MyPK 10 Gottlicher Wirklichkeitssinn und göttliche Triebkräfte I

MyPK 10 Gottlicher Wirklichkeitssinn und göttliche Triebkräfte I

Aus: Oktoberwoche 1950, 162-165 – (Schönstatt 1993, 424 S.

Siebter Vortrag

(…)b. Der tiefste Grund liegt woanders. Das sind die Entfaltungsgesetze des göttlichen Lebens, die wir gestern allgemein kennengelernt haben, die nunmehr angewandt werden sollen und wollen auf das Bild der lieben Gottesmutter. Entfaltungsgesetze! Wovon sie dirigiert werden? Vom Wunsche Gottes, von der Aufnahmefähigkeit der einzelnen Glieder der Kirche und von den Zeitbedürfnissen.

Es ist eine eminente Triebkraft im göttlichen Leben, das in Christus und in der Gottesmutter lebendig geworden ist. Diese Triebkraft drängt von innen heraus zur Entfaltung, die aber einerseits mitbestirnmt wird durch die Anlage, durch die Struktur des Menschen, andererseits durch die Zeitbedürfnisse. Und die Quelle, aus der wir diese Entwicklung kennen und erkennen dürfen, ist der Glaubenssinn, der sensus fidei, der Glaubensgeist, der ständig in der Kirche wirksam ist und der uns auch mit einer gewissen übernatürlichen Instinktsicherheit sagt, daß die Entwicklung nach der oder jener Richtung ob es sich um die Entwicklung des Christusbildes, des Marienbildes handelt vom Heiligen Geiste getätigt ist.

aa. Den Glaubenssinn, den sensus fidei, können wir auch den übernatürlichen Wirklichkeitssinn nennen. Ein Gespür für die übernatürlichen Wirklichkeiten hat der Herrgott uns damit gegeben, eine Fähigkeit, richtig zu greifen, was in der übernatürlichen Welt existiert, was besonders vom lebendigen Gott hervorgehoben werden will.

Dieser übernatürliche Wirklichkeitssinn ist gleichbedeutend – nun müssen wir wieder achtgeben mit dem habitus fidei der eine Vervollkommnung erreicht durch die Gaben des Heili [163] gen Geistes, vor allem durch die drei Gaben, die den Glauben vervollkommnen, die Gabe der Weisheit, der Wissenschaft und die Gabe des Verstandes. Sehen Sie, der Heilige Geist ist es also, der den übernatürlichen Wirklichkeitssinn in uns entfaltet und stärkt, der unserem Geist Zeugnis ablegt, der uns eine gewisse connaturalitas, congenialitas, eine Gleichschaltung mit dieser übernatürlichen Wirklichkeit schenkt. Das ist ein Tastsinn, wir greifen, was in der übernatürlichen Wirklichkeit existiert. Wer schenkt uns das? Der Heilige Geist!

Wir stehen auf einer Höhenlage. Jetzt wäre es Zeit, länger stehenzubleiben bei den Gaben des Heiligen Geistes, zumal bei den drei genannten Gaben.

Wollen wir den ausgeprägten Glaubenssinn haben, dann muß unser Heiligtum sich als Coenaculum bewähren, dann muß das Vas Spirituale, die Gottesmutter, das geistliche Gefäß, uns den Heiligen Geist erflehen mit seinen Gaben, zumal mit den Gaben der Weisheit, der Wissenschaft und des Verstandes. Nehmen Sie das bitte ernst.

Jetzt wende ich mich an unsere Verbände, Priesterverbände, Frauenverbände. Haken Sie hier ein, studieren Sie die Gaben! Dann dürfen wir hoffen und erwarten, daß die Gottesmutter uns den Heiligen Geist, zumal mit diesen drei Gaben, vermittelt. Und bitten wir die Gottesmutter: „Bitte für uns, heilige Gottesgebärerin, damit wir würdig werden der Verheißungen Christi!“ Was hat er uns verheißen? „Ich werde euch einen anderen Tröster senden …“ (1) Was hat er uns verheißen? Den Heiligen Geist! Hören Sie: „Sie haben keinen Wein mehr!“ Möge es uns glücken, ein Liebesbündnis mit [164] dem Heiligen Geist einzugehen, dann bekommen wir den übernatürlichen Wirklichkeits und Spürsinn.

bb. Auf eines darf ich aufmerksam machen, wir tun es mit großer Demut und Dankbarkeit. Wenn wir zurückschauen in die Geschichte der Familie, müssen wir gestehen, der übernatürliche Wirklichkeitssinn war bisher in ganz ausgeprägter Weise nachweisbar vorhanden. Sie wissen, was wir gestern sagten.

Übernatürlicher Wirklichkeitssinn! Ich kann die übernatürliche Wirklichkeit ja nicht greifen, nicht mit natürlichen Maßstäben messen. Da sind wir hineingewachsen in eine Welt, in eine Wirklichkeit, da sehen wir Dinge, die andere nicht sehen. Soll ich sagen, wir sind in gewissem Sinn „Spökenkieker“? Wir entschließen uns zu Entschlüssen, zu deren Durchführung andere sich nicht entschließen. Es ist wie auf spitzen Bergen, wo man fürchten muß, in einem Augenblick bricht alles zusammen. Das ist eben die Frage: Wo haben wir die Kontrolle für die Echtheit des übernatürlichen Witterungssinnes? Ist das der übernatürliche Spürsinn, die katholische Nase, der katholische Witterungssinn, der hier Pate gestanden? Was ist das alles? Und wer hat hier das Regulativ zu geben? Die Antwort kennen wir, das ist das kirchliche Lehramt, das letzten Endes zu entscheiden hat, ob es übernatürlicher Wirklichkeitssinn gewesen oder Phantasterei. Das kirchliche Lehramt wird von dem Beistand, von der Mithilfe des Heiligen Geistes gelenkt. Der Heiland hat ja versprochen, daß er den Heiligen Geist senden würde, der ständig in der Kirche weilen und die Kirche in alles einführen wolle, was er gesagt, in das göttliche Leben und in die Entfaltungsgesetze des göttlichen Lebens.

