GdL-1965-11 Der Gott des Lebens ist der Gott der liebenden Vorsehung

GdL-1965-11 Der Gott des Lebens ist der Gott der liebenden Vorsehung

Aus: Vortrag 1965, 28. November

„Auf schwerer Pilgerreise
hat Gott sich groß und weise
zu seinem Ruhm und Preise
erwiesen unserm Kreise.“

Worauf sollen wir jetzt Gewicht legen, wenn wir uns daran erinnern, daß diese Reise bis in alle Einzelheiten vom lieben Gott geplant, gelenkt und hingeordnet ist auf ihn selber? Mich dünkt, ich sollte besonders einen Gedanken hervorheben, der uns vermutlich weniger geläufig ist.

Als geistige Menschen sind wir an sich von Natur aus immer darauf angewiesen, klare Linien zu sehen. Wenn wir wissen, wenn uns der Verstand sagt: Jetzt wird das und das kommen, wenn die Linie sich wirklich ungebrochen vollzieht, dann mag manches Schwere damit verbunden sein, aber das Schwerste ist uns erspart: daß der geistig denkende Mensch, der überall Sicherheit haben will, ins Dunkel tappen muß. Und wenn wir nun an den Gott der Vorsehung denken wollen – nicht wahr, da habe ich das Wort, das uns so geläufig ist: Der Gott des Lebens ist der Gott der liebenden Vorsehung. Der Gott der liebenden Vorsehung! Das Ziel, das er verfolgt, ist in eigenartiger Weise für uns alle verdeckt und versteckt. Er selber hat es uns ja von Ewigkeit gesteckt, und er allein weiß es genau. Wir als geistige Menschen sind immer darauf angewiesen, aus der Art, wie der liebe Gott unsere Familie führt, langsam, Stückchen für Stückchen, zu ertasten, wie der Plan in großen Umrissen etwa aussehen mag. Bildhaft ausgedrückt: Wir müssen immer wieder neu versuchen – das ist ja ein bekanntes Bild, das vom heiligen Augustinus stammt -, den Teppich (von der rechten Seite zu sehen). Hier wird das Leben, natürlich nur unter einem gewissen Gesichtspunkte, mit einem Teppich verglichen: auf der linken Seite verworrene Fäden, auf der rechten Seite eine glänzende Harmonie! Das Leben, zumal heute, gleicht ständig der linken Seite eines Teppichs. Und zwar sind die Fäden, die wir dort innewerden, so verworren, so miteinander verstrickt, daß es naturgemäß wohl unmöglich ist, sie zu entwirren. Wir können das nur in etwa. Weil wir tief vorsehungsgläubig sind, sagen wir a priori, von vorneherein: Wenn ich es auch nicht verstehe, weiß ich aber, daß letzten Endes alle diese verworrenen Fäden zu einer wunderbaren Harmonie zusammengefügt werden, weil Gott der Gott der Liebe, weil Gott der Gott der Vorsehung ist. Vorsehungsgläubigkeit sagt sich das a priori, von vornherein. Aber um uns das zu erleichtern, oder besser, um uns auch von der Originalität des Menschseins etwas mehr Klarheit zu verschaffen, haben wir die Aufgabe, immer wieder in das persönliche Leben, in das Familienleben zurückzuschauen, um in etwa die Linien zu finden, um in etwa zu sehen, wie die verworrenen Fäden sich bisher schon zu einem wundersamen Bilde zusammengefügt haben, Sehen Sie, das ist ja an sich das Große, das die Familie immer gewollt hat mit ihrer Art der Betrachtung: Rückschauend taste, greife ich in etwa, wie die Fäden sich zusammenfügen. Wenn wir längere Abschnitte unseres Lebens überschauen und es glückt uns, hier eine wundersame Einheit zu entdecken, dann fällt es uns nicht gar zu schwer, auch zu tasten, wie sich diese Fäden zu einer wundersamen Einheit weiterentwickeln werden.

