GdL-1961-05 Unsere Betrachtungsmethode

GdL-1961-05 Unsere Betrachtungsmethode

Aus: Am Montagabend – Mit Familien im Gespräch, Bd. 2, (1. Mai 1961)

Wir haben in der Schönstattfamilie eine ganz eigenartige Betrachtungsmethode ausgebildet. Worin besteht die? Denken Sie einmal, wenn Sie jetzt nach Hause gehen oder schon mal ein paar Minuten Zeit haben, oder Sie sitzen im Wagen oder in der Elektrischen – oder ich weiß nicht, was Sie tun, wenn Sie still für sich sind. Sehen Sie, dann pflegen wir das so zu machen, wir überlegen: Was war denn gestern während des ganzen Tages? Was habe ich denn gestern erlebt? Also meinetwegen in meinem Geschäft. Ich hab’s mit Arbeitern zu tun gehabt, und was haben die mir das Leben schwer gemacht! Jetzt, was tue ich? Ich überlege:

Ist das denn zufällig? Oder soll ich jetzt nur sagen: Da haben wir diese verflixte sozialistisch- kommunistisch infizierte Gesellschaft; es dauert nicht lange, da haben sie uns alle am Kragen! Das mag alles wahr sein, daß das so übel ist. Jetzt muß ich aber trotzdem sagen: Der liebe Gott steht auch dahinter! Sehen Sie, für mich ist jetzt die Frage: Lieber Gott, was willst du mir sagen? Ich muß zunächst einmal sagen: Er steckt dahinter.

Wir haben in Deutschland ein kleines Kindersprüchlein – vielleicht haben Sie das auch einmal in Englisch gelernt -: „Nichts kommt von ungefähr, von Gottes Güt‘ kommt alles her!“ Das pflegen wir drüben in Deutschland den Kindern immer wieder, ungezählt viele Male einzuprägen.

Meinetwegen diese harte Art, wie meine Arbeiter mich heute behandelt haben. Sehen Sie, es ist schon ein großer Fortschritt, daß ich mir sage: Der liebe Gott steht dahinter. Und wenn er es nur zugelassen hätte. – Jetzt kommt dann die große Frage: Ja, lieber Gott, was willst du denn nun eigentlich damit?

Sehen Sie, sonst sitze ich vielleicht in meinem Wagen und denke: Ja, (das) Geschäft (ist) gemacht. Könntest du nicht morgen noch ein bißchen mehr verdienen? Jetzt sitze ich auch in meiner car1 und beschäftige mich mit dem lieben Gott. Ja, aber in ganz einfacher Weise. Ich pflege dafür so schlicht, einfältig zu sagen: Wir legen die Leiter an. Ich habe mich so daran gewöhnt, jedes Ereignis des Lebens, auch des Tages, gleichsam wie eine Kirche aufzufassen.

Ich stelle mir vor: Oben, auf der Spitze, da ist der liebe Gott. Sehen Sie, jetzt habe ich die(se) „Kirche“ vor mir: meinetwegen die Anfeindungen meiner Arbeiter, diese Brutalität der Arbeiter. Sehen Sie, da oben, auch über dieser Brutalität, da steht oder da sitzt der liebe Gott. Jetzt muß ich die Leiter anlegen. Das ist doch etwas so Einfaches, nicht?

Da setze oder stelle ich zunächst die Leiter hin für den Verstand. Der Kopf muß jetzt da oben hinauf. Ich muß im Lichte des Glaubens fragen: Lieber Gott, was willst du mir denn eigentlich dadurch sagen? Jetzt müssen Sie einmal überlegen, was er Ihnen sagen will. O, der liebe Gott, der kann mit wenig Worten oft sehr viel sagen. Vielleicht will er mir sagen: Halt, du bist auch manches Mal in deinem Leben furchtbar hart! Gib acht, du mußt die Härte auch in dir überwinden! Und wie viele Menschen haben unter deiner Härte schon gelitten?!

Sehen Sie, jetzt habe ich die Leiter für den Verstand angelegt. Der Glaube, (der) vom Glauben erleuchtete Verstand hat auszudeuten gesucht, was der liebe Gott durch das kleine Ereignis will.

