CS17 CAUSA SECUNDA Text 17

CS17 CAUSA SECUNDA Text 17

Aus: Marianische, pädagogische Tagung 1932

Marianische Gebundenheit.

Diesen Punkt behandle ich mit großer Liebe. Sein Verständnis könnte uns eine neue Welt erschließen. Ich stelle zwei Gedanken dar.

Marianische Gebundenheit:

  • a) Was heißt das?
  • b) Was bedeutet das?

a) Was heißt das? Ich wähle drei andere Ausdrücke

  • 1.) In schlichter Weise an die Person der Gottesmutter gebunden sein.
  • 2.) Daß wir sie wie Kinder verehren.
  • 3.) Das Leben in der Gottesmutter.

1.) In schlichter Weise an die Person der Gottesmutter gebunden sein

Mit jedem Fäserchen an ihr hängen. Hören Sie da nicht heraus, was wir im vorigen Jahr darüber gesagt haben: Daß der Jugendliche gebunden sein soll an eine Person, an einen wahren Führer. Das Verhältnis der Gebundenheit beruht auf zwei großen Gesetzen

  • 1. Auf dem Gesetz der Übertragung,
  • 2. Und dem Gesetz der Loslösung.

Gesetz der Obertragung: Formell ist primär nicht der Gehorsam vorhanden, sondern das Geborgenheitsbewußtsein. Ist begründet in der Geschöpflichkeitswirklichkeit. Und dieses Geborgenheitsbewußtsein sollte befriedigt werden bei unseren Eltern in den Kinderjahren. Es kommt nun die Zeit, daß der Mensch das nicht mehr zu sehr bei seinen leiblichen Eltern findet, sondern bei geistigen Eltern. Wird also übertragen. Der Affekt der Anhänglichkeit wird übertragen. Das Gesetz der Obertragung. Das die Gebundenheit an einen geistlichen Vater oder geistliche Eltern. Wenn wir nun von Marianischer Gebundenheit sprechen, fängt hier das Gesetz der Obertragung an zu funktionieren. Mein kindliches Geborgenheitsbedürfnis will bei der Gottesmutter befriedigt werden. Wissen Sie noch, welch‘ große Bedeutung wir diesem Bedürfnis zudiktiert haben. Ein doppeltes: 1.) Der Mensch sieht durch (?) denjenigen, an den er gebunden ist, das ganze Bild. Ich darf hinzufügen 2.) er sieht das nicht nur verstandesmäßig, sondern wird es auch triebmäßig inne. Wenn Sie das verstanden haben, dann ahnen Sie, welche Schlüsse wir ziehen dürfen. Ideenmäßige und triebmäßige Lösung aller großen Probleme durch die Person, an die ich gebunden bin. Hier stehen bleiben und weiterstudieren. Hier werden Sie verstehen, daß wir versuchen sollten, wie Kinder an der Gottesmutter zu hängen: dann fühlt man sich geborgen, schon die Erinnerung an jene Person, zu der man ein gutes Verhältnis hatte. Sein Bild halten wir in seinem Innern fest.

Gesetz der Loslösung: Ist das Gesetz der Loslösung denn wirklich ein Losreißen, ein totales Entbinden? Nein, das ist es nicht. Es ist das Gesetz (der) Lockerung und Weiterführung. Angewandt an den guten Erzieher, ich bin an den Erzieher gebunden. Nun reife ich heran. Der Erzieher soll nicht im Mittelpunkt stehen. Was soll er? Er soll mich loslösen von sich und mit Gott verknüpfen. Das ist das Gesetz der Lockerung und Weiterführung. Das Verhältnis zum Erzieher wird gelockert und über die Person weitergeleitet hin zu einem Höheren, zu einem Dritten. –

Ich darf dieses Gesetz der Loslösung und obertragung, weil es so wichtig ist, erklären aus dem Leben von Bischof Sailer. Er hat eine Autobiographie geschrieben, da finden wir die Illustration zu diesen Gesetzen, die wir eben berührten. Hören Sie sein Verhältnis zu seiner Mutter und Schwester . . . (liest er) Das ist die Gebundenheit an seine Mutter und Schwester. Für ihn waren alle Lebensprobleme in seiner Mutter und Schwester gelöst. Hier haben wir Haltung aus Gebundenheit heraus. Was heißt das nun im Einzelnen Marianische Gebundenheit.