Die Dogmatiker machen uns darauf aufmerksam, daß ein Bestandteil der ewigen Seligkeit – zwar kein wesentlicher, aber doch ein nicht zu unterschätzender – darin besteht, daß wir, in die Welt, in die persönliche Lebens- und in die Familiengeschichte zurückschauend, sehr klar die wundersamen Linien sehen, die der liebe Gott aus scheinbar unlösbarem Wirrwarr letzten Endes zu dem wundersamen Gebilde zusammengefügt hat. Wir alle können uns vorstellen, daß das ein Stück Seligkeit bedeutet, zwar keine absolut wesentliche, aber auch keine ganz nebensächliche. Die wesentliche Seligkeit besteht halt in der unermeßlichen liebenden Hingabe an den Vatergott, an den dreifaltigen Gott. Aber das ist ja auch ein Stück Gott, wenn ich das so sagen darf, wenn ich ein Stück seiner schöpferischen, weisen Wirksamkeit, einen Beweis seiner Größe erleben darf.

Denken Sie jetzt an die vielen Bilder, die man so gerne im Zusammenhang mit dem Leben gebraucht, etwa wenn man es darstellt als ein großes Spiel. Man vergleicht es dann gerne mit dem Tennisspiel. Worin besteht die Meisterschaft des Tennisspielers? Daß ungeschickt geworfene Bälle letzten Endes doch aufgegriffen und zum Ziele geführt werden. Der meisterhafte Tennisspieler ist halt der liebe Gott.

Mich dünkt, wenn wir einander so verstehen, dann wird uns auch klarer, weshalb wir so gerne unsere Familiengeschichte studieren. Das ist nicht einmal Neugierde, es ist nicht einmal nur wissensehaftlicher Eros, das ist Gläubigkeit. Wir wollen den lieben Gott bewundern in der Art und Weise, wie er die Familie geführt hat; wir möchten aber auch – das verlangt ja auch der Vorsehungsglaube von uns – die weiteren Pläne des ewigen Gottes mit uns selbst und mit unserer Familie in etwa erklügeln, entdecken, uns erschließen, aufschließen lassen. Ist es denn nicht wirklich ungeschickt, wenn wir nun – ja, wie soll ich sagen? – etwa wie ein kleines Rindvieh den Kopf immer nach unten halten? Sollten wir nicht – ja, das ist das alte Bild – vor dem lebendigen Gott alle kleine Küken, Hühner werden? Was macht das Huhn? Wir wissen ja, was es tut, wenn es trinkt: Das Köpfchen geht nach unten; es schaut nach unten und nimmt diese oder jene Flüssigkeit in sich auf, und dann hebt es das Köpfchen und schaut nach oben. So sollen auch wir immer schauen: Was ist der Plan des Vaters? Wie hat der liebe Gott seine Wünsche geäußert? Haben wir sie erfüllt? Wir haben ja jetzt schon ein ganz großes Stück des Wandstücks auf der rechten Seite gesehen, und der liebe Gott hat ja doch einen klaren Plan. Sicher, er hat auch die absolute Macht, plötzlich alles wieder umzuwerfen.

Wir haben in dem Zusammenhange früher auch gerne das Bild gebraucht: Das Leben ist ein Kegelspiel. Die alten nichtchristlichen Philosophen haben uns bereits darauf aufmerksam gemacht, wie das durchweg ist: Ein geistiger, hochgeistiger Mensch auch ohne Christenglauben fühlt sich absolut gedrängt, das Leben zu beobachten und zu prüfen: Gibt es klare Linien in diesem Leben? Wissen Sie – ich darf das noch einmal sagen -, ein geistig hochstehender Mensch wäre überglücklich, wenn er die Linien seines Lebens klar hätte, auch wenn das Schweres wäre. Das Schwerste ist es, die Linien nicht sehen zu können, Das ist das, was wir so gerne „Todessprung für den Verstand“ nennen. Das ist der Vorsehungsglaube. Wie häufig kommt es vor, daß jemand sagt: Wenn mir jemand klar sagen würde, was Gott von mir will! Was brächte ich nicht alles fertig, wenn ich wüßte, was der liebe Gott will! Dann müssen wir halt sehen, daß wir Meister des Vorsehungsglaubens werden.

