JoBr52-05_169-175 Der 31 Mai 1949 I

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Der 31 Mai 1949 I

Die Einweihung des Heiligtums von Bellavista

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[[64]] Der 31. Mai 1949 ist bisher für die Familie eine unbekannte Größe geblieben. Die augenblicklichen Kämpfe veranlassen mich, den Schleier ein wenig zu lüften und in das Geheimnis des rätselhaften Tages Einblick zu gewähren. Ich tue es im Interesse des Treue-Kreises[1]. Für ihn soll es ein Akt der Dankbarkeit sein für die bisher erwiesene gläubig genährte Standfestigkeit. Ich tue es aber auch zur Beruhigung derer, die unter den von mir heraufbeschworenen Auseinandersetzungen mit dem deutschen Episkopat leiden, die fürchten, es handle sich dabei um einen unüberlegten Schritt, der sich der außergewöhnlichen Tragweite für die ganze Familie nicht bewußt gewesen sei. Am besten ist es, wenn ich die Tatsachen kurz selbst sprechen lasse.

Die Einweihung des Heiligtums von Bellavista

Damals befand ich mich in Santiago, um am 20. Mai das dortige notdürftig fertiggestellte Heiligtum einzuweihen. Die Situation war so, daß ein Chilene als Ausdruck höchster Bewunderung und Anerkennung scherzhaft das vielsagende Wort prägte: »Sie haben Pläne wie Verrückte, aber gleichzeitig das Vertrauen wie Heilige!« Der »verrückten«, das heißt: der mit Rücksicht auf die /

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vorhandenen Grundlagen unerwartet großen und weltweiten Pläne waren es drei. Sie haben inzwischen bereits ein Stückchen Geschichte gemacht.

Das gilt zunächst vom ersten Entwurf: Ohne Geld hatten die Schwestern das Heiligtum in etwa fertiggestellt. Ihr schlichter Vorsehungsglaube hat ihnen den Gedanken nahegelegt: »Wir bauen, auch wenn wir arm sind wie die Kirchenmäuse. Dann baut die Gottesmutter, die überaus reich ist, uns ein Kolleg.« So steht es ja in der Heiligen Schrift geschrieben: »Und wenn du Glauben hättest wie ein Senfkörnlein und dem Berge sagen würdest: hebe dich fort, so würde er es tun« (Mt 17, 20). Gesagt, getan! Das Heiligtum erstand in ganz kurzer Zeit und prompt danach – wider alles Erwarten – das Kolleg und dann ein Gelände nach dem anderen, so daß wir – Patres und Schwestern – unmittelbar im Schatten der Anden reichlich Platz für die künftige Zentrale der Bewegung besitzen.

Es war so, als wenn ein Jahresplan, der sorgfältig abgewogen und entworfen worden ist, auf Stunde, Minute und Sekunde zur Ausführung gekommen wäre. Das heroische Vertrauen hat auf diese Weise den ersten großen Sieg davongetragen. Die Methode hat inzwischen in der Gesamtfamilie Schule gemacht.

Am 20. Mai, am Tag der Einweihung, entschloß sich ein Teilnehmer, ein deutscher Priester, die Schwestern zu Erben seines nicht geringen Vermögens einzusetzen. Er hatte seine Gymnasialstudien in Schönstatt gemacht, wurde dann später hierher verschlagen. Der Anblick des neuen Heiligtums weckte in ihm alte Erinnerungen und entzündete von neuem die frühere Jugendliebe und /

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jugendliche Begeisterung für das Werk unserer Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt. Sein Vorsatz wurde bald Wirklichkeit. Das Erbe ist den Schwestern bereits zugefallen. Sie erhielten es am 20. Mai 1952.

Der zweite Sieg sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Er ist zwar noch nicht vollendet, darf auch nicht so schnell zum Abschluß kommen; sonst bricht er wieder zusammen. Es handelt sich um die Sendung des unscheinbaren, damals noch unfertigen Heiligtums für das chilenische Volk und Vaterland. Die äußeren Verhältnisse waren zur Zeit wahrhaftig nicht dazu angetan, um an eine solche Sendung glauben zu können. Mehr sprachen sie für das Gegenteil: für ein unbedeutendes, alltägliches Ereignis, das keine sonderlichen Spuren zurückläßt, so wie es keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Das winzig kleine Heiligtum stand ja auf weiter, freier Ebene zu Füßen der schneebedeckten Anden und nahm sich wie ein Puppenhäuschen aus.

[[65]] Das ist die Situation, von der die Morgenbetrachtung am 20. Mai nach einer überaus regnerischen Nacht ausging. Die Natur hatte sich so rebellisch gebärdet, daß die Feier ernst in Frage gestellt war.

