MyPK 11 Gottlicher Wirklichkeitssinn und göttliche Triebkräfte II

MyPK 11 Gottlicher Wirklichkeitssinn und göttliche Triebkräfte II

Aus: Oktoberwoche 1950, 169-177 – (Schönstatt 1993, 424 S.

Achter Vortrag – Teil 1

[169] Heute, am Bündnistag, möchten wir unsere Liebesansprüche geltend machen, und zwar in reichem, überreichem Maße. Deswegen haben wir heute morgen überprüft, nach welcher Richtung sie gehen sollen; ob es sich um die Interessen der Gemeinschaft oder um unsere persönlichen Interessen handelt, nach beiden Richtungen kommen wir nicht so schnell an ein Ende.

Liebesansprüche möchten wir unter anderem auch besonders geltend machen im Sinne und im Rahmen unseres Jahresprogramms. Wir wollen ja einen Kreuzzug der vollkommenen Hingabe, des vollkommenen Liebesbündnisses mit Unserer Lieben Frau, mit der Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt, inszenieren.

Darum ist es selbstverständlich, es hängt alles davon ab, daß wir unsere Bündnispartnerin kennen, daß wir sie lieben lernen, ja lieben lemen mit der ganzen Inbrunst unseres Herzens. Wir dürfen dann auch voraussetzen, daß sie nicht bloß in ähnlicher, sondern in noch viel vorzüglicherer, tieferer Weise uns ihr Herz und ihre Liebe schenkt. Das ist ja der Sinn des gegenseitigen Liebesbündnisses. Sehen Sie, deswegen möchten wir auch an diesem Tag die angesagten drei Gedankengänge durchdenken und durchbeten, möchten die Antnebe für die vollkommene Hingabe, das vollkommene Liebesbündnis mit der lieben Gottesmutter neu durchforschen und vertieft auf uns wirken lassen, möchten die Verwurzelung dieses gegenseitigen Liebesbündnisses in der vollkommenen [170] Prägung in der Vergangenheit erneut wahrnehmen und möchten auch wissen, wie das Liebesbündnis praktisch sich gestalten soll in diesem Jahr, im marianischen Kreuzzugsjahr, im Jahr des marianischen großen Kreuzzugs.

Heute morgen haben wir bereits begonnen, den großen Antrieb zu diagnostizieren, der unsere Seele hineinbewegen möchte in das vollkommene Liebesbündnis mit der lieben Gottesmutter. Und wie heißt der Antrieb? Wir halten das jetzt für selbstverständlich: die Gestalt, die Person der lieben Gottesmutter selber. Deswegen müssen wir uns mit dieser Gestalt auseinandersetzen, müssen auf uns wirken lassen ihre Entfaltung, müssen sie uns dann enthüllen lassen, um auch ihre Sinnerfüllung klarer und tiefer zu erfassen und zu verstehen. Deswegen die drei Gedanken: des Marienbildes Entfaltung, des Marienbildes Enthüllung, des Marienbildes Sinnerfüllung.

Des Marienbildes Entfaltung. Wir haben uns heute morgen dabei aufgehalten, und es mögen uns eine Menge Lichter aufgegangen sein, so daß wir wahrhaftig Grund genug haben, unsere Liebesansprüche nach dieser besonderen Richtung geltend zu machen.

Es ist der Heilige Geist, der letzten Endes als die elementare Triebkraft hinter der Entfaltung des Marienbildes steht, und dieser Heilige Geist wirkt in uns durch den Sinn für die übernatürliche Wirklichkeit, er wirkt in uns durch den Glaubenssinn. Darum, so dünkt uns, halten wir es erneut für selbstverständlich, daß wir wieder und wieder Liebesansprüche geltend machen und wiederholen: Wir haben keinen Wein mehr. Nicht genügend Wein des Glaubenssinns, nicht genügend [171] Wein des übernatürlichen Wirklichkeitssinns. Wäre unser Innerstes dieser großen übernatürlichen Wirklichkeit gleichgeschaltet, dann würden wir mit anderen Maßstäben messen, dann würden wir viel griffsicherer sein, zumal in einer Zeit der totalen Unsicherheit, der totalen Revolution, der vollkommenen Wurzellosigkeit allenthalben. Wir würden dann andere Urteile fällen, mit anderen Maßen messen, als es der gewöhnliche heutige Mensch tut, der mit all seinen Organen hingeordnet ist auf die diesseitige Wirklichkeit. „Emitte Spiritum tuum et creabuntur!“ (1) Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen werden! Bitte für uns, o heilige Gottesgebärerin, daß wir, auch wir, würdig werden der Verheißungen Christi vor allem der Verheißung des Heiligen Geistes und der Verheißung seiner sieben Gaben.