Also der Vergleich des Lebens mit dem Kegelspiel: Die Philosophen, die das Bild gerne gebrauchen, haben an sich sehr nette Ausdrücke dafür gefunden. Sie sagen so: Wenn ich das Leben beobachte, dann muß ich mir zunächst sagen, daß es sich nicht von selbst entfaltet. Dahinter steht halt ein Kegelspieler, ein meisterhafter Kegelspieler. Wir würden sagen: Das ist der liebe Gott. „Du Flegel“ – damit ist jetzt aber nicht der liebe Gott gemeint -, „triffst den Kegel nach der Regel!“ Das ist jetzt nur ein Wortspiel, Aber was hier gemeint sein soll: Man spürt, das sind klare Linien, die der liebe Gott durch das Weltgeschehen hindurchgezogen hat. Er trifft halt wie ein meisterhafter Spieler Kegel auf Kegel. Aber auf der anderen Seite scheint es manches Mal – das ist das große Geheimnis der Weltregierung -, als wäre der Spieler ein Knabe, der die Kugel blindlings in das Kegelspiel hineinwirft, ganz egal, wohin sie trifft. Was damit zum Ausdrucke gebracht werden will? Daß vieles im Weltgeschehen als klare Linie erfaßbar ist, daß aber auch unermeßlich viel unergründlich ist. Sehen Sie, damit wir uns diesem Unergründlichen beugen, damit wir es dem lieben Gott anvertrauen können, sollten wir, so dünkt mich, sagen: Es ist sehr weise, wenn wir erst das, was uns der liebe Gott von dem Wandstück entschleiert hat, wieder und wieder betrachten. Weshalb? Erstens – um bei der Feststellung der alten Theologen zu bleiben, wir können uns jetzt schon ein Stück himmlischer Seligkeit aneignen. Ich meine, wir erleben es ja jetzt. Wenn wir zurückschauen: was sind das verworrene Fäden! Wir müssen nur die Hintergründe unserer Geschichte noch einmal auf uns wirken lassen. Wie häufig haben wir sagen müssen: Jetzt ist Schluß der Vorstellung! Was sind das für verworrene Fäden! Und wieviel Freude steckt jetzt dahinter! Das ist die Freude, die wir eigentlich jetzt Stück für Stück genießen; denn mehr tun wir ja praktisch nicht, als daß wir wieder und wieder zurückschauen, um zu prüfen: Wie sehen die Fäden eigentlich aus? Wundersam sind sie zusammengefügt! Ein Stück Seligkeit steckt darin, wenn wir das innerlich neu auskosten; ein Stück Seligkeit, wenn wir auch im eigenen Leben wahrnehmen, der liebe Gott hat mich ja doch behandelt wie seinen Augapfel. Sie dürfen nie übersehen, daß das sogar von großer Bedeutung ist. So ist auch der große Paulus nicht müde geworden, sich selber vorzusagen: Dilexit me! Mich! Ich darf mich also nicht betrachten etwa wie eine Nummer unter Nummern, wie ein Glied unter Gliedern. Nein: Dilexit me! Mich hat er gerufen.

Das ist eigentlich auch der tiefe Sinn der Abfassung der eigenen Lebensgeschichte. Ich denke jetzt an unsere Schwestern. Sie leben in den Terziaten das ganze Leben von Kindheit an noch einmal nach – nicht so, wie man das sonst tut, etwa um eine Generalbeichte abzulegen. Das hat mit der Generalbeichte gar nichts zu tun. Das ist nur ein Nachleben der Erbarmungen Gottes im eigenen Leben. Da müßte der Schluß immer lauten: Der liebe Gott hat mich wirklich wie seinen Augapfel geplant, wie seinen Augapfel geführt, wie seinen Augapfel auch geformt und erzogen. Dilexit me! Mich nicht nur als Glied der Gemeinschaft. Das würde heißen: Er liebt mich so wie die andern. Es ist heute nicht gut, sich nur in einer Ebene mit andern zu fühlen, Gewiß, die Erbarmung Gottes umgreift auch die Gesamtfamilie, aber auch jedes Glied in spezifischer Weise. Dilexit me! Nicht wahr, das wissen wir ja auch aus Erfahrung: Wenn ich nur Wohltaten habe und genieße mit andern zusammen, ist das wertvoll; was bedeutet es aber, wenn ich mir sagen darf: Mich hat er in ganz spezifischer Weise geführt, in sein Herz hineingeschlossen! Wir haben uns früher so häufig sagen lassen dürfen: Alle Heiligen haben von dem Augenblicke an angefangen, den Weg der Heiligkeit zu beschreiten, als sie sich überzeugt halten durften, daß der liebe Gott sie liebt wie seinen Augapfel. Es ist also eine dankenswerte Aufgabe, immer wieder den Führungen Gottes in der Geschichte nachzugehen.

