CS46 CAUSA SECUNDA Text 46

CS46 CAUSA SECUNDA Text 46

Aus: Chileterziat 1951

Was ist personale Zweisamkeit? Welche Person meinen wir? Die Gebundenheit an Gott. Alles drängt ja hin in die personale Gebundenheit an Gott. Ist meine Gebundenheit an Gott wirklich eine personale? Es gab Zeiten – vielleicht leben wir heute noch darin -, da meine Gebundenheit an Gott eine personale, nicht aber eine ideenmäßige war. Gott fügt es selten in seiner Weisheit, daß eine herzliche Verbundenheit von Person zu Person sich findet. Der ganze Fond unserer wirklichen Du-Liebe ist unangebrochen geblieben. Wir haben wohl von Liebe gesprochen, aber es war meist eine unpersönliche oder eine ideenmäßige Liebe. Wir haben die Idee Gottes geliebt. Wir sind wohl dadurch bewahrt geblieben vor vielen Gefahren der personalen Du-Liebe. Weshalb war es weise Führung, daß in uns personale Du-Liebe nicht geweckt wurde? Die Gefahr wäre zu groß gewesen, daß wir das Geschöpf vergötzt hätten. Alles in uns drängt ja letzten Endes zum Ewigen. Aber es gibt nicht nur Endwerte, es gibt auch Zwischenwerte, Transparente des dreipersönlichen Gottes. Für uns ist es von Bedeutung, daß wir die richtige Stellung einnehmen lernen zu den Zwischenwerten. Alle geschaffenen Dinge haben eine dreifache Funktion:

  • 1. Reizfunktion
  • 2. Enttäuschungsfunktion
  • 3. Weiterleitungsfunktion

Reizfunktion im Sinne einer Weckungsfunktion. Die Geschöpfe sollen unsere personale Lebe wecken. Die Weiterleitung geschieht meist auf dem Wege der Enttäuschung. Diese Enttäuschung die Weiterleitung leichter machen. Nicht so, als ob wir die Liebe zu den Geschöpfen abstreifen sollten, das wäre mechanistisch. Die Geschöpfe sollen und dürfen wir in gesunder Weise mit hineinnehmen in Gott, ja in die visio beata. Sie ist ein seliges Ineinander zwischen Gott und uns und allen, mit denen wir in Gemeinschaft stehen, ein Hineinwachsen in Gott in geheimnisvoller und tiefer Weise. Wir müssen wieder lernen, mit dem lebendigen Gott als urpersönlichstem Du in Verbindung zu kommen. -(S. 16)

Im Sexualtrieb wirkt sich in hervorragender Weise der Seelentrieb aus, aber nicht jede Wirkung des Seelentriebes ist Auswirkung des Sexualtriebes. Wo Geschlechter zueinander finden, ist auch der Seelentrieb wirksam. Es ist der Trieb, der Seele zu Seele treibt. Welches sind die Pläne der ewigen Weisheit?

Die vollendete Idee des Menschseins hat Gott in zwei Typen hineingeschaffen, und beiden Typen hat er die entsprechenden Anlagen gegeben. Mann und Weib sind von Gott zueinander gedacht in ihrer tiefen Ergänzungsfähigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit. Gott will, daß die zwei Typen sich seelisch ergänzen in einer heiligen gottgefälligen Ehe. Das ist allgemeines Naturgesetz. Worin liegt die Originalität der Mannes- und Frauenseele? Gibt es auch in der Praxis den ausgesprochenen Typ des Mannes und der Frau? In jeder Seele ist auch in irgendeiner Weise die Anlage für das Gegenstück. Die Anlage soll durch Ergänzung entwickelt werden. Erziehung kann keinen Kern hineinwerfen in die Seele. Wie weise hat Gott zwei Geschlechter geschaffen. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!“ Phänomenologisch sagt man wohl mit Recht: Als Adam nach seiner Erschaffung die Augen aufschlug, hat er wohl die ganze Schöpfung vor sich gesehen. Füglich ist der Mann auf Ideen eingestellt. Als Eva das Auge aufschlug, fiel es auf den Mann, deshalb ist die Frau primär personal eingestellt. Wo der Mann extrem ideenmäßig eingestellt ist, drängt es ihn stärker zur Ergänzung in der Frau. Wo eine Frau durch und durch personal eingestellt ist, sucht sie die Ergänzung durch den ideenmäßig eingestellten Mann. Seele sucht Seele. Den Seelentrieb kann man Liebestrieb nennen. Den möchte nun Gott an sich binden, er will der Gegenstand jeder Liebe sein. Wenn Sie nun die großen Schöpfungspläne Gottes auf sich wirken lassen, werden Sie finden, wie Gott sich ewig treu bleibt. Weil Gott den Menschen sinnenhaft und frei geschaffen, gibt es das große Weltregierungsgesetz: Gott regiert die Welt nach dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung.

