GdL-1951-02 Der allgemein praktisch jenseitig orientierte Mensch

GdL-1951-02 Der allgemein praktisch jenseitig orientierte Mensch

Aus: Terziat in Bellavista bei Santiago – Chileterziat

Pascal sagt: Gott hat absichtlich so viel Dunkelheit über unsern Verstand ausgebreitet, weil er dieses Dunkel von uns durchstoßen und durchbrochen wissen will durch den kindlichen Glauben. Durch ihn ergreifen wir seine Vaterhand. Und wenn wir das Dunkel durchstoßen haben, kommt er uns aber schon mit seiner Hand entgegen. Dann fängt er an, uns Licht zu schenken. Das wäre recht, sagt Augustinus, wenn ich in der Weltregierung ein Gesetz erkennen würde. Der Mensch sucht einen Plan, sucht Sicherheit. Unsicherheit gehört aber zum Wesen der menschlichen und christlichen Existenz. Der Bolschewismus ist deshalb total gegen den Weltenplan und muß zusammenbrechen. Augustinus meint, wenn es den Schlechten immer gut und den Guten immer schlecht geht, dann wäre wenigstens eine Linie da, aber das ist ja nicht immer so. Wir sind von Unbegreiflichkeiten umgeben. Gott verlangt, daß wir uns rückhaltlos ihm hingeben. Die Überzeugung von einem göttlichen, ewigen Weisheits-, Allmachts-, Liebesplan macht uns die Unbegreiflichkeiten begreiflich. Daß wir Lieblingsbeschäftigung und Lieblingsschöpfung sind, kann und sollte jeder Priester vor sich sehen. Wir müssen sehen, die Gedanken in großem Zusammenhang immer wieder neu vor uns zu haben. Diesen Plan hat Gott zum Fahrplan meines Lebens gemacht. Wie sieht der vorsehungsgläubige Mensch aus? Es ist der allgemein praktisch jenseitig orientierte Mensch.

1. Es ist ein hellsichtiger Mensch.

„Justus meus ex fide vivit.“ Dieser hellsichtige Mensch, der aus dem Vorsehungsglauben lebt, lebt stets an einem andern Ort. Er kreist vor allem um den Gott des Lebens. Er kreist auch um den eucharistischen Gott unserer Altäre, um den Gott unserer aszetischen Bücher, aber primär um den Gott des Lebens. Von diesem müssen wir heute sagen: er ist in die Flucht geschlagen. Auf der ganzen Linie sehen wir Trennung von Religion und Leben. Was ist die Grundlage für das Hingegebensein an den Gott des Lebens? Das ist das Liebesbündnis Gottes mit der Kreatur. Lassen Sie mich dafür verschiedene Ausdrücke und Bilder gebrauchen.

Der alte Rodriguez gibt uns den Satz, immer zu sagen: „Genau das, was ich wollte!“ Das ist ein Kunstgriff. Wenn mich etwas schwer anfällt: Genau das, was ich wollte! Das was Gott will, will ich auch. Das heißt nicht, die Natur dürfte nicht erzittern und erbeben. Fragen Sie sich einmal, wie lange Sie brauchen, um zu sagen: Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles was er tut! Wenn Sie das gleich sagen können, sind Sie ein religiöser Priester. Das ist keine Frömmigkeit, die bloß im Kopfe bleibt, das ist wahre Religiosität.

Das ist Genialität der Naivität. In der Gefangenschaft gab mir folgendes Bild viel Licht: Denken Sie, eine Mutter erwartet ihr Kind. Halten Sie es nicht für selbstverständlich, daß sie für das Kind die besten Windeln bereithält? In allen Gefahren ist mir der dogmatische Gedanke immer in diesem Bild in den Kopf gesprungen: die besten Windeln! Die Liebestheologie ist die klassische Theologie des hl. Franz v.S. Wir müssen uns von Gott geliebt glauben, wissen und zuweilen fühlen, dann kommen wir auch zurecht mit Fehlern und Armseligkeiten. Der Vater reinigt die Rebe, damit sie mehr Frucht bringe. Wenn wir so als vorsehungsgläubige Menschen durch das Leben gehen, brauchen wir nie zu fürchten, daß einmal etwas Unvorhergesehenes über uns hereinbricht, dem wir nicht widerstehen können. Das liegt im Gesamtgefüge des Vaterbegriffes. Wenn ich aber x-mal NEIN gesagt habe, mag natürlich morgen oder übermorgen etwas kommen, das ist nicht mehr tragen kann, weil ich Gott zeitweilig ausgeschaltet habe. Die Dogmatiker sagen uns, daß ein Stück der visio beata darin besteht, daß wir rückschauend erkennen, wie weise Gott unser Leben geführt. Dieses Stück können wir antizipieren. Der vorsehungsgläubige Mensch ist hellsichtig, sieht jedes Ereignis wie eine Engelsbotschaft. Wie hat die Gottesmutter die Engelsbotschaft beantwortet? Sie überlegt zuerst – wir dürfen nachdenken, um die inneren Zusammenhänge zu sehen – dann kommt die Frage: wie soll das geschehen?