Wir können daraus aber auch noch etwas anderes schließen. Das haben uns die alten Römer, die trockenen Römer, schon in ihren juristischen Büchern gesagt: Si vis amari, ama! Wenn du geliebt werden willst, mußt du lieben, überschwenglich lieben! Sehen Sie, wenn ich nun sehe, wie der liebe Gott mich geliebt hat, dann habe ich damit auch gleichzeitig den Imperativ klar: Ich muß seine Liebe, seine unermeßliche Liebe, mit unergründlicher Gegenliebe beantworten. So dünkt mich, wir sollten immer festhalten: Wie macht es der liebe Gott? Mein Lebensweg als Pilgerweg – es mag ein Landweg sein, ein Seeweg sein, ein Flugweg sein – ist vom lieben Gott geplant, vom lieben Gott gelenkt, auf den lieben Gott hingeordnet.

Gott in meinem Leben! Und das in einer Zeit, in der wir wohl auf der ganzen Linie von einer Gottesflucht sprechen müssen. „Kain war flüchtig vor dem Antlitze Gottes“ (Gen 4,16). Charakteristik der heutigen Zeit: Gottesflucht im allgemeinen! Flucht vor der Transzendenz Gottes, am stärksten noch Flucht vor dem Gott unseres Lebens. Es ist halt so, das furchtbare Durcheinander in der Welt ist an sich rein natürlich nicht zu erklären. Darum die Frage: Wo ist denn der liebe Gott, wo zeigt er sich denn? Wie sollen wir denn noch an ihn glauben? Merken Sie, wie wichtig es gerade in einer derartigen Situation ist, uns sorgfältig zu bemühen – lassen Sie mich jetzt ein Wortspiel gebrauchen, das nicht den ganzen Nerv trifft -, die Gottesflucht der heutigen Zeit durch eine Gottessucht zu beantworten. Das Wortspiel ist deshalb wenig passend, weil das Wort „Sucht“ meist etwas Negatives aussagt. Hier müssen Sie es positiv nehmen. Was will das heißen? „Sie sind voll des süßen Weines!“ (Apg 2,13) Immer wieder überlegen: Wo ist mir der liebe Gott begegnet? Sicher, letzten Endes nicht nur in meinem Leben. Ich steige dann von meinem Leben zu der Unendlichkeit Gottes auf. Ehrfurcht vor dem Unendlichen! Auch wenn wir jetzt zum Beispiel von der Astronomie hören, welch endlose Weiten wir in der Schöpfung finden, und gläubig bleiben, dann ist es selbstverständlich, daß das Gottesbild ins Endlose, in die endlose Majestät wächst.

Und unsere Reaktion? Wir haben bisher so häufig das Wort von der neuen Vater- und Kindesgestalt gebraucht. Es erwächst eine zarte Liebe, wenn wir Gott im Leben innewerden, wenn wir sehen, daß dieser Gott sich so um mein Leben kümmert – wir wollen das nachher noch ausführlicher darstellen -, daß nicht einmal ein Härchen von meinem Haupte fällt, ohne daß es im Plane steht, ohne daß es von Gott in der Hand gehalten wird. Wir können uns das an sich gar nicht vorstellen. Ich mag jemand Gott weiß wie gern haben, wenn es aber mehrere sind, wie kann ich mich dann um die kleinen Dinge kümmern?! Aber das ist ja an sich der große Begriff Gottes. Die alten Väter sagen: Gott kümmert sich um den einzelnen und beim einzelnen um jede Kleinigkeit, als gäbe es keine Gemeinschaft. Das ist jetzt ein Suchen, Gegensätze einigermaßen verständlich zu machen. Hören Sie bitte: Er kümmert sich um den einzelnen, also auch um mich! Und in mir, in meinem Sein, in meinem Leben um jede kleinste Kleinigkeit! Das ist so bedeutungsvoll. Mein ganzes Leben ist von der Vaterhand gehalten, ist von der Vaterhand in und aus unermeßlicher Liebe gelenkt und geleitet. Also: Dilexit me!

