JoBr52-06_174-180 Die Originalität des Schönstätter Liebesbündnisses XII

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Die Originalität des Schönstätter Liebesbündnisses XII

»Herz und Schoß der Gottesmutter« – »Christus- und Gottesform« – Grignions M-geheimnis III

»Herz und Schoß der Gottesmutter«

Wegen der Sinnenhaftigkeit unserer Natur ist es nicht gleichgültig, an welchem Ort wir uns befinden. In einem sakralen Raum – etwa in der Kirche – läßt es sich leichter beten als in einer Fabrik. Wer im Herzen der Gottesmutter wohnt, hält sich ständig – auch mitten im Lärm des Alltags oder unter dem Geratter der Maschinen – an geweihter Stätte auf. Guardini baut diesen Gedanken in seiner wertvollen Rosenkranz-Erklärung aus. Er hebt hervor, daß die andauernde Hinordnung des Be- /

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tenden zu Maria hin dem Aufenthalt an solch heiliger Stätte gleiche und daß man dort leichter und gesammelter mit Christus und Gott verkehren könne(20). Wärmer umschreibt Grignion sein Geheimnis, wie ein Mensch, der aus tiefem eigenem Erleben seine Gedanken geschöpft:

»Es genügt nicht, sich einmal der allerseligsten Jungfrau…(21) hingegeben zu haben. Es genügt auch nicht, es jeden Monat, jede Woche zu tun. Eine solche Andacht wäre viel zu flüchtig und würde die Seele nicht zu jener Vollkom- [[161]] menheit führen, zu der sie dieselbe zu erheben vermag. Es ist nicht gerade schwierig, sich in eine Bruderschaft aufnehmen zu lassen, diese Andacht anzunehmen und täglich einige mündliche Gebete zu verrichten, wie sie es vorschreibt; aber die große Schwierigkeit liegt darin, in den Geist dieser Andacht einzudringen, der darin besteht, eine Seele innerlich von der allerseligsten Jungfrau und durch sie von Jesus abhängig zu machen(22).« »Man muß alles in Maria tun, das heißt man muß sich allmählich daran gewöhnen, sich im Innern zu sammeln, um sich eine kleine Idee oder ein geistiges Bild von Maria zu machen. Sie soll für die Seele der Betort sein, mo sie alle ihre Gebete Gott darbringt(23).« »Maria ist ein heiliger Ort, ja das Allerheiligste, in dem die Heiligen gebildet und geformt werden(24).«

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»Christus- und Gottesform«

Das Wort »Christus- oder Gottesform« macht darauf aufmerksam, daß die Einformung in Christus und die Gleichformung mit ihm dort am schnellsten und besten gelingen muß, wo jene Form verwendet wird, in der Christus selbst Gestalt angenommen hat:

»Nachdem sie(25) die schöne Form, Maria, gefunden, worin Jesus Christus auf natürliche und göttliche Weise gebildet wurde, ergießen und versenken sie sich in sie, um das naturgetreue Abbild Jesu Christi zu werden, ohne sich auf eigene Kunst und Geschicklichkeit, sondern ausschließlich auf die Vortrefflichkeit der Form zu verlassen« (Nr. 220).

Grignion fühlt, daß seine Lehre für viele Leser neu ist. Er fürchtet Krampf und Zwang bei solcher Einortung und Einformung. Darum sein Warnungssignal:

»Hüte dich … wohl, dich zu betrüben und zu ängstigen, wenn du die süße Gegenwart Mariens in deinem Innern nicht so bald genießest. Diese Gnade wird nicht allen gewährt; und wenn Gott aus großer Barmherzigkeit eine Seele damit begnadigt, so kann sie dieselbe leicht wieder verlieren, wenn sie nicht getreu ist, sich innerlich oft zu sammelmn«. »Wenn man auch bei einem solchen Akte der Vereinigung keine fühlbare Süßigkeit empfindet, so ist er trotzdem wahr und wirklich.« »Hüte dich … wohl, dich gewaltsam anzustrengen, um zu fühlen oder zu kosten, was du sagst und tust. Sage und tue alles im reinen Glauben, den Maria auf Erden hatte und den sie dir mit der Zeit mitteilen wird. Überlasse deiner Herrin… die klare Anschauung Gottes, die Entzückun- /

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gen, Wonnen, Freuden, Reichtümer, und nimm für dich nichts als den reinen Glauben, voll des Widerwillens, voll Zerstreuungen, Kümmernisse und Trockenheit(26).«

Grignion denkt in seiner Darstellung nicht so sehr an die psychologischen Gesetze der Liebe – der Bindung und Haltung; er sieht alles viel stärker im übernatürlichen Lichte. Wir würden dafür sagen: Er lebt ganz aus dem Gedanken vom Liebesbündnis mit der Gottesmutter. Darum erklärt er:

»Wenn sie sieht, daß jemand sich voll und ganz ihr schenkt, um sie zu ehren und ihr zu dienen…, so schenkt auch sie sich voll und ganz auf urraussprechliche Weise demjenigen, der ihr alles gibt. Sie versenkt ihn in den Abgrund ihrer Gnaden, schmückt ihn mit ihren Verdiensten, stützt ihn mit ihrer Macht, erleuihtet ihn mit ihrem Lichte, entflammt ihn mit ihrer Liebe, teilt ihm ihre Tugenden mit: ihre Demut, ihren Glauben, ihre Reinheit und so weiter. Sie wird seine Bürgschaft, sein Ersatz, sein Alles bei Jesus. Mit einem Worte: Da eine solche Person ganz Maria angehört, so gehört auch Maria ganz ihr an« (Nr. 144).

