GdL-1961-05 „Durchsichtigmachen“ von Zeitereignissen: Mondlandung

GdL-1961-05 „Durchsichtigmachen“ von Zeitereignissen: Mondlandung

Aus: Am Montagabend – Mit Familien im Gespräch, Bd. 21, 1. Mai 1961

Pater Kentenich Familien gegenüber:

Nun weiß ich nicht, was Sie so bewegt, wenn Sie die heutige Zeit auf sich wirken lassen. Sehen Sie, eine Zeitlang sind wir ja alle stark bewegt worden von all dem, was die Russen uns mitgeteilt haben von der Eroberung des Weltraumes. Sie wissen, wie das damals ausgedeutet wurde und heute noch von den Russen ausgelegt wird. Es heißt also praktisch: Da seht ihr halt, wir bringen das alles fertig; ohne Herrgott greifen wir alles, wir brauchen keinen Herrgott mehr! Also mit anderen Worten, diese Tatsache (der Weltraumeroberung), die tatsächlich eine Errungenschaft ist — wenn es stimmt —, wird ausgenutzt gegen Gott. (…)

Ich meine, jetzt wollen wir hier einmal stehenbleiben und überlegen: Was sagt uns der liebe Gott durch ein solches Ereignis?

Erstens, wiederum ein Wort von der Größe des menschlichen Geistes. Deswegen wollen wir uns auch selber wieder beugen: Was bringt der menschliche Geist nicht alles fertig! Aber deswegen nicht immer nur hängenbleiben beim rein Materiellen! — Sicher, wir müssen auch für das Irdische sorgen.

— Also, unseren eigenen Geist wieder mehr hochschätzen und uns selber beugen vor der Größe des Menschen!

So hat es einmal die Heilige Schrift ausgedrückt: O Gott, wie groß hast du doch den Menschen erschaffen! Nur ein klein wenig unter die Engel hast du ihn erschaffen.1

Also jetzt nicht immer nur das Tier in uns kultivieren, sondern auch den Geist kultivieren. Und erst, wenn wir daran denken, daß wir Kinder Gottes sind — nicht bloß “Engel”, sondern auch Kinder Gottes —, dann müssen wir sagen: Wir sind ja endlos groß! Wie groß ist doch der Mensch!

Also noch einmal, (wir wollen) festhalten: In uns steckt nicht nur ein Tier, in uns steckt nicht nur ein Engel, sondern wir nehmen auch teil am innertrinitarisch-göttlichen Leben.

Dann ein Zweites, was uns bei einem solchen Ereignis wohl innerlich bewegen kann. Ich sage Ihnen einmal, wie ich persönlich das ausgedeutet habe. Wir stellen uns jetzt einmal vor, der Mann sitzt in der Kapsel. Es geht höher und höher hinauf. Letzten Endes — ja sehr schnell — hat er die Anziehungskraft der Erde überwunden; dann (geht es) weiter und weiter, hinein in andere Welten.

Nun habe ich mir persönlich so gedacht: Das ist ja eigentlich der Sinn unseres Lebens. Was müssen wir (tun)? Auch die Welt überwinden, in die Kapsel hinein! Was für eine Kapsel ist das? Es ist schade, diejenigen, die das letzte Mal oder die letzten Male nicht hier waren, werden das weniger verstehen. Wir sind ja so klar ausgegangen von der Lehre des heiligen Johannes.2 Wer überwindet die Welt? Es ist genau dasselbe; der3 hat ja auch die Welt und Weltgesetze überwunden. Wir müssen also alle Welteroberer werden, auch wenn wir nachher in Washington nicht so gefeiert werden wie er. Das wollen wir ihm allerdings gönnen, nicht wahr.

Also bitte: Wer überwindet die Welt? Jetzt möchte ich fast wiederholen: Wer Platz in der Kapsel bekommt. Was ist aber jetzt die Kapsel? Wie hat der heilige Johannes uns gesagt? Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: euer Glaube.4 Euer Glaube, das heißt der Glaube an die Person Christi und an seine Lehre.

Wie heißt nun die Kapsel, in die wir hinein müssen? Hinein in den Glaubensgeist! Dann sind wir mit der Zeit nicht nur fähig, die Schwerkraft der Erde, die Welt zu überwinden, wir werden nicht nur in andere Himmelssphären hineinwachsen und hineinfliegen können, sondern wir werden letztlich über die ganze Welt hinüber in das Herz Gottes hinein dürfen. Wer ist also derjenige, der in der Kapsel die Welt überwindet — nicht nur die Erde, die ganze Welt? Sehen Sie, das sollten eigentlich wir alle sein. Das ist jedermann; da muß ich nicht Ordensmann, nicht Priester, nicht Schwester werden. Ja, wer ist es denn, der die Welt überwindet? Wer aus Gott geboren ist5, das heißt, wer getauft ist, wer als Kind Gottes und als Glied Christi dasteht. Also müssen wir alle Weltenflieger werden. Das ist natürlich eine Geschichte, nicht wahr! Wie viele von uns machen es wie die Kuh: immer nach unten gucken. “Und unsere Kuh, die sagt ihr ‚muh‘, und manchmal läßt sie’s bleiben.” Das kann man im Englischen auch verstehen: Muh, muh! Selbst, wenn sie genug zu fressen hat! Das ist ja doch nichts für uns. Wir müssen alle Flieger werden. Sie werden sagen: Ja du meine Güte, ich muß doch (Geld) verdienen! Sicher, wir wollen auch verdienen.