Jetzt muß die Leiter auch fürs Herz angelegt werden. Ja, und was bedeutet das? Ich schenke dem lieben Gott mein Herz und sage: Lieber Gott, du mußt mir helfen, daß mein Herz auch rein bleibt, daß ich nicht auch so hart und so grausam und so unmotiviert mich gebe. Jetzt bin ich ganz auf dem Boden geblieben, auf dem Boden des Alltags, und gleichzeitig ganz hoch zum lieben Gott emporgestiegen.

Ich müßte Sie jetzt natürlich bitten, das erst einmal auszuprobieren. Schauen Sie, das ist so: Wenn Sie sich daran gewöhnen, das des öftern einzuüben, dann wird das nachher so zur Gewohnheit, daß kein Ereignis kommt, ohne daß sogleich die Seele das in ähnlicher Weise ausnutzt.

Jetzt schaue ich einmal ins Ordensleben hinein – meinetwegen in den Karmel. Also, nehmen wir mal an: Meine Tochter ist Karmelitin geworden. Und die arme Schwester, die hat ein rauhes Kleid und darf nichts mehr von der Welt sehen. Sie muß fasten und muß sich geißeln. Das ist deren Opfer. Wo ist mein Opfer? Meinen Willen jetzt zu beugen unter den Willen Gottes, der diese Dinge wenigstens zugelassen hat für mich. Wer hat schwerere Opfer gebracht?

Sehen Sie, Sie müssen Ihr Leben nur richtig sehen lernen. Auch unser Leben in der Welt, selbst wenn wir vieles sehen und genießen dürfen, ist ja voll Opfergelegenheiten. Und was will der liebe Gott? Er will das Herz für sich haben. Auch mein Herz will er haben. Damit er es bekommt, muß er es lösen. Und wie löst er es? Durch solche und ähnliche Gelegenheiten.

Sehen Sie, und meine Tochter da im Karmel, die muß dasselbe (tun): Gott gern haben und sich lösen. Wie löst die sich? Und wie löse ich mich? Das Kernstück ist dasselbe, die Art ist nur verschieden.

Ich darf Ihnen verraten: Wenn Sie das so oder so ähnlich machen, werden Sie erstens nie nervös sein, zweitens bekommen Sie keinen schwachen Magen. Wenn Sie das aber nicht so machen, dann sind Sie übermorgen nervös, und einen Tag später ist Ihr Magen verstimmt und krank. Sehen Sie, eine gesunde Frömmigkeit macht meinen Körper und meine Seele gesund. Ich glaube, ich könnte mich irgendwo etablieren als Arzt, (würde) aber mit solchen Mitteln kurieren. Das sind die Pillen, die ich verabreiche. Und ich garantiere: Mit den Pillen kurieren Sie ungezählt viele heutige Menschen.

So, das ist jetzt bloß ein kleines Beispielchen. – Jetzt müßte ich (hier) natürlich länger stehenbleiben.

Aber das müssen Sie bitte tun: eine ganze Menge von Gelegenheiten in Ihrem Tagewerke sehen und suchen und dann an all die kleinen Dinge des Alltags die doppelte Leiter anlegen. Dann sind Sie auf dem Wege zu heroischer Heiligkeit.(..)

Ob Sie mich jetzt verstanden haben? Sehen Sie, ich habe nur ein kleines Beispielchen genannt.

Es hängt natürlich jetzt von Ihnen ab, ob das da hinein und da heraus geht. Das sieht natürlich niemand, was meine Seele jetzt macht. Aber eines, meine ich, sollten Sie doch mitnehmen: Ich will’s mal versuchen! Sie bekommen keine Langeweile. Sie haben immer etwas zu tun, sind immer auf dem Weg zum lieben Gott – und selbst, wenn sie wochenlang kein Gebetbuch aufmachen. Das ist sogar ein noch besseres Gebet als der Rosenkranz. Denn jetzt kämpfen Sie sich in Gott hinein, nicht? Sie kämpfen sich hinein! Mein ganzes Wesen muß in Gott hinein. Für mich heißt jetzt das Wort: Mein Gott und mein Alles! So und nicht anders!

1 Auto.

Aus:
Pater Josef Kentenich:
Am Montagabend – Mit Familien im Gespräch, Bd. 2, (1. Mai 1961)
ISBN 3-920849-90-6
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar)
S. 161-165 auszugsweise

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