GdL-1961-05 Fühlung mit Gott mitten im Leben

GdL-1961-05 Fühlung mit Gott mitten im Leben

Aus: Am Montagabend – Mit Familien im Gespräch, Bd. 2, (1. Mai 1961),

Pater Kentenich zu Familien:

Ich möchte Ihnen zeigen, was das heißt: mit dem lieben Gott durch den Tag gehen. Sehen Sie, wir Weltmenschen verlassen den lieben Gott meist während des Tages. Wir meinen halt immer: In der Welt sein, das heißt von Gott getrennt sein. Wenn ich Ihnen jetzt einmal sagen darf: Welches System kann man denn anwenden, um etwas Ähnliches mit der Zeit zu lernen, dann gebe ich Ihnen drei Antworten.

Ich muß den lieben Gott erstens recht häufig im Glauben anschauen, dann zweitens mit dem lieben Gott recht häufig so ganz urwüchsig sprechen und dann drittens für den lieben Gott aus Liebe und aus Glaubensgeist viele Opfer bringen.

Jetzt muß ich Ihnen das einmal einzeln darstellen, wie das praktisch aussieht.

Ich sage so: Wir müssen den lieben Gott im Glauben recht häufig anschauen. Ja, wo finden wir denn den lieben Gott? Ich meine, da müßten wir so sagen: Wir finden ihn in sich und in seinen Wirkungen. Ja, wo denn und wie denn (finden wir ihn) in sich? Zum Beispiel, in der Kirche. Der Glaube sagt mir: Da vorne, wo die Hostie ist, ist der liebe Gott – aber auch wirklich. Das heißt: Wenn er wirklich da ist, dann muß ich ihn auch als Gegenüber, als lebendiges Gegenüber vor mir haben. Sehen Sie, es ist etwas ganz anderes, zu sagen: Das glaube ich, (als) zu sagen: Das glaube ich lebendig.

Ein Freund von Goethe1 pflegte so zu sagen: Wenn ich glauben würde, was die Katholiken glauben, dann käme ich, wenn ich in der Kirche wäre, den ganzen Tag nicht von den Knien. Sehen Sie, es muß der lebendige Glaube sein, daß der Heiland da vorne wirklich ist. Ich will Ihnen mal an einem Beispiel zeigen, wie so etwas im praktischen Leben wirkt.

Ich habe Ihnen kürzlich einmal ein Beispiel erzählen dürfen vom heiligen Gerhard Majella. 2 Das war ein ganz einfacher Laienbruder. Daß er gut bis drei zählen konnte, das war aber auch alles. Er war also nicht (besonders) gescheit. Wir pflegen so zu sagen: Er hat das Pulver nicht erfunden.

Ja, Sie erinnern sich vielleicht: Als er krank war, hat er ein Schild vor seinem Zimmer anbringen lassen: Hier wird der Wille Gottes erfüllt. Ich habe dann beigefügt, Sie müssen sagen: Hier wird der Liebeswille Gottes erfüllt. Sie dürfen nie übersehen: Mit dem lieben Gott müssen Sie immer die Liebe verbinden.

Er3 war so ganz tief ergriffen von der Wirklichkeit der Eucharistie. Und wenn er allein in der Kirche war und sich umgesehen hat (und) wirklich niemand da war, dann pflegte er auf den Altar zu klettern. Dann hat er sich da oben hingestellt und hat an den Tabernakel geklopft und hat dem Heiland gesagt: Du bist aber ein kleines „Närrchen“, daß du dich da so einsperren läßt aus Liebe zu mir! Sehen Sie, dieses Urwüchsige, was dahinter steckt! Natürlich will ich jetzt nicht sagen, Mr. Schimmel4 soll morgen da oben hinaufklettern. Ich will nur zeigen, wie so etwas möglich ist. Das Wichtigste ist das Ursprüngliche. Das ist das Wichtigste!

Und dann hat der Heiland ihm geantwortet vom Tabernakel aus. – Wir bekommen ja keine Antwort, aber der hat Antwort bekommen. – Er hat ihm gesagt: Gerhard, du bist noch ein viel größerer Narr, als ich (es) bin. Da waren also zwei Narren beieinander, nicht? Das heißt: die zwei Narren der Liebe.

Darf ich Sie noch einmal fragen, ob Sie verstehen, was ich sagen will? Daß man urwüchsig mit dem gegenwärtigen Gott sprechen lernt, das persönliche Beten, (das) ist der Kerngedanke. Sehen Sie, wir pflegen dafür im Deutschen zu sagen: Ich soll mit dem lieben Gott reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Deswegen: Ich kann auch – wie sagt man dafür? – plattdeutsch mit ihm reden.

Das ist so: Jetzt muß ich nicht schnell sagen: Bitteschön, zwei Minuten (hab ich Zeit), mein Gebetbuch her, (auf) Seite 12 bin ich! Noch mal schnell das abfragen, nicht? Auch nicht hinlaufen und schnell ein paar Rosenkränze her(unter)beten.

Ob Sie mich mißverstehen? Ich will nichts gegen den Rosenkranz sagen. Ich will überspitzt zeigen, was das heißt: persönlich mit dem lieben Gott sprechen. Da(nn) wissen Sie (auch), was das heißt: den lieben Gott anschauen, wie er im Tabernakel ist, und mit ihm sprechen.

