GdL-1952-05 Die Bedeutung des Vorsehungsglaubens für Schönstatt

GdL-1952-05 Die Bedeutung des Vorsehungsglaubens für Schönstatt

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form

Aus solchen Erwägungen ergibt sich, daß die Männer recht haben, die die Erziehung zum praktischen Vorsehungsglauben als eine zentrale Aufgabe der heutigen Seelsorge auffassen und nicht müde werden, gegen alle falschen Propheten zu eifern, die in Lehre und Leben bei blassen, abstrakten Ideen hängenbleiben, die – um ein Wort von Shakespeare zu wiederholen – »von des Gedankens Blässe angekränkelt sind(1)« und den Glauben vom Leben trennen.

Die Geschichte Schönstatts ist ein flammender Protest gegen solch bedenkliches und verderbliches Beginnen – bedenklich und verderblich beson- [53] ders heute, in einer glaubensschwachen Zeit, die beispiellose Glaubensproben zu bestehen hat. Der Vorsehvngsglaube hat sich in den verflossenen Jahren bei uns als Großmacht ersten Ranges bewährt; er hat sich als Fähigkeit, als Organ, ja als Trieb erwiesen, der von Anfang an nicht nur mit »göttlicher« Instinktsicherheit, sondern auch mit einem heiligen, mit einem unstillbaren Heißhunger überall auf der Spitze aller Dinge und Ereignisse – der größten und kleinsten, der bedeutungsvollsten und bedeutungslosesten, der lautesten und der leisesten – den Gott des Lebens gesehen und gesucht, ergriffen und umfangen, umarmt und festgehalten hat, um – ich gebrauche ein /

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Wort der alten Meister – »ständig Kommunion mit dem göttlichen Willen« zu feiern, die »Konsekration des Augenblickes(2)« vorzunehmen oder das »Martyrium des Vorsehungsglaubens« zu erleiden. Richtunggebend war dabei das Herrenwort: »Alle Haare eures Hauptes sind gezählt« (Mt 10,30) und der kurz geprägte Merksatz paulinischer Lehr- und Lebensweisheit: »Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten« (Röm 8,28).

Mit berechtigtem Stolz nennt sich deshalb das Kriegskind gleichzeitig Providentia-Kind per eminentiam(3), das sich überall von Gott und Göttlichem umgeben und umsorgt, erhoben und durchdrungen, geleitet und getrieben wußte und weiß, das – ähnlich wie die Gottesmutter – nicht müde wurde und wird, alle Worte, die der Vater durch geheimnisvolle Führungen und Fügungen, durch Verknotung und Entknotung von Verhältnissen und durch Seinsstruktur von Dingen und Menschen gesprochen hat, im Herzen zu bewahren und zu erwägen(4), bis es ganz in den rätselhaften Plänen Gottes zu Hause und von übernatürlicher Atmosphäre getragen war und ist – ohne deshalb den Boden unter den Füßen zv verlieren -, bis es sich von göttlichen Kräften durchrieselt wußte und weiß, um die eigene schwache Kraff, das armselige persönliche Können und Wollen damit zu vermählen, und von göttlichem Licht Leucht- und Wärmekraft erhielt und erhält – ohne deswegen die Vernunft zu verleugnen.

1. Hamlet, Monolog in 3,1.
2. Vgl. Jean-Pierre de Caussade, Von der Hingabe an die göttliche Vorsehung, Freiburg 41955, 24: „Sakramentalität des Augenblicks“.
3. Kind der (göttlichen) Vorsehung in hervorragender Weise.
4. Vgl. Lk 2,19.
1952, 13. Mai – 1952, 31. Mai (A)

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S.

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