GdL-1946-04 Heimweh – Heimfinden – Heimführen

GdL-1946-04 Heimweh – Heimfinden – Heimführen

Aus: Das katholische Menschenbild – Rottenmünster 1946

Was will die apokalyptische Zeit? Die Auserwählten beschleunigt reinigen und läutern, sie lösen und lenken zum Vatergott. Das ist der Sinn des Weltgeschehens vom Vater aus.

Wie stelle ich mich dazu? Wenn ich eingehe auf diese Absichten Gottes, wenn ich die Machtstellung Gottes anerkenne und objektiv seine Warnung annehme, ist diese Zeit für mein Leben, für die Geschichte der mir Anvertrauten, für die Geschichte meines Volkes eine beschleunigte Heimkehr zum Vater.

Ein dreifaches schließt dieses in sich:

1. ein beschleunigtes und sieghaftes Heimweh nach dem Vatergott.
2. ein beschleunigtes und sieghaftes Heimfinden an das Herz des Vaters.
3. ein beschleunigtes und sieghaftes Heimführen zum Vatergott.
1. Ein beschleunigtes und sieghaftes Heimweh.

Alles Geschehen soll die Sehnsucht nach Gott wecken. Gott verlangt Heimweh, wenn er uns heimholen soll. Wir nennen es ein sieghaftes Heimweh. – Fühlen wir uns nicht glücklich wenn wir mit Menschen zu tun haben, die Heimweh nach Gott haben? Was muß nicht alles überwunden werden an teuflischen Einflüsterungen, bis wir den Blick richten können auf Gott. – Es dreht sich um eine apokalyptische Zeit, deshalb beschleunigtes Heimweh. Wenn Gott uns liebe Menschen nimmt, wenn er unsere Häuser einstürzen läßt, was bedeutet das? Wir sollen gelöst werden von den Dingen, sie an zweiter Stelle sehen und die Anhänglichkeit zurück zu Gott lenken. So viel Plunder soll entfernt werden und unser ganzes Sein hineingezogen werden in die Unendlichkeit.

Habe ich dieses Heimweh? Selig, die dieses Heimweh haben! Hunger und Durst nach dem Ewigen, Sehnsucht nach Gott ist immer schon Erfüllung, ist Liebe Gottes, ist Besitz Gottes. Oder muß ich fürchten, daß die Mißverhältnisse dieser Zeit mich Gottabgewandt gemacht haben, ist es ein Vergafftsein in die irdischen Dinge? Dann muß ich fürchten, daß ich zu den verworf nen gehöre.

Ob das deutsche Volk ein verfluchtes Volk ist? Wehe, wenn es so wäre. Wenn wir ein verworfenes Volk sind, dann ist es klar, daß wir bei einer solchen Situation das Heimweh nach Gott nur in einem geringen Masse konstatieren können.

Dieses sieghafte Heimweh soll werden

2. zum sieghaften Heimfinden zu Gott, an das Vaterherz Gottes.

Es bedeutet: Jede Kleinigkeit findet mich auf dem Wege zu Gott. Bei allen Geschehnissen legen wir die Leiter an für den Verstand, für das Herz und steigen empor und finden Gott, den Gott des Lebens, überall auf den Zinnen der Ereignisse. Alle Dinge und alles Geschehen benütze ich, um Gott zu entdecken, aus Liebe heraus mit ihm zu sprechen, die Opfer zu bringen, die er von mir erwartet und verlangt. Der Heiland sagt: „Der Vater reinigt die Rebe, damit sie ihre Frucht bringen kann“. Ich muß zu Gott finden, und wenn ich bei Gott bin, muß ich auch angeregt werden, fruchtbar zu sein für das Reich Gottes.

Für Gemüt und Praxis: Wir kennen vielleicht die Erzählung. Der Vater des Kindes ist Arzt. Er erklärt seinem Kinde: Du bist krank und mußt operiert werden. Ja, Vater, sagt das Kind. Es wird operiert, ohne chloroform – doch der Vater ist es und wird das Rechte wissen. Das Messer schneidet in das Fleisch, ein Wimmern und Klagen des Kindes – es tut ja weh! – aber: Vater, du hast mich ja lieb!

Wenn wir überzeugt sind, daß alles was kommt, vom Vater ist und eine Beschleunigung bedeutet der Heimholung zum Vater, das ist eine gesicherte Haltung allen Situationen gegenüber. Nun mag kommen was will, ich weiß, alles ist sicher. Das ist das Heinfinden des Gotteskindes zum Vatergott.

Haben wir so heimgefunden, ruhen wir so am Herzen Gottes, dann ist es selbverständlich, daß es sich bemerkbar macht im

Heimführen zu Gott.

Ich führe die mir anvertrauten durch dick und dünn zum Vater. Ich tue das nicht nur verstandesmäßig, sondern dem Herzen nach, dem Leben und der Liebe nach. Und ich weiß, alles Geschehene von mir aus gesehen, ist eine Beschleunigung des Heimwehs und Heimfindens und Heimführens zum Vater. Wenn wir das alles nicht sehen wollen, vergessen wir doch das eine nicht: „Jerusalem, Jerusalem! Wie eine Henne ihre Küchlein habe ich dich um mich versammelt, du aber hast nicht gewollt!“

Könnten wir doch unser Volk heimführen zu Gott!

Erste große Heimsuchung 1914-1918 – hat sie ihren Zweck erreicht bei mir und meinem Volk? Es mußte eine zweite große Heimsuchung komrnen. 1935-1945. „Jerusalem, Jerus.!“ Wie eine Henne ihre Küchlein habe ich dich um mich versammelt, du aber hast nicht gewollt!“

Das deutsche Volk hat nicht wollen! Israel hat Gott gemordet. Und unser Volk, das diesem so ähnlich ist, hat es nicht auch Gott gemordet? Ist nicht all das, was hinter uns liegt, ein einziger großer Christus- und Gottesmord gewesen? War es nicht ein wahnwitziges Hinausschreien – sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Gottes Weisheit und Barmherzigkeit hat noch kein Ende gefunden. Er scheint ein drittesmal eine Heimholung zu versuchen. Jerusalem, Jerusalem! Gott bläst noch einmal zum Saaeln!

O daß wir es alle hören wollten, das ernste und tiefe Wort von der Heimholung, vom Heimweh und von Heimfinden in dieser apokalyptischen Zeit.

Aus: Das katholische Menschenbild. Religiös-pädagogische Vorträge von P. Josef Kentenich in Rottenmünster, 1946, 29. April – 1. Mai, S. 28-30

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