»Heute morgen sind wir um das Thema nicht verlegen«, so hieß es im Vortrag. »Wir sind daran gewöhnt, jedes Ereignis im Sinne des Vorsehungsglaubens zu deuten und auf seiner Spitze Gott gläubig zu entdecken und uns mit dem Herzen ihm hinzugeben. Heute morgen fällt die Wahl nicht schwer. Das Ereignis, das uns alle stark interessiert, ist – Regen, Regen, Regen. Nach hiesiger Denkweise ist er so stark, daß wir von einem Wolkenbruch sprechen müssen. Wir wären ja fast alle diese Nacht weggeschwemmt worden. Auch mir /

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wäre es beinahe so ergangen. Und es will immer noch nicht aufhören zu regnen. Bei solchem Wetter sollen wir die Fahrt zu unserem Heiligtum wagen? Wie mag es auf unserem freien Feld aussehen? Straßen gibt es keine, auch keine Feldwege; das ganze Gelände ist erschreckend aufgeweicht, überall Wasseransammlungen und Schmutz, Schmutz, Schmutz. Dazu ist das Kapellchen noch nicht fertig, im Dach gähnt ein Loch. Wie mag es da im Innern aussehen?

Und das soll das große Ereignis des 20. Mai sein? Wir wollten doch heute wie die Adler zur Sonne fliegen! Wo ist sie denn, die Sonne? Nirgendwo läßt sie sich erblicken. Es ist so, als wäre sie untergegangen. Und doch – sie steht! Sie steht hoch am Himmel unserer Ideale, sie beleuchtet auch in eigenartiger Weise unsere heutige Situation.

Wissen Sie, was ich gestern abend gedacht habe, als wir in der Pfarrkirche waren, um das Bild zu übertragen, durch den Regen aber daran gehindert wurden und uns so gezwungen sahen, die Feier in der Kirche abzuhalten? Mein erster Gedanke war: Deo gratias! Magnifikat! Die Wassermassen sollen für uns ein Schutz vor der Öffentlichkeit, eine Art Tarnkappe sein. Wir dürfen jetzt noch nicht weiteren Kreisen bekannt werden, sonst ist die Gefahr zu groß, daß man uns das kaum aufflackernde Lebenslichtlein wieder ausbläst.

Unwillkürlich denke ich an Dachau und die dritte Gründungsurkunde. Damals war der Regen auch ein wirksamer Schutz für uns. Am Himmel jagten die Wolken nur so hin und her, und der Sturm fegte heulend durch die Bäume. Es war dunkel. Niemand wagte sich auf die Lagerstraße hinaus, nur wir, die Verschwörer der Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt, hatten den Mut, uns draußen zusammenzufinden. Nicht einmal die Polizei störte uns bei unserer tiefgreifenden Inscriptio-Weihe und der bedeutungsvollen Gründung der Schönstätter Internationale[2]. Damals /

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und heute! Der Vergleich kommt mir unwillkürlich in den Sinn. Das ist die erste Deutung der göttlichen Absichten, die uns durch den Regen nahegelegt wird. Ob ich richtig greife?

Man kann den Wolkenbruch aber auch als Symbol für die uns bevorstehenden Kämpfe und Schwierigkeiten ansehen. Das kam mir gestern abend in den Sinn, als ich das unansehnliche Plätzchen, das im weiten Raum verlorene, winzig kleine Heiligtum, die Handvoll Menschen und deren Struktur auf mich wirken ließ. Kinder mit ein paar Frauen waren da, ein paar Priester und Jungen nahmen gleichfalls teil. Aber Männer, kraftvolle Mannesgestalten waren nicht zu sehen! Und wir glauben, daß von hier aus ein Stück Erneuerung unseres Vaterlandes ausgehen soll! Wahrhaftig, dazu gehört ein riesengroßer Glaube!

Gleichzeitig kam mir ein anderes Bild aus dem Urchristentum und die Art, wie Paulus es gedeutet hat, zum Bewußtsein. Der Völkerapostel überschaute und überprüfte bei Gelegenheit seine Zuhörer. Sie sind schnell charakterisiert. Er sieht unter ihnen nicht viele Weise, nicht viele Reiche und nicht viele Ansehnliche. Und trotzdem! Was ist aus dem jungen [[66]] Christentum geworden? Es hat seinen Siegeszug durch die Welt angetreten. Paulus gibt uns auch den Grund für diese verwunderliche Tatsache an: Gott hat das, was vor der Welt etwas zu sein scheint, zunichte gemacht, und das, was klein und unansehnlich war, als Werkzeug benutzt, damit er als der große Weltregent mehr und besser in Erscheinung treten konnte[3]. Freilich müssen die erwählten, die auserlesenen Werkzeuge durch heroischen Glauben ersetzen, was ihnen an persönlicher Eignung und Befähigung fehlt.

Drängt uns die erste Deutung des heutigen Naturereignisses das Magnifikat und das Deo gratias auf die Lippen, so mahnt uns die zweite zu einem mutigen Credo. So hilflos wir den /

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Wassermassen gegenüberstehen, genauso hilflos fühlen wir uns den großen Aufgaben gegenüber, die auf uns warten. Unsere Größe besteht darin, gegen den Glauben zu glauben und gegen das Vertrauen zu vertrauen und unseren Weg weiter zu gehen.

