GdL-1950-12 Drei Eigenschaften des vorsehungsgläubigen Menschen

GdL-1950-12 Drei Eigenschaften des vorsehungsgläubigen Menschen

Aus: Bundestagung 1950

Der vorsehungsgläubige Mensch muß vor allem 3 Eigenschaften haben:

1. Er muß weitschauend oder tiefschauend sein. Sie werden sich wahrscheinlich die Frage gestellt haben: Ist das nicht doch eine gewagte Geschichte? Kann man da nicht fehl urteilen? Aber das gehört ja an und für sich zum Wesen des christlichen Menschen, zur christlichen Existenz, daß man ins Dunkel hineinsieht und dort das Licht, das aufgefangen ist, achtet und beachtet, und daß man mit diesem Licht durch das Dunkel hindurchgeht.

Die christliche Existenz ist ganz und gar aufgebaut auf dieser eigenartigen Tatsache, weit und tief zu schauen. Wir müssen weit- und tiefschauende Menschen werden. Ein scherzhafter Ausdruck: Wir müssen alle „Spökenkieker“ werden. (Unsere Westfalen kennen diesen Ausdruck.) Was heißt das? Wir müssen Dinge sehen, die andere nicht sehen. Der Glaube entschleiert uns ja eine Wirklichkeit. Es ist halt so, es müßte uns ein eigenartiger übernatürlicher Wirklichkeitssinn geschenkt werden. Dieser verbindet sich mit übernatürlichen Realitäten, die andere Menschen gar nicht sehen. Wieviele Dinge kommen uns tagsüber quer! Wie oft spricht Gott durch die Verhältnisse und wir verstehen ihn nicht. – Wie haufig haben wir früher vom „Gott des Lebens“ gesprochen. Wir dürfen nicht bloß den Gott der aszetischen Bücher, auch nicht allein den Gott des Altares und den Gott des Herzens, sondern auch den Gott des Lebens kennen lernen. Das ist Gott, wie er uns im Leben begegnet. Wir wissen noch von Kindsbeinen her: „Gar nichts kommt von ungefähr, von Gottes Güt‘ kommt alles her.“ Das weiß der Kopf und sagt der Mund; aber Herz und Wille vergessen das gar zu gern, daß jegliche Kleinigkeit nicht von ungefähr kommt …….. Jegliche Kleinigkeit entspricht einem Wunsch oder einer Zulassung Gottes, will und muß uns etwas sagen. Wir müssen weit- und tiefschauende Menschen werden, d.h. praktisch: Der Vorsehungsglaube muß uns so zur zweiten Natur geworden sein, daß wir mit Paulus das Wort wiederholen können: „Justus autem meus ex fide vivit.“ „Mein Gerechter lebt aus dem Glauben.“ Er wollte sagen: Die durch meine Schule gegangen sind, meine Kinder, sie mögen nicht hervorragen durch Geistreichigkeit, aber sie haben ein Charisma, sie sind Kinder des Glaubens. Das müßte unser Stolz sein. Wir, die wir auch eine gewisse Blüte der Famllie darstellen wollen, müßten in ausgesprochener Weise Providentia-Kinder werden.

