MyPK 01 Wissen und Weisheit

MyPK 01 Wissen und Weisheit

Aus: Kindsein vor Gott (1937), 382-388 (=Durchblick in Texten, Band 4)

In diesem Text geht es auch um die Ehrfurcht vor den konkreten Lebensäußerungen. Es geht um ein Denken, das diesen ehrfürchtig begegnen kann.

Wohl ist Weisheit Wissen, aber nicht jedes Wissen Weisheit. Was ist also Weisheit?

Erstens ist sie nicht identisch mit Gelehrsamkeit. Der tiefere Grund liegt darin: Gelehrsamkeit als solche erstrebt unmittelbare Verstandesvervollkommnung, Weisheit aber Lebens und Seinsvervollkommnung. Deswegen ist der weise Mensch auch immer abgeklärt, während der gelehrte Mensch sehr leicht aufgeklärt sein kann im üblen Sinne des Wortes. Beobachten Sie nur einmal im Leben, wie oft ein ganz großer Unterschied obwaltet zwischen Gelehrsamkeit und Weisheit.

Zweitens ist Weisheit noch viel weniger gleichbedeutend mit Vielwisserei. Pascal macht hier den Unterschied zwischen Dogmatisten und Pyrrhonisten. Die Dogmatisten sind die Wissenssatten. Was sie wissen, ist immer absolut sicher. Sie mögen daraus schließen, wie wenig Ehrfurcht diese Menschen vor der Wahrheit haben. Die Pyrrhonisten sind die Wissensgierigen. Sie kommen niemals zu einem Entschluss. Sie sagen sich immer: Das ist noch nicht wahr, und das auch noch nicht und so weiter. Beide Typen mögen in ihrer Art Vielwisser sein. Weisheit weiß die Mitte zu finden. Weisheit hat Ehrfurcht vor dem Licht der Wahrheit und auch vor dem Dunkel der Wahrheit.

Damit komme ich gleich zur positiven Einstellung unserer Gedankengänge. Was ist also die Tugend der Weisheit? Allgemeine Antwort: das ist ein besonders geartetes Wissen.

Welche Eigenschaften muss Wissen als Weisheit haben? 1. Weisheit ist ein staunend ehrfürchtiges Wissen. 2. Weisheit ist ein qualitatives Wissen. 3. Weisheit ist ein persönlich erfahrungsgemäßes Wissen. 4. Weisheit ist ein charismatisches Wissen. 5. Weisheit ist ein unerschöpfliches Wissen.

(1. Ehrfürchtig staunendes Wissen)

Unser Wissen muss erstens ein ehrfürchtig staunendes werden. Vielleicht sehen wir die Gesamtsituation, die vor uns liegt, schnell wieder einmal vom philosophischen Standpunkt aus an. Darum die Frage: Weshalb ehrfürchtig staunendes Wissen? Antwort: weil das Wissen nicht nur mit Einsicht, sondern auch mit Liebe verbunden ist. Und warum mit Einsicht und Liebe? Aus zwei Gründen: weil Weisheit ein Staunen ist vor dem Licht der Wahrheit und der Wärme der Güte; sodann ein Staunen vor dem Dunkel der Wahrheit und dem Dunkel der Güte zwei Ausdrücke, die ich wohl erst philosophisch ein wenig klären und erklären muss.

Wir haben vielleicht von der Philosophie aus noch Axiomata dieser Art im Gedächtnis: Ens et unum (verum, bonum) convertuntur. (1) Hier müssen Sie einhaken, wenn Sie die Weisheit verstehen wollen.

Ens et unum: ein in sich geschlossenes Individuum, ein in sich geschlossenes Ganzes.

Was verstehen wir unter verum? Das ist ein Lieblingsgedanke, den wir schon häufiger miteinander erwogen: Jedes geschaffene Ding ist ein inkarnierter Gottesgedanke. Wenn ich also einen Gegenstand erkenne, dann schließt das Einsicht und damit gleichzeitig Vervollkommnung des Verstandes in sich, weil ich einen Gedanken nachdenke, den Gott gedacht hat. Hier haben wir also ein Wissen, verbunden mit Einsicht.