Alle Heiligen, so dürfen wir wiederholen – das ist wahr! -, haben den Weg der Heiligkeit zu beschreiten begonnen, als sie davon überzeugt waren, daß sie sich als Augapfel Gottes auffassen durften. Weshalb begannen sie den Weg der Heiligkeit? Nach den großen Gesetzmäßigkeiten unserer Seele wird Liebe durch Liebe, Gegenliebe durch Liebe geweckt. Si vis amari, ama! Und wie sehr steckt – so müssen wir nachträglich schlußfolgern – im lebendigen Gott, menschlich gesprochen, die ungeheure Sehnsucht, der ungeheure Drang, von den Menschen geliebt zu werden! Damit wir ihn aber lieben können, hat er uns seine Liebe in anschaulicheter Weise dargestellt. So will das Leiden des Heilandes betrachtet werden, so will die Führung im eigenen Leben und die Führung der Geschichte betrachtet werden. Sehen Sie, man hat uns das ja übelgenommen, als wir sagten: Schönstatt ist eine Lieblingsschöpfung und Lieblingsbeschäftigung der ewigen Liebe. Das lebte in der Familie. Ja, wenn nicht jeder von uns das von sich sagen kann, dann hat er ja Verzicht geleistet auf die wesentlichsten Vorbedingungen, damit sein Herz weit wird, damit sein Herz Gott weiß wie entzündet wird für die Gegenliebe. Und die Liebe ist die Hauptsache. Heiligkeit besteht ja darin, daß wir unsere gewöhnlichen, alltäglichen Pflichten treu erfüllen aus einer endlos großen, zarten und innigen Liebe.

Jetzt stehe ich immer noch vor dem Gedanken: Worin liegt denn nun das eigenartige Dunkel begründet, das auf dem Lebenswege ausgebreitet ist? Ich habe eine Antwort gegeben. Wie lautet sie? Ich überschaue mein Leben nicht bis ans Ende. Ich kann ein großes Stück ahnen, wenn ich überprüft habe, wie der liebe Gott mich bisher gelenkt und geleitet hat, weil er aber souverän ist, braucht er sich nicht immer an die Linie zu halten, er kann die Linie brechen, kann sie auf eine andere, höhere Ebene erheben. Es bleibt also immer eine gewisse Unsicherheit.

Aber – das müssen Sie nun sehr beachten, es ist vielleicht einer der am wenigstens gedachten Gedanken – der liebe Gott hat nicht nur ein gemeinsames Ziel, die visio beata, für uns alle festgelegt, er hat für jeden ein konkretes Ziel. Den Gedanken müssen Sie nun durchdenken, Der liebe Gott hat – nennen Sie sich selbst mit Namen! – für mich in der visio beata ein ganz originelles, konkretes Ziel vorgeplant, also eine ganz originelle Art des Lebens in der visio beata. Ob sie verstehen, was ich (sagen) möchte? Das Ziel kennt er allein. Und wenn ich Gott jetzt auffasse als einen weisen Lenker der Weltgeschichte – Gott erhält und regiert die Welt! -, dann verstehe ich erneut und vertieft, weshalb mein künftiger Weg dunkel ist. Weshalb dunkel? Das allgemeine Ziel mag mir auf manche Fragen eine Antwort geben; er weiß aber ganz allein, bis zu welcher Höhenlage der Gottesliebe in der visio beata er mich gerufen, Und zu dem Ziel, zu diesem geheimen Ziel, muß er mich führen, wenn er der Gott der Vorsehung, der Gott des Lebens ist.

Wir können sagen, wir haben aus den bisherigen Führungen und Fügungen Gottes so einigermaßen erschlossen, wie das konkrete Ziel hier auf Erden aussieht. Damit wissen wir aber noch lange nicht, wie das konkrete Ziel dort oben in der visio beata aussieht. Wenn Sie diesen Gedanken durchdenken, dann kommt eine ganz tiefe Ehrfurcht in Ihre Seele und eine ganz starke Sehnsucht, sich dem lieben Gott vollkommen auszuliefern.

Aus: Vortrag 1965, 28. November (C)

in: Rom-Vorträge 24. Nov. – 3. Dez. 1965, o.O., o.J., 156-180, Seite 166 – 178

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