EK2004-90 – Eine Kirche, die um Vergebung bitten kann

EK2004-90 – Eine Kirche, die um Vergebung bitten kann

Aus: J. Kentenich, Vortrag vor Priestern, 10.2.1968.

Es geht hier tatsächlich um eine ganzheitliche Wende. Ja, wem müssen wir uns nun anpassen? Ich sage: an erster Stelle der kirchlichen Auffassung. Kirchliche Auffassung gemeint der Selbstauffassung der Kirche, wie sie durch das, Konzil und durch nachkonziliare Bestrebungen zum Ausdrucke kommt.

Auffassung der Kirche von ihrer Unfehlbarkeit und ihrer Unsündlichkeit! Ja, wie hat die Kirche von gestern ihre Unfehlbarkeit aufgefasst? Wie hat die Kirche von gestern ihre Unsündlichkeit aufgefasst? Jetzt müssten wir an sich studieren, überlegen, eigene Erfahrungen, Beobachtungen zu Rate ziehen, in alte Bücher uns hinein vertiefen. Aber es genügt zumal wenn wir, die wir älter sind, an unsere eigene Jugend uns erinnern. War das denn nicht so, gewiss, theoretisch, theologisch exakt hat man wohl gesagt, wann der Papst unfehlbar sei aber war das denn nicht doch praktisch so, dass alle Äußerungen des kirchlichen Amtes in Bausch und Bogen vom normalen Katholiken als absolut bindend, so etwas als unfehlbar aufgefasst wurden? Nun müssen Sie tasten, das ist ja alles nur ein Suchen und ein Versuchen.

Und mit der Unsündlichkeit, ja, das hat man wohl immer gesagt. Denken Sie nur an den alten Beweis, den wir früher auch alle wohl gelernt haben: Einer der tragfähigsten Beweise für die Göttlichkeit des Christentums – was ist das? Die Schwäche der Hirten, die Schwäche der Hierarchie. Was ist aber hier gemeint? Persönliche Schuld! Aber zugegeben, dass die Kirche auch in sündiger Weise gefehlt durch Bestimmungen, die sie erlassen, wer hat gewagt, so etwas zu sagen, so etwas zu denken! Sicher, im Hintergrunde hat man sich damit auseinandergesetzt, aber die allgemeine Meinung: die im wesentlichen „unfehlbar“. Jetzt müssen Sie „unfehlbar“ in Anführungszeichen setzen! Deswegen auch: was sie bestimmt, das ist zweifellos richtig. An Sünde in Bestimmungen ist nicht zu denken. Der einzelne Mensch, der mag gesündigt haben.

Und jetzo ich meine, jetzt sollte ich ein wenig stehen bleiben bei dem Ausdruck der Unfehlbarkeit. Es war vor ein paar Tagen, (da) war unsere Schwester Miriam zum Professor Haag eingeladen nach Trier. (Er) habe ihr Buch gelesen über unsere Pädagogik, war sehr interessiert an allem, und (sie) haben dann ein langes Gespräch gehabt miteinander. Unter anderem meinte er, wir haben alle in der Kirche eine ganz falsche Auffassung von Unfehlbarkeit. Ja, wie sieht denn die neue Auffassung von Unfehlbarkeit aus? Muss schon sagen, die hat sich nicht durchgesetzt, ist aber daran, sich durchzusetzen. Hängt aber alles zusammen, das müssen Sie immer festhalten mit der totalen Abhängigkeit vom Heiligen Geist. Hier tritt immer in den Hintergrund mehr und mehr das Menschliche, auch selbst das Menschliche bei der Regierung der Hierarchie, auch das Menschliche, das Sündhafte auch in Bestimmungen.

