GDL-1949-10 Göttlich schöpferische Resultante in der Geschichte

GDL-1949-10 Göttlich schöpferische Resultante in der Geschichte

Aus; Oktoberbrief 1949

Wundt spricht in seiner mehrbändigen physiologischen Psychologie vom „Prinzip der schöpferischen Resultante“. Das Wort stammt aus einer positivistischen Zeit. Er will damit sagen, dass jede seelische Tätigkeit von der einfachsten Anschauung und Auffassung bis zum verwickeltsten Urteil und Willensentschluss und bis zur kraftvollsten Tat den einzelnen konstituierenden Elementen gegenüber einen Überschuss enthält, der nicht in den Komponenten enthalten ist. Füglich – so schlussfolgert er – muss die Resultante mehr sein als die Summe der Komponenten. Sie muss die Wirkung eines schöpferischen Prinzips mit schöpferischer Tätigkeit sein. Damit wollte er vorsichtig auf die geistige Seele und ihre schöpferische Kraft hinweisen.

Diese schöpferische Resultante lässt sich sinngemäß ohne weiteres auf das Weltgeschehen, auf Sein und Wirken eines jeden Menschen, vornehmlich großer Führerpersönlichkeiten, anwenden. Nur müssen wir nach dem Gesetz des hinreichenden Grundes hinter schöpferischer Resultante nicht die menschliche Seele, sondern den lebendigen Gott erblicken, der die gestaltenden Faktoren der Persönlichkeit und Geschichte bestimmt, fügt und ordnet. Er tut es mit spielender Leichtigkeit, mit souveräner Freiheit und Freigebigkeit, er gebraucht, ordnet und mischt sie, wie der gewandte Spieler die Karten. So spricht das Buch der Weisheit von der künstlerischen Schöpfertätigkeit und vom Ergötzen Gottes:

„Ich war ihm (Gott) zur Seite als vertraute Freundin und diente zur Ergötzung Tag für Tag und spielte vor ihm jederzeit – und spielte drunten in der Welt, und diente zur Ergötzung den Menschenkindern.“1

Mommsen gestand bei Gelegenheit dem katholischen Kirchenhistoriker Franz Xaver Kraus, er habe sich nicht an den 4. Band seiner berühmten römischen Geschichte gewagt, weil die nicht zu leugnende außergewöhnliche Wandlungskraft, womit das Christentum die tausendjährige römische Kultur durchdrungen und umgestaltet, sich nicht auf seine Geschichtskategorien zurückführen ließe. Es fiel ihm offenbar zu schwer, die schöpferische Resultante auf den Einbruch des Göttlichen und Ewigen in das Irdische und Zeitliche – in die römische Geschichte – zurückzuführen. Das ist dieselbe Resultante, der wir beim Studium der Schönstattgeschichte so oft begegneten, auf die wir uns berufen, wenn wir Schönstatt ein ausgesprochenes Werk und Werkzeug in der Hand Gottes nennen, die wir meinen, wenn wir hinweisen auf die Geringfügigkeit der Werkzeuge, die Größe der Schwierigkeiten und der Erfolge.

Wie in der Geschichte, so lässt sich diese schöpferische Resultante in jedem edlen Christenleben verfolgen. Sie tritt uns darin entgegen bei Überprüfung der besagten mitformenden Faktoren. Dasselbe gilt in erhöhtem Maße von großen Führerpersönlichkeiten. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer providentia divina specialis et specialissima.

Vor allem gibt die schöpferische Resultante die einzig mögliche, die allein befriedigende und befreiende Klärung und Deutung der Gesamtpersönlichkeit geschichtlicher Größen. Sie sind schlechthin eine neue Welt, ein neuer Gottesfrühling, eine neue Schöpfung, die aus rein historischem Boden – aus Umgebung und Vererbung – nicht erklärbar ist. Das wäre nur dann angängig, wenn wir eine generatio aequivoca annehmen dürften. Die aber widerspricht anerkannten Lebensgesetzen. Sie ist in diesem Falle ebenso unmöglich, wie es undenkbar ist, dass aus dem Schlamme ohne jeglichen Lebenskeim urplötzlich neues Leben entsteht.

Alle obengenannten Faktoren mögen noch so günstig gelagert und reichlich vertreten sein, sie mögen sich wundersam verbinden und ergänzen: sie sind und bleiben nur mithelfende Kräfte, erklären aber keineswegs vollwertig das Genie, am wenigsten in seiner religiösen Prägung. Man mag hinweisen auf ererbte wertvolle Anlagen von den Eltern – etwa wie man das gegenwärtig im Goethejahr tut beim deutschen Dichterfürsten; man mag sich auf denkbar günstigste innere und äußere Verhältnisse, auf den Deus ex machina des Milieus berufen – wie im angezogenen Fall bei Goethe zum Unterschied von Schiller. Es bleibt doch ewig wahr: Solche Analyse mag nachträglich mancherlei verständlich machen, keineswegs aber bringt ihre Synthese das Genie hervor. Andernfalls wäre es leicht, die kommende Größe eines Menschen oder einer ganzen Sippe von vornherein zu prophezeien. Nein, Gott ist es. Er ist es allein, der den brennenden Dornbusch großer Persönlichkeiten anzündet. Er steht hinter der schöpferischen Resultante, die in ihnen wirksam ist. Sie sind ein besonderes Gottesgeschenk an die Menschheit. Es kann erbeten, es kann verscherzt und abgelehnt werden: immer aber bleibt es ein freies Geschenk des Himmels an die Erde. Wehe der Zeit, die sich ihrer unwürdig macht, die ihre Propheten steinigt oder nicht hören will, die ihre Schuhe nicht auszieht und sich nicht ehrfürchtig beugt vor ihrer Größe und ihrer Sendung!

Wie bei großen Menschen tritt nicht selten die schöpferische Resultante bei außergewöhnlichen Ereignissen so klar in Erscheinung, dass jedermann sich demütig davor beugt. Das ist dann besonders der Fall, wenn es sich um Rettung aus großen Gefahren handelt, aus denen es menschlich gesprochen kein Entrinnen mehr gab, oder um außerordentliche, greifbare Erfolge. Die Geschichte aller christlichen Völker weiß davon ein Lied zu singen. Auch unsere Familientradition kann manchen Beitrag liefern.

Es mag ferner vorkommen, dass man unter der Qual unerwarteter Unglücksfälle Gottes wuchtende, aber auch geheimnisvoll segnende Hand deutlich spürt. Als die glänzende spanische Armada, die England bedrohte, vom Sturm zum Teil vernichtet, zum Teil zerstreut wurde, erklärte das stolze Albion: Insufflavit Deus et dissipati sunt2. Philipp II. sagte zur selben Zeit dem unglücklichen Generalissimus der spanischen Flotte beruhigend: „Ich sandte Sie gegen Menschen und nicht gegen Gott ins Feld.“

Häufig treten große Persönlichkeiten im Rahmen großer Geschichtsepochen auf. Beide scheinen einander zu bedingen. Auch darin zeigt sich wiederum Gottes Weisheit und Güte. Auf größere Bedürfnisse gibt er eine gleichgeartete Antwort. In Zeiten der Wende fassen die großen Pfadfinder der Menschheit die schöpferischen Kräfte der Vergangenheit in Person und Werk zusammen. Sie überwinden die Gegenwart mit ihren Nöten und Krisen und nehmen die Zukunft in origineller Weise vorweg. Sie sind das Abendrot der Vergangenheit, die Blüte der Gegenwart und das Morgenrot der Zukunft – ähnlich wie Dante, der der letzte mittelalterliche und der erste Renaissancemensch genannt werden kann, weil er die Haltungen von beiden Typen in sich und seinem unsterblichen Werke verkörpert. Da sie ihrer Zeit weit voraus sind, werden sie vielfach zu Lebzeiten nicht verstanden. Sie müssen mit Verkennung und Verachtung rechnen. Verständnis und Gerechtigkeit, Rechtfertigung und Anerkennung dürfen sie meist erst nach ihrem Tode erwarten.

Es wird später zu untersuchen sein, wie weit diese Charakteristik großer Menschen auf Pallotti zutrifft und wie weit wir ihm Abbitte leisten müssen.

1 Spr 8,30 f.
2 d.h. Gott hat sie nicht gehindert, und sie wurden zunichte.

Aus:
Pater Josef Kentenich,
Oktoberbrief 1949,
Ein Beitrag zum christlichen Auftrag: Neuer Mensch
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
ISBN: 978-3-920849-01-0
S. 33 – 37

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