Wenn die Gottesmutter, die im Kapellchen, in unserem Coenaculum, wirksam ist, uns diesen Geist, zumal den Geist der Weisheit, den Geist des Verstandes und den Geist der Wissenschaft schenkt, dann sind wir gewiß auf dem rechten Weg. Dann werden wir auch die ganze Struktur unserer Bewegung, all unsere Bestrebungen besser verstehen. Das war ja wohl mit das beglückendste Resultat unserer Erwägungen, daß wir mit Sicherheit annehmen dürfen, daß hinter der Bewegung, hinter unseren Untemehmungen der Glaubensgeist, ja ein ausgesprochener Glaubensinstinkt steckt, ein Glaubenssinn, der den Wagemut aufbringt, auch die geßhrlichsten Experimente zu machen, gefährlich für alle Beteiligten, aber nicht für diejenigen, die tief in der jenseitigen Wirklichkeit leben, sondem nur für die, die auf einer anderen Ebene sich bewegen, die mit rein natürlichen Maßstäben messen und deswegen auch nur die prudentia carnis, nicht die prudentia [172] Spiritus Sancti ihr eigen nennen. Weshalb ich das alles so stark in Erinnerung rufe? Zunächst aus zwei Gründen:

Erstens hatte ich heute morgen nicht Zeit, weil alles eilte, denen herzlich zu danken, die die Gefolgschaftstreue bewahrt haben, auch in Situationen, die kaum jemand verstand. Das ist ein Ehrenblatt in der Geschichte, freilich auch recht betrüblich für die anderen, die die Probe nicht bestanden haben, die rechts und links sich haben bewegen lassen entweder von der Wurzellosigkeit ihres Geistes freilich, das ist der heutige Geist, der mit einer kranken Seele verbunden ist oder die halt die innere Treue in dem Sinn nicht kannten, wie eigentlich die Familie, die als Gotteswerk dasteht, das von uns verlangen kann und erwarten dürfte und müßte.

Und ein zweiter Grund: Ich verstehe sehr gut die Bitte, doch wenigstens das eine oder andere Wort nachzuholen über den Heiligen Geist, über die Gaben des Heiligen Geistes, zumal über die Gaben, die hier in Betracht kommen. Ich will gerne auf den ausgesprochenen Wunsch eingehen, auch auf die Gefahr hin, daß wir wegen Mangel an Zeit viele gleich wesentliche, gleich wichtige Überlegungen nicht anstellen können.

Wir halten also fest, der Heilige Geist ist es, der mit seinen Gaben den habitus fidei in uns entfalten soll bis zu der Vollreife, daß wir sagen können, wir haben einen ausgesprochenen übernatürlichen Witterungs und Wirklichkeitssinn, einen ausgesprochenen Spürsinn für das Übematürliche. Ich meine, die Ausdrücke wären so konkret, daß wir sie alle fassen können. Es existiert eben nicht bloß eine geistige, sondem auch eine geistig-übernatürliche Welt, die wir halt mit den blöden natürlichen Augen, auch mit dem bloßen natürlichen Verstand nicht sehen können. Da brauchen wir ein anderes Sehorgan, und zwar ein ausgeprägtes Sehorgan, so wie der [173] Apostel Paulus das nennt: „Justus autem meus ex fide vivit.“ Mein Gerechter aber lebt aus dem Glauben. (2) Es ist so, als wenn wir sagen dürften, die durch unsere Schule gegangen sind, haben diesen ausgeprägt übernatürlichen Wirklichkeitssinn. „Justus autem …“