Sie werden sich im Laufe des Vormittags öfters die Frage gestellt haben, wie das denn möglich ist, auf Grund derartig kleiner Anlässe solch gewaltige Entschliessungen zu fassen. Das kann man nur, wenn man ganz aus dieser Welt lebt, das kann man nicht heute tun und es dann 10 Jahre lang sein lassen. Das kann man nur, wenn man einen göttlichen Witterungssinn hat. – Ich meine, ich müßte mich jetzt vor allem an unsere junge Generation wenden, nicht, als ob die Alten das nicht brauchten, aber die Jungen haben noch ein längeres Leben vor sich und die Verhältnisse werden immer verworrener. Lassen Sie einmal gewisse Strömungen hereinbrechen, wer sagt Ihnen dann, was Sie zu tun haben? Da heißt es: Wir müssen uns tatsächlich um dieses neue Organ, um diesen neuen übernatürlichen Wirklichkeitssinn mühen. Es ist heute bedeutend schwieriger, aus den Verhältnissen heraus den Willen Gottes zu erkennen als ihn durchzuführen. Wenn mir jemand sagen würde, der lb. Gott will dies und das von dir, dann wäre schon die Bereitschaft da. Aber erst die Entscheidung: das will Gott, das ist das Schwierige. Wir müssen uns alle wieder mehr entscheiden lernen, wenn wir in den kommenden Verhältnissen gewappnet dastehen wollen. – Sie werden merken, alles, was im Laufe der Jahre in Schönstatt geschehen, ist mit dieser „Unverfrorenheit“, mit dieser Kühnheit wieder und wieder ermittelt und durchgeführt worden.

Wir halten heute das Schönstattgeheimnis für selbstverständlich. War das nicht damals ein Wagnis? Stellen Sie sich einmal vor, Sie fänden jemand, der Ihnen Märchen auftischte, an die Sie glauben sollten. Heute können wir an das Schönstattgeheimnis glauben, weil inzwischen Jahrzehnte ins Land gegangen sind, und weil man nun sieht, daß der Herrgott hinter dem Werk steht. Aber so etwas erstmalig zu künden und zu bejahen, dazu gehört gewaltige Kühnheit, doppelt, weil das niemand nachprüfen kann. Das kann ebensogut irrsinnig sein wie hochgemut. Hier Irrsinn, dort Hochsinnigkeit! Wer greift das? In solche Lagen werden wir noch ungezählt viele Male kommen. Deswegen brauchen wir ein ausgeprägtes Gespür für die Wirklichkeiten des übernatürlichen Lebens.

Daher mag die Sehnsucht wach werden, uns von der Gottesmutter das Charisma der Vorsehungsgläubigkeit schenken zu lassen. Wir möchten aber auch noch etwas tiefer graben. Und das darf ich gestehen: Wenn nicht der Hl. Geist in uns das Glaubenslicht entfaltet, werden wir ständig den übernatürlichen Wirklichkeiten – das ist ein harter Ausdruck – fast blöde und verblödet gegenüberstehen, Es kann sein, daß ich ein geistreicher Mensch bin und doch den übernatürlichen Wirklichkeiten gegenüber blind bin. Ja, weil das Glaubenslicht in ungezählt vielen Seelen erloschen ist, müssen wir uns bemühen, in den kleinsten Dingen des Alltags einen Anruf Gottes zu erblicken. Eir müssen ernst machen mit den Worten: „Gar nichts kommt von ungefähr, von Gottes Güt‘ kommt alles her,“ – was es auch sein mag: Mißgeschick, Freude, Leid. Der Glaubensgeist sagt uns ganz klar: das muß doch alles irgendwie im Plane Gottes liegen. Sie haben nach der Richtung ein Musterbeispiel in der Verkündigungsszene. Die Gottesmutter war wach und feinhörig. Auch wir wollen unser Leben auffassen wie eine ununterbrochene Kette von Verkündigungsszenen. Es ist nicht so, daß ein Engel uns immer berühren und sprechen muß.

Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft? Der „Engel des Herrn“ kann auch mein Feind, Freund, Diktator sein. – Sehen Sie, nachdem die Gottesmutter die Botschaft empfangen, fängt sie an, nachzudenken. Wenn wir das schon einmal wieder könnten, nachdenken. „Sie dachte nach, was das für ein Gruß sei.“ Wir haben heute den Ausdruck gebraucht: Sakramentalität des Augenblickes. Sie wissen, was das bedeutet. Der liebe Gott will mir durch jede Sekunde und jedes Ereignis etwas sagen. Er macht auch darauf aufmerksam, daß er mir mit der Botschaft auch die entsprechende Gnade anbietet, die Botschaft zu bejahen und sinnerfüllt zu machen. Oder denken wir an das andere Wort: Kommunion des göttlichen Willens. Ein überaus schöner Ausdruck: Ich kommuniziere in jeder Sekunde den göttlichen Willen. Und wie entschleiert sich mir der göttliche Wille? Das sagt der liebe Gott mir selber durch die Verhältnisse. Wir müssten so reif werden, daß wir mit der Zeit kleine Künstler sind, kleine Meister, Lese- und Lebemeister, das ist ein Ausdruck der alten Mystiker. Ein Lesemeister wird den Willen Gottes herauslesen aus allen Verhältnissen, und ein Lebensmeister wird ihn unter allen Umständen erfüllen. Der vorsehungsgläubige Mensch ist der weitschauende, der tiefschauende Mensch. Merken Sie sich, wir werden diese Schau, diese Weitschau und Tiefenschau nur bekommen, wenn der Hl. Geist durch seine Gaben in uns das Geschenk des Glaubens zur Vollreife entfaltet.

2. Der vorsehungsgläubige Mensch ist ein wagemutiger Mensch. Sie werden aus all dem, was ich Ihnen bisher schon erzählt – wenn auch nur ganz kurz umrissen – herausgehört haben, hinter dem ganzen Werk steckt ein gewisser Wagemut. Wagemut bedeutet es schon allein, den Willen Gottes herauszulesen aus derartig kleinen Ansätzen.

Und noch größeren Wagemut bedeutet es, ihn durchzuführen. Auch hier müssen wir sagen: das Wesen der christlichen Existenz setzt solchen Wagemut veraus. Und wir müssen uns im wagemutigen Handeln schulen, denn wir müssen mit schwierigen Verhältnissen rechnen. Wenn sich jemand nicht im Wagemut geübt hat, auch wenn er sich in Gegensatz stellen muß zur ganzen Umgebung, wird er schnell zum Heloten und Sklaven. Augustinus sagt: „Wer am Antlitz des Allmächtigen hängt, der fürchtet nicht das Antlitz des Mächtigen dieser Welt.“ Ein sehr tiefsinniges Wort! Wenn wir am Antlitz Gottes hängen, seinen Wunsch überall zu bejahen und durchzuführen trachten, bekommen wir später auch einmal die Gnade und die Kraft, Gott in allen Lebenslagen zu dienen, selbst wenn es das Leben kostet. – Wir gehen tatsächlich einem Zeitalter entgegen, das überall nur Sklaven schafft. Der heutige Mensch möchte genügend zu essen und zu trinken haben. Wenn er das bekommt, ist er bereit, das Recht der Erstgeburt, seine königliche Freiheit in die Waagschale zu werfen. Darum brauchen wir heute Menschen, die dieses königliche Geschenk recht deuten und gebrauchen. Wir müssen zu diesen Menschen gehören. Wir müssen weitschauende und tiefschauende, wir müssen wagemutige Menschen werden.

3. Wir müssen aber auch siegesgewisse und sieghafte Menschen sein und werden. Weshalb? Weil der vorsehungsgläubige Mensch sich in der jenseitigen Wirklichkeit bewegt und sich ständig vermählt, genauer gesagt, seine persönliche Schwäche und Ohnmacht vermählt mit der göttlichen Allmacht. Wir kennen das schöne Wort vom archimedischen Punkt: „Gebt mir einen Platz ausserhalb der Erde, dann will ich die Welt aus den Angeln heben.“

Auch wir haben einen archimedischen Punkt. Das ist der Boden des Vorsehungsglaubens. Wenn wir auf diesem Boden stehen bleiben, mag es uns wahrhaftig nicht schwer fallen, die Welt des verworrenen undurchsichtigen Lebens aus den Angeln zu heben! – Damit habe ich schon vorweggenommen, was ich Ihnen durch die Erzählung als Frucht einprägen möchte. Das Gesetz der geöffneten Tür soll unser Anliegen werden. Wenn das der Schlüssel ist, mit dem wir die ganze Familie aufschliessen können, wollen wir nicht weggehen, bis dieser Schlüssel uns geschenkt worden ist. Und er wird uns geschenkt, wenn wir darum beten, wenn wir uns bemühen, mit ihm in unser Leben einen Sinn hineinzubringen.

