MyPK 04 Durchgöttlichung der menschlichen Natur

MyPK 04 Durchgöttlichung der menschlichen Natur

Aus: Vortrag vom 20. Januar 1967, 22-28

(Der jenseitige Mensch)

Und das alles – nun kommt das Wichtige und Wichtigste – im Sinne eines ausgesprochen jenseitigen Menschentums. Der jenseitige Mensch als schroffer Gegensatz gegenüber dem Diesseitsmenschen.

Der jenseitige Mensch ist halt der Mensch, der eine eigenartige Tiefen-, Höhen- und Weitsicht sein eigen nennt. Was ist das für eine Sicht? Die Sicht des Glaubens. Was ist das für eine Sicht? Eine Sicht, die das Licht des Glaubens aufleuchten läßt und neue Dimensionen der Wirklichkeit ausweist.

Der jenseitige Mensch ist der wagemutige Mensch. Weshalb wagemutig? Weil er den göttlichen Mächten ausgeliefert ist und nur eines kennt: Das Ja zu all dem, was die göttlichen Mächte wünschen.

Der jenseitige Mensch ist ein sieghafter Mensch in allen Situationen. Alles in allem, der jenseitige Mensch mit diesen ausgeprägten Eigenschaften, wie wir sie umrissen, kommt aus einer anderen Welt, ist ein Fremdling in dieser Welt.

(Jenseitiger und diesseitiger Mensch)

Ich erinnere mich an das Leben von Pestalozzi. Er hat seine eigene Lebensgeschichte geschrieben, eine eigenartige Geschichte. Er glaubt festzustellen: So wie er sich erlebt, so wie er gelebt, so wie er gehandelt und gewandelt, hätte er überhaupt nicht in diese Welt hineingepaßt, wäre er ein Mensch, gekommen aus einer total anderen Welt.

Verstehen Sie bitte, das ist der jenseitige Mensch, nur mit dem Unterschied, daß wir, die wir aus einer anderen Welt kommen, in einer anderen Welt zu Hause sind, gleichzeitig auch wissen, mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen. Pestalozzi redet immer von Träumen, deren Verwirklichung er zu tätigen trachtet. Wir haben nicht Träume, sondern Sichten, Klarheiten, Einsichten, die wir zu verwirklichen haben und hatten; freilich ohne deswegen gleichzeitig – so wie Pestalozzi – total fremd zu sein auf dieser Erde. Diese Erde ist ja auch für uns Gottes Erde. Und wo wir Gott finden, sind wir ja auch zu Hause. Wir sind zu Hause in der jenseitigen Welt, überall zu Hause, wo die jenseitige Wirklichkeit, die göttliche Wirklichkeit zu finden und zu haben ist.

(Transzendenter und immanenter Gott) (1)

Wir sehen und sahen es allezeit an als unsere große Sendung, das Wort zu verwirklichen: Deum diligere in omnibus tum rebus tum personis tum circumstantiis (2). Den lebendigen Gott sehen, suchen, finden überall, nicht nur den jenseitigen, den transzendenten, sondern auch den immanenten Gott. (…)

Und da stehen wir halt vor der großen, großen Wucht der heutigen Zeit und Zeitgeschichte. Wenn wir einmal zurückschauen in die Kirchengeschichte, dann müssen wir gestehen, gleich am Anfange eine ungeheuer wichtige Auseinandersetzung, haarscharf genau wie in der heutigen Zeit. Um was ging es im zweiten Jahrhundert? Um eine urgewaltige, alles erschütternde Auseinandersetzung des Wortes: Et verbum caro factum est (3). Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht würde.

Die großen Auseinandersetzungen drehten sich allezeit um die beiden Momente: Gott und Mensch. Der transzendente und der immanente Gott. Der transzendente Gott, der in sich existiert, eine Welt für sich darstellt, der über allem steht. Und der immanente Gott, der Gott in der Schöpfung, der durch das Innesein in der Schöpfung die Wertschätzung der Schöpfung legitimiert, der durch sein Innesein im Menschen den Körper legitimiert (4), der das Diesseits und das Jenseits legitimiert.

Das war der wuchtige Kampf des zweiten Jahrhunderts: Kampf mit einer Religion von unten und Kampf mit einer Religion von oben. Kampf mit einer Religion von unten: Ist die Religion nur ein Produkt der persönlichen Sehnsüchte? Ist die Religion weiter nichts als eine selbstgezimmerte Antwort auf innere Sehnsüchte der menschlichen Natur? Oder ist nun die Religion von oben Wirklichkeit? Ist die jenseitige Welt und Wirklichkeit eine reale Welt, keine fingierte, keine selbstgemachte Welt (5)?