Ich habe mir zwei Ausdrücke gemerkt. Ich bin vor der Predigt schnell einmal ins Lesezimmer gegangen und habe gelesen, was da stand. Es sind zwei Ausdrücke, die haben Sie ja auch gelesen.

Der erste heißt: Boy, is that a ride! Was ist das für ein Flug! Das ist an sich echt Deutsch. Wir sagen im Deutschen ja auch: Junge, Junge, ich sag dir aber! Oder: Männeken, Männeken, ich sag dir das aber! Es ist an sich dasselbe: Ist das ein Flug gewesen! Das gilt aber auch für mich, wenn ich so ganz in der Kapsel des Glaubens sitze und mitten ins Herz Gottes hineinfliege: Ja, Männeken, das ist ein Flug!

Und dann das Zweite, das haben Sie auch gelesen. Wernher von Braun6 hat das nachher gesagt. Er hat die Hand immer hinter all diesen (Dingen), er ist ja schließlich ein Deutscher. Er hat so gedacht: Ich habe das immer gesagt, der Mensch muß in den Weltenraum.

Sehen Sie, dasselbe gilt jetzt für mich — für alle diejenigen, die meinen, es genügt ja, wenn wir Hühner sind. So ein Huhn, das flattert so ein bißchen und bewegt sich nur langsam. Nein, wir müssen Adler werden. Wofür sind wir alle geschaffen als Christen, als Katholiken? Weg von der Erde, durch alles Irdische hindurch, hinein in das Herz Gottes! Wir wissen, er7 ist dann ja wieder auf die Erde zurückgekommen. Wir wollen auch wieder auf die Erde zurück, mit beiden Füßen auf dem Boden der Erde bleiben, das heißt, mit beiden Füßen auf der Erde, aber mit dem Geiste immer im Herzen Gottes zu Hause sein.

Ich meine, darum müßte ich erneut sagen: Hinein in die Kapsel! Aber die Kapsel muß in Ordnung sein. Nicht wahr, man weiß ja nicht, was im einzelnen alles in der Kapsel gewesen ist. Aber was in unserer Kapsel sein muß, das weiß ich gut! Ich meine, dann sollte ich wieder zurückgreifen auf so viele Dinge, die wir so oft miteinander besprochen haben. Sehen Sie, wenn ich in der Kapsel sitze, dann sieht die Welt ganz anders aus. Der Flieger hat ja heute Rechenschaft ablegen müssen, was er alles gesehen hat da oben und da unten.

Das ist bei uns auch so: Wenn ich in der Kapsel sitze, dann sieht das Leben hier auf der Welt so aus, wie der liebe Gott es sieht. Ich meine, ich sollte wieder einmal ein altes Bild8 gebrauchen, über das wir früher öfter miteinander gesprochen haben. Sie kennen das Bild alle gut. Da habe ich einen Teppich vor mir. Ich sehe die linke Seite, sehe die rechte Seite; auf der linken Seite ist alles durcheinander. So sieht auch die Welt aus, wenn ich nicht in der Kapsel sitze. Wenn ich aber in der Kapsel sitze, ist alles ein wunderbares Gewebe. Dann verstehe ich, weshalb es nicht ungerecht ist, wenn es mir so schlecht und den andern gut geht. Ich verstehe das zwar nicht, aber ich glaube, daß der liebe Gott das alles so gemacht hat. Von der Kapsel aus sieht alles wunderbar aus.

Nicht wahr, da stehen wir wieder vor der großen Frage: Was ist der Sinn des Weltgeschehens? Sagen wir besser: Was ist der Sinn des heutigen Weltgeschehens mit diesem großen Wirrwarr, mit diesem großen Durcheinander? Ich meine, ich sollte die Antwort noch einmal geben, die Antwort von Gott und Antworten von mir aus. Aber die Antwort versteht bloß, wer in der Kapsel sitzt.

Von Gott aus gesehen ist der Sinn des Weltgeschehens, aber auch der Sinn meiner eigenen kleinen Lebensgeschichte die Beschleunigung der sieghaften Heimholung der Vaterkinder in Christus durch die Hand der Gottesmutter mitten hinein ins Herz des Vatergottes. Ich meine, das müßten Sie sich gut merken. Da läßt sich ja endlos viel darüber sagen. Nicht wahr, wir fragen häufig: Weshalb haben wir denn — sollen wir sagen — das Pech oder das Glück, daß wir gerade in der heutigen Zeit leben, wo alles aus den Fugen gegangen ist? Der Heiland — oder der Vater will unsere Heimholung in sein Herz beschleunigen.