Während wir so beieinander sitzen, geht so viel Licht von uns aus, so viel Schlichtheit, daß man meinen könnte, wir hätten alle kein Leid. Und doch: Wenn wir einmal alles Leid hier aufeinander legen könnten, was gäbe das einen Berg! Das Leid gehört einmal zum christlichen Leben, aber es muß durchsonnt, durchleuchtet, verklärt werden. Und wodurch wird es verklärt? Ich meine, durch das Gesetz der geöffneten Tür und den praktischen Vorsehungsglauben.

Damit hat der Geist wieder einen Ruhepunkt. Von hier aus können wir wieder wagen, tiefer hineinzuleuchten in unsere Familiengeschichte. Heute morgen sagten wir uns, 2 Punkte sollten wir uns aus der Geschichte merken. Der große Zentralgedanke ist: Neuer Mensch und neue Gemeinschaft in universeller Prägung. Von Anfang an war das die große Idee. Und die Durchführung dieser Idee hat der liebe Gott von Anfang an gezeigt durch das Gesetz der geöffneten Tür. Sie spüren, was das heißt, Genialität der Naivität. Ich maße mir an zu sagen: Ich bin nach der Richtung viel dümmer als Sie. Ich meine damit die Schlichtheit, das Geöffnetsein für Gottes Wunsch, die Bereitschaft, rechts und links alles beiseite zu lassen und ein herzhaftes Ja zu sprechen zu allem, was der liebe Gott durch die Verhältnisse sagt. Da haben Sie eine Deutung des klassischen Wortes: Omnia uni, alles nur dem Einen, alles hingeordnet auf Ihn. Was nicht auf Ihn hingeordnet ist, ist Nebensache; diese Grundeinstellung müssten wir alle bekommen.

Jetzt müssten Sie einmal sehen, wie eigenartig schlicht sich jetzt alles fügt im Rahmen unserer Geschichte. Sie finden, wie häufig der liebe Gott durch irgend ein, ja fast nebensächlich scheinendes, in die Hände gefallenes Zettelchen gesprochen hat. Zunächst die Geschichte mit Bartolo Longo. Dann vorher das kleine Büchlein: Rettungsmittel für die heutige kranke Jugend. Es waren alles scheinbar so nebensächliche Dinge. Aber wenn man daran gewöhnt ist, jede kleinste Kleinigkeit – und wenn es eine Fliege wäre – als einen Wink Gottes aufzufassen, so sind diese Dinge nicht nebensächlich. Ich muß bloß die Kunst kennen, zu fragen: Was will der liebe Gott? er hat doch eine Absicht damit.

Beispielsweise: Sie kämen nach Sibirien, haben nirgendwo eine Stütze oder Anschluß, sind aber daran gewöhnt, immer hinter allem Gott zu wittern, dann können Sie ohne geistliche Lesung auskommen. Durch das Leben haben Sie ständig geistliche Lesung. Ich glaube, im Gewirre des Alltags kann der liebe Gott noch deutlicher sprechen als etwa in der Anbetung oder durch eine Predigt. So habe ich ständig Nahrung für den Verstand. Kommunizieren kann ich nicht, habe keine hl. Messe, und trotzdem: habe ich nicht jede Sekunde Kommunion des göttlichen Willens? Müssen wir uns nicht auf solche Verhältnisse vorbereiten? Zweifellos! Wenn wir das nicht tun, sind wir nicht zeitnah, haben Gott nicht genügend gesehen und gewertet im Alltag.

