirche soll – wie sie es im Frühchristentum war, wie sie es hätte immer sein sollen – die Seele der heutigen gesamten Weltkultur werden. Also nicht Trennung der Kirche von der Kultur, nicht Trennung der Kirche von der Welt. Nein, die Kirche soll die Seele der Gesamtkultur, der verworrenen Kultur, der überaus weltlich gesinnten Kultur, der teuflisch beeinflussten Kultur werden. So sieht die Kirche sich selber.

Ich hebe noch einmal hervor: Wenn Sie später die Diskussion um diese Züge der Kirche auf sich wirken lassen, dann spüren Sie, wie heiß der Kampf gewesen, um diese Selbstzeichnung der Kirche. Hätte es sich hier nur gehandelt um die Metaphysik der Kirche, da wäre natürlich die Antwort sehr einfach und sehr leicht gewesen.

Was noch von besonderer Bedeutung ist, das ist ein Wort, das ist ein Vorgang, den wir uns besonders einprägen dürfen: Wenn die heutige Welt insgesamt von der Idee des Evolutionismus getragen wird, dann will auch die Kirche gesehen werden unter dem Szepter einer gesunden Evolution. Kirche ist nicht fertig, sie wird nie hier auf Erden fertig sein. Die Kirche wandelt sich, die Kirche wechselt sich in ihren einzelnen, ja in ihren einzelnen Lebensvorgängen. Freilich, fest müssen wir halten – ich habe dem ja Rechnung getragen eingangs -, dass die Kirche immer traditionsgebunden sein soll und sein will. Wenn Sie nun das kurz umrissene Bild der neuen Kirche, der neuen Selbstzeichnung der Kirche, auf sich wirken lassen wollen und schauen dann das Leben draußen an – ob es sich handelt um das Leben des Klerus, um das Leben im Episkopat, um das Leben unter den einzelnen Gläubigen – dann können Sie verhältnismäßig schnell signalisieren, auf welchem Boden der einzelne steht. Verlässt er total den Boden der Tradition, so dass er lediglich nur Fortschritt, Evolution kennt, dann weiß ich, wo er steht. Kennt er aber nur die Tradition, kennt er keine Entwicklung, dann weiß ich, woher der große Wirrwarr in der heutigen Zeit kommt.

Und mich dünkt, wir müssen lange warten, sehr lange warten, bis die nachteiligen Nebenwirkungen des Konzils überwunden sind in der kirchlichen Öffentlichkeit. … Heute gilt es, erst die nachteiligen Begleiterscheinungen, die ungeachtete oder unerwartete Unsicherheit weitester Kreise – ob es sich um hierarchische Kreise, klerikale Kreise, oder Laienkreise handelt – diese Unsicherheiten über das neue Bild der Kirche zu überwinden. Sind die in etwa überwunden, dann erst fängt das Konzil an, fruchtbar zu werden.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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