GdL-1949-10 Theistisch-schöpferische Geschichtsauffassung

GdL-1949-10 Theistisch-schöpferische Geschichtsauffassung

Aus: Oktoberbrief 1949

Die Besten aller Nationen fühlen instinktiv, dass wir vor einer geschichtlichen Wende von säkularem Ausmaße stehen, dass jetzt die Würfel fallen, die über das Los der Welt für die nächsten vier bis fünf Jahrhunderte entscheiden, sie spüren, dass alle ohne Ausnahme aufgerufen sind zu schöpferischer Mitarbeit am neuen Weltenbild – wenn nicht als Architekt und Baumeister, so doch als Handlanger. Deshalb überall das ängstliche Fragen und Forschen nach dem Warum und Woher, um Klarheit zu bekommen über das Wozu, das Wohin und Wie. Isaias kennt keine größere Strafe für die Völker, als wenn sie von unverständigen Kindern regiert werden1. Heute hat es den Anschein – so meinen viele –, als wäre der Herr der Welt aus seiner souveränen Ruhe und Griffsicherheit herabgesunken in Ohnmacht und Hilflosigkeit, als überließe er Schöpfung und Geschichte hilflos wie ein Wagenlenker, der die Zügel verloren hat, sich selbst oder der Willkür entarteter Menschen und diabolischer Zerstörungswut. Wie soll man sonst – so sagt man – die Sinnlosigkeiten himmelschreiender Grausamkeiten und die furchtbare Tragik ungezählter Menschen- und Völkerschicksale erklären? Andere gibt es, die die ungeheuren Katastrophen der Gegenwart als außergewöhnliche Gebärnot deuten. Auch sie stehen vor Rätseln. Wieder und wieder beschäftigt sie die Frage: Wie mag das Kind solcher Schmerzen aussehen? Welche Züge mag das kommende Welt und Gemeinschaftsbild tragen, das aus dieser Werdenot hervorgeht? Solche und ähnliche Fragen beschäftigen heute fast alle Geister und Kreise.

Wir haben versucht, durch unseren lebendigen, praktischen Vorsehungsglauben und die daraus fließende Zukunftsvision eine Antwort zu geben. (…) Dadurch protestieren wir gegen Aktivismus und Passivismus und bekennen uns rückhaltlos zur theistischen schöpferischen Geschichtsauffassung.

Die Aktivisten sind geschichtslos. Ihre Ahnenreihe beginnt mit ihnen selbst. Sie kennen keinen Gott, der einen unabänderlichen Weltenplan entworfen und mit souveräner Sicherheit die Zügel des Weltgeschehens in der Hand hält und siegesgewiss einem eindeutigen Ziele zustrebt. Sie sehen in der Weltgeschichte kein Ineinander, keine organische Entfaltung einer großen einheitlichen Gottesidee, sondern nur ein mechanisches Nacheinander ohne inneren Zusammenhang. Deshalb ist für sie die Geschichte nicht – wie für Cicero – Lehrmeisterin des Lebens und beredtes Zeugnis für erprobte Weisheit der Alten, auch nicht eine nie versiegende bewährte Triebkraft zu hochgemutem Streben und bezwingender Tat wie für Nietzsche, der erklärt: „Wir brauchen die Historie zum Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und der Tat oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen, schlechten Tat.“ Noch viel weniger lesen sie darin wie in einem überaus inhalts und lehrreichen Lese und Lebensbuch Gottes. Deshalb befragen sie bei ihren Zukunftsplänen nicht das Gestern und Vorgestern, wie der ungarische Politiker Ladislaus Szalay es nach dem großen Zusammenbruch seiner Nation 1849 tat, da er aus dem Studium der Geschichte seiner Nation herauslesen wollte, ob sie eine Zukunft hätte. Im Gegenteil: sie schneiden absichtlich alle Fäden dieser Art ab. Sie schnitzen sich willkürlich ein Zukunftsbild nach den Bedürfnissen ihres Herzens, nach den Traumbildern einer ungezügelten Phantasie und den Konstruktionen eines irregeleiteten Verstandes. Sie orientieren sich unentwegt am Echo ihrer eigenen sinnlosen und sinnwidrigen Träume, die sie hinausschreien in das Chaos der heutigen Zeit, um den Widerhall aufzufangen und als Beruhigungspille für sich und als Propagandamittel für die Massen zu benutzen. Sie wiederholen mit Goethes Prometheus: „Hier sitze ich und forme Menschen nach meinem Bilde.“ Sie arbeiten mit rücksichtsloser Grausamkeit und unerbitterlichem Fanatismus an der Verwirklichung ihrer Zukunftsvision. Sie tun es mit Ausnutzung zusammengeballter ungeahnter technischer Hilfsmittel und berückend ausgeklügelter Agitations und Propagandakunst.

Die einen haben ihren Sitz im Osten. Sie leugnen grundsätzlich einen gottgewolIten und gottgelenkten transzendenten und immanenten Sinn der Geschichte. Diese ist für sie weiter nichts als ein unlösbares Knäuel willkürlicher und eigennütziger Vergewaltigungen der Fürsten, des Kapitalismus und des Bürgertums, die abgelöst werden sollen und wollen von der Zwangsherrschaft des Proletariats. In ihnen haben die dunkelsten Mächte der Geschichte willige und gelehrige Schüler und Handlanger, Werkzeuge und Propheten, Bekenner und Martyrer gefunden.