Wir haben heute morgen einen Augenblick stille stehen dürfen bei der Geschichte des Colloquium Marianum. Da sahen Sie auch, wie der Deckname Ingolstadt – Schönstatt entstanden ist. Wir waren uns damals wohl bewusst, wie verwegen, wie kühn dar Gedanke war, die Gottesmutter möchte von hier aus eine große Erneuerungsbewegung in die Welt hineinleiten. Deswegen der Deckname: Parallele Ingolstadt-Schönstatt. Also alles, was drüben in Ingolstadt Wirklichkeit geworden, sollte jetzt durch diesen Decktitel uns zum Bewusstsein gebracht, den andern aber verschleiert werden. Erst gegen Schluß des Krieges – Sie können das leicht nachprüfen anhand der alten Jahrgänge der MTA – wird erstmalig die Parallele Ingolstadt-Schönstatt aufgedeckt. Vorher hieß es immer: wir schenken alles der Gottesmutter zur Verwirklichung der Parallele Ingolstadt-Schönstatt. Aus der Tatsache, wie sich das alles entwickelt hat, dürfen wir annehmen, daß die Gottesmutter von hier aus eine große Erziehungsbewegung und Gnadenbewegung schaffen möchte.

Jetzt weiß ich nicht, welche Glieder der langen Kette ich in den paar Minuten Ihnen noch vorlegen darf. Es war auch gegen Ende des Krieges, da hat unsere Jugend, die von hier aus hinausgezogen war, sich draussen gruppenweise zusarmengeschlossen. Ein schwieriges Unterfangen! Wie war das möglich? Sie haben sich vor der Gottesmutter füreinander verantwortlich gewusst! Merken Sie: die neue Gemeinschaft! Es ist immer derselbe Zentralgedanke. Worin besteht das Wesen der neuen Gemeinschaft? In dem tief verwurzelten Verantwortlichkeitsbewusstsein füreinander. – – Sie müssen sich kennen,in irgend einer Weise müssen Sie Mittel und Wege suchen, sich kennen zu lernen, sonst könren Sie auch keine Verantwortung füreinander tragen. – Aus dem tief verwurzelten Verantwortungsbewusstsein füreinander haben die jungen Menschen damals das Wagnis fertig gebracht, draussen im Schmutz des Alltags sich zusammenzuschliessen; alles haben sie getan, immer bloß um der Verantwortung gerecht zu werden. Aber es gab auch andere Soldaten, die nicht so eng mitarbeiten wollten.

Da zeigte uns die Vorsehung wieder eine Möglichkeit. Damals hatte die marianische Kongregation von Wien Ähnliches vorgesehen. Man wollte die vielen Sodalen, die draussen allein standen und keinen Anschluß hatten, sammeln und sie zusammenschliessen unter dem Titel der marianischen Liga. Merken Sie, woher unsere Liga kommt? So hatten wir die Anfänge der Liga gegen Ende des Krieges schon fertig. Die Mitglieder wollten sich uns anschliessen, ohne in Gruppen zu arbeiten; es waren meist solche, die nicht studiert hatten. – So war gegen Ende des Krieges unsere Organisation fertig: wir hatten den Apostolischen Bund und die Apostolische Liga. Das alles kam ganz einfach. Sie könnten das auch so machen. Dazu brauchen Sie nicht studiert haben, dazu brauchen Sie bloß Dummheit, aber eine große Dosis, und zwar Schönstattdummheit, schlichten, einfältigen Vorsehungsglauben.