2. Ein wagemutiger Mensch.

Für den heutigen Menschen ist der Wagemut der inneren Entscheidung viel größer als der der Durchführung. Wenn ich 90 % Sicherheit habe, kann ich nicht mehr von Wagemut sprechen. Für die Erziehung müssen Sie sich merken: lieber einmal eine Dummheit machen, aber sich selbst entscheiden lernen. Das Primäre in der Willensfreiheit ist die geistige Entscheidungsfreiheit. Durchsetzungswillen hat auch der Elefant. Auf die leisesten Wünsche Gottes müssen wir ein herzhaftes JA sagen in einer persönlichen Entscheidung. Wagemutig sich entscheiden, aber auch wagemutig etwas durchsetzen. Die ganze christliche Existenz ist angefüllt mit solchen Wagnissen. Der vorsehungsgläubige Mensch verbindet seine Ohnmacht mit der Allmacht, seine Dunkelheit mit dem Lichte Gottes. Wer am Antlitz des Allmächtigen und Allwissenden hängt, der fürchtet nicht das Antlitz dieser Welt. Wo liegt der Gegenstand des Wagemutes? Wer vorsehungsgläubig wagemutig ist, wird nie zu tun haben mit einer schlotternden Angst. Angst ist ein Urgefühl des Menschen. Es ist das unbestimmte Gefühl der Ohnmacht einer dunklen Macht oder Allmacht gegenüber. Der Mensch, der gläubig ist, sieht hinter allem Dunkel den Vatergott. So hat er zwar Angst, aber keine schlotternde Angst. Die Natur geht nach eigenen Gesetzen, aber die Gnade läßt darüber ihr Licht leuchten. Der Wagemut hilft dem Vorsehungsgläubigen, die Ungesichertheiten des Lebens in souveränder Ruhe zutragen. Es gibt eine fortuna-Not. Alles Irdische wankt, alles ist in unsicheren Verhältnissen. Das ist in die Weisheitspläne Gottes aufgenommen.

Es gibt auch eine Gottesnot. Bin ich im Stande der Gnade? Werde ich die Gnade der Beharrlichkeit bekommen? Gott will unsere kindliche Hingabe. Ohne Todessprung kommen wir nicht durch.

Die Gesetzmäßigkeiten der Gesichertheit und Ungesichertheit finden Sie in einer Parabel vom verlorenen Sohn.

1. Es gibt im Leben riesig viel Sicherheit neben Ungesichertheit. Der verlorene Sohn war zu Hause gesichert, dann ungesichert in der Fremde.
2. Sicherheit und Ungesichertheit wechseln im gleichen Leben.
3. Was ist der Sinn der Ungesichertheit?
Die Sicherheit auf einerhöheren Ebene in der Hand Gottes. Der Mensch muß ein Nest haben. Gott zerstört alle zweit- und drittrangigen Nester. Die arteigene Sicherheit des Menschen ist eine Pendelsicherheit. Dieses ist nicht unten, sondern oben befestigt. Unten am Pendel kann jeder spielen: heute geehrt, morgen ans Kreuz mit ihm. Sicherung gibt es nur im Herzen und in der Hand Gottes. So das Leben zu meistern muß ich lernen und lehren. Wenn Gott heute so viel zertrümmert, so tut er es, weil der kindliche Sinn verloren gegangen ist. Weil der heutige Mensch sich neben Gott gestellt hat, muß der Vatergott erst den Menschen und seinen Stolz zertrümmern. Dann kann der Vater seine Väterlichkeit entfalten. Das größte Glück für die heutige Zeit ist der wiedergewonnene kindliche Sinn, weil er die Vater-Tätigkeit Gottes möglich macht.

3. Ein sieghafter und siegesgewisser Mensch.

Der Grund liegt in der Vermählung seiner Ohnmacht mit der göttlichen Allmacht. Das Werkzeuge weiß, die causa principalis gibt dem Werk die Stoßkraft. Es gibt eine doppelte seelische Haltung: Ich möchte das – oder Gott möchte das. Ob es sich handelt um Geld und Gut, immer müssen wir uns sagen: er möchte es machen.

Aus: Terziat in Bellavista bei Santiago (Chile) vom 2. Februar bis 1. März 1951. Chileterziat, Seite 98 – 102

verv.W, A 5 q, 188 S.

 

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