JoBr52-05_206-211 Der 31. Mai 1949 VI

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Der 31. Mai 1949 VI

Die Nachgeschichte des 31. Mai 1949 (Fortsetzung)

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Die nicht selten eigenartig anmutende dogmatische Einstellung in führenden deutschen Kreisen hat ihre Wurzel recht häufig nicht einmal so sehr in dogmatisch begründeten Auffassungen als vielmehr in krankhafter seelischer Anlage. Was der Heiland uns von der Fruchtbarkeit des Saatkornes sagt, gilt von jeder Wahrheit: Sie ist nicht nur von den inneren Triebkräften, sondern auch von der Aufnahmefähigkeit des Bodens abhängig(11). Germanische Denkweise ist weithin angekränkelt. Was der romanischen Seele so selbstverständlich ist und was sie so stark fürs Katholische empfänglich macht, fehlt weithin der germanischen. Gesunde Natur kennt ein symbolhaftes, ein organisches, ein universelles und ein zentriertes Denken. Alle vier Eigenschaften finden sich vielfach beim Germanen mechanischer Prägung entweder gar nicht oder in sehr beschränktem Maße. Das halte man vor Augen, wenn man überlegt, wie man etwa dem Deutschen die Stellung der Gottesmutter im Heilsplane schmackhaft machen kann. Hindernisse, die beseitigt werden müssen, liegen hier bedeutend mehr in der Seele als im Objekt selber. So verstehe man den Ernst, mit dem Schönstatt gegen den Einbruch des philosophischen Idealismus ins religiöse und kirchliche Leben anzugehen sich bemüht.

Hat organische Denk- und Lebensweise im Kampf gegen den Mechanismus sich bis zu einer vorwärtsdrängenden Eigengesetzlichkeit ausgereift, so findet sie vielfach für die eigenen Lebensvorgänge Ausdrucksformen, wie [[82]] sie in Liturgie und Heiliger Schrift vorkommen. Simile simili gaudet(12). Offenbar handelt es sich hüben und drüben um denselben Prozeß. Soll die ins Krankhafte gesteigerte transzendentale Auffassung des mechanistischen Denkens überwunden werden, so darf man solchen Strömungen Spielraum lassen. Sie haben ein Regulativ in sich selber. Sie brauchen deshalb – auch wenn sie /

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da und dort vorübergehend über die Ufer schäumen – keine bedenkliche dauernde Fehlentwicklung zu fürchten. Im Gegenteil! Auf diese Weise dürfte die Trennung zwischen Religion und Leben wirksam überwunden werden.

Mechanistischem Denken ist es ein Greuel, das ‚per ipsum et cum ipso et in ipso(13)‘ auf die Gottesmutter zu übertragen und ihm so die Form zu geben: ‚per ipsam et cum ipsa et in ipsa(14)‘, so wie es sich im Wappen einer belgischen Stadt findet. Die mechanistische Trennung von Erst- und Zweitursache hat für eine solche communicatio idiomatum(15) kein Verständnis. Darum findet Grignionsche Marienverehrung, die praktisch auf dieses Merkwort abgestimmt ist(16), keine Gnade vor ihrem Richterstuhle. Noch viel weniger wird verstanden, daß jede tiefere innere Liebe das seelische Ineinander in der Form des ‚per et cum et in‘ kennt und erstrebt und gern in solchen Ausdrücken ausruht.

Alles in allem: Schönstatt kann nur verstanden werden, wenn es im Zusammenhang mit dem Bolschewismus und dem deutschen idealistischen Humanismus gesehen und gewertet wird(17).«

Die mitgeteilten Texte dürften genügen, um soviel Einblick in historische Sachverhalte zu gewähren, als notwendig ist, um ein selbständiges Urteil zu ermöglichen. Die Auswahl war durch das gesteckte Ziel bestimmt. Es sollte dokumentarisch nachgewiesen werden, daß nicht Leichtfertigkeit, sondern das »Gesetz der geöffneten Tür« und kindliche Folgsamkeit gegen Gottes /

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Wunsch und Willen die fragliche gewichtige Entscheidung und Handlungsweise inspiriert haben; daß der ganze Fragenkomplex, in das Liebesbündnis mit unserer Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt hineingenommen, so auf eine höhere Ebene erhoben und von dort aus gesehen und gelöst worden ist.

Wer den erbrachten Tatsachenbeweis anerkennt, dem fällt es nicht schwer, mit Berufung auf das besagte Bündnis vertrauensvoll zu wiederholen: »Mater perfectam habebit curam!«, oder mit einem Seitenblick auf die am 5. Juni 1949 getätigte Krönung aus tiefer Überzeugung zu singen:

»Wir siegen, weil wir sterben.
Wir siegen, weil wir stehn.
Dein Reich und deine Krone
wird niemals untergehn.
Drum: Heil dir, Schönstatt-Herrin,
vielliebe Königin!
Dein Reich wird glorreich schreiten
durch alle Zeiten hin(18).«

Andere werden sagen: Alles ist recht und gut. Man mag in der Beurteilung der Situation richtig gegriffen haben, aber – die Methode, die Methode! Darf man denn so mit seinen kirchlichen Vorgesetzten umgehen? »Quod licet Jovi, non licet bovi(19).« Was Paulus sich Petrus gegenüber erlaubt hat(20), darf nicht jedermann unbesehen /

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nachahmen. Darauf läßt sich viel und vielerlei erwidern; manches Grundsätzliche und manches Praktische und Methodische. Ich verzichte vorerst darauf, bis der Abstand von den Ereignissen etwas größer geworden ist. Bis dahin glaube ich nur das eine erwidern zu dürfen: Das »Gesetz der geöffneten Tür« hat diesen und keinen anderen Weg gewiesen. »Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht(21)!« Die Natur hätte lieber einen anderen gewählt.