Jetzt kommen wir zur Tagung in Hörde. Was haben wir in Hörde getan? Da müsste ich Ihnen auch ein Gesetz sagen, das ich gewöhnlich angewandt habe: das Gesetz der Destruktionsmethode. Ich sollte nach Hörde kommen, aber im letzten Augenblick habe ich abgeschrieben. Mich leitete immer derselbe Gedanke: der neue Mensch muß Verantwortung haben, muß selbständig sein. Man hätte meinen sollen, die Tagung in Hörde wäre für mich das höchste Anliegen gewesen, und doch bin ich nicht hingefahren. Aber die Jungen von hier hatten an sich so viel Klarheit, daß sie drüben alles gut durchkämpfen konnten. Und so wurde in Hörde die Struktur der Familie für alle Zeit festgelegt. Die Dinge sind so klar umrissen, daß wir alles, was wir versuchen, an diesem Maßstab orientieren können.

Aber wir sind noch nicht am Ende. 1919 gab es noch nichts Weibliches in Schönststt, nur die Gottesmutter. Wie kamen wir dann schließlich zu Ihnen? Sind Sie Findelkinder, die wir irgendwo auf der Straße gefunden haben? – Jetzt kommt die Pfalz an die Reihe: 1920 kam eine Anfrage von einer Lehrerin aus der Pfalz, von einem Fräulein Bappert. Ich sage es Ihnen gern, damit Sie sehen, wie ich vom Gesetz der geöffneten Türe abhängig bin. Ich hätte die Frauen nicht in die Bewegung hineingelassen, wenn nicht der liebe Gott durch die Frage der Lehrerin mich dazu veranlasst hätte. Die Lehrerin hatte die Frage gestellt, sie hätte soviel Schönes vom Apostolischen Bund gehört, ob nicht auch Frauen daran teilnehmen könnten.

Ja, um der Wahrheit ganz die Ehre zu geben, muß ich eigentlich noch etwas weiter zurückgehen. 1917 hatte sich schon eine Frau interessiert, Gräfin Gertraud von Boullion. Sie war mit Frater Salzhuber bekannt geworden und hat mich damals gebeten, ich möchte mich ihrer etwas annehmen. Ich hatte mir aber den Grundsatz eingeprägt, mich mit Frauenseelsorge nicht abzugeben, bevor ich 35 Jahre alt war. Darum habe ich sie an jemand anders verwiesen.

Jetzt kommt die Frage: Sollen auch Frauen teilnehmen? Ich hätte die Frage auch beiseite werfen und sagen können: ich habe jetzt genug Arbeit. – Wenn die Prage nicht gekommen wäre, wären Sie sicher nicht hier, oder es hätte etwas anderes kommen müssen.

Nun war es anfangs doch ein gewisses Risiko; und es tauchte die Frage auf: Sollen wir die Frauen aufnehmen in der Form des Bundes? Wir sagten uns, wir machen es erst in Form der Liga, um langsam zu tasten, was Gott will. – – –

Hat also der Menach am Anfang gestanden? Ach nein! es war immer ein Tasten und Suchen nach den Plänen Gottes.

Schönstatt ist wirklich ein Gotteswerk, entspricht den Plänen Gottes. In seiner Geschichte haben wir immer das Forschen: Wie weit entschleiert der liebe Gott die Kugel und ist sie richtig gedeutet? Nach 40 Jahren kann man sagen: Sie muß wohl richtig gedeutet sein, denn sonst könnte nicht alles so geworden sein, wie wir es jetzt vor uns sehen.

Nun kamen also die ersten Frauen, Fräulein Gerster und die andern. – Jetzt muß ich Ihnen noch etwas anderes erzählen, um Märchen zu zerstreuen. Da ich mit den Frauen nichts zu tun haben wollte, hatte ich damals Pater Kolb gebeten, er solle die Frauenbewegung in die Hand nehmen. Weil ihm das Halten von Vorträgen schwer fiel, habe ich zuerst die Vorträge gehalten und bin nachher schnell weggelaufen, aber nicht aus Angst. Als ich dann aber merkte, daß ihm das Organisieren nicht lag, habe ich dann selber die Leitung der Frauenbewegung in die Hand genommen.

Aus: Bundestagung 1950, 26.-29. Dezember (E), Seite 84 – 95

verv.W, A 5, 135 S.

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