GthVg2005 2 Synthese von eschatologischer vnd inkarnatorischer Geschichtsauffassung

GthVg2005 2 Synthese von eschatologischer vnd inkarnatorischer Geschichtsauffassung

Aus: Vorträge 1963, 1, 36-38

Nachdem wir die Gedanken so ein wenig in uns aufgenommen, haben wir versucht, sie hineinzustellen in größere Zusammen hänge. Müssen wir ja immer lernen, uns immer im Spiegelbilde der gesamten göttlichen Heils und Weltpläne zu sehen.

Eschatologische Auffassung

Erster Zusammenhang: Wir haben nur angefangen, davon zu plaudern. Das ist an sich die augustininische Auffassung, vielleicht sagen wir besser, die eschatologische Auffassung vom Sinn der Weltgeschichte. Innerer Zusammenhang darf uns klar sein. Wir denken ja an den Sinn unserer Lebensgeschichte, an den Sinn der Sendung unserer Familie und im Rahmen dieser Gesamtfamilie an unsere spezifische Sendung. Das ist alles ja ein Stück, ein Ausschnitt aus dem Sinn des Weltgeschehens schlechthin. Darum kann es nichts schaden, wenn wir uns des öfteren emporheben aus dieser Zeitlichkeit, aus diesem irdischen Getriebe, empor und göttliche Pläne nachzudenken uns bemühen und unsere Sendung in diesem Lichte zu betrachten.

Wir haben ja, wenn ich daran noch einmal erinnern darf, gestern eine doppelte Antwort auf die Frage nach dem geheimnisvollen Sinn der Weltgeschichte gegeben. Es ist ein Geheimnis natürlich. Wir werden das nie im einzelnen erfassen, aber immerhin tasten dürfen wir uns hinein und müssen es ja wohl auch. Ja, wenn wir so an die eschatologische Antwort denken, die also ganz davon erfüllt ist: am Ende der Zeiten ein gigantischer Kampf zwischen dem Teufel und Gott, und beide Mächte suchen uns hineinzuziehen; sehen Sie, nach dieser Auffassung ist die Weltgeschichte ständig brennender, wogender Kampf zwischen Glauben und Unglauben, und zwar mit einer gewissen so wie wir das bei Augustinus wohl immer wahrnehmen, vielleicht ein Ausdruck seiner eigenen persönlichen Grundeinstellung wegen seines lasterhaften Jugendlebens , spüren also hier, ein gewisser Pessimismus.

Danach (ist) die ganze Weltgeschichte so aufzufassen: ein gewaltiger Kampf, und in diesem Kampf siegt der Teufel ungezählt viele Male, so daß wir das eigentliche Geheimnis, wenn es möglich ist, daß der liebe Gott sich gleichsam so niederzwingt und niederzwingen läßt, schwerlich zu fassen verstehen. Wir haben uns sagen lassen, ein Stück oder ein Wesensbestandteil dieser Auffassung wird wohl absolut sicher sein, wie wir das aus der eigenen Erfahrung wissen.

Inkarnatorische Auffassung

Nehmen wir einmal die zweite Auffassung. Ja, wie sollen wir sie nennen? Wenn ich ein Wortspiel gebrauchen darf: Eschatologisch steht gegenüber inkarnationelles Denken. Da steht im Mittelpunkt die incarnatio: „Et verbum caro factum est“ (Joh 1,14). Vielleicht können wir dafür bessere Ausdrücke finden.

Verbindung der beiden Auffassungen Wenn ich nur sagen kann, was ich darunter verstehe. Sehen Sie, wir haben beide Auffassungen ineinander gewoben und verwoben.

Also was heißt das: „Et verbum caro factum est?“ Caro factum est. Da steht im Mittelpunkte der Weltgeschichte die Menschwerdung des Heilandes. Und was will der Heiland? Er will das Haupt der Weltgeschichte sein. Er will das Haupt der ganzen Schöpfung sein. Wir sollen alle hineingezogen werden in sein Sein und in sein Leben.

Es ist ja die Auffassung wenigstens mehr als im Abendlande der morgenländischen Väter; geht also weit, weit zurück.

Sie hat einen gewissen Optimismus an der Stirne. Weshalb? Mag sein, was auch mag und was sein mag. Es ist immer dasselbe letzten Endes: Christus will neu geboren werden; Christus will sein Leben, sein Leidensleben, aber auch sein sieghaftes Leben noch einmal leben in der ganzen Heils- und Weltgeschichte.

Wir haben uns gestern auch daran erinnert, wie wir beide Auffassungen in unserer Formulierung miteinander verbinden.

Was ich aber noch beifügen darf, ich meine, das sollte ich jetzt erstmalig tun und später des öfteren darauf zurückkommen, dieweilen es eine Existenzfrage für uns ist, wie wir zur Gottesmutter stehen. Wenn wir das Wort „Heiland“ gebrauchen,

klingt immer das andere Wort mit: Heiland.

Also wenn ich sage: sieghafte Heimholung der Welt durch Christus im Heiligen Geist zum Vater. Hier auf Erden hin zum Vater und je grimmiger die Situation, je gefährlicher es dreht sich nicht um Untergang, es dreht sich immer um eine beschleunigte Heimholung. Finden Sie das Positive heraus?

Danach ist auch das Sterben, es mag so oder so aufgefaßt werden, immer und immer wieder das Mittel zum Leben. Hinter dem Sterben steht das Leben, das Leben. Was für ein Leben? Ob wir nun sagen, das Leben des Heilandes, ob wir nun sagen, das Ergriffensein, das Hingegebensein an den Vater. Aber Sinn des Sterbens und des Opfers ist immer das Leben. Und wir tun sehr gut daran, diese Einstellung uns zu erbetteln. Und wenn wir zurückschauen in vergangene Zeiten oder wenn wir uns daran erinnern, wieviel Armseligkeiten wir mit uns herumschleppen: Ist ja auch ein Sterben, vielleicht ein viel stärkeres Sterben moralischer Art als das Sterben physischer Art. Und das moralische Sterben, das Ergreifen, das Fassen und Erfassen, Tragen und Ertragen der eigenen Schwächen, kann ja ein ungeheuer schweres Kreuz sein. Aber immerhin, der Sinn von alledem ist das Leben, ist die Auferstehung wie im Leben des Heilandes. Das Leben des Heilandes, nicht nur das arme, demütige und verachtete, das gekreuzigte Heilandsleben, sondern auch das verklärte Heilandsleben, auferstandenes Heilandsleben, soll sich in der Weltgeschichte, soll sich in unserer persönlichen Lebensgeschichte und soll sich wiederholen auch in unserer Familiengeschichte.

Aus:
Kleine Textsammlung zum Thema
Geschichtstheologie/Vorsehunsglaube
Zusammengestellt von Pater Herbert King (20. Mai 2005)

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