[165] Wollen Sie einen Augenblick innehalten, um Ehrfurcht zu bekommen vor unserer Bündnispartnerin. Sehen Sie, wer in Gott und aus Gott ist, wer sich der Gottesmutter hingibt, hat immer einen gesunden, übernatürlichen Wirklichkeitssinn. Die Zukunft mag zeigen, ob der Herrgott dahinter gesteckt. Denken Sie, was war das für ein übernatürlicher Spürsinn, der uns veranlaßte, 1914 das Liebesbündnis mit der lieben Gottesmutter zu schließen! War das übernatürlicher Wirklichkeitssinn? Das ist die große Frage. Soweit die Kirche ein Wort darüber zu sprechen hatte, hat sie es ja getan; sie hat es dadurch getan, daß sie unser Heiligtum, wie es ist, reichlich mit Ablässen versehen hat. Somit hat sie ein Ja gesagt. Das war übernatürlicher Wirklichkeitssinn.

Denken Sie an die großen Ziele, die wir verfolgt haben, meist längst voraus der Entwicklung der Gesamtkirche. Wenn Sie wollen, denken Sie an die große Aufgabe vom Laien-Apostolat. Da könnte ich Ihnen erzählen, was das für Schwierigkeiten in der Kirche gegeben hat. Und nachher kommt die Kirche und setzt das Siegel darauf durch die Proklamation der Katholischen Aktion. Sind wir getragen, getrieben worden vom sensus fidei? War das der katholische Wirklichkeitssinn? Das ist die große Frage.

Denken Sie an die Instituta Saecularia, eigenartige Gebilde, der Zeit weit voraus. Kaum existieren wir, da ringen wir um diese Idee. Als es hart auf hart geht, kommt die Kirche und legitimiert das.

Auf eigenartige Weise ist 1941 bei uns, die wir dogmatisch nüchtern sind, die Weihe an das Herz der lieben Gottesmutter lebendig geworden. Aus ganz anderen Quellen trinkend, hat die Öffentlichkeit das gleiche getan. Denken Sie an Fatima, an den Heiligen Vater, an die Weltweihe an das Unbefleckte [166] Herz Mariens. Eine ganz originelle Entwicklung! Kaum sind wir fertig mit der Inscriptio, das ist ja eine Herzensverschmelzung, eine Weihe an das Herz der Gottesmutter, da geht die Kirche hin und legitimiert das alles. Verstehen Sie, was das bedeutet? Wollen wir deswegen nicht ein Standesbewußtsein in uns großziehen, die Überzeugung: Es war alles gewagt, was wir getan, und doch vom übernatürlichen Glaubenssinn getragen. Das ist ein ständiges Schreiten auf einer ganz gefährlichen Spitze, was wir gewagt.

Woher das kam? Das ist kein hysterisches Nachtwandern, nein, nein, das ist der göttliche Wirklichkeitssinn, der hier lebendig gewesen ist.

So mag der göttliche Spürsinn es gewesen sein, der uns angetrieben hat, 1945 die katholische Öffentlichkeit zu beunruhigen. Um was hat es sich gedreht? Soll Deutschland erneuert werden, dann müssen gewisse Ideen, Grundideen, Grundhaltungen total umgemodelt werden, das, was wir den idealistischen Humanismus nennen dürfen. Da haben Sie den Gegner, von dem wir in jedem Vortrag gesprochen haben, den idealistischen Humanismus im kirchlichen Raum, der ein Schattenbild des fatalistischen Atheismus ist.

Schwere Gedankengänge! Studieren Sie, was das heißt, dann verstehen Sie, was das heißt, den Mut zu haben, vor die Öffentlichkeit hinzutreten und den Kampf anzusagen.

Verstehen Sie, was das besagt: Die Dogmatisierung der Assumptio wird dieselbe Parole in die Öffentlichkeit tragen? Wenn durch diese Dogmatisierung der Kampf nicht vorwärts getrieben, der Kampf nicht gewonnen wird, hat Deutschland eine Chance verloren, und wer weiß, ob der Herrgott nochmals seine Gnade anbietet. Sehen Sie, dafür ist die Oktoberwoche da, um von hoher Warte aus das große Gesamtbild [167] wieder zu sehen, Linien zu ziehen in die Vergangenheit, Linien zu ziehen auch in die Zukunft. Und all das, was jetzt am Werden ist mit den Kindesakten, Gefolgschaftsakten haben Sie nicht gespürt, was wir gestern miteinander besprochen? , ist es nicht in alleweg das, was die Kirche will, was sie durch die Dogmatisierung der Infallibilitas erstrebt? Das dürfen wir demütig annehmen, der Geist Gottes wirkt und ist lebendig. Deswegen haben wir den Mut, des Weges weiterzuschreiten, und deswegen erneuern wir das Liebesbündnis und erbetteln den übernatürlichen Spürsinn, den übernatürlichen Wirklichkeitssinn, das Greifen von Welten, die der gewöhnliche Mensch nicht sieht, die nur der sieht, der des Geistes Gottes ist.

(1) Joh 14,16.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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