Wir kennen aber auch das andere Wort, dass jedes geschaffene Ding ein inkarnierter Gotteswunsch ist. Deswegen: ens et unum (bonum, verum) convertuntur. Jedes geschaffene Ding enthält also auch ein Stückchen von Gottes Güte. Und wenn ich mich nun dieser Güte, die im geschaffenen Ding kristallisiert ist, hingebe, dann ist mit der Erkenntnis auch Liebe verbunden.

Wollen Sie einmal vom ganz abstrakten philosophischen Standpunkt aus eine abstrakte Wahrheit nehmen, zum Beispiel 2 X 2 = 4. Das ist ein verum, aber auch ein bonum. Inwiefern? Wenn ich weiß, dass 2 X 2 = 4 ist, und ich habe beim Bäcker und so weiter das klingt zunächst recht trivial Schulden, so kann ich nicht übervorteilt werden, das ist offenbar ein bonum. Aber auch abgesehen davon: wenn 2 X 2 = 4 wirklich den Gedanken Gottes nachdenkt, dann bedeutet das auch für meinen Willen eine Klärung und Läuterung. Weshalb? Weil ich mich einer Idee Gottes, die nicht bloß Wahrheit, sondern auch ein Stückchen Güte enthält, gebeugt habe. So ist also Weisheit nicht bloß Einsicht, sondern Liebe: ist ein ehrfürchtiges Staunen vor dem Licht der Wahrheit und vor der Wärme der Güte, die darin sich kristallisiert.

Wir müssen sofort auch die Kehrseite sehen und sagen: Weisheit schließt auch Ehrfurcht und Staunen vor dem Dunkel der Wahrheit in sich. Wir haben heute schon von den Dogmatisten und Pyrrhonisten gesprochen. Es steckt auch in jeder Wahrheit fortschreitend letztlich ein Abglanz Gottes. Und wann werde ich einmal eine Wahrheit vollständig austrinken! Das geht endlos weiter. Wir haben schon vom Dogma gesagt, es sei ein Hell Dunkel oder ein Halbdunkel. Sagen wir Hell Dunkel; dann ist jedes natürliche Erkennen ein Halbdunkel. Ich kann in einer Erkenntnis immer tiefer und weiter fortschreiten. Wir können nicht so schnell sagen: jetzt habe ich ein Ding erkenntnismäßig ausgeschöpft. Also Weisheit bedeutet auch immer ehrfürchtiges Staunen vor dem Dunkel der Wahrheit.

Jede Wahrheit ich darf das wiederholen hat zwei Seiten: etwas Lichtvolles und etwas Dunkles, auch die natürliche Wahrheit, umso mehr die übernatürliche Wahrheit. Und wenn ich mich nun beuge vor dem Dunkel, das in der Wahrheit steckt, ist meine Wissenschaft zur Weisheit geworden. Und wenn ich darüber hinaus mir auch sage, jede verkörperte Gottesidee ist ein verkörperter Gotteswunsch, dann muss analog wohl auch in jedem geschaffenen Ding etwas stecken vom Dunkel der göttlichen Güte. Ich kann die Güte der geschaffenen Kreatur nicht voll ausschöpfen. Wie lange brauche ich, bis ich vorgedrungen bin von dem Seienden zum letzten Sein! Das will die Weisheit. Sie geht immer tiefer, bis sie auf dem Urgrund allen Seins das absolute Sein entdeckt, den, der von sich sagt: „Ich bin der Ich bin“ (Ex 3, 14).

