GdL-1961-09 Der praktische Vorsehungsglaube – bestätigt durch Lebenserfahrung bedeutender Menschen

GdL-1961-09 Der praktische Vorsehungsglaube – bestätigt durch Lebenserfahrung bedeutender Menschen

Aus: Krise um Regierungsformen

So wird erneut verständlich, daß Schönstatt um diesen Gott der Geschichte, um den Gott des Lebens unausgesetzt kreist, und daß es sich durch sein (Streben und Leben) Sein und Leben und Wirken um die Überwindung der kosmischen Kälte bemüht, die dadurch zustande gekommen ist und sich fortschreitend steigert, daß man Gott von der Welt getrennt hat und ihm die Zügel der Weltregierung aus der Hand zu nehmen sich erdreistet.

So dürfte verständlich werden, daß der heroische Glaube, der Schönstatt voranleuchtet und der sein ganzes Lebensgefüge durchdringt, der praktische Vorsehungsglaube ist.

Er lebt zwar auch heute noch als christliches Erbgut vielfach am tiefsten im Lebensgefühl christlicher Völker. Er ist aber durch die Weltkatastrophen schwersten Belastungen ausgesetzt, denen sie nur schwer gewachsen sind. Dafür sind es der Unbegreiflichkeiten zu viele und zu schwere und zu dunkle, die Welt- und Lebensgeschichte auferlegen. (97)

Dunkel ist das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und Eucharistie, dunkel sind alle Geheimnisse des Christentums. An sich mögen sie für menschliches Begreifen unzugänglicher sein als das Geheimnis der göttlichen Weltregierung. Für das praktische Leben ist Letzteres aber in seinen Folgen und Folgerungen spürbarer als andere unergründliche Äußerungen göttlicher Weisheit, Liebe und Allmacht. Darum muß heute als eines der wesentlichsten Ziele christlicher Erziehung das Leben aus dem Vorsehungsglauben im Alltag betrachtet werden.

Daraus ergibt sich abermals mit einem Seitenblick auf Schönstatt, von welcher Bedeutung es ist, daß es am Anfang der neuesten Zeit mit seinem ausgeprägten – vielleicht darf ich sogar sagen, mit seinem originellen – Vorsehungsglauben wie ein hochragender Leuchtturm dasteht, dessen Lichtstrahlen weithin die dunkle Nacht des heutigen Lebens durchbrechen. Je mehr das Dunkel in der Umgebung zunimmt, desto heller leuchtet dieses Licht, das selbst in ständigem Kampfe mit der Finsternis steht und sich bislang allezeit – allen Hindernissen zum Trotz – siegreich durchgesetzt hat. Das geschah – wenigstens in Europa – im Gegensatz zu einer Umwelt, die noch zu stark von politischen Stützen und Sicherungen lebt und sich deshalb noch nicht genötigt weiß, zu letzten Urkräften des Christentums und zu deren Mobilisierung kühn und wagemutig vorzustoßen.

Ich wiederhole: Dunkel ist Schönstatts Weg durch die Geschichte wegen seines stark betonten Vorsehungsglaubens, der – als ein Geheimnis – zwar Licht ausstrahlt, der aber auch – gerade weil er ein Geheimnis ist – in Dunkel gehüllt ist und bleibt.

Weil Gott heute im Weltgeschehen vielfach massenweise entthront oder praktisch wenigstens unsichtbar und gleichsam als pensioniert oder ohnmächtig erklärt wird, steht in Schönstatt an allen Ecken und Enden, an allen Toren und Pforten, an allen Stirnen und in allen Herzen das Wort: Gott – vor allem der Gott des Lebens und der Geschichte – ist das Maß aller Dinge. Oder: Nichts kommt von ungefähr, von Gottes Güt‘ kommt alles her. Von allen Lippen klingt das Gebet: Herr, Dein Wille geschehe, wo ich geh und stehe! Herr, Dein Wille geschehe, wenn ich’s auch nicht verstehe! Herr, Dein Wille geschehe und tut’s auch noch so wehe!

Jede Handlung und Entschließung trägt den Stempel an der Stirn: Hier wird der Liebeswille des Vatergottes sorgsam gesucht, dankbar bejaht und freudig erlitten oder erfüllt.

So wissen wir uns in der Gesellschaft aller Heiligen des Himmels und der Erde. Alle ohne Ausnahme haben sich allezeit gewehrt, die Uhr Gottes umzustellen und sie nach eigenen Plänen gehen zu lassen. Alle ohne Ausnahme haben das Wort der lieben Gottesmutter in ihrer Art nachgesprochen, das in der Vater-unser-Bitte widerklingt: Vater, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden! (98) Es fällt uns nicht schwer, von innen heraus Liebesansprüche großer Gottsucher zu wiederholen. So zum Beispiel Gerhard Majellas Seufzer uns anzueignen: „O Wille Gottes! O Wille Gottes! Wie glücklich ist, wer nichts anderes will, als was Gott will!“ Dieselbe Haltung klingt aus dem Worte heraus, das er vor seinem Sterbezimmer anbringen ließ: „Hier geschieht der Wille Gottes: Was Gott will und wie Gott will und wie lange Gott will.“

Mit der kleinen heiligen Theresia bekennen wir aus vollster Überzeugung: „Ich bitte um nichts mehr mit Ungestüm, außer darum, daß der Wille Gottes sich an meiner Seele erfüllt.“‚

Mit Magdalena von Pazzi stimmen wir ohne weiteres überein, wenn sie fragt: „Fühlt ihr nicht, welche unendliche Seligkeit in dem einen Wort liegt: der Wille Gottes?“

Es ist jedoch unsere Art, nicht nur vom Willen Gottes zu sprechen. Wir pflegen dafür betont zu sagen: der Liebeswille des Vaters.

