GdL-1966-12 Den Gott des Lebens wieder verständlich machen

GdL-1966-12 Den Gott des Lebens wieder verständlich machen

Aus: Exerzitien für Schönstattpriester in der Marienau, 11.-16. Dezember 1966

Ich glaube, es wird Ihnen mehr und mehr verständlich, daß es schwer ist, die Zeit zu erklären, weil die Zeitverhältnisse so urgewaltig neu sind. Neu sind aber auch die Lebensverhältnisse. Ich begnüge mich mit zwei charakterisierenden Worten, setze dann aber voraus, daß wir alle Zeit soweit kennen, daß eine weitere Ausführung nicht notwendig ist. Die modernen Theologen, die die Bestimmungen des Konzils auslegen, rätseln über die Frage: worauf müssen wir heute das meiste Gewicht legen? Es gibt verschiedene Antworten: Ekklesiologie, Liturgie, Ökumenismus. Alle diese Dinge sind heute wichtig und richtig. Aber, so mehren sich langsam die Stimmen, das Zentralproblem für die heutige Welt und deswegen auch für die heutige Kirche ist das Gottes- und das Christusproblem. Die Geister scheiden sich mehr und mehr in zwei gewaltige Lager: auf der einen Seite die Atheisten und auf der anderen die Theisten. Was ist also die überaus klare Aufgabe für die gesamte Kirche? Das Gottesbild zu retten! Also das Gottesproblem: und zwar, den Gott des Lebens wieder verständlich zu machen. Wie wird diese Wahrheit heute umdüstert, daß der lebendige Gott, der Gott der Liebe, die Zügel der Welt in der Hand hält, denn es ist kaum möglich, menschlich verständlich zu machen wegen der Grausamkeiten des heutigen Lebens, daß ein persönlicher Gott, ein persönlich liebender Gott, ein persönlich erbarmungsreicher Gott bestehen kann. Freilich, das ist alles nur möglich, wenn wir die Gestalt Christi retten, der uns ja die Gestalt des Vaters geoffenbart hat. Nun sollen wir nicht übersehen: was hat man heute im öffentlichen Leben, im Weltgeschehen gestrichen und was umdüstert man heute? Das ist die Gottesgestalt, die persönliche Gottesgestalt. Vom katholischen Standpunkte aus gedacht: man ist daran, die übernatürliche Schicht im Menschen und im Weltgeschehen zu streichen. Schon allein der ungeheure, elementare Drang zum Naturalismus, der natürlich wohl auch berechtigt ist, der drängt mehr und mehr dazu, die übernatürliche Welt und Wirklichkeit nicht nur zu verschleiern, sondern außer Wirksamkeit zu setzen, so daß der Mensch heute im Wesentlichen zu einem rein natürlichen Humanismus hindrängt. Es wird also ein wesentliche Wirklichkeit gestrichen. Wenn Paulus uns sagt: „Euer Wandel soll im Himmel sein“, dann heißt das, wir sollen in der jenseitigen Welt beheimatet sein. Und gerade das ist die schwache Stelle in unserem Leben. Und wenn heute so viel disputiert wird über Sinn und Berechtigung des Zölibats, dann müssen wir es von vornherein verständlich finden, daß eine Priesterschaft, die nicht mit dem ganzen Sein in der jenseitigen Wirklichkeit fußt, gar kein Organ haben kann für den Zölibat; das ist unmöglich, weil ja alles nur naturalistisch gesehen wird. Wenn wir als Zölibatäre wirkliche Zölibatäre werden oder bleiben wollen, wenn wir also den Zölibat halten wollen, nicht nur darüber reden, ist das absolut unmöglich, wenn wir nicht in der jenseitigen Welt und Wirklichkeit total zuhause sind.

Exerzitien für Schönstattpriester in der Marienau, 11.-16. Dezember 1966

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