GwdK2010/11-6-04 Nachwuchs- bzw. Wahl- und Entscheidungschristentum

GwdK2010/11-6-04 Nachwuchs- bzw. Wahl- und Entscheidungschristentum

Unser Liebesbündnis (1961), 3 f.

Es handelt sich dabei offenbar um ein Christentum, das bei seinen Gliedern das Hauptgewicht auf persönlicher Wahl, auf erleuchtete Selbstentscheidung und kraftvollen Durchsetzungs- und Erobererwillen legt. Es ist bereit, auf Nach‑ und Mitläufer zu verzichten. Es spekuliert vornehmlich auf kraftvolle christliche Führergestalten, denen die Religion zur inneren Lebensform und zu vorwärtsdrängendem Lebensinhalt geworden ist. Es ist füglich nicht damit zufrieden ‑ wie es beim Nachwuchschristentum der Fall zu sein pflegt ‑ vordringlich durch Ausstrahlung von gemeinsamer Atmosphäre und durch sorgsame gemeinsame Vermittlung von Brauch und Sitte anziehend und schöpferisch zu wirken und seine Kinder und Glieder so gleichsam mehr spontan und unreflexiv im gewissen Sinne mehr oder weniger mühelos in Sein und Leben und Wirken der christlichen Gemeinschaft hineinwachsen zu lassen. (…)
Heute schon muss man von Wandlung des Nachwuchschristenstums in die Form des Wahlchristentums in allen Kontinenten sprechen. Morgen und übermorgen werden die Verhältnisse noch verwickelter als gestern und ehegestern sein. [Der Text ist aus dem Jahr 1961. Nur wenige dachten damals so, wie es dieser Text aussagt.] (…) Mehr als je will die Kunst gelehrt und gelernt werden, bei aller Einfühlung in die Zeitsituation gegen den Strom zu schwimmen und so den Massenmenschen selber auszuziehen und ihn in seiner Umgebung zu bekämpfen und zu überwinden. Mehr als je kommt es darauf an, das Gewissen zu schulen, um es zur unmittelbaren verpflichtenden Norm des Lebens und Wirkens zu machen. Mehr denn je gilt es, sich und andere zur wahren inneren Freiheit der Kinder Gottes, das heißt zur Fähigkeit und Bereitschaft zu erziehen, sich selbst verantwortungsbewusst im Sinne Gottes zu entscheiden und die getroffene Wahl zielsicher und wagemutig ‑ allen Hemmnissen zum Trotz ‑ durchzusetzen.

Das Wahlchristentum lebt förmlich aus dieser Art echter und hochgemuter Freiheitserziehung. Ohne sie kann es nicht existieren, viel weniger seine Sendung als Sauerteig-Christentum in säkularisierter Zeit erfüllen. Mehr denn je gilt es, geistige Engen lebensmäßig zu sprengen und sich weltoffen auf das Meer der heutigen stürmischen Zeit hinauszuwagen, um sich mit dem modernen Zeitgeist zu messen: um wertvolle Antriebe von dort zu empfangen und bedenkliche Inspirationen abzuweisen und zu überwinden, und um ihn zum fruchtbaren Saatfeld Gottes zu machen. An Stelle der Klausur der physischen Mauern und der schützenden geschlossenen religiösen Kulturgemeinschaft muss allenthalben stärker die innere Klausur des Herzens treten.“

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