Das ist die große Krankheit der heutigen Zeit: Wir mögen heute begeisterte Menschen um uns herumscharen, aber wenige gibt es, die mit uns gehen, wenn wir kraft des übernatürlichen Witterungssinnes den Todessprung machen müssen für Verstand, Herz und Willen. Ohne den Todessprung geht das nicht. Der heutige Mensch möchte Sicherheiten haben, rein menschliche Sicherheiten, und wie er in wirtschaftlichen Dingen versichert sein möchte, so will er auch in seinen Entschlüssen möglichst Sicherheit haben. Und das geht nicht. Das ist ja das Wesen des Glaubens, daß der Glaubensgegenstand ins Dunkel gehüllt, auch dann ins Dunkel gehüllt ist, wenn er da und dort mehr oder weniger vom Licht überstrahlt ist. Nicht umsonst sagt Paulus, der Glaube ist das Fürwahrhalten dessen, was man nicht sehen kann, mit den natürlichen Augen nicht sehen kann, mit den blöden, sinnenhaften Augen, mit dem rein natürlichen Verstand. (3) Da gibt es eine Unmenge von Dingen, die man, rein natürlich gesehen, nicht greifen kann. Man muß ein neues Greiforgan bekommen. Was ist das? Das ist der Glaube.

Sie dürfen nicht meinen, daß der Glaube, auch wenn er getragen ist von dem, was der heilige Thomas lumen propheticum nennt, immer im hellsten Licht erstrahlt. Sonst wäre er nicht einmal in dem entsprechenden Ausmaß verdienstlich. Ach nein, da gibt es Todessprünge. Und wer nicht bereit ist zu die [174] sen Todessprüngen in den Abgrund, der soll die Hand weglassen von einem Werk, das so ganz in die jenseitige Welt hineinragt. Ohne Todessprung geht es nicht. Weshalb? Weil die übernatürliche Welt, auch wenn sie in hellem Licht steht, doch eine Unsumme von Dunkelheit ständig in sich birgt. Der Glaube ist argumentum non apparentium (4).

Glaubensauge! Wer muß uns dieses Glaubensauge schenken? Sicherlich, man darf und muß ja wohl von den drei göttlichen Tugenden sprechen. Wenn wir den Rahmen ein wenig weiter spannen, steht der Heilige Geist vor uns nicht bloß in seiner Person, sondern auch in seiner übernatürlichen Wirksamkeit.

I. Das Wirken des Heiligen Geistes im allgemeinen

1. Er ist der Urheber des übernatürlichen Standes oder Zustandes. Er rüstet unsere Natur übernatürlich aus, er schenkt uns eine neue übernatürliche Seins und Lebensschicht, das göttliche Leben, das, was wir Gotteskindschaft nennen. Er schenkt uns auch die eingegossenen übernatürlichen Fähigkeiten, die drei göttlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung, Liebe; er schenkt uns auch die sogenannten sieben Gaben, die so oder so die eingegossenen Tugenden in ihrer Art vervollkommnen. Er ist der Urheber des übernatürlichen Standes,

2. aber auch gleichzeitig der Urheber der übematürlichen Werke. Damit die Fähigkeiten in den Akt überführt werden das wissen wir von der natürlichen Ordnung , müssen sie geweckt werden durch ein Objekt. In der übernatürlichen Ord [175] nung muß hinzukommen die aktuelle Gnade. Der Heilige Geist ist deswegen auch der Urheber der übernatürlichen, der gottgefälligen verdienstlichen Werke. Das halten wir alle für selbstverständlich, aber wir müssen in dieser jenseitigen Welt stärker leben, in einer Welt, die der heutige Mensch kaum mehr kennt, weil das Diesseits mit seiner Dynamik alle Kräfte des heutigen Menschen aufsaugt.

