CS48 CAUSA SECUNDA Text 48

CS48 CAUSA SECUNDA Text 48

Aus: Fastenpredigten 1954

Solch tiefe und umfassende Selbstübereignung von Person, Besitztum und Werk kann letzten Endes nur Gott gegenüber getätigt werden. Menschen kommen dabei nur wegen ihrer Gottbezogenheit in Frage, das heißt, solange und soweit Gott auf sie ein Stück seiner göttlichen Souveränität überträgt und soweit und solange sie die Hingabe in und wegen Gott annehmen und gottgefällig pflegen und zu Gott weiterleiten. Tritt Gott und Mensch in Spannung oder gar in Gegensatz zueinander, so fehlt eine von den geforderten Bedingungen, und die Selbstübereignung schwebt in Gefahr, bedenklich zu werden und ihren letzten Sinn zu verlieren. Gott allein ist letztlich der Pol, der alles an sich zieht und zu dem das menschliche Herz zutiefst hinstrebt. Ohne ihn bleibt es ewig unbefriedigt. Wo es sich verschenkt, will es ins Gottesherz hinein wie der Strom, der trotz aller Hindernisse zum Ozean hineilt. Darum gilt als höchstes und unabdingbares Grundgesetz: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften. Das ist das erste und höchste Gebot. Das andere ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37ff.). Tritt ein Geschöpf – und wäre es der edelste und vollkommenste Mensch, an dem unser Herz mit allen Fasern hängt, – störend zwischen Gott und uns, um uns von Gott abzuziehen und sich an seine Stelle zu setzen, so gilt das Wort: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). „Wer Vater und Mutter mehr liebt, das heißt, höher schätzt und wertet als mich, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37).

Bei der Gottesmutter war und ist die Gefahr absolut ausgeschlossen, daß sie sich zwischen uns und Gott stellt, das heißt, daß sie das Weltregierungsgesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung nicht meisterlich handhabt: So wie ihr ganzes Sein auf Gott hingeordnet ist, so kennt sie auch uns gegenüber nur eine einzige Aufgabe: uns für Gott zu gebären und uns in die Christusform vollkommen hineinzuerziehen. Als amtliche Dauerhelferin des Herrn beim gesamten Erlösungswerke ist sie ja nicht nur seine Mitspielerin, sondern auch die Gegenspielerin des Teufels. Beides ist sie von Amts wegen. So lebt und wirkt sie nur für Gott und seine Interessen. Und wenn sie uns an sich zieht, so tut sie es lediglich, weil Gott es so will und weil uns in ihrem Herzen am leichtesten, am schnellsten und vollkommensten ins Gottesherz bringen und dort in Christus umformen kann. So war es schon zu ihren Lebzeiten. So ist es noch mehr und vollkommener in ihrem verklärten Zustand dort oben im Himmel. -(S. 318f)-

Erreicht die innere Selbstverschließung – gleichviel, welche Form sie angenommen hat – einen bestimmten Umfang und Grad, so erfolgt seelischer und körperlicher Zusammenbruch, der nur dadurch gemildert oder geheilt werden kann, daß die Seele sich weit öffnet und überall im Reiche der Natur und Gnade die Bindungen sieht und sucht und findet, die in ihrer Seinsstruktur grundgelegt, die aber aus irgendeinem Grunde nicht entfaltet worden sind. Seelische Bindungslosigkeit oder Ungebundenheit will durch seelische Bindungsfülle oder Bindungsreichtum abgelöst und-geheilt werden. Das ist die tiefe Sehnsucht, die heute Millionen seelisch und körperlich Erkrankter in die Sprechstunde der Nerven- und Seelenärzte hineintreibt.

