CS47-2 CAUSA SECUNDA Text 47/2

CS47-2 CAUSA SECUNDA Text 47/2

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts 1952, Band II

Fortsetzung von Text 47/1

Das Weltordnungsgesetz

Weiter: Es gibt eine Theologie, eine Philosophie und eine Psychologie des Weltordnungsgesetzes. Der Gott der Ordnung hat in seine natürliche und übernatürliche Schöpfung eine wundersame Ordnung hineingeschaffen, die dem stillen Beobachter nicht verschlossen bleiben kann. Man denke an das Mineral-, an das Pflanzen- und Tierreich, man erinnere sich an das Reich der Menschen und der Engel, man überschaue das Reich der Natur und der Gnade. Alle diese Reiche stellen in sich bedeutsame Ordnungen dar. Sie stehen aber auch in Beziehung zueinander, untereinander, miteinander und ineinander. Wir sagen dafür: Sie bilden einen Ordnungskosmos. Er wird von zwei Gesetzen regiert.

Das eine Gesetz formuliert Haecker. Nach seiner Auffassung ist das Niedere durchweg vom Höheren aus zu verstehen. Sankt Thomas erklärt – und damit berühren wir das zweite Gesetz -: Die Erkenntnis geht vom Niederen aus zum Höheren. Deshalb das Axiom: Quod prius non fuerit in sensibus, non est in intellectu. Beide Gesetze scheinen sich zu widersprechen. Sie wollen aber als Ganzheit gesehen und bewertet werden. Sie geben letzten Endes zwei Seiten eines großen rätselhaften Lebensvorganges oder zwei Gesichtspunkte wieder, von denen die Betrachtungsweise ausgehen kann.

Will man zum Beispiel den Sinn der Ehe richtig verstehen, so muß man – nach Haecker – sich erst in das Verhältnis des Heilandes zu seiner gottesmütterlichen Braut, zu Maria oder zur Kirche, hineindenken und hineinfühlen. Das Verhältnis zwischen dem Heiland und seiner Mutter-Braut oder der Kirche ist das Höhere, das Verhältnis zwischen den Ehepartnern das Niedere.

Oder: Der Sinn aller gegenseitigen edlen Liebe will sich spiegeln im Heilandswort: Wer das Leben um meinetwillen verliert, der gewinnt es; wer es gewinnen will, der verliert es.

Ferner ist nicht zu vergessen: Wo im Leben die niedere Ordnung sich einfügt in die höhere, ist sie auf das Opfer der absoluten Eigenständigkeit angewiesen. Der Preis mag groß sein; ebenso groß ist der Lohn: Sie nimmt teil an der Vollkommenheit der höheren Ordnung. So geht es dem vegetativen Leben, wenn es vom sensitiven aufgefangen wird, so auch dem vegetativen der Pflanze und dem sensitiven der Tiere, wenn beides vom intellektuellen des Menschen aufgenommen wird. Man vergleiche Preis und Lohn in allen Abstufungen miteinander. Jegliche Ordnung muß sich in Verbindung mit der höheren der absoluten Eigenständigkeit begeben und sich dem Gesetze der höheren ein- und unterordnen. Das ist der Preis. Der Lohn dafür ist nicht gering: Es ist die Teilnahme an der Vollkommenheit der höheren Ordnung.

Das so gesehene Gesetz durchwaltet die ganze Schöpfung, ob es sich dabei um Natur und Obernatur handelt. Ordnet sich die Natur der Gnade unter, so geht das nicht ohne vielgestältige Preisgabe für Verstand, Wille und Herz. Das will das alte herbe Wort sagen: Die Gnade baut bloß auf den Trümmern der Natur auf. Oder: Es gibt keine Naturverklärung und keine Naturvollendung ohne vielgestaltige Naturopferung. Der Lohn dafür ist Beheimatung in der übernatürlichen Wirklichkeit und Teilnahme an ihrer Vollkommenheit und Gesetzmäßigkeit. Das ist der Sinn des Axioms: Gratia praesupponit, non destruit, sed perficit et elevat naturam, das heißt die Gnade zerstört die Natur nicht, sie setzt dieselbe als Träger voraus; ihre Aufgabe besteht darin, die Natur zu vervollkommnen und über sich selbst zu erheben.