Dieses Gesetz sagt: Gott hat eine große Anzahl seiner Eigenschaften übertragen auf Zweitursachen. Nehmen wir als Studienobjekt das 4. Gebot. Er hat den Eltern etwas übertragen von seiner Schöpferkraft und Liebesmacht. Damit hat er gleichzeitig spekuliert auf das Kind. Ich schenke nun meine Liebesfähigkeit den Eltern, meine aber gleichzeitig damit den lieben Gott. Der Liebesstrom, der durch die Eltern zu mir kommt, will durch die Eltern weitergeleitet werden zum lieben Gott. Wenn ich Gott in den Eltern liebe oder die Eltern in Gott, dann gibt es auch gewisse Entwicklungsgesetze. Früher oder später kommt die Zeit, daß der Akzent sich verschieben läßt. Die Eltern trennen sich, sie treten etwas zurück und Gott in den Mittelpunkt. Wenn meine Liebe tiefer in Gott hineingewachsen ist, will das nicht sagen, daß damit eine innerseelische Trennung von der Kreatur erstrebt wird. Trennung nur, wenn die Liebe vorher eine überspitzte war. Das will sagen: organische Weiterleitung und Obertragung. Die Bindung an einen Menschen ist ein Leuchtfeuer, das lange brennt. Das innere Hingegebensein an eine Person disponiert mich, anzunehmen, was diese Person sagt. Wenn ein Liebesband uns untereinander verbindet, ist damit die Gewähr gegeben, daß wir einander verstehen. – Kehren wir zurück zu unserem Studienobjekt, dem 4. Gebot. Was tun die Eltern, um die Weiterleitung funktionieren zu lassen?

  • 1. Seins- und wortgemäßer Hinweis:
    Wenn die Kinder, die sich so o ganz abhängig fühlen von den Eltern, sehen, wie die Eltern beten, bekommen sie das Bewußtsein: Es gibt noch etwas über den Eltern. Das ist seinsgemäßer Hinweis. Damit ist ganz spontan die Liebe von den Eltern weitergeleitet auf Gott. Wortgemäßer Hinweis: Sie lassen nicht sich als das Letzte erleben, sondern Gott.
  • 2. Verzicht:
    Geistige Entwöhnung. Die Kinder werden von den Eltern erzogen zu einem vielfältigen Verzicht. Wo die Liebe – jede Liebe – warm bleiben soll, ist sie wesentlich angewiesen auf periodenweisen Verzicht.
  • 3. Enttäuschungen:
    Die Kinder sehen auf einmal die Schattenseiten der Eltern. Das soll Weiterleitung sein.

ad 1.: Wenden wir nun die Erkenntnisse des Studienobjektes an auf den Seelentrieb. Daß meine Natur seelisch hingezogen wird zum anderen Geschlecht, ja periodenweise von einem Menschen des andern Geschlechtes, ist bedeutungsvoll. Die Frage lautet nun: Welche Art der Liebe darf ich dem andern Geschlecht schenken? Vom Moraltheologischen her haben wir das behandelt. Jetzt sehen wir den ganzen Komplex vom Standpunkt des Ideals. Ich ringe ja um das Aroma der Jungfräulichkeit. Als allgemeines Prinzip gilt nun: Was ich nicht besitzen darf, das will ich auch in keiner Weise genießen.

Wie kann ich aber echt menschlich sein? Soll ich dem andern Geschlecht freundschaftliche Liebe schenken? Es ist nicht wahr, daß diese von heute auf morgen sündhaft wird. Wenn der Begriff „Freundschaft“ ein allgemeiner Sammelbegriff ist, ja dann kann ich selbstverständlich auch diese Liebe schenken. Aber eine intime Freundschaft? Ich meine das sollten wir nicht tun, weil es dem Ideal nicht entspricht, weil es der Jungfraulichkeit etwas von der Herbheit und Fruchtbarkeit nimmt.