Aber wenn Gott spricht, deutlich spricht, fordernd spricht, [[83]] hat die Kreatur zu schweigen. »Wer ist je sein Ratgeber gewesen?« (Röm 11,34.) Er allein hat das letzte Wort zu sprechen. Alles Sträuben ist und bleibt Verrat an der Sendung und rächt sich bitter. Darum stellt Sankt Augustinus fest: »Timeo Dominum praetereuntem.« Ich fürchte den Herrn, wenn er – nachdem er oft vergebens an der Türe meines Herzens geklopft hat – nicht mehr um Einlaß bittet. Da gilt keine Entschuldigung, keine Berufung auf eine schwere Zunge oder auf üble Folgen für sich und andere. »Ibis nobis(22)!« Du hast zu gehen! Du gehst! So lautet das Machtwort des Herrn – und damit ist jede Widerrede abgeschnitten. So bin ich denn gegangen. Ich würde es ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal genauso machen, auch wenn die Folgen noch schmerzlicher wären.

Wer aus Gottes Hand in Gottes Hand fällt, ist immer gesichert, ist immer auf dem besten Wege, auch wenn in der Hand Dornen und Disteln sind, oder wenn sie uns über gähnende Abgründe hält. Wer aber aus Gottes /

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Hand in Menschenhand fällt – und wenn es die eigene ist -, erweist sich allezeit schlecht beraten, geführt und gehalten.

Jahre- und jahrzehntelang sind andere Wege versucht worden – sie führten nicht zum Ziele. Die Verhältnisse sind durch historische Gegebenheiten so festgefahren und verhärtet, die Straße ist so verbaut, daß jeder andersgeartete Versuch auch künftig scheitert. Und dabei steht der Todfeind des Christentums unmittelbar vor den Toren Deutschlands, jeden Augenblick zum Sprung bereit! Die Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt bittet in ihrer Hilflosigkeit um unsere Hilfe, ohne die sie das deutsehe Volk nicht wirksam genug heimsuchen und heimführen kann und mag. Wer hat da den Mut, sich und seine Mitarbeit zu versagen? Im übrigen dürfte es am besten sein, wenn wir das Urteil der Geschichte ruhig abwarten.

Einstweilen können wir nichts anderes tun als vorwärtsschreiten, vorwärts durch alles Dunkel zum Licht, der Sonne entgegen. Wir dürfen nicht auf halbem Wege stehenbleiben, damit es uns – ich spreche bildhaft – nicht wie Lots Weib ergeht(23).

Es ist freilich nicht jedermanns Sache, auf hohen Bergesgipfeln einherzuwandern, auf engen, gefährlichen Stegen sich zu bewegen, während rechts und links gähnende Tiefe, dunkle Abgründe locken und drohen. Deswegen steht am Anfang des Weges ein doppeltes Merkwort. Das eine ist eine Mahnung und heißt: »Wenn du glaubst!« Das andere ist eine Warnung und besagt: /

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»Eintritt verboten!« Wer nicht glauben kann wie ein Senfkörnlein(24), wie ein Kürbis(25), der darf den steilen, gefahrvollen Aufstieg nicht wagen; es wird ihm schwindelig, und er stürzt unversehens in die Tiefe. Besser ist es, wenn er vor den Toren wartet, bis die Kundschafter aus dem Gelobten Land, das von Milch und Honig fließt, von ihrer Fahrt zurückkehren und frohe Kunde bringen(26), oder bis die ausgesandte Friedens- und Siegestaube Grund und Boden für die auf den Wogen hin- und herschaukelnde Arche gefunden hat(27).

Ein drittes und letztes Mal meldet sich ein bänglicher Zweifler zu Wort. Er meint, wir vergäßen ob der Sorge um die eigene Familie die Kirche Gottes auf Erden, die Wichtigeres zu tun habe, als sich angelegentlichst um uns zu kümmern. Die Antwort ist bereits für den gegeben, der tiefer sieht. Wenn wir für unsere Familie eintreten, wenn wir sie verteidigen, wenn wir den Weg in die Zukunft freigemacht wissen wollen, so tun wir es nur wegen ihrer Sendung in der Kirche und für die Kirche, vor allem für die »kommende« Kirche, für die Kirche »am anderen Ufer«.

11. Vgl. Mt 13,3-8 parr.

12. Gleich und gleich gesellt sich gern. Der Spruch stammt aus Macrobius, Saturnalium conviviorum libri septem, 7, 7, 12, Hrsg. Eyssenhardt, Leipzig 1868.

13. Durch ihn und mit ihm und in ihm. Aus dem Kanon der Messe.

14. Durch sie und mit ihr und in ihr.

15. Austauschbarkeit der Attribute.

16. Vgl. die Ausführungen darüber in dem Band „Bündnisfrömmigkeit“, dem 2. Teil dieser Studie.

17. Studie vom 6.4.1951 „Schönstatt im Streite der Zeit“, geschrieben in Santa Maria/Brasilien.

18. Letzte Strophe des Schönstatt-Liedes „Du Herrin aller Himmel“.

19. Was Jupiter erlaubt ist, ist nicht jedem Ochsen erlaubt. Römische Redensart.

20. Vgl. Gal 2,11.

21. F. Schiller, Wilhelm Tell, Monolog Tells in 4,2.

22. Vgl. Jer 1,7.

23. Vgl. Gen 19,26.

24. Vgl. Mt 17,19.

25. Vgl. Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, 1. Buch, Nr. 221: „Der Glaube, Senfkorn groß, versetzt den Berg ins Meer: Denkt, was er könnte tun, wenn er ein Kürbis wär.“

26. Vgl. Jos 2,22-34.

27. Vgl. Gen 8, 10-12.

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de

 

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