5. Vortrag

Wir haben in der Wesensdefinition ein dreifaches Wesensmoment zu unterscheiden:

  • 1. Marianische Haltung oder marianischer Lebens- und Arbeitsstil.
  • 2. Die marianische Gebundenheit.
  • 3. Verhältnis zwischen marianischer Haltung und Gebundenheit.

Wir stehen beim zweiten Punkt: Was heißt das marianische Gebundenheit. Was bedeutet das.

Was heißt das? Wir suchen verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache. MarianischeGebundenheit. Die innerseelische Gebundenheit an die Person der Gottesmutter. Um die innerseelische Gebundenheit in einen großen Zusammenhang zu stellen, haben wir Gedanken wiederholt aus dem vorjährigen Kurs. Sind weitergegangen und illustriert aus Sailer. Und nun die Anwendung der Gedanken auf die seelische Gebundenheit an die Gottesmutter.

Hier das Gesetz der Übertragung: Was wird übertragen? Unser Geborgenheitsbedürfnis auf diePerson der lieben-Gottesmutter. Das heißt nicht, als wäre das Geborgenheitsbedürfnis nicht vorher schon befriedigt durch Gott oder den Heiland. Normalerweise muß die Gebundenheit, wenn vorher nicht schon Christusgebundenheit vorhanden war, oder Gebundenheit an Gott Vater. Das festhalten, um allen Schwierigkeiten die Spitze bieten zu können. Darum hoben wir in der Definition heraus: .. als Fähigkeit .. als Glied Christi, als Kind Gottes … das schließt nun nicht aus, daß dieses Geborgenheitsbewußtsein in ganz vorzüglicher Weise befriedigt wird an der Gottesmutter. Der Heiland kommt dadurch nicht ins Hintertreffen. So schließt marianische Gebundenheit in sich eine Dbertragung meines ganzen Geborgenheitsbewußtseins und -bedürfnis’auf die Person der lieben Gottesmutter. Wir sehen in dem Maße, als wir an sie gebunden sind, durch ihre Person das ganze Weltbild. Wir werden das triebmäßig inne. Was heißt das? Ich muß marianische Gebundenheit suchen, dann habe ich die Haltung zu Gott, zum Leben, zu (mir) den Mitmenschen, wie die Gottesmutter. Das ist das Kabinettstück in der kindlichen Marienverehrung. Wir müssen das um so kraftvoller betonen, weil die kindliche Marienverehrung von vielen abgelehnt wird. Damit sehen wir klar, was die Gebundenheit an die Gottesmutter in sich schließt.

Das Gesetz der Loslösung: Ist das nicht eines Mannes unwert, sein Gebor- gen ei s ewu tsein so zu hängen an die Gottesmutter? Nein! Warum nicht? Warum hänge ich mich nicht an Gott, an den Heiland?

a) Das ist ja dann schon da; wir haben es ja nur eine Zeitlang übertragen, um es so stark triebmäßig auf den dreifaltigen Gott übertragen zu können.

b) Wenn ich an die Gottesmutter gebunden bin, bin ich ja doch auch gebunden an das, woran sie Gebunden ist. Grund: Ich sehe ja durch ihre Person – ja nicht nur sehe ich, sondern werde das auch triebmäßig inne – das ganze Welt- und Lebensbild, von dem sie selbst getragen ist.

Das Gesetz der Loslösung ist nicht zu deuten mit Entfremdung, sondern im Sinn einer Loskehrung, im Sinn einer umfassenden Weiterleitung. Das Gesetz der Loslösung muß sicher auch in diesem Fall wirksam werden, weil die Gottesmutter ja die Aufgabe hat der Christusgestaltung der Welt. Wenn jemand an mich gebunden ist, dann dafür sorgen, daß die Bindung weitergeleitet wird zu dem, der letztlich all unser Sein fassen kann. Darum ist es selbstverständlich, wenn ich mich an sie hingebe, führt sie mich weiter. So ist die amtliche Christusträgerin, Christusbringerin, Christusdienerin. Ich glaube, hier müssen wir noch etwas stehen bleiben, weil wir nun den Boden vorbereitet haben für die Lösung vieler moderner Schwierigkeiten.