3. Der Heilige Geist ist der Urheber der Heiligkeit

a. auf dem Wege der eingegossenen göttlichen Tugenden. Will heißen, wo uns die göttlichen Tugenden eingepflanzt, eingegossen werden und wo sie wirksam sind, ist der Mensch in den Stand gesetzt, übernatürliche, verdienstliche Handlungen zu setzen durch Glaube, Hoffnung, Liebe; aber alles ist im Kern abhängig von der Vernunft. Da handeln wir also vernunftgemäß übernatürlich und verdienstlich, da sind wir also unmittelbar abhängig von der Vernunft, die allerdings vom Glaubenslicht mehr und mehr erleuchtet ist.

b. Wo aber die Gaben des Heiligen Geistes wirksam sind, da ist die Seele den Antrieben Gottes unmittelbar ausgesetzt. Und das ist das Große, das ist das Bedeutungsvollste, nicht als ob nicht auch die Vernunft tätig wäre, aber da sind es mehr die Antriebe Gottes, die unmittelbar die Seele ergreifen und nach oben reißen. Sehen Sie, das ist ein ganz anderes Licht, unter dessen Einfluß dann die Seele steht. Wir haben heute morgen schon den Ausdruck „Spökenkieker“ gebraucht. Wir sehen da andere Dinge viel, viel heller als all die anderen Menschen, die nicht unter dem Einfluß der Gaben des Heiligen Geistes stehen.[176]

4. Der Heilige Geist ist durch dieses eigenartige eingegossene Licht auch die Ursache, der Urheber für eine ungemein klare, aber auch große Zusammenschau von Wahrheiten, um die man sich sonst mit großer Anstrengung mühen muß. Auf einmal geht ein Licht auf, und man sieht eine Welt, die man vorher kaum geahnt hat.

5. Gleichzeitig schenkt dieser Heilige Geist auch dem Herzen große, gewaltige Bewegungen. Da dreht sich alles elementar hin zur Wirklichkeit, und kraftvolle Entschlüsse werden wach. Das ist das, was wir Magnanimitas nennen, die Hochgemutheit, die alle Halbheit über den Haufen wirft. Letzten Endes ist es der Heilige Geist, der durch seine Gaben der Seele sogar Geschmack gibt an Schwierigkeiten. Das muß sein. Wenn wir Dinge sehen, die andere nicht sehen; wenn wir in Welten hineinschauen, die andere nicht kennen wenn ich das allein tue, mag recht sein, stört niemand. Wenn es aber Welten sind, in die ich andere emporführen muß, dann ist selbstverständlich ein stetiger Kreuzweg mein Begleiter, dann muß ich mich einstellen auf Kreuz und Leid, seelische Einsamkeit, Nichtverstandensein, Verachtetsein das ganze Leben hindurch. Deswegen muß ich das Kreuz lieben lernen, Nichtverstandensein, Verachtetsein lieben lernen. Wissen Sie, wenn das geschieht mit Ach und Krach, mit aller Mühe mit den gewöhmichen Gnaden, hält man das nicht aus, da bricht man ja zusammen. Deswegen hören Sie noch einmal, der Heilige Geist muß uns Geschmack geben an den Schwierigkeiten. Es ist etwas anderes, wenn ich halt mit aller Mühe mein Kreuz schleppend trage wenn jemand käme und mich mitnähme , und etwas anderes, wenn ich es jubelnd und voller Freude trage. Und so schickt es sich.

[177] Bei den Aposteln war es ja so, vor der Herabkunft des Heiligen Geistes waren sie kreuzesflüchtig und nachher wenn Sie den Ausdruck als Wortspiel betrachten wollen kreuzessüchtig. Da waren sie stolz, wenn sie leiden durften, wenn sie mißhandelt wurden, wenn sie nicht beachtet wurden, wenn sie mit dem Heiland am Kreuz sterben durften. Verstehen Sie bitte, das ist eine andere Welt, das ist die Welt, in die Schönstatt eingebaut wurde, das ist die Schönstattwelt, die Welt des Heiligen Geistes. Verstehen Sie im Kern, was das heißt? Wer ist es, der uns das Organ geben muß für diese jenseitige Wirklichkeit, den göttlichen übernatürlichen Wirklichkeitssinn, Spürsinn? Der Heilige Geist! Das ist kein blinder Trieb, das ist etwas Helles und Lichtvolles, nur dunkel für diejenigen, die der liebe Gott nicht auf diese Höhenlage führt. Es muß aber mit diesem Spürsinn eine eigenartige Großmütigkeit verknüpft und verbunden sein. Wer nicht großmütig ist, muß damit rechnen, daß der Heilige Geist vorbeigeht, wie der Engel an den Türpfosten vorbeiging. Wer nicht großmütig sein Letztes hergeben will da haben Sie ja den Sinn der Ganzhingabe , kann auch nicht ergriffen werden von einer anderen Macht. Diese Macht trägt uns, und das ist gerade der Glaubenssinn, der sensus fidei den der Heilige Geist uns schenken muß, nicht bloß heute und morgen, sondern solange wir existieren, wenn wir unserer Sendung treu bleiben, unsere Aufgabe als Schönstattfamilie erfüllen wollen.