Ich will Ihnen noch einmal das Beispiel von diesem einfachen Arbeiter erzählen. Der war auch religiös, hat aber nicht viel Zeit zum Beten gehabt und konnte vor allem mit Gebetbüchern nichts anfangen. Ja, und er wollte dann sein Nachtgebet wohl verrichten. Aber das war ihm alles zu lang, was er früher gelernt hatte. Er hat (es) verstanden, nun persönlich mit dem lieben Gott zu sprechen. Es war halt so, als wenn er mit ihm auf der Schulbank gesessen hätte. Und wenn er sich dann ins Bett gelegt hat und mit dem Schlaf gekämpft hat, dann brauchte er bloß das Gebet zu beten: Lieber Gott, hier liegt dein Sündenlümmel; wirf ihn doch hinein in deinen Gnadenhimmel!

Verstehen Sie, was persönliches Beten heißt? Ich bin der Meinung, das gefällt dem lieben Gott mehr, als wenn der jetzt zwölf Rosenkränze gesagt hätte. Und das müssen Sie sich merken: Wenn wir den Tag mit dem lieben Gott zubringen wollen, müssen wir persönlich mit ihm sprechen lernen. Und je ursprünglicher, desto besser! Und je ungezwungener, je natürlicher, desto besser! Das gibt der liebe Gott mir selber ein. Das muß ich nicht nachmachen, wie der oder jener das tut.

Sehen Sie, das waren doch wahrhaftig zwei ganz verschiedene Arten, mit dem lieben Gott persönlich zu sprechen. Und wenn ich der liebe Gott wäre, dann hätte ich an beiden Arten Freude, gelt? Da käme ich mit dem Sündenlümmel zurecht, und mit dem Gerhard Majella käme ich auch zurecht.

Ich will Ihnen noch eine dritte Art zeigen. Das ist das einfache Beispielchen, das ich Ihnen auch schon mal erzählt habe. Es wird erzählt vom Pfarrer von Ars. Sehen Sie, er hat, wie Sie ja wissen, zur Mittagszeit immer einen Beamten so ganz still in die Kirche hineinschleichen sehen. Und der hat sich dann da unten ans Weihwasserbecken gestellt und hat nicht sonderlich viel getan. Er hat die Lippen nicht bewegt, hat höchstens die Arme so zusammengekreuzt und (nach) vorne hingeguckt.

Einmal geht der Pfarrer (zu ihm) hin: Ja, was machen Sie nun jeden Tag? Ich seh keinen Rosenkranz in Ihrer Hand, Gebetbuch haben Sie auch keins? Was hat er5 geantwortet? Sie kennen ja die Antwort: Ich sehe ihn an, und er schaut mich an. War das Gebet? (Ein) glänzendes Gebet!

Sehen Sie, das müssen wir uns merken. Ich meine, der heutige Mensch kann nicht mehr persönlich beten. Der betet einfach immer etwas nach, was da irgend(wo) im Buch steht. Alles ist vorher aufgesetzt. Wenn ich der liebe Gott wäre, dann würde ich sagen: Her mit dem Gebetbuch! Zerrissen!

Es ist natürlich so: Wir brauchen schon Gebetbücher. Wir brauchen das eine und das andere. Dasselbe ist mit dem Rosenkranz (der Fall). Ich darf den Rosenkranz beten, aber ich muß auch persönlich beten lernen. Dasselbe ist (der Fall), wenn wir heute die „liturgischen Bücher“ haben, wo das alles drin steht, was der Priester betet.6

Sehen Sie, das ist alles recht. Aber es kommt auch mal eine Zeit, da stört mich das, wenn ich all die vielen Worte sagen muß. Das müssen wir wieder lernen, persönlich mit dem lieben Gott zu sprechen, aber auch alles (zu) besprechen. Wenn ich jetzt zum Beispiel die Not habe: Ich soll ein neues Geschäft übernehmen. Ja, das ist recht, daß ich das jetzt mit meinem Rechtsanwalt überlege. Der Herrgott ist aber auch mein Rechtsanwalt. Das kann ich doch mit ihm auch besprechen. (Ich kann) ihn auch um Rat fragen und ihm das vorlegen: Sieh mal, ich meine so und so. Was meinst du denn nun eigentlich?

Das nenne ich Frömmigkeit, gesunde Frömmigkeit für das Leben in der Welt. Sie können sagen, was Sie wollen: Niemand von uns wird glücklich – und wenn ich Millionen verdiene -, wenn ich nicht die Fühlung mit dem lieben Gott suche und finde. Und was uns zuletzt froh macht, ist immer nur die Fühlung mit dem lieben Gott.

1 Johann Kaspar Lavater, 1741-1801, protestantischer Pfarrer.

2 Gerhard Majella, 1726-1755, Laienbruder bei den Redemptoristen, 1904 heiliggesprochen.

3 Gerhard Majella.

4 Gilbert Schimmel (1906-1959) gehörte zusammen mit seiner Frau zu den ersten Teilnehmern an den Montagabendvorträgen. Er opferte sein Leben für die Aufgaben Schönstatts in den USA.

5 Der Beamte.

6 Z.B. Lateinisch-Deutsches Meßbuch, nach seinem Verfasser Anselm Schott OSB volkstümlich „Schott“ genannt.

Aus:
Pater Josef Kentenich:
Am Montagabend – Mit Familien im Gespräch, Bd. 2,  (1. Mai 1961),
ISBN 3-920849-90-6,
Schönstatt-Verlag, Hillscheider Str. 1, 56179 Vallendar
S. 180-185 auszugsweise

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