Aber sieghaft muß das sein. Da sind ja so viele Dinge, die mein Herz haben wollen. Ich weiß nicht, wer mag das sein? Das mag eine fremde Frau sein, die mein Herz haben will; Geld oder Gut … Was das alles sein mag, wissen wir ja aus Erfahrung. Wer will denn jetzt siegen in dem Kampf? Der Vater will mich heimholen in sein Herz; Menschen wollen mich haben; Geld und Gut wollen mich haben. Wer wird jetzt siegen?

Das ist ja der Sinn, deswegen schickt der liebe Gott das alles: Er will siegen über mein Herz, er will es haben, er will es jetzt schon haben. Ich soll nicht sagen — na ja, wie alt bin ich jetzt? —: Ich warte, sagen wir einmal, dreißig, vierzig Jahre; und wenn ich vierzig Jahre älter bin, dann fange ich an, an den lieben Gott zu denken; dann kann ich sagen: Das ausgedörrte Herz und die müden Knochen, die kannst du jetzt haben.

Nein, nein, die will er jetzt haben! Ich will nicht sagen, daß wir alle junge Herzen haben; es sind schon ein paar alte dabei. Trotzdem: Je älter wir sind, desto jünger muß das Herz sein. Aber jetzt will er es haben, damit er es nachher die ganze Ewigkeit für sich haben kann.

Worin besteht denn für mich die Aufgabe? Ich muß mich packen lassen. Deswegen sagen wir: Auf Heimholung antworte ich durch Heimkehr; Heimholung — Heimkehr, ich kehre heim. Nicht wahr, wenn wir so denken, dann ist es eigentlich nicht das Schlimmste, wenn jemand sterben muß. Man sollte sich eigentlich im gewissen Sinne freuen. Der liebe Gott hat seine Zwecke hier auf Erden mit mir erreicht, jetzt packt er mich am Schlafittchen9 und holt mich nach oben. An sich ist das so echt christliches Denken; man ist zum Teile froh, wenn es hineingeht in die Ewigkeit. Freilich, menschlich ist es auch wieder schwer.

Sehen Sie, das hat man uns in Dachau10 des öftern gesagt, das war so ein Scherzausdruck: “Ihr seid mir Himmelskomiker, ihr Pfaffen!” Ja, was will das heißen? “Ihr wollt alle in den Himmel kommen, und wenn man euch helfen will, dann wehrt ihr euch.”

Vielleicht geht es uns allen so, daß wir Himmelskomiker sind: Wir wollen zwar hinein, aber wenn es darauf ankommt: No, no, nur ja nicht!

Ich glaube, wir verstehen jetzt ein wenig, was der Sinn unseres Lebens ist, wenn wir in der Kapsel sitzen.

Hinein in die Kapsel, das muß also jetzt unsere Norm sein für den Monat Mai. In die Kapsel hinein! Aber ich nehme meine Frau mit, die muß auch in die Kapsel hinein. Oder umgekehrt, ich nehme den Mann mit. Also, was muß das ein Herz sein! (Ein Zuhörer stellt die Frage: In welchem Teil der Kapsel sollten wir denn sein? In der Rakete?)

Das kann man so oder so auffassen. Sie können nehmen, was Sie wollen, es gibt verschiedene Bilder. Hauptsache ist, daß wir darin sitzen. Ja, das ist schon richtig: Hineingeschossen werden wir durch den covenant of love11. Ich meine, so einfältig müssen wir die Dinge mitten aus dem heutigen Leben herauslesen.

1 Vgl. Ps 8,6.

2 Vgl. 1 Joh 5,1—8.

3 Gemeint ist Alan Bartlett Shepard, der erste Amerikaner im Weltraum.

4 Vgl. 1 Joh 5,4—5.

5 Vgl. 1 Joh 5,4.

6 Wernher Freiherr von Braun, geb. 1912 in Posen, gest. 1977 in den USA. Er war führend bei der Konstruktion der Fernraketen tätig und entwickelte die Jupiter-C-Rakete, mit welcher der erste amerikanische Erdsatellit 1958 gestartet wurde. Seit 1970 war von Braun der Leiter der Planungsabteilung der NASA.

7 Alan Bartlett Shepard.

8 Das Bild stammt vom heiligen Augustinus.

9 Populärer Ausdruck im Sinne von: jemand ergreifen und festhalten.

10Nationalsozialistisches Konzentrationslager. Pater Kentenich war dort von 1942—1945 inhaftiert. Vgl. Engelbert Monnerjahn, Häftling Nr. 29392, 4. Aufl., Vallendar-Schönstatt 1984.

11 Liebesbündnis.

Aus:
Pater Josef Kentenich:
Am Montagabend – Mit Familien im Gespräch, Bd. 21,  1. Mai 1961
ISBN 3-920849-79-5
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
S. 51 -66

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