Darf ich eine dritte Deutung versuchen? Regen kann ja auch Segen bedeuten. Ich habe mir sagen lassen, man wäre hier in Chile sehr glücklich, wenn es regnet; die Wasservorräte würden dann wieder neu gefüllt, und man hätte monatelang das nötige Wasser. Ist diese Deutung richtig, dann muß der Segen, den wir erwarten, endlos groß sein. Dann müßten wir ja fast sagen: Herr, halt ein mit deinem Segen! Wir mußten ja fürchten, unser Haus würde durch die Wassermassen weggeschwemmt.

Damit habe ich kurz angedeutet, wie ich persönlich die Situation deute. Eines steht auf jeden Fall fest: Der liebe Gott hat sie so gefügt, darum wird es schon recht sein. Wir stehen ja mit beiden Füßen auf dem Boden des praktischen Vorsehungsglaubens. Die Freude an Gottes Wunsch und Willen kann uns niemand nehmen, auch dann nicht, ja dann am allerwenigsten, wenn er von uns große Opfer verlangt; und diese Forderung hat er bisher in reichem Maße an uns gestellt. Dessen sind wir, dessen ist vor allem unsere junge Generation froh. Als sie aus der Heimat hier ankam, fühlte sie: Hier kommt es auf jede einzelne an! Deshalb wurde sie niemals gestreichelt. Es hieß vielmehr: Sorge, daß du auf deinem Platz stehst und aus dir etwas Gescheites wird! So war es recht. Wird man ins Wasser geworfen, dann lernt man am besten schwimmen. So, nur so werden große Menschen geformt. Ohne Schwierigkeiten, ohne Opfer, ohne Kämpfe wird niemals etwas Ganzes und Großes aus uns werden.

Nach ein paar Jahren wollen wir einmal sehen, welche Deutung wirklich zu Recht besteht. Ob ich mich auch dieses Mal wieder zu den ‚Propheten‘ zählen darf? Als unsere ersten /

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Schwestern vor zehn Jahren ausgesandt wurden, habe ich ihnen gesagt: Haben wir draußen zehn Jahre standgehalten, so wird uns die Kirche approbieren, und wenn sie das ganze Kirchenrecht umpflügen müßte. Sie wissen, daß sie es inzwischen so gemacht hat[4].

Der Teufel ist selbstverständlich auch an uns interessiert. Und dennoch: Wir gehen unseren Weg, auch wenn es Fäden regnen würde, ja wenn eine ganze Sintflut über uns hereinbräche! Wir lassen uns nicht irremachen. Wir gehen in unser Heiligtum und nehmen dort die Feier vor.

Einer von unseren Patres aus Temuco hat gemeint: ‚Ja, was soll denn aus solch einem winzigen Kapellchen werden?‘ Wir hören die nagenden Zweifel aus der Frage heraus. Was sollen wir darauf antworten? Man sagt bisweilen: Schickt man eine Schwester bloß mit einem Regenschirm in die Wüste, dann dauert es nicht lange, und es stehen große Häuser da. Dieses Mal sehen wir nicht etwa ein kleines Schwesterlein in einer unwegsamen Gegend: Es ist [[67]] die große, mächtige, weise und gütige Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt, die dort ihre Wohnung aufschlagen will. Was daraus werden soll! Darauf gibt es nur eine Antwort, und die heißt: Mater perfectam habebit curam![5])«

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de


[1] Unter »Treue-Kreis« verstand P. Kentenich jene priesterlichen Mitarbeiter, die seit Beginn der Auseinandersetzung um sein Werk sich mit ihm und seiner Sache identifizierten. Im Januar 1952 hatte er P. Menningen vor seinem Abflug nach Südamerika den Auftrag gegeben, diejenigen Mitglieder der Limburger Pallottiner-Provinz zusammenzuschließen, die treu zu ihm standen. Daraus entwickelte sich die privatrechtliche Vereinigung des ‚Treue-Kreises‘.

[2] Vgl. Schönstatt, Die Gründungsurkunden, 69-73.
[3] Vgl. 1 Kor 1, 27-29.
[4] P. Kentenich spielt an auf die Apostolische Konstitution »Provida Mater« vom 2. 2. 1947, durch die die Gemeinschaft der Marienschwestern die Möglichkeit erhielt, kirchenrechtlich als Säkularinstitut approbiert zu werden. Das geschah am 20. 5. 1948.
[5] Die Mutter wird in vollendeter Weise sorgen. Während des Ersten Weltkrieges hat P. Kentenich das Wort »Mater habebit curam« von Pallotti übernommen (vgl. J. Frank, Vinzenz Pallotti, 1. Bd., Friedberg 1952, 336) und es später durch das Wort »perfectam« ergänzt.

 

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