Zur Ergänzung muss ich beifügen, dass dieses staunend ehrfürchtige Wissen an sich eine schöpferische Kraft ersten Ranges darstellt. Wenn das wahr ist, verstehen wir, warum es so wenig schöpferische Menschen mehr gibt. Was fehlt? Die schöpferische Kraft der Ehrfurcht, des Staunens, der Weisheit. Wenn wir einmal rein historisch nachprüfen, wann darf ich dann wohl annehmen, dass ein Kind zum Du Bewusstsein erwacht ist? Moderne Philosophen wissen uns das so schön auseinanderzusetzen, dass der erste und vollgültigste Beweis für das Erwachen des vollen Selbstbewusstseins des Kindes in diesem ehrfürchtigen Staunen zu finden ist. Es ist das an sich wiedergegeben in Michelangelos Erschaffung Adams. Sie kennen das Bild. Da ist der Vatergott in urgewaltiger Gestalt. Er berührt mit seinem Finger den schlafenden Adam, und dieser schlägt voll Staunen die Augen auf. Was ist das ein glühendes Staunen, eine warme Liebe! Sofort reagiert Adam auf das Berührtwerden von der Güte Gottes. Hören Sie noch einmal: das Kind fängt an zum vollen Selbstbewusstsein zu gelangen, wo es anfängt zu staunen. Und der erste selbstbewusste Akt des Kindes ist ein ehrfürchtiges Staunen ob alles dessen, was es in sich aufnimmt.

Schöpferische Kraft probieren Sie, ob in der Wissenschaft etwas Schöpferisches geschaffen werden kann ohne Ehrfurcht und Weisheit oder in der Erziehung ohne ehrfürchtiges Staunen. Es wäre der Mühe wert, dass diejenigen, die erzieherisch tätig sind, hier etwas länger stehenbleiben. Wahre Liebe schließt immer Ehrfurcht in sich. Wenn Liebe das schöpferische Prinzip der Erziehung ist, dürfen Sie beim Wissen nie die Kehrseite übersehen, die Ehrfurcht; denn die Liebe auch die eheliche, die väterliche, die freundschaftliche Liebe kennt eine hinlaufende und eine rücklaufende Linie. Die rücklaufende Linie nennen wir staunende Ehrfurcht; die andere ist Liebe im engeren Sinn.

(2. Qualitatives Wissen)

Weisheit ist zweitens auch gleichzeitig ein qualitatives Wissen. Ich habe das eben schon im Kerne angedeutet. Weisheit bleibt nicht an der Oberfläche. Man möchte vom Peripherischen zum Zentralen, vom Äußerlichen zum Innerlichen. Weisheit hat vom Erkennen her keine Ruhe, bis sie auf dem Grund des Seins denjenigen entdeckt, der dem Erkennenden zuruft: „Fürchte dich nicht, ich bin es!“ (Lk 24, 36). Wahre Weisheit möchte also immer zum Letzten, zu Gott, zum Urprinzip zurück. Deshalb ist Weisheit ein qualitatives und nicht bloß ein quantitatives Wissen.

(3. Persönliches oder erfahrungsgemäßes Wissen)

Weisheit ist drittens ein persönliches oder erfahrungsgemäßes Wissen. Der Grund dafür ist im ersten Punkte schon angegeben: Weil Weisheit nicht nur Einsicht, sondern auch Liebe in sich schließt. Und wahre Liebe ist nicht nur ein abstraktes, sondern ein persönliches, erfahrungsgemäßes Wissen. Deswegen wird ja und muss auch Weisheit immer die Person vervollkommnen.

(4. Charismatisches Wissen)

Viertens ist Weisheit, so dürfen wir beifügen, ein charismatisches Wissen. Da ist die natürliche Tugend der Weisheit. Die Philosophen sagen uns mit Recht: ohne einen besonderen concursus divinus generalis (2) kann Wissen nicht zur Weisheit werden. Die übernatürliche Tugend der Weisheit besteht darin, dass Gott in besonderer Weise mit seiner aktuellen Gnade zur Verfügung stehen muss, damit unser Wissen zur wahren Weisheit wird.

(5. Unerschöpfliches Wissen)

Weisheit ist endlich ein unerschöpfliches Wissen. Wo liegt der Grund dafür? Weil es eben ein Wissen ist, das mit Liebe verbunden ist. Und die Liebe kann immer wachsen, weil die Liebe den Gegenstand der Liebe, der zuletzt das höchste bonum ist, niemals ganz ergreifen kann.

(1)Sein und Eines-Sein, Wahres und Gutes sind austauschbar. Oft wird auch noch genannt das „Schöne“. Zusammen nennt man diese Bezeichnungen „Transzendentalien“.

(2)Allgemeine göttliche Mitwirkung. Gott ist in allem präsent und wirksam.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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