GwdK2010/11-1-09 Öffentliche Meinung in der Kirche

GwdK2010/11-1-09 Öffentliche Meinung in der Kirche

Zwanziger-Brief (1954), 172 f., 180.

Eine zweite Frage forscht weiter und tiefer. Sie erkundigt sich, ob es nicht doch wenigstens klüger und besser gewesen wäre, die Auseinandersetzung mit der kirchlichen Autorität zu vermeiden? Der Ton liegt mehr auf dem Wort „kirchliche Autorität“. Man hat ja in unseren amtlichen Kreisen gemeint, diese Autorität ließe nicht mit sich verhandeln. Sie verlange einfach Gehorsam. Sie könne das, und sie müsse das, weil sie göttlichen Ursprungs und göttlichen Rechtes sei. RAHNER greift diesen Gedanken in seiner Art auf und gibt ihm folgenden Ausdruck: „Man könnte etwa sagen: Öffentliche Meinung ist im weltlich‑bürgerlichen Leben eine Form, in der sich der Volkswille äußert. Da dieser in einem demokratischen Staat Norm der staatlichen Entscheidung ist, darum muß eine öffentliche Meinung sein und respektiert werden. Aber in der Kirche? Ihre Autorität ist nicht vom Volke sondern von Christi Gnaden; sie beruht letztlich nicht auf Wahl von unten, sondern auf Investitur von oben; die Gesetze ihres Handelns sind in ihrer bleibenden und unveränderlichen Verfassung gegeben, die ihr von ihrem Herrn eingestiftet wurde; sie ist in ihrem eigentlichen Wesen trotz all ihrer Geschichtlichkeit, Entwicklung und Überantwortung an äußere weltliche Mächte nicht das Ergebnis der veränderlichen Mächte der profanen Geschichte, sonden die einmalige und bleibende Stiftung des Herrn bis zum Ende der Zeiten; sie empfängt die letzten und entscheidenden Antriebe ihres Handelns in den wechselnden Situationen der Geschichte, in der sie lebt, nicht von den Menschen, sondern von dem Geist, der ihr als ihr bleibendes und sie stets aufs Neue belebende Prinzip für immer verheißen ist. Was soll aber dann in einem solchen Gebilde noch eine ‚öffentliche Meinung?'“ Auf diesen Einwurf habe ich im Laufe der letzten Jahre schon des öfteren umfassend und deutlich geantwortet. Ich darf deshalb auf die einschlägigen Studien verweisen. Zur Ergänzung und (173) Vertiefung füge ich bei; neuerdings wird die aufgeworfene Frage in breiterer kirchlicher Öffentlichkeit zwar recht vorsichtig, aber auch mit einem gewissen Freimut erörtert. Der Blick auf die diktatorisch regierten Staaten und die Wucht der dadurch aufgerollten neuen Probleme zwingt dazu. Das Resultat bestätigt in allen Teilen unsere auf letzte Prinzipien zurückgeführte Auffassung.

Richtungsgebend ist bei der neuerlichen Diskussion ein aufschlußreiches Wort aus dem Munde Pius XII. Du findest es in der Schrift von Rahner über „Das freie Wort in der Kirche“ zitiert, die Du mir in liebenswürdiger Weise aus der Schweiz kürzlich zugeschickt hast. Sie trägt das Imprimatur vom August 1953. Dort ist zu lesen:

„Pius XII. sagte in einer Ansprache an die Teilnehmer des internationalen katholischen Pressekongresses (nach dem Osservatore Romano vom 18.2.1950): „Die öffentliche Meinung ist die Mitgift jeder normalen Gesellschaft, die sich aus Menschen zusammensetzt… Dort, wo überhaupt keine Äußerung der öffentlichen Meinung erscheint, vor allen Dingen dort, wo man feststellen muß, daß sie überhaupt nicht existiert, muß man darin einen Fehler, eine Schwäche, eine Krankheit des gesellschaftlichen Lebens sehen. Zum Schluß wollen wir noch ein Wort über die öffentliche Meinung im Schoße der Kirche (natürlich in den Dingen, die der freien Diskussion überlassen sind) hinzufügen. Darüber werden sich nur die wundern, die die katholische Kirche nicht oder nur schlecht kennen, denn auch sie ist eine lebendige Körperschaft, und es würde etwas in ihrem Leben fehlen, wenn in ihr die öffentliche Meinung mangelte, ‑ ein Fehlen, für das die Schuld auf die Hirten sowohl wie die Gläubigen zurückfiele.“

RAHNER versucht nun in seiner Schrift zu den Papstworten einen Kommentar zu geben. Der Fachkundige vermutet nicht ohne Grund, daß es im Auftrag oder doch wenigstens mit autoritativer Billigung vatikanischer Kreise geschieht. Das Thema ist ja viel zu gefährlich, als daß man sich so ohne weiteres damit in einer öffentlichen Schrift auseinanderzusetzen wagen könnte. Das gilt doppelt, wenn ein namhafter Jesuit der Verfasser ist. Es dürfte von Interesse sein, seine Auffassung, soweit sie für uns in Frage kommt, in Thesen aufzulösen und gedrängt aneinanderzureihen. [Hier folgen Zitate aus: Karl Rahner: Das freie Wort in der Kirche, Johannes Verlag, Einsiedeln 1953, 25-27.] (…)

„Die konkrete Synthese anscheinend so entgegengesetzter Tugenden“, von der hier die Rede ist, dürfte dann besonders schwierig sein, wenn es sich um Menschen und Gemeinschaften handelt, die nicht nur in einer aufgewühlten Übergangszeit leben, sondern sich auch gleichzeitig bewußt und mit großer Sorgfalt am anderen, am neuesten Zeitenufer orientieren, obwohl es nur in allgemeinen Umrissen erkenntlich ist, und die den göttlichen Auftrag erhalten zu haben glauben, das Ideal des innerlich wahrhaft von allem Um‑ und Wiedergöttlichen freien und in Gott starken Menschen in allen Situationen und jedermann gegenüber vorzuleben und sich deshalb vor keiner Diktator beugen: ganz gleich, ob er sich in die Toga der politischen Macht oder der Mode der öffentlichen Meinung kleidet. Machen sie mit ihren Auffassungen im praktischen Leben ernst, so müssen sie naturgemäß mit ihrer Umgebung ‑ welcher Art sie auch sein mag ‑ in Spannung geraten. Es ist nicht jedermanns Sache, solchen Zustand lange auszuhalten. Ja nach Anlage und Lage und Umständen ist die Gefahr groß, auf die Dauer nach der einen oder anderen Seite den Boden unter den Füßen zu verlieren und fahnenflüchtig zu werden. Entweder zerbricht der erleuchtete und ehrfürchtige Gehorsamsgeist ‑ und dann wird der Reformator zum Revolutionär ‑ oder die Treue zur empfangenen Sendung erhält den Todesstoß ‑ und dann sprechen wir von nivellierender Einebnung oder von Rückkehr in Reih und Glied bestehender alltäglicher Verhältnisse. Ohne ