EK2004-27 – Rückschauend vorwärts blicken

EK2004-27 – Rückschauend vorwärts blicken

Aus: J. Kentenich, Vortrag vor der Schönstattfamilie, 31.12.1965

Wie sieht nun diese Selbstzeichnung der Kirche aus?

Ja, wir werden vielleicht zunächst fragen: Gibt es denn einen Wandel in der Selbstauffassung der Kirche? Und wenn wir sagen: ja, dann sofort die andere Frage: Ist die Kirche denn nicht zu weit und zu stark der modernen Entwicklungslehre zum Opfer gefallen? Weshalb hält sie nicht fest an all dem, was wir früher gelernt, was wir gelehrt worden sind? Also gibt es wirklich einen Wandel? Sagen wir besser: es gibt eine Akzentverschiebung. Noch einmal die Frage: Wie sieht die Kirche sich neuerdings selbst? Ein Glück war es, dass die Vertretung der Kirche, will heißen: Kardinäle und Bischöfe aus der ganzen Welt beieinander waren. Sie hatten ja die Gelegenheit, mitzuhelfen, die Selbstzeichnung, das neue Bild der Kirche zu überprüfen, konnten Wesentliches dazu beitragen.

Hinter all den Überlegungen stand ja letzten Endes die Überzeugung, die zumal Johannes XXIII. von vornherein so stark in den Vordergrund gerückt, dass die Kirche vom Heiligen Geist regiert wird. Wie hat sich denn nun die Wirkung des Heiligen Geistes im Raume der Kirche ausgewirkt? Wenn also eine Wandlung in der Selbstzeichnung, im Selbstbewusstsein der Kirche zu konstatieren ist, dann darf das nicht zufällig gesehen werden das ist ein Werk des Heiligen Geistes.

Nun noch einmal die Frage: Wie kennzeichnet denn die Constitutio de Ecclesia sich selber?

Die Antwort: Die Kirche will künftig stärker gesehen werden in ihrer ganzen elementaren Dynamik! Die Kirche will sich künftig stärker als bisher orientieren wir gebrauchen unseren Ausdruck am neuesten Zeitenufer. Nicht so, als wenn sie ständig nur stehen bleiben wollte beim alten Zeitenufer, nein, nein, beides wollte sie: rückschauend vorwärts blicken.

Rückschauend: die festen Fundamente der Kirche bejahen, (die) wesentliche Sendung der Kirche für alle Zeiten, wie sie von Anfang an gesehen, vom Heiligen Geist mitgeteilt, unerschütterlich festhalten. Aber sich gleichzeitig bewusster orientieren an den großen, großen Ereignissen, am Gestaltwandel der Zeit, orientieren am neuesten Zeitenufer. Die Folge davon, fast möchten wir sagen: in der Gesamtkirche eine Art Revolution, eine starke Bewegung: weg von überspitzter traditioneller Auffassung, hin und hinzu zu einer fortschrittlicheren Auffassung!

Zwei Momente, zwei Elemente dieser neuen Auffassung wollen wir hier besonders un-terstreichen.

Zunächst: Bisher hat die Kirche sich mehr tragen lassen von dem Gedanken, von der Überzeugung: Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam. Kirche ein Fels. Ein Fels inmitten des Gewoges der Zeit, ein Fels und wer Heil erhalten will von Gott, der muss den Weg finden hin zu diesem Felsen. Deswegen eine gewisse Isolierung der Kirche aus dem Gewoge der modernen Zeit.

(Die) Kirche stand und steht heute fast so wagt man vielfach zu sagen wie ein erratischer Block dorten. Ein Block, vereinsamt, Welt um sie herum. Anstatt dass sie hinzupilgern sich bemüht zu diesem Felsen, bewegt sie sich ständig mehr und mehr davon weg in die Ferne hinein. Deswegen stärkere Dynamik, weg von dieser starren Art des Konservativen, sondern mehr Dynamik! Wenn man schon stehen bleiben will oder wollte bei dem Bilde eines Felsens, dann muss die Kirche sich bemühen, diesen Felsen selber hineinzubewegen in die moderne Welt; darf also nicht stehen bleiben, oder wenn schon stehen bleiben, dann aber gleichzeitig beweglich sein.

Wir ahnen, was das besagt: eine ganz starke Wandlung im kirchlichen Denken. Wenn wir ansonsten so häufig den Vorwurf gehört haben: Schönstatt verletzt das Sentire cum ecclesia (Fühlen mit der Kirche), dann natürlich die große Frage: Wie empfindet die Kirche sich denn selber? Wenn die Selbstauffassung der Kirche sich wandelt, dann muss auch das Sentire cum ecclesia sich wandeln. Wenn also die Kirche sich nunmehr sieht stärker als bisher inmitten des Gewoges, inmitten der Stürme, der Zeitenstürme, hingeordnet hin zum neuesten Zeitenufer, sentire cum ecclesia besagt dann: wir müssen der Auffassung der Kirche folgen, müssen uns gleichschalten dieser Auffassung. Weg also von der übertriebenen Festhaftung am Alten! Mitten hinein in das Gewoge der Zeit! Sentire cum ecclesia! Das besagt, das beinhaltet das Axiom: Sentire cum ecclesia.

Um aber noch einmal den skizzierten Gedanken zu klären, zu vertiefen, wollen wir uns daran erinnern, dass die Kirche neuerdings andere Bildzeichnungen von sich selber bevorzugt als die früheren. So möchte sie gerne aufgefasst werden als ein Schiff. Das ist das Schiff, das damals über den See Genesareth hin und her sich bewegte. Ein Schiff, ein Schiff, in dem der Herr sitzt, wenn er auch manches mal zu schlafen scheint. Ein Schiff, das sich nicht fürchtet vor dem Wogendrang. Ein Schiff, das mutig hineinstößt in die wogende See des heutigen verworrenen und verwirrten Lebens. Wiederum dynamische Auffassung der Kirche, wiederum das starke Drängen: die ganze heutige Welt soll von der Kirche berührt werden.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

Back

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen