GdL-1950-12 Anfang Schönstatts – Gottes Plan

GdL-1950-12 Anfang Schönstatts – Gottes Plan

Aus: Bundestagung 1950

In Schönstatt dreht es sich – wie gesagt – um eine Kugel, eine große geheimnisvolle Kugel, nicht bloß etwa um einen Punkt, um einen Kreis, um eine Fläche, sondern um eine Kugel, eine geheimnisvolle Kugel. Letzteres besagt, daß Schönstatt nicht so leicht verständlich ist. Wann kann ich eine Kugel überschauen? Wenn sie des öfteren vor meinen Augen umgedreht wird, wenn ich genügend Abstand habe. Einen Kreis kann ich schneller überschauen. Wenn ich nun sage, es handelt sich hier um eine große, mehr noch, um eine geheimnisvo]le Kugel, sehen Sie, dann müssen wir natürlich darauf bedacht sein, wieder und wieder die Kugel umzudrehen, müssen bedacht sein, die geheimnisvolle Schrift zu entziffern. Und weil das eine geheinnisvolle Schrift ist, die auf der Kugel gezeichnet ist, dauert es sehr lange, bis man die ganze Kugel entziffert hat. Seit 1914 existieren wir, rund 40 oder doch 36 Jahre. Da können wir immerhin schon auf eine geraume Zeit zurückschauen und manche Ziffern und Zeichen auf der Kugel entziffern. Und es wird sicher für uns eine große Ereude sein, aufmerksam zu prüfen: Was hat uns denn der liebe Gott schon entziffert? So verstehen Sie das Wort: Es handelt sich um eine große geheimnisvolle Kugel. Weiter heißt es:

– – in der Hand Gottes. Das will besagen: niemand von uns hat diese Zeichen auf die Kugel gemalt, Gott hat sie selber gemalt. Von Ewigkeit her war diese Kugel geplant. Was steht am Anfang Schönstatts? Nicht menschliches Klügeln, nicht menschliches Denken und Tollen, sondern am Anfang steht in ganz ausgesprochener Weise Gottes Wunsch, Gottes Plan. ln der Gründungsurkunde finden Sie diesen Gedanken sehr stark markiert. Dort heißt es u.a.: „Wer die Geschichte unserer Kongregation kennt, dem fällt es nicht schwer, zu glauben, daß die göttliche Vorsehung noch etwas besonderes mit uns vorhat.“ Verstehen Sie das Wort? Welcher Glaube steht also hier im Hintergrund? Die göttliche Vorsehung hat Sch. geplant, und der Mensch hat weiter nichts zu tun, als im einzelnen nachzutasten und nachzuprüfen: Wie sehen denn die Wege der Vorsehung aus? Was für geheimnisvolle Zeichen hat Gott auf die Kugel gemalt? Nicht, als ob am Anfang der Mensch mit seiner Eigentätigkeit stände. Am Anfang stand und steht Gott. Und des Menschen Tätigkeit besteht immer darin, nachzutasten, was die göttliche Vorsehung geplant und wieviel vom Plan entschleiert worden ist Deswegen ist Sch. eine große geheimnisvolle Kugel in der Hand Sottes, nicht in der Hand des Menschen, – von Gott von Ewigkeit her geplant.

Bleiben Sie hier noch ein wenig stehen. Irgendwo – es soll meinetwegen in Chile sein – hört jemand von Schönstatt und sagt: das mache ich auch einmal. Er sammelt junge Menschen, schaut nach dem Buche: „Unter dem Schutze Mariens“ und macht alles genau so, wie es darin aufgezeichnet ist. Wir nehmen an, es finde sich eine noch viel heroischere Jugend, die noch viel mehr Opfer brächte. Muß ich dann sagen, füglich wird nachher auch dasselbe Werk zustande kommen? Können wir im voraus sagen: die Wirkung wird dieselbe sein? Wissen Sie, wo hier der Denkfehler liegt? Hier wird vorausgesetzt, daß das ganze Werk Menschenwerk ist. Am Anfang kann man es auch noch nicht wissen, was später wird. Ich kann also nicht sagen, ich mache dasselbe und in absehbarer Zeit haben wir die gleiche Wirkung.