Wissen Sie, was die Bestimmungen angeht, ich erinnere mich gut, wie eine von den Unseren, eine von unseren Schwestern bei dem Privatsekretär von Ottaviani einmal geltend machte, es hätte die Kirche mir doch schrecklich unrecht getan, wäre doch endlich am Platze, dass das wieder gutgemacht würde. Antwort: Das tut die Kirche nicht! Was tut die? Die tut nachher, als wenn nichts gewesen wäre. Verstehen Sie, das sind ja Dinge wenn Sie jetzt zurückschauen (und denken) an all das, auch was man etwa sagt von Zwingli, wie man die alle behandelt hat! Nun ist ja an sich offiziell ein Akt der Sühne geleistet durch den Papst, also wo er Sühne leistet, zugestanden, was die Kirche selber gefehlt hätte!

Sehen Sie, noch einmal: Was versteht man heute noch nicht? Was ist also neu am Werden unter dem besagten Gesichtspunkte unter Unfehlbarkeit? Für unseren Zweck darf ich unterscheiden: Unfehlbarkeit im weiteren Sinne des Wortes und Unfehlbarkeit im engeren und engsten Sinne des Wortes. Im engsten Sinne des Wortes, nun, da gilt das, was wir alle ja wissen: Papst unfehlbar, wenn, wenn, wenn, wenn … Ich meine, das brauche ich ja nicht hervorzuheben.

Aber im weiteren Sinne des Wortes, was wir uns da vergegenwärtigen müssen? Eigentlich das, was ich eben schon gesagt habe: Der Heiland hat sich mit seiner sündigen Braut vermählt, und der Heiland sorgt unfehlbar dafür, dass diese sündige Braut ihr Ziel erreicht; sorgt dafür, dass wir ihn in der Kirche finden und von der Kirche uns alles in ausnehmender Weise schenken lassen, was für unser ewiges Seelenheil vorbereitet und gedacht ist. Verstehen Sie, um was es hier geht? Was ist hier eingegliedert? Alle Menschlichkeit im Raume der Kirche. Der Geist Gottes, der Geist Christ wird dafür sorgen, dass all das letzten Endes uns zur Heilsgeschichte wird.

Jetzt müsste ich eigentlich wieder zurückgreifen zu dem, was wir so sehr gedrängt in der Weihnachtstagung gesagt, wo wir unterschieden haben: auf der einen Seite wissenschaftliche Durchforschung und auf der anderen Seite gläubige Hingabe.

Weltgeschichte als Heilsgeschichte, Heilige Schrift Heilsgeschichte! Was heißt das? Geschichte unseres Heils! Der ewige Vater hat seinen Sohn auf die Erde gesandt, damit wir durch ihn erlöst würden und zu ihm, dem Himmelsvater, den Weg wieder finden. Sehen Sie, das ist Unfehlbarkeit im weitesten Sinne des Wortes: Wir werden unfehlbar unser Ziel erreichen auf der ganzen Linie, Lebensgeschichte eine Heilsgeschichte! Wenn wir uns in Christus dem Dreifaltigen Gott immer wieder neu ausliefern.

Heilsgeschichte! Wenn Sie sich einmal an diese Denkweise gewöhnen, dann werden Sie merken, mit wenig Ausdrücken können Sie alles wiedergeben, dürfen aber nicht vermeinen, die wenigen Ausdrücke würde gleich jeder verstehen. Die müssen wir tausende und tausende Male wiederholen.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen, vielleicht auch mit Recht: Ist es denn so unfehlbar? Ja, selbstverständlich muss ich auch mitwirken! Aber hier ist die Hauptsache: Wer hat das alles zu tun? Wer? Nicht ich! Wer? Der lebendige Gott hat das zu tun! Sicher, der braucht mich als Werkzeug. Der mich erschaffen ohne mich, erlöst (mich) aber nicht ohne mich. Sehen Sie, das gibt eine so tiefe Auffassung von Kirche, von der Religion, das ist halt die Auffassung von Unfehlbarkeit, die sich heute mehr und mehr durchsetzt.