Wir alle, wenn wir uns normalerweise entwickeln, fühlen auf einmal eine starke Heilandsliebe, wenn man vorher stark die Marienverehrung gepflegt hat. Gibt das keinen Zwiespalt im Herzen? Antwort: Wir fühlen das nur als ein Nebeneinander. Ähnlich, wie wir den Einbruch eine jeden neuen, religiösen Erlebnisses in unserem Seelenleben empfinden; es scheint ein Nebeneinander zu sein. Was ist das? Was muß es sein? Das ist ein „Ineinander“. Kürzlich in Schwaben eine Tagung. Ich habe mir davon erzählen lassen. … da wird das geistliche Leben wie ein Mechanismus aufgefaßt – Hier wirkt sich das Gesetz der Loslösung aus, als Gesetz der Weiterleitung. Das ist kein Nebeneinander, sondern ein Ineinander. Paulus nennt sich in seinen Briefen: forma gregis. Wenn die Herde an ihn gebunden ist, dann auch an den Heiland, weil ja auch er am Heiland hängt. (so ähnlich stelle ich mir die visio beata vor) Wenn ich an einem Menschen hänge, dann finde ich bald in diesem Menschen so einen Abglanz einer göttlichen Fähigkeit. Darum bin ich an diesen Menschen gebunden. Ich bleibe an ihn gebunden, ich sehe und erlebe durch ihn auch das Gebundensein an das Göttliche. Das ist so. – So wird auch der soziale Trieb befriedigt. Wenn ich in der Ewigkeit bin, sind wir alle ineinander und durcheinander in Gott. – Lösen Sie von diesem Standpunkt aus alle ähnlichen Probleme. Ich muß°als Führer das klar haben, damit ich keinen Wirrwarr anrichte. So gibt es eine Menge ähnlicher Schwierigkeiten. Ich weise auf Kardinal Newman hin. Er ist stark theozentrisch eingestellt. Schon als Kind. Ganz ähnlich hat er das Gesetz der Übertragung erlebt. Er hat lange gebraucht, bis er in Christus das Gesicht des Heiligen Gottes erblickt hat. Am Ende seines Lebens war er so kindhaft geworden, daß er Litaneien gemacht hat zu allen möglichen Heiligen. Das ist Weitzügigkeit, psychologische Feinfühligkeit. – Vielleicht sagen Sie, ja so ist es mit dem Gefühlsmäßigen. Ich habe früher den Heiland so gern gehabt. Und jetzt habe ich die Gottesmutter gern und nun fühle ich nicht mehr die Liebe zum Heiland. Wir müssen über das Gefühl hinauskommen. Nicht um das Gefühlsleben dreht es sich, sondern um das Willensleben.

Ich wollte sagen, was heißt das marianische Gebundenheit. Ich habe einen Ausdruck gesagt: Innerliches Gebundensein an die Person der Gottesmutter. Ein anderer (2.) Ausdruck dafür: Ih Kindliche Marienliebe! Darüber will ich nichts mehr sagen.

III. Das Leben in der Gottesmutter.

Liturgisch Eingestellte sagen, das wäre verpönt, weil es ein Abklatsch bedeutet vom Leben des Heilandes: Das Leben in Maria. Wenn ich an jemand gebunden bin, dann lebe ich in ihm. So kann ich Ausdrücke, die dem Heiland eignen, übertragen auf die Person der Gottesmutter. Sie ist speculum iustitiae. Sie nimmt alles in sich auf, soweit sie kann. Wenn also die kleine Doxologie in unseren Ohren klingt: per ipsum et cum ipso et in ipso est tibi, darf ich auch sagen: per ipsam et cum ipsa .. Das ist die marianische Haltung; in ipsa: Das ist marianische Gebundenheit. per ipsam, ich sehe an ihr die Haltung, die marianische Haltung, die ich haben soll. Wie sie Gott treu hingegeben war, ihm diente, ihm opferte. Wir sehen die Opferung in ihrem Leben, die Wandlung in ihrem Leben, ihre Vereinigung mit Gott. Wir glauben nun metaphysisch das Letzte gesagt zu haben. Damit habe ich das Wesentliche gesagt: Was heißt das? Marianische Gebundenheit.

maschinenschriftlich, 73 Seiten A4, S.26-30 # =Paralleltext zu Text 16)

 

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