Wir dürfen jedenfalls aus Überzeugung sagen: in Sch. steht eine große geheimnisvolle Kugel vor uns, die von Ewigkeit geplant ist. Unsere Grundeinstellung war von Anfang an ein überaus ehrfürchtiges Suchen und Tasten. Deswegen heißt es in der Definition: Von Ewigkeit geplant, in der Zeit seinen Werkzeugen stückweise entschleiert Das ist nicht so, daß uns im Traum einmal entschleiert wurde, wie die Kugel im einzelnen aussieht. Es wird von uns ein ständiges Geöffnetsein verlangt für Gottes Fingerzeige, für Gottes Malerei. Nun kommt das Originellste von Sch. – es sind das Gedankengänge, die den Alten überaus vertraut sind: sehen Sie, der liebe Gott hat uns niemals eine Vision geschenkt, durch die er uns seinen Plan zeigte, auch keine visionären Träume, wie seinerzeit Don Bosco sie hatte. Der liebe Gott hat eine andere Erkenntnisquelle für uns geöffnet, aus der wir immer geschöpft haben. Was ist das für eine Erkenntnisquelle? Das ist der Vorsehungsglaube – oder wie Paulus sagen würde, das Gesetz der geöffneten Tür. Der liebe Gott hat uns immer wieder eine Tür geöffnet. Ich zeige es Ihnen nachher an der Geschichte. Wenn Sie das auf sich anwenden, wächst in Ihnen ein ausgesprochenes Standesbewusstsein. Es ist nicht so, daß der liebe Gott uns die Tür immer sperrangelweit aufgemacht hat, meist hat er nur eine kleine Luke geöffnet. Und darin besteht das Meisterstück: aus der kleinen Lucke die Absicht die Absicht Gottes heraus zu spüren, den Mut zu haben, durch diese Lucke hindurch zu schlüpfen. Lesen Sie bei Paulus nach, er sagt uns selber, daß das Gesetz der geöffneten Tür die Norm für sein Handeln geworden ist. Er hatte ein einziges großes Ziel: Omnia instaurare in Christo, die Welt soll Christus zu Füßen gelegt werden. Das war das groBe Ziel, und wie hat er diesem großen Ziel seine Lebenskraft geweiht und gewidmet! Was hat er im einzelnen getan? Der liebe Gott hat ihm jeweils das Türchen aufgemacht. Sollte er nach Rom, nach Spanien usw.? Da ist kein Engel vom Himmel gekommen und hat es ihm gesagt. Nur die Verhältnisse haben es ihm gezeigt. Bei Paulus war es fast das Normale in seinem Leben: wenn er durch die Tür geschlüpft war, gab es Revolution, dann wurde er verprügelt und mußte sehen, ob nicht irgend eine andere Spalte der Türe geöffnet war, durch die er wieder hindurch schlüpfen konnte. Und am nächsten Ort ging es ihm wieder so. So wurde er der große Vagant des Lebens. Er hat sein Leben geordnet nach dem Gesetz der geöffneten Tür. – Sie werden nachher sehen, das ist das Gesetz, nach dem der liebe Gott auch uns geführt hat. Von Anfang an haben wir ein großes Ziel vor Augen gesehen. Wie lautet dieses große Ziel? Ich darf Ihnen sagen: das ist nicht von Pallotti übernommen, das ist einfach eine mir von Jugend auf eingeborene Idee gewesen: Neuer Mensch und neue Gemeinschaft. Das ist die Zentralidee gewesen: Neuer Mensch und neue Gemeinschaft in universeller Prägung. Sehen Sie, das ist das gleiche Ziel wie bei Paulus. Was aber im einzelnen nun zu diesem Zwecke geschehen sollte, hat der liebe Gott immer – wie bei Paulus – dokumentiert und gezeigt durch die jeweiligen Verhältnisse. Deshalb ist bei uns das Gesetz der geöffneten Tür ein Stück Charisma, ein Stück Tradition. Schon allein wenn Sie die Vielgestaltigkeit und Vielfältigkeit der Ausdrücke auf sich wirken lassen, merken Sie, wie es sich hier um ein Zentralgeheimnis, um ein Charisma der Familie handelt. Der Gott des Lebens offenbarte uns seine Wünsche durch die Verhältnisse, doch nicht so, als wären die Verhältnisse sonnenklar gewesen. Auf der einen Seite war immer viel Licht, auf der andern Seite viel Dunkelheit. Darin lag und wird auch künftig der Heroismus liegen, daß man auf geringe Anzeichen hin durch eine Türe hindurchschlüpft und dort in dem Zimmer sich völlig einrichtet, bis der liebe Gott eine andere Tür öffnet.

Was ich Ihnen jetzt sage, werden Sie im nächsten Vortrag noch besser verstehen, weil wir uns jetzt Zeit nehmen, unsere Familie näher anzuschauen. Wir wollen das Gesetz der geöffneten Tür anwenden auf die ganze Entwicklung unserer Familie. Sie werden finden, die innere und äussere Struktur verdankt ihre Existenz dieser klaren Zielsetzung und dem Gesetz der geöffneten Tür. Sehen Sie, so sprechen wir mit Recht davon, daß wir nicht bloß den praktischen Vorsehungsglauben kennen, nein mehr noch, wir sagen, der praktische Vorsehungsglaube ist bei uns eine ausgesprochene Weltanschauung. Die Verhältnisse, die Seinsstruktur der Dinge sind für uns das Hauptkalendarium unseres Lebens. Daraus ermitteln wir den Wunsch Gottes. Vox temporis, vox Dei! Sie lesen in dem Zusammenhang einmal den Oktoberbrief, der u.a. von den geschichtsschöpferischen Persönlichkeiten spricht. Wir sprechen von geschichtsschöpferischen Persönlichkeiten, wenn es sich um Personen handelt, die die Pläne Gottes richtig deuten und sich schöpferisch mit dem Schöpfer-Gott in Verbindung setzen. So möchten wir alle geschichtsschöpferische Persönlichkeiten, vorsehungsgläubige Persönlichkeiten werden.

Aus: Bundestagung 1950, 26.-29. Dezember (E), Seite 64 – 69

verv.W, A 5, 135 S.

 

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