Freilich, viele Dinge müssen neu durchdacht werden, viele Dinge neu durchdacht werden auch dorten, wo es sich dreht etwa um die Unfehlbarkeit des Papstes. Und wenn die Kirche als Ganzes etwas tut, was ist dann im einzelnen zu sagen von der Unfehlbarkeit? Für uns mag es genügen, so dünkt es mich, wenn wir den Ausdruck Unfehlbarkeit versuchsweise so zu deuten trachten, wie e das jetzt dargestellt habe. Verstehen Sie unsere Ausdrücke: Mater perfectam habebit curam! Besagt ja genau dasselbe. Sicher, wir wiederholen das, wir sagen das; aber, die ganze Welt die dahintersteckt! Wer von uns hat es denn je so tief gefasst und erfasst? Deus providebit! Wir können ja so viele Ausdrücke aus der Hirtentasche herausnehmen, besagen uns in alleweg immer wieder dasselbe.

Wenn wir nun weiter überlegen: der Gedanke der Sündigkeit! Das sind ja die beiden Gedanken, die wir in den Vordergrund gestellt haben, die wir neu durchdenken müssten. Ich sage, neu durchdenken! Einer von unseren Herren, der in Münster ist, hat mir heute morgen erzählt, wie sich Rahner drüben gäbe; doziert dort ja. Darstellung: Der hält fest an allen Dogmen, kümmert sich nicht sonderlich um die Begründungen, sondern sucht sie nur verständlich zu machen. An sich eine weise Art! Kirche ist ja in Heilsangelegenheiten, zumal wo regelrechte Definitionen sind, unfehlbar. Was bedeutet das also? Wir müssen nur sehen, dass diese Dinge auch in entsprechender Weise heute neu verstanden werden können. Sei dahingestellt.

Nun ein Wort über die Sündigkeit der Kirche, nicht wahr, Sündigkeit in dem Grade oder in der Art, wie ich das eben dargestellt habe. Wie darf ich das dann darstellen, wie darf ich das dann auffassen? Ich meine, es wäre nicht gewagt zu sagen: Dadurch, dass man praktisch Jahrhunderte lang die Kirche in bekanntem Sinne als unsündig aufgefasst, hätte man der Kirche mehr geschadet, als man es heute tut, wenn man die Sündhaftigkeit der Kirche übertreibt.

Müssen Sie überlegen, ob das stimmt. Eine Reform der Kirche ist natürlich unmöglich, wenn die Kirche sich selber als unsündlich, als unfehlbar so in dem Sinne, wie ich das eben dargestellt habe hält.

Darum, wir haben ja ansonsten schon des öfteren gesprochen von den Runzeln der Kirche, auch im ersten Exerzitienkurs dargestellt, wie es Historiker gibt, die vielfach nichts anderes kennen, wenn sie die Kirchengeschichte dozieren, als die Runzeln der Braut Christi. Gegensatz! Gerade weil an sich auf der anderen Seite alles glorifiziert wird, deswegen auf dieser Seite auch auf der ganzen Linie, nur die Runzeln und Schwächen. Wir müssen nach der Richtung ehrlich bleiben, auch ehrlich uns selber gegenüber bleiben. Nun hat ja die Kirche im Papst Sühne geleistet. Was wir uns aber im besagten Zusammenhange einprägen sollten und müssten, das ist halt der Gedanke: Die Reformbedürftigkeit der Kirche sollten wir immer im Auge haben und behalten und dann überlegen: Wie können wir die Hindernisse entfernen, damit der Heilige Geist überall das Ruder in die Hand nimmt? Was können wir dafür tun, damit das Wort wahr wird: „Bisher hab‘ ich am Steuer selbst gesessen … Lass, Vater, endlich ganz die Kehr mich finden!“ Sehen Sie, das sind ja alles Ausdrücke, die das wiedergeben, was die Kirche durch das Konzil en masse will und was die nachkonziliare Kirche auch auf der ganzen Linie zu verwirklichen trachten muss.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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