Soll ich denn dem andern Geschlecht kindliche Liebe schenken? Also mütterliche Liebe auf mich herabziehen, mütterlich individuelle Liebe? Sollen wir ja sagen zu derartigen Affekten auf beiden Seiten? Wieder nein. Es verliert die Jungfräulichkeit etwas von ihrem Aroma, von ihrer Herbheit und Fruchtbarkeit. Die Gottesmutter sollte das weibliche Wesen sein, dem ich meine ganze Kindesliebe schenke. Die Linienführung in dieser Frage ist: Dem Ideal ist es nicht entsprechend. Gefahren können damit verbunden sein, Gott will mittelbar und unmittelbar geliebt werden. Die Geschöpfe sind gewissermaßen ein Seil, an dem wir uns emporziehen zu ihm. Er will letzten Endes der Gegenstand unserer Liebe sein. Wir lassen uns durch viele Geschöpfe entzünden, brennen aber letzten Endes nur für Gott. Welche Form von Liebe wir auch schenken, sie muß immer Gottesliebe sein. Auch bräutliche Liebe muß sich entfalten nach dem Gesetz der organischen Weiterleitung (s auch bei Eheleuten). Unsere bräutliche Liebe kennt kein Zwischenglied und keinen Zwischenwert. Sie soll immer unmittelbar Gott geschenkt werden. Das Kernstück des Zölibates ist Verzicht um des Besitzes willen. Kann und darf ich unmittelbar ohne Zwischenglied meine bräutliche Liebe anbieten? Jede begnadete Seele ist letzten Endes als Braut aufzufassen. Was wir Jungfräulichkeit nennen, ist Verewigung und ein ausschließliches Brautverhältnis. Diese Gedankengänge sind Paulus und dem Apokalyptiker geläufig. -(S.31-33)

Väterliche Liebe ist die einzige Liebe, die dem andern Geschlecht gehört. Gott ist der Vater-Gott. Wir dürfen Kinder geistig zeugen helfen durch Sakramente. So dürfen wir väterliche Liebe haben. Wollen wir die Welt erneuern, müssen wir auch die Paternitas wieder erneuern. •Was ist die wesentliche Grundeinstellung des Priesters seiner Herde gegenüber? Vom Vater-Gott her die Paternitas. Von Christus aus nehme ich teil am Hirtengedanken. Von der Kirche aus gesehen muß meine Väterlichkeit eine gewisse Mischung mit der Mütterlichkeit haben. „Ich leide Geburtswehen um Euch, bis Christus in Euch Gestalt annimmt.“ Wenn ich das rechte Verhältnis haben will zu meiner Gemeinde, muß ich eine Grundeinstellung suchen, darf mir nicht bloß ein paar praktische Übungen anlernen. Diese Grundeinstellung muß die Paternitas sein, gemischt mit der Mütterlichkeit. Ich bin in der objektiven Ordnung der Vater meiner Gemeinde. Paternitas schließt eine gewisse Nähe und Ferne in sich. Liebe kennt ein Erglühen (Nahe) und ein Erschaudern (Ferne). Beides ist in der Paternitas. Wenn wir schon väterliche Liebe schenken wollen, was müssen wir dann tun, daß sie mich und die Gefolgschaft empor führt zu Gott? Ich muß dafür sorgen, daß auch die väterliche auf der anderen Seite die kindliche Liebe sich entfaltet nach dem Gesetz der organischen Weiterleitung. Die mir geschenkte kindliche Liebe muß weitergeleitet werden auf Gott. Wer bei der Gottesmutter einbricht in den göttlichen Liebesstrom, kommt in einen Strudel der Gottes- und Christusliebe. Wer durch mich einbricht in den Strom der Gottesliebe, muß ebenso in den gleichen Strudel der Gottesliebe hinein kommen. Wir haben eben gesehen, was die Eltern tun, um die Liebe weiterzuleiten, die ihnen geschenkt wird. Seinsgemäßer Hinweis: Ich muß durch mein ganzes Wesen zeigen, daß ich nicht das Letzte bin. Ich muß Transparent sein. In gleicher Weise der wortgemäße Hinweis.

ad 2.: Zweites Mittel: der Verzicht.

Jede echte Liebe lebt vom Verzicht. Worin besteht er? Der wesenhafteste Verzicht ist die regula tactus, die innerliche Unberührtheit. Sie ist hier sogar wichtiger als in der alten Aszese. Hier ist die Sicherung der gesunden väterlichen Liebe.

ad 3.: Drittes Mittel: Enttäuschungen.

Daß wir unsere Gefolgschaft enttäuschen, ist selbstverständlich. Wo weiblich-kindliche Liebe sich uns ausliefert, geht sie oft bedingungslos weit. Je tiefer das Verhältnis, desto unbedingter will sie sich uns zur Verfügung stellen. Wenn ich das mißbrauche, bin ich ein Schurke. Wenn eine Mädchenseele durch mich die volle Unbefangenheit zurückerobert, habe ich dadurch ein ideales Wesen schaffen helfen, das Großes leisten kann. -(S. 33-34)-

vervielfältigt/Wachs, 86 Seiten A4, S.16; S. 31-33; S. 33-34 *

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