Für das echte Providentiakind, wie Schönstatt es darstellt und erzieht, ist die Gottesexistenz und göttliche Vorsehung unzertrennlich miteinander verbunden. Das gilt besonders dann und deshalb, weil Gott für uns allezeit der Vater ist.

Mit dieser Einstellung stehen wir nicht allein auf weiter Flur. Schon der alte Cicero stellt fest: „Die Welt ist in allen ihren Teilen durch die Vorsehung Gottes geschaffen worden und wird auch zu aller Zeit von ihr regiert. Entweder muß man leugnen, daß es einen Gott gibt, oder man muß zugestehen, daß Er etwas tut. Das vollkommenste Werk ist aber die Weltregierung, und Gott selbst ist das vollkommenste Wesen. Er muß also die Welt regieren. ER selbst ist keinem Ding untergeordnet, ER regiert aber jedes Ding. Sind wir uns darüber klar geworden, daß ER mit Vernunft begabt ist, so müssen wir auch seine Vorsehung annehmen.“

Auf denselben Ton ist die Überzeugung eines heiligen Ambrosius abgestimmt. Er schreibt: „Den Menschen nicht zu erschaffen, wäre kein Unrecht, aber den Menschen erschaffen und dann sich nicht um ihn kümmern, das wäre höchste Grausamkeit… Welcher Meister vergäße die Sorge für sein Werk? Wer läßt im Stich und überlaßt sich selbst, was er aus eigenster Güte einmal ins Dasein rief?“

Laktanz spricht ebenso deutlich: „Gott und die Vorsehung gehören so innig zusammen, daß sie ohne einander nicht existieren, nicht gedacht werden können. Wer die Vorsehung leugnet, leugnet damit Gott, und wer glaubt, daß es einen Gott gibt, muß auch an die Vorsehung glauben.“ (99)

Himmelwärts“ hat sich ungeachtet seiner herben und undichterischen Sprache in Schönstattkreisen als Providentia-Gebetbuch per eminentiam durchgesetzt. Es lehrt vorzüglich, überall den Vatergott im Leben zu suchen, zu finden und zu lieben. Er steht hinter allen (Prüfungen und) Fügungen und Führungen des Lebens und der Geschichte. Dort will er auf der Spitze aller Ereignisse gesehen und angebetet werden. Er ist es, der die ganze Seins- und Sittenordnung trägt und erhält.

Auf Zitate aus „Himmelwärts“‚ verzichte ich. Sie sind zu geläufig, stattdessen seien zur Vertiefung einige andere Hinweise angefügt: Das Vorsehungskind lebt aus der gläubigen überzeugung, die Lucie Christine in die anziehende Form kleidet:

„Alle Hände der Vorsehung lieben! Das sind die Geschöpfe, durch die Gott uns berührt und seine Wirksamkeit in unseren Seelen vollendet. Haben wir einmal gelernt, ihn selbst in ihnen zu sehen, dann lieben wir sie alle. Es gibt Hände, die kreuzigen uns!… Es gibt andere, die haben, ohne es zu wissen, uns das Herz zermalmt… Es gibt Hände, die geißeln uns…, das sind die giftigen Bemerkungen… Und sie alle haben an unserer Heiligung gearbeitet. Es gibt auch Hände, die trösten uns…, offenbaren uns die Tiefe und Liebenswürdigkeit der Vorsehung. Da sind Hände, die segnen uns, machen alles gelingen, was unsere Anstrengung allein nicht zustande brächte… Das sind die Gebete der Kleinen und Unglücklichen… Und endlich gibt es Hände, die führen uns…, tragen uns zu Gott… und halten uns auf dem Wege zum Himmel aufrecht… Gott segne diese geheiligten Hände tausendmal! ER fülle sie wie heilige Becher! Licht, Gnade und Liebe möge aus ihnen zu Seiner Ehre, zu ihrem eigenen und der Seelen Heil überströmen! Er vergelte ihnen alles, was unsere Dankbarkeit niemals schätzen und anerkennen kann!