Haecker hat also recht mit seiner Behauptung. Dasselbe gilt aber auch von Sankt Thomas. Wegen der Leib-Seele-Struktur der menschlichen Natur geht jegliche natürliche Erkenntnis zunächst von den Sinnen aus und will durch abstrahierende Tätigkeit des Verstandes zu geistigen Erkenntnisbildern kommen. Dieser Prozeß steht nicht im Widerspruch zu Haeckers Auffassung. Ist die Einzelerkenntnis getätigt, so folgt der Vergleich mit bereits aufgespeicherten Erkenntnissen. Für diesen Vergleich gilt Haeckers Wort: Das Niedere ist vom Höheren aus erst richtig zu verstehen und zu werten. Das Niedere darf als Symbol für das Höhere angesprochen werden. Das Höhere ist – wie obige Beispiele zeigen – das Symbolisierte, das Primäre, wonach das Niedere nach Gottes Plan sich richtet. Das gilt auch dann, wenn in der historischen Abfolge – wie bei der Ehe – das Niedere zuerst in Erscheinung tritt und das Höhere – wie in unserem Falle Christus und Kirche – erst viel später Wirklichkeit wird.

Überlegungen dieser Art machen uns auf ein drittes Ordnungsgesetz aufmerksam. Wird die niedere Ordnung nur von der höheren aus verständlich, so fragt es sich: Welche Bedeutung hat die niedere für die höhere? Die Antwort lautet: Sie weist auf die höhere hin. Genauer: Sie ist für die höhere Ausdruck, Mittel und Schutz.

Was damit gesagt sein soll, sei an einem Beispiel aus dem Leben veranschaulicht. Kindesliebe zum irdischen Vater ist für den Katholiken zunächst Ausdruck der Kindesliebe zum Himmelsvater. Sie erweist sich ferner als starker Schutz für diese Liebe.

Der Grund ist folgender: Ist sie vorhanden, greift sie tief bis ins vor-, un- und unterbewußte Seelenleben, so ist es nach dem Gesetz der organischen Übertragung leicht, sie lebensmäßig auf den Himmelsvater zu übertragen. Wie die Erfahrung zeigt, kommen ungezählt viele Katholiken zu keinem tiefen Kindesverhältnis zum Vatergott, weil ihnen die Grundlage in der niederen Ordnung fehlt. Aus demselben Grunde wird für ungezählt viele mit der Zeit der Vater im Himmel entwirklicht. Er verflüchtigt sich zu einer bloßen Idee.

Da berühren wir wieder die unübersehbar tragische Folge des philosophischen Idealismus in einer Zeit, in der die natürlichen Ordnungen gelokkert, ja fast aufgelöst sind und wir mit deren völliger Zerstörung rechnen müssen. Beides zusammen, idealistische Theorie und praktisches Leben, künden ein Christentum an, das keine Kraft und keinen Saft mehr kennt, das unweigerlich einem dahinbrausenden Sturm zum Opfer fällt. Die Seele braucht nicht nur ideenmäßige, sondern auch lokale und besonders personale Bindungen wurzelfest und vollendet. Wie einem Baum ohne Wurzel, so ergeht es einem Menschen ohne diese vielgestaltige Verwurzelung in der niederen, in der natürlichen Ordnung. Er wird schnell aus ihr herausgeworfen und wächst nicht tief genug in die höhere Ordnung, in die übernatürliche hinein. Das ist der Normalfall. Ausnahmen bestätigen die Regel.

So verstehen wir das Wort: Eine vaterlose Zeit ist eine wurzel- und heimatlose, ist aber auch eine gottlose Zeit. Damit ist der Weg zur Rettung der heutigen Krise angedeutet. In unserem Zusammenhange heißt er: Zurück zur vaterfrohen Zeit, dann ist das Tor geöffnet für die heimat- und gottfrohe Zeit!

Wir berühren mit diesem beliebig herausgegriffenen Falle nur eine Seite der zerfallenen Kultur von heute. Man vervielfältige ihn, man wende ihn, wenn man will auf das Mutterprinzip an, die Struktur der Krankheit liegt immer auf derselben Ebene: Die niedere Ordnung ist heillos zerfallen und verfallen. Damit entbehrt die höhere, die übernatürliche, eines wertvollen Schutzes und ist ständig in Gefahr der Entwicklung und des Zerfalles. Die Gnade setzt ja die Natur nicht nur als Träger voraus, sie bestimmt auch gleichzeitig wenigstens in etwa ihre Richtung und Aufnahmefähigkeit mit.

