CS56 CAUSA SECUNDA Text 56

CS56 CAUSA SECUNDA Text 56

Aus: Romvorträge 1965

„Auf schwerer Pilgerreise…“ Denken wir bitte einmal an all die bekannten Ausdrücke, die wir so häufig gebraucht haben: Die Kreatur, das, was wir an der Kreatur erleben, hat nicht nur eine Reizfunktion, sondern auch eine Enttäuschungs- und Weiterleitungsfunktion. Enttäuschungsfunktion: Alles Irdische, auch alle rein irdische Liebe, soll uns letzten Endes enttäuschen, Weshalb? Heimwärts zum Vater geht der Weg! Weshalb? Damit wir gar nie vergessen: Pilger sind wir. Wir haben hier nicht die letzte Stätte, nicht eine Dauerheimat. Freilich, wir dürfen nicht übersehen: Der Herrgott will nicht nur Enttäuschung. Es gibt auch eine Reizfunktion, und zwar nicht nur ganz allgemein, daß die Fähigkeiten schlechthin geweckt werden, es geht in der Hauptsache um die Liebesfähigkeit. Was soll geweckt werden? Die Liebeskraft! Ich muß irgendwie an einem Geschöpf lieben lernen. Das Zweite ist dann die Enttäuschungsfunktion. Sie kommt dann, wenn die Liebe zu einseitig, zu verkrampft ist, wenn ich vergesse, daß der letzte Gegenstand meiner Liebe immer die unendliche Liebe ist. Aber gleichzeitig tritt auch die Erfüllungsfunktion ein. Das ist so wichtig! Durch die Liebeskraft, die sich an die Geschöpfe hängt, soll gleichzeitig der gesunde Trieb, die Sehnsucht erfüllt werden. Daraus folgt: Wir wollen uns auch freuen, wenn wir die Kreatur lieben können, vor allem, wenn es eine personale Liebe ist. Mich dünkt sogar, daß wir das besonders betonen müssen, um auch hier den großen Zusammenhang zwischen Erst- und Zweitursache in der Schöpfung hervorzuheben und ihm Rechnung zu tragen. Wissen Sie, die geschöpfliche Ordnung, die niedere Ordnung, ist und bleibt Schutz für die höhere Ordnung, Mittel, die höhere Ordnung zu erreichen, und Sicherung. Deswegen: Wir dürfen die Kreatur liebhaben, wir dürfen uns auch binden. Wir sprechen ja vom Bindungsorganismus. Der Liebestrieb soll auch auf der natürlichen Ebene, an Menschen, befriedigt werden. Ich bin sogar überzeugt, daß wir das heute bedeutend mehr betonen müssen, als wir das je in der Heilsgeschichte getan haben. Sie kennen den Ausdruck „Kontaktnot“. Das gilt besonders, wo es sich um den personalen Kontakt handelt. Wie wenig tiefe, innere, beglückende seelische Bindungen finden wir heute! Wie häufig müssen wir sagen: Da ist überhaupt keine personale Kontaktfähigkeit vorhanden. Meist ist sie zwar da, aber verkümmert durch all das, was wir im Laufe der letzten Jahrhunderte erlebt haben, verkümmert auch dadurch, daß der Liebestrieb heute von den Diktatoren in erschreckender Weise mißbraucht wird. Mich dünkt, auch für uns als Familie gilt: Wenn wir nicht lernen, uns auch an Abbilder Gottes aufrichtig, tief und innig zu binden, wird normalerweise auch die Bindung an den lebendigen Gott entweder gar nicht möglich oder so schwach, daß sie jederzeit zerbrechen kann. Natürlich ließen sich hier viele Wenn und Aber, viele Distinktionen und Subdistinktionen anbringen, aber lassen wir das einmal, Jedenfalls spüren Sie, daß hinter dem Ganzen eine ganz große eigengesetzliche Welt steht, die zum großen Teil auch geistig durchdrungen ist.

vervielfältigt/Offset, (25.Nov.1965) 5.94-96 **

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