Und dann ist eine Hand über allen, und kein Name, der ihrer würdig wäre. Sie kann durch ein Zeichen das Weltall in Staub zerfallen lassen. Sie berührt auf dem Grunde des Menschenherzens die innerste Stelle, die niemand zu berühren vermag. Ihre göttliche Berührung heilt die Wunden, die nicht heilen konnte(n). Ihre Antriebe helfen uns, formen uns um, drängen zum Himmel; sie bewegt zum Handeln, noch bevor wir sie bemerkt haben; leitet uns, ordnet alle Dinge und Ereignisse im Sinne der hauptsächlichen Gnade, die uns gegeben ist; sie führt uns, daß wir Gott in dieser und der anderen Welt verherrlichen, wie er will, und genau an den Platz gelangen, den seine Liebe uns bestimmt.“

Sailer mahnt: „Nimm das Leiden unmittelbar aus der Hand des Allerweisesten; vergiß alle Zwischenhände, durch die es ging, und verzeih ihnen von Herzen.“ (100)

Am schwierigsten ist es, Gottes Vaterhände hinter Kreuz und Leid jeglicher Art zu erblicken und kindlich zu küssen. Nur die Überzeugung, daß der Vater uns seinem Eingeborenen Sohne tiefer gleich- und einschalten will, gibt uns die Kraft, die Prüfung auszuhalten.

Die heilige Theresia macht uns auf ein Gesetz des Reiches Gottes aufmerksam, das dem irdischen Menschen nicht genehm ist. Sie schreibt: „Gott führt diejenigen, die er liebt, auf den Weg der Leiden, und je größer seine Liebe zu ihnen ist, desto härtere Leiden sendet er ihnen.“

Augustinus bekennt: „Denen, die Gott lieben, wandelt er alles zum Guten; in solchem Umfang alles, daß er ihnen auch ihre Irrwege und Entgleisungen zum Fortschritt im Guten werden läßt, denn sie nehmen dann zu an Demut und Erkenntnis.“

Kardinal Faulhaber gießt das hier gemeinte Prinzip in die Form: „Die Kinder der Erde beteuern ihre Liebe mit Rosen, der Herr des Himmels aber schickt Dornen als Boten seiner Liebe.“

Der letzte Grund für diese eigenartige Praxis Gottes liegt in seiner Absicht, seine Lieblingskinder dem Heiland, dem armen, demütigen und gekreuzigten Heiland möglichst ähnlich zu machen. Daß dieses Gesetz sich vornehmlich an solchen Gemeinschaften verwirklicht, die Providentiakind per eminentiam zu sein berufen sind, darf nicht wunder nehmen. Umgekehrt fällt es Schönstatt nicht schwer, das Gebet zu wiederholen.

„Herr, deine Wege sind schwer zu gehen, man geht sie nicht ohne Tränen. Man geht sie in Dunkel und Nichtverstehen, ohne ein kleines Licht zu sehen, ohne es irgend zu wähnen. Herr, Deine Wege sind schwer zu gehen, wenn wir den Sinn nicht erfassen, dann muß man frierend in Wärme stehen und in des wilden Windes Wehen warten auf grauen Gassen. Doch, Herr, die Wege, sie sind zu gehen lächelnd und auch mit Singen. Eines nur müssen wir immer verstehen: daß wir das Große nicht übersehen bei Deinen kleinsten Dingen.“

Schönstatt lebt – so glauben wir – demütiglich und fromm-gläubig festhalten zu dürfen – in den Plänen Gottes, wie eine Zeder des Libanon oder wie eine Traube, oder wie eine Nachtigall des ewigen Vatergottes.

Die Zeder spricht:

„Ich wachse langsam. Meine Zeit ist eine lange Geduldigkeit. An jedem wachs ich, was mir ward: kein Reif zu jäh, kein Frost zu hart. Ich wachs am Dunkel, daraus ich stieg, (101) ich wachs am Licht, darin ich mich wieg, ich wachs am Wurm, der an mir nagt, ich wachs am Sturm, der durch mich jagt. Verwandelnd zwing ich jede Kraft, hinaufzudehnen meinen Schaft. Ich dulde Blitz und Glut und Guß, ich weiß nur, daß ich wachsen muß. Und schau ich hoch auf alle Welt, und kommt die Stunde, die mich fällt, schmück Tempel ich und Paradies des Gottes, der mich wachsen hieß.“

Was Alban Stolz von der Menschenseele sagt, darf Schönstatt auf dem Hintergrunde seiner Geschichte auf sich anwenden: „Je edler und geistiger sie (es) werden soll, desto schärfer müssen die scharfen Strahlen der Leiden auf sie (es) glühen.“

Ein gleiches gilt vom Vergleich des Menschen mit der Nachtigall, den derselbe Volksschriftsteller kurz andeutet: „Gar so oft ist der Mensch (Schönstatt) gleich der Nachtigall; Gott muß ihm den Tag verhängen und das Augenlicht nehmen, wenn die Seele in seiner Brust zu göttlichen Liedern hoher Andacht anklettern soll.“

Aus:
Josef Kentenich
Krise um Regierungsformen
in: Autorität und Freiheit in schöpferischer Spannung. Bearbeitet von Herta Schlosser,
Vallendar 1993, 7-142
ISBN 978-3-920849-56-0 (vergriffen)
S. 129 – 137

Back