(Fortsetzung folgt)(27)

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Die dritte Seite des Grignionschen Mariengeheimnisses

[[162]] Grignions Mariengeheimnis kennt eine dritte Seite, die wir bisher nicht berührt haben. Sie fügt der geheimnisreichen Stellung der Gottesmutter in Heilsplan und Heilsgeschichte kein neues Wesenselement hinzu. Ist die sponsa et consors Christi(28) von Amts wegen die Christusgebärerin, so kommt von ihrer Seite immer nur eine doppelte Funktion in Betracht. Die eine hat den historischen, die andere den mystischen Christus zum Gegenstand … Sie ist Mutter des historischen und Mutter des mystischen Christus … Darin gipfelt, darin erschöpft sich aber auch ihre Stellung in der Heilsordnung.

Ein neues, ein drittes Wesenselement ist nicht mehr möglich; es sei denn, es handle sich – wie wir später sehen – um ein solches, das in den beiden genannten einschlußweise oder keimhaft bereits mitenthalten ist. Wir denken hier an ihre Stellung zum Teufel, wovon nachher die Rede sein wird. Spricht Grignion trotzdem von einer dritten Seite seines Mariengeheimnisses, so meint er damit die Art seiner Entschleierung und Anerkennung.

Nach seiner Auffassung ist die Gottesmutter im Neuen Testament immer als Christusgebärerin wirksam gewesen. Mehr noch: In dem Ausmaß, in dem Christus Gestalt und Form in einer Seele angenommen hat, hat sie ihre christusgestaltende Tätigkeit entfaltet. Das beweist die Seelengeschichte der Heiligen. So war es allezeit, so ist es heute noch, so wird es bis zum Ende der Welt bleiben. Das verlangt schlechthin ihre wesenhafte Stellung als amtliche Christusgebärerin.

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Es steht »im Plane«, daß diese geheimnisvolle Tätigkeit sich jahrhundertelang still und unbeachtet von den Blicken der Öffentlichkeit entfalten sollte. So bewahrheitet sich das Wort: »Gott hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd« (Lk 1,48). Er hat sie in doppeltem Sinne angesehen. Er hat sie anerkannt durch Erhöhung zur Würde der amtlichen Dauergefährtin und Dauergehilfin des Herrn beim gesamten Erlösungswerk. Er hat aber auch die demütige Magdgesinnung der Gebenedeiten unter den Weibern berücksichtigt und ihren Wunsch nach Verborgenheit, nach Nichtbeachtetsein und Unscheinbarkeit erfüllt. So war es zu ihren Lebzeiten, so auch – bald mehr, bald weniger – in den verflossenen Jahrhunderten. Wohl hat sich im Laufe der Zeit gleichfalls das andere prophetische Wort erfüllt: »Von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter« (Lk 1,48), aber – das ist Grignions Auffassung – diese Seligpreisung steht in keinem Verhältnis zur objektiven Stellung Mariens.

Mit prophetischem Blick die Zukunft durchschauend ist der Heilige davon überzeugt, daß die volle Entschleierung ihrer Größe und deren vollendet willige Anerkennung in der öffentlichen Meinung dem Zeitenende vorbehalten ist. Dann erst bekommen die beiden Worte des Magnifikat, die auch schon heute nicht mehr ganz überhört werden können, einen vollen, einen hellen, einen hinreißenden und dauernden Klang: »Großes hat an mir getan, der da mächtig und dessen Namen heilig ist« Lk 1, 49). »Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter« (Lk 1, 48).

So wird die Marienverehrung, die bereits gegenwartsmächtig geworden ist, das heißt die die Gegenwart /

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machtvoll mitbestimmt, im wahren Sinne des Wortes zukunftsträchtig, das heißt sie trägt die Zukunft der Kirche in ihrem Schoße, sie gibt der Kirche am anderen Ufer ein Gepräge, eine Sieghaftigkeit, wie die Geschichte beides bisher niemals gekannt hat.

Die Kirche erkennt offiziell und freudig Mariens Stellung an und liefert sich in ihren Kindern vorbehaltlos ihrer weisen Erziehungsarbeit durch die »Vollkommene Andacht« aus. So reift sie zum Vollalter Christi oder zu einer Art Idealkirche heran. Maria ist es, die nach Grignion die großen Heiligen der Endzeit heranbildet, die alle vorausgehenden Heiligengestalten überragen sollen wie ausgewachsene Bäume das Gras(29).

Diese künftige Entwicklung der Marienvereherung mit ihrer einzigartigen Erziehungs- und Bildungsmacht ist die dritte Seite des Grignionschen Mariengeheimnisses. [[163]] Geheimnis kann sie im weiteren Sinne des Wortes genannt werden, insofern sie nach beiden Seiten – nach seiten der äußeren Entwicklung und der inneren Erziehungsmacht – heute noch unbekannt ist.

20. R. Guardini, Der Rosenkranz Unserer Lieben Frau, Würzburg ²1949. Vgl. die Abschnitte »Maria« (23) und »Christus in uns« (30).

21. P. Kentenich hat hier das Wort »als Sklave« ausgelassen. Überhaupt geht er hier auf den von Grignion so betonten Begriff der »esclavage de Marie« nicht ein.

22. Grignion von Montfort, Geheimnis Mariä, Nr. 44.

23. A.a.O., Nr. 47. Die Hervorhebung stammt von P. Kentenich.

24. Abhandlung, Nr. 218.

25. Die Seelen, die die »Vollkommene Andacht« üben.

26. A.a.O., Nr. 51.

27. Bis hierher geht der Teil der Studie, den P. Kentenich in Santiago/Chile abgeschickt hat. Den Rest der Studie hat er in Milwaukee/USA geschrieben.

28. Braut und Gefährtin Christi.

29. Vgl. Abhandlung, Nr. 47.

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit, Vallendar-Schönstatt 1972, 278 S. – www.patris-verlag.de

 

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