Lassen Sie mich abermals wiederholen: Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir leugnen gewiß nicht, daß die höhere auch gleichzeitig Schutz für die niedere Ordnung ist. Man erinnere sich an das, was wir oben vom „ut finale“ und „ut consecutivum“ gesagt haben. Im übrigen weist auf diese Tatsache der zweite Teil des Axioms hin: gratia perficit naturam. Jeder Seelsorger weiß Beispiele genug dafür beizubringen. Man denke etwa daran, wie häufig es vorkommt, daß ein Mädchen durch warme Liebe zur Gottesmutter den Weg zur leiblichen Mutter findet. Wir stellen auch nicht in Abrede, daß die Gnade eine durch und durch krankhafte Seele tief erfassen und. formen kann, daß sie zum Beispiel Hysteriker zu heroischer Heiligkeit zu führen imstande ist und tatsächlich auch geführt hat. Hier dreht es sich formell um den Normalfall und um die sich daraus ergebenden Folgerungen.

Die berührte Problematik ist für uns deshalb so bedeutungsvoll, weil wir unsere Sendung der kollektivistischen Zeit gegenüber nur lösen können, wenn wir den gefährdeten natürlichen und übernatürlichen Organismus und die beiderseitig gottgewollten Wechselbeziehungen richtig sehen und – soweit das bei unserer erbsündlich belasteten und durch Massendämonie verwilderten und geschwächten Natur möglich ist – zu retten verstehen.

Aus dem Gesagten ergibt sich von selbst, inwiefern die niedere Ordnung für die höhere nicht nur Ausdruck und Schutz, sondern auch Hilfsmittel ist.

Die Liebe zur Gottesmutter hat nach Richtung der gefährdeten Ordnungen und ihres Verhältnisses zueinander eine außerordentlich große, aber leider zu wenig beachtete Funktion. Das gilt sowohl dort, wo es sich um das „ut consecutivum“, als auch dort, wo es sich um das „ut finale“ handelt. Später soll und muß darüber ausführlicher gesprochen werden. Hier dreht es sich nur um Klärung der berührten Prinzipien. -(II.Teil, S. 130-136)-

Wenn nicht alles täuscht, hat die Herz-Marien-Weihe die Aufgabe, die vielfältig erschütterte und bis ins Mark angekränkelte Gesellschaftsordnung zu retten und so dafür zu sorgen, daß das Wort einmal volle Wahrheit wird: Omnes haereses – etiam anthropologicas – tu sola interemisti in universo mundo.

Ob es nötig ist, erst einige Begriffe zu klären? Was unter Weihe zu verstehen ist, dürfte uns geläufig sein. Sie ist – wie wir wissen – ein vollkommenes gegenseitiges Liebesbündnis, das heißt ein vollkommener gegenseitiger Güter- oder Herzensaustausch oder eine vollkommene Herzensverschmelzung von zwei Bündnispartnern. In unserem Falle sind die Partner die Gottesmutter und der Weihekandidat. Die seelische Haltung von beiden ist auf den Ton abgestimmt: Totum pro toto, alles für alles; Ganzhingabe für Ganzhingabe, Liebe um Liebe, Treue um Treue. Die Weihe schließt eine vollkommene gegenseitige Enteignung, Obereignung und Aneignung in sich. So bilden die beiden Partner eine einzige große Lebens- Wirk- und Zieleinheit: wie sie unter Werkmeister und beseeltem Werkzeug besteht.

Eine derartige Ganzhingabe an ein Geschöpf – hier an die Gottesmutter – kann nie absolut sein. Sie kann nur unter dem Gesichtspunkt seiner Gottbezogenheit, das heißt wegen Gott, in Gott und für Gott, getätigt werden. Verstanden wird sie nur von gesundem organischem Denken. Mechanistische oder separatistische geistige Art ist dazu nicht fähig: Sie reißt Erst-und Zweitursache auseinander. Sie sieht unübersteigbare Hindernisse und Gegensätze, wo Gott Ordnungen geschaffen hat, die – wie wir gesehen haben – zueinander finden sollen, um sich gegenseitig zu schützen, zu veranschaulichen und zu sichern. -(II.Teil, S. 209f)-

gedruckt als: Das Lebensgeheimnis Schönstatts, Vallendar, II. Teil 1971, S. 130-136; S. 209f ***

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