Wer nur ein klein wenig Verständnis hat für all das, was heute gärt, der sieht, daß die Erschütterung im zweiten Jahrhundert – wohl die stärkste im Raume der alten Kirche – um dieses große Problem kreiste. Wer das vergleicht mit dem, was heute gang und gäbe ist, der spürt: Es geht in alleweg genau um dasselbe, nur mit stärkeren Akzenten versehen. Ist die jenseitige, göttliche Welt eine Wirklichkeit? Existiert ein transzendenter Gott? Existiert Gott in den Menschen?

(Sendung)

Jetzt müßten wir eine Studie anstellen, und das sollten wir auch einmal tun, zumal wir, die wir tiefer sehen, für welch große Sendung der liebe Gott unsere Familie vorgesehen. Verstehen Sie die urgewaltige Antwort, die Schönstatt gegeben? Von Anfang an das radikale Stehen auf dem Boden der göttlichen Wirklichkeit, und zwar einer transzendenten und einer immanenten Wirklichkeit. Auch der Gedanke der immanenten Wirklichkeit: die Vergöttlichung unserer Natur, die Vergöttlichung der ganzen Schöpfung und die Durchgöttlichung bis ins Unterbewußtsein der menschlichen Natur.

Deswegen haben wir eigentlich im Lauf des verflossenen Jahres zutiefst kaum etwas anderes getan, als versucht, den Einbruch des Göttlichen in unserer Familie hervorzuheben und den Aufbruch des Göttlichen in unserem Innern, in jedem einzelnen; den Aufbruch des Göttlichen unter dem Gesichtspunkte der göttlichen Immanenz; Aufbruch und Durchbruch durch die ganze Familie. Ein flagranter Protest gegen alle Irrtümer und Irrsale der heutigen Welt und Zeit.

Hätten wir nun Zeit genug, dann müßten wir hier lange, lange stehenbleiben. Dann würde uns ein Lichtlein nach dem anderen aufgehen, und dann würden wir erst verstehen, wie groß die Sendung, wie groß aber auch das Geschenk ist, das der liebe Gott der Familie gegeben; denn alle Häresien, alle Irrtümer im Laufe der Christenheit bewegen sich immer entweder um die Unterbewertung oder Streichung des Göttlichen oder drehen sich um die Um- und Unterbewertung des Geschöpflichen.

Denken wir beispielsweise an den hl. Ignatius, den Märtyrer! Wie stark war er von beidem überzeugt: Gott, die göttliche Wirklichkeit über uns, aber auch die göttliche Wirklichkeit in uns . (6) Er war Bischof, wurde gefangengesetzt und sollte in Rom den wilden Tieren vorgeworfen werden. Er schickt Nachricht nach Rom, man solle ihn doch nur ja nicht befreien von dem bevorstehenden Tode. Er ändert seinen Namen. Christusträger will er heißen, nicht Ignatius, nicht Bischof. Christusträger.

Verstehen wir, was das heißt? Mit einer bewußten Geste gegenüber all den kommenden und werdenden Häresien der damaligen Zeit. Die Gnostiker haben eine Geheimwissenschaft zusammengebraut, und darinnen gibt es keinen lebendigen Gottmenschen; wenn Christus tatsächlich gelebt hat, so sagen sie, sei seine menschliche Natur eine geliehene, keine wirkliche. Es gibt nach ihnen keine Durchgöttlichung der menschlichen Natur. Es gibt keine Durchgöttlichung der ganzen Schöpfung. (…) Es geht also in alleweg um eine Religion von unten und eine Religion von oben.

Transzendenz und Immanenz müssen immer zusammengesehen werden. Die Akzentuierungen jedoch können verschieden sein. Das Gefälle des kentenichschen Denkens hat eine eindeutige Neigung zu einer stärkeren Betonung der Immanenz.
Gott lieben in allen Dingen, Personen und Umständen.
Und das Wort ist Fleisch geworden.
Ebenso die Seele und den Geist.
Die richtig verstandene Religion von unten bedeutet nicht notwendigerweise Fiktion, Erfindung. Gott zeigt sich in den Vorgängen der Seele und des Geistes. Diese Auffassung steht im Hintergrund der bisherigen Darlegungen. Aufgabe heutiger und künftiger Theologie ist es, dies noch mehr zu erarbeiten.
Diese ist Thema dieses ZWEITEN SCHWERPUNKTES, der den Menschen in seinen seelisch – geistigen Vollzügen dargestellt hat. In den SCHWERPUNKTEN 7, 9 und 12 wird der Gott-über-uns und der Gott-außer-uns („Gott des Lebens und der Geschichte“) schwerpunktmäßig im Vordergrund stehen.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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