Die anderen wohnen im Westen. Ihre Ahnen haben seinerzeit ihre Republik in einen geschichtlich luftleeren Raum eingebaut. Großer sittlicher Ernst hat dabei Pate gestanden. Die jetzt lebende und führende Generation sucht deshalb nicht brutal das Christentum mit Stumpf und Stil auszurotten, glaubt aber Europa und die ganze Welt ordnen zu können ohne sorgfältiges Studium und gläubige Deutung des von Gott geschriebenen Buches der Gesamtgeschichte.

Die Passivisten sind die genusssüchtigen Schmarotzer oder unverbindlichen Literaten der Weltgeschichte. Sie lassen sich widerstandslos von ihren Wogen treiben. Sie haben weder Mut noch Kraft, ihren Lauf zu beeinflussen. Gedankenlos leben sie in den Tag hinein, bald lachend, bald weinend, wie es die Verhältnisse mit sich bringen. Oder sie spinnen sich wie Chamberlain und Spengler in das Netz einer phantasiereichen Geistesgeschichte hinein. Beide Male begreifen sie nicht Gottes Sprache in der Zeit und weichen einer eindeutig klaren und verpflichtenden Antwort aus. (…)

Ganz anders urteilt die theistische schöpferische Geschichtsauffassung. Nach ihr ist die Weltgeschichte einem großen Strom zu vergleichen, dessen Quelle und Mündung im Herzen Gottes liegt, dessen Ebbe und Flut, dessen Bett, Richtung und Ziel von Gott nach einem weisen Plan geordnet und gelenkt wird, so dass seine Wogen und Wellen sich nicht mechanisch nacheinander drängen, sondern innerlich miteinander verbunden sind, einander fördern und fordern, einander bedingen und folgern wie Ursache und Wirkung. Das Heute ist aus dem Gestern geboren und trägt das Morgen in seinem fruchtbaren Schoße. Im Heute lebt beides gleichzeitig, wenn auch in verschiedener Weise: Vergangenheit und Zukunft. Die Vergangenheit in ihren Auswirkungen entweder als rudis indigestaque moles2, als Brodeln und Branden sich widerstreitender Kräfte, die noch nicht zur Ruhe gekommen sind, oder als tranquillitas ordinis3, als abgeklärtes Maß und ruhige und beruhigende Ordnung; die Zukunft als entwicklungsfähiger Keim wie Frucht und Blüte im Samen. Wie das Heute den Sinn des Gestern und Ehegestern erfüllt, so gibt es dem Morgen und Übermorgen Richtung, Zielgestalt und Reichtum. Das Heute als Erkenntnisquelle für Gottes Wunsch und Wille ob des Morgen ist in der Schätzung des Heilandes so bedeutungsvoll, dass er ihre dauernde Benutzung von seiner Gefolgschaft schlechthin voraussetzt und mangelnden Geschichtssinn und verkümmerte Deutungskunst des Lebens vorwurfsvoll mit der Bemerkung erledigt: Die Zeichen am Himmel wisst ihr zu deuten, nicht aber die Zeichen der Zeit4. Nur in der Schule des praktischen Vorsehungsglaubens kann diese Kunst gelernt werden. Sie ist jedermann zugänglich. Sie lehrt allen Geschehnissen auf den Grund zu sehen, um die schöpferischen und zerstörenden Kräfte im Weltgeschehen zu entdecken, bloßzulegen und aus ihrer Art und Richtung Gottes Wunsch und Willen für das Morgen richtig zu deuten. Sie gibt Mut und Kraft, sich mit den Aufbaukräften zu verbinden und die Zerstörungsmächte zu bekämpfen und so schöpferisch in die Geschichte einzugreifen.

Die Hauptkräfte, die sich im Weltgeschehen auswirken, sind Gott und Teufel. Beide stehen in ewigem Gegensatz zueinander. Beide sind die Großmächte, die in unversöhnlichem Ringen einander befehden, die Bundesgenossen unter den Menschen suchen und so die Welt in zwei Lager spalten: in die civitas Dei und die civitas terrena et diabolica [die Gottesstadt, die Erden- und die Teufelsstadt]. So wird und bleibt das Thema der Weltgeschichte stets dasselbe. Es wandelt sich in tausendfach wiederkehrenden Variationen ab: es ist der Kampf des Glaubens mit dem Unglauben, das Ringen zwischen Christ und Antichrist, die Auseinandersetzung zwischen Gott und Teufel und deren Anhängern. Gott und Gottesreich erringt letzten Endes trotz aller Krisen und Rückschläge einen vollkommenen, einen glorreichen Sieg über Satan und Satans Reich. Damit verliert die Geschichte den kleinlichen Charakter einer sich im Nebel verlierenden, vom Zaune gerissenen Streiterei und Balgerei. Sie bekommt Linie, Gehalt und Gestalt, die alle Phasen und Etappen durchzieht und miteinander verbindet, angefangen vom ersten Sündenfall bis zum Weltgericht.

Die historische Aufgabe geschichtsschöpferischer Menschen wird dadurch eindeutig klar. Sie stellen sich Gott zur Verfügung.

1 Vgl. Jes 3,4.
2 d.h. rohe und ungeordnete Masse.
3 d.h. Ruhe aus Ordnung.
4 Vgl. Lk 12,56.

Aus:
Pater Josef Kentenich,
Oktoberbrief 1949,
Ein Beitrag zum christlichen Auftrag: Neuer Mensch
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
ISBN: 978-3-920849-01-0
S. 16 – 26. 31 – 37

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