II.

Wenn Sie diese allgemeine Linienführung nun ein wenig anwenden wollen auf eine der Gaben, ich nehme die Gabe, die im Kern alle anderen enthält, auf [178] die Gabe der Weisheit,

dann werden Sie besser verstehen, was gemeint ist. Sie werden aber auch viel stärker angeregt werden, die Gottesmutter zu bitten, sie, die selber die Gaben des Heiligen Geistes als Vas Spirituale in eminenter Weise in sich gehabt, soll uns den Heiligen Geist erflehen, vor allem den Heiligen Geist mit der Gabe der Weisheit.

Selbstverständlich ist es dem Dogmatiker schwer, wenn er die einzelnen Gaben durchspricht, überprüft, sie genau zu scheiden. Was aber das Wesentlichste ist: Die Gaben des Heiligen Geistes sind schlechthin die Mittel, die die Seele zur Hochherzigkeit, zum Großmut emportreiben, das sind die Mittel, die die Seele wie auf Flügeln in eine andere Welt hineintragen. Da kommt es nicht so sehr darauf an, daß der Heilige Geist das durch diese oder jene Gabe tut, da mag die Wissenschaft zurückstehen. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, daß wir abwägen, diese Gabe gibt das, jene das. Das ist auch der Grund, weshalb ich summarisch bloß ein paar Worte über die Gabe der Weisheit sage.

Selbstverständlich müssen wir hier in die Schule derer gehen, denen der Herrgott die Gaben in hervorragendem Maße gegeben hat. Lediglich Philosophieren allein führt nicht zum Ziele. Entweder darf ich in Seelen hineinschauen, in denen der Heilige Geist wirksam ist, oder ich darf innewerden, daß der Geist Gottes, der Heilige Geist, mich selber geführt hat. Das heißt praktisch, wir müssen die Lebenserfahrung befragen. Was sagt uns diese praktische Erfahrung? Was schenkt die Gabe der Weisheit der begnadeten Seele? Was also der Heilige Geist durch die Gabe der Weisheit schenkt, mich dünkt, zusammenfassend dürfte und müßte ich so sagen: ein überaus helles Licht, eine außerordentlich große Liebe, eine [179] tiefgreifende, umfassende Wandlung und Verwandlung. Und auf das Letztere kommt es an. Wir müssen gewandelt werden. Transformatio in Deum! Das alte Wort, das wir so leicht nachsagen, das der Apostel Paulus uns vorsagt, bekommt jetzt erst eine vollendete, beglückende Wirklichkeit: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (5) Und wenn Christus in mir lebt, dann lebt auch sein Geist in mir. Das ist der Heilige Geist, der dann in mir lebt.

Wir sprachen ja gestern davon, daß die Persönlichkeit Christi geladen, ungemein geladen ist mit göttlichen Kräften. Und wann werden diese Kräfte entzaubert? Wann können diese Kräfte sich lockern und lösen? Wann werden sie entfaltet? Das ist der Heilige Geist, der Geist Christi der nach der Richtung in der Seele tätig sein muß, einbrechen muß in unsere Seele. Das mag auch der Grund sein, daß in unseren Kreisen das starke Drängen ist nach Einsamkeit, nach Besinnlichkeit, nach Geoffnetsein, gleichsam nach einem sich empor Tragenlassen in eine andere Welt. Wir können das ja gar nicht selber.

Wenn Sie nun auf Einzelheiten ein klein wenig achten wollen, um zu prüfen, wie der Geist Gottes unsere Seele getragen oder tragen möchte, was bedeutet das dann?

  1. Ps 104 (103), 30.
  2. Hab 2,4; Röm 1,1; Hebr 10,38.
  3. Vgl. Hebr 11,1.
  4. Ein Argument für das, was nicht in Erscheinung tritt.
  5. Gal 2,20.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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