Die Heilpraxis, die allenthalben angewandt wird, bleibt vielfach auf halbem Wege stehen. Wir sehen hier wiederum ab von dem Organismus der Orts- und Ding- und Ideengebundenheiten, die leider Gottes heute allüberall von den Psychiatern sehr stiefmütterlich behandelt werden. Wir beschränken uns lediglich auf die personalen Gebundenheiten, und davon behaupten wir: Sie werden nicht ganzheitlich gesehen, können deswegen auch nicht in ausreichendem Maße zu Heilzwecken verwendet werden. Grund dafür ist Mangel an klarer Schau und Formung des Menschen als natürliches und übernatürliches Ebenbild Gottes. Man vergißt, daß zur Wesensanlage des Menschen nicht nur der Zug zum menschlichen, sondern auch zum göttlichen Du gehört und daß dieser naturhafte Drang zu Gott gleichzeitig eine Gehorsamsbereitschaft und Aufnahmefähigkeit für die Gnade in sich schließt. Man spricht in den Zusammenhängen, wie wir wissen, von einer potentia oboedientialis, die nur Gott selbst angeregt, beantwortet und verwirklicht werden kann. Man vergißt ferner, daß zum Vollmenschen, wie Gott ihn geplant hat, die Aktualisierung dieser Gehorsamsfähigkeit gehört. So kommt es, daß der Arzt den Patienten zu Heilzwecken vielfach nur an sich selber als individuelle Person, nicht aber an sich als Gottes Abbild und Transparent und ebensowenig an andere Personen und Faktoren, zu denen Natur und Gnade hindrängen, noch viel weniger an den dreifaltigen Gott bindet. Wir sagen dafür in unserer Sprache: Die Gesetze der organischen Obertragung und organischen Weiterleitung sind nicht beachtet worden. Die Bindung an den Arzt kennt nicht und erstrebt nicht die zusprechende organische Weiter- und Tieferleitung, weder-nach oben zu Gott, zum dreifaltigen Gott, noch nach unten zu den Kreaturen, zu Orten und Dingen hin, noch nach seitwärts zu den Menschen hin, auf die Natur und Gnade deutlich hinweisen. Deshalb kommt auch die Heilung nicht oder bei ganz günstigen Verhältnissen nur ganz selten zustande.

Anstatt daß man die Seele ihrer Naturanlage nach – wie gesagt – allseitig bindet und so in der Welt der Natur und Gnade beheimatet und so gesunden läßt, durchwühlt man unaufhörlich und überaus einseitig das unterbewußte Seelenleben. Man hat keine Ruhe, bis Erb- und Grundanlage und Grundaufnahme – will heißen alles, was der unterbewußte Grund der Seele an Eindrücken in sich aufgenommen und noch nicht verarbeitet hat – ans Licht gezerrt ist. Aber auch dann noch bleibt man vielfach bei der Sinndeutung stehen und schreitet nicht zur Sinnerfüllung vor: zur Sinnerfüllung, wie sie im besagten doppelten Bindungsorganismus und der gegenseitigen Wechselwirkung grundgelegt ist. Man stelle sich zur Verdeutlichung des Gesagten ein Netz vor, das sich den Klammern entwunden hat und nunmehr in Verwirrung geraten ist und am Boden liegt. An sich wäre es leicht, es schnell wieder in Ordnung zu bringen. Man brauchte es nur mit mutigem Griff wieder mit den Klammern in Verbindung zu bringen und anzuheften. Statt dessen geht man hin und löst mit endloser Sorgfalt Masche von Masche. Ehe man sich aber versieht, verfangen sich die einzelnen Maschen wieder. Wir wollen damit nicht sagen, man sollte nicht auch diese Entwirrung der einzelnen Maschen klug und vorsichtig versuchen. Unterläßt man aber die naturgemäße Befestigung mit den Klammern, so sind nicht selten die letzten Dinge schlimmer als die ersten. Was wir unter dieser Klammerung verstehen, dürfte nach allem Gesagten einsichtig genug sein. Wir meinen damit die Einschaltung in den doppelten Bindungsorganismus oder die Verlebendigung der Orts-, Ding-, Ideen- und personalen Gebundenheiten sowohl in der natürlichen als auch der übernatürlichen Ordnung. -(S. 416-419)-

gedruckt als:
Maria, Mutter und Erzieherin, Schönstatt-Verlag, Vallendar 1973, ISBN 978-3-920849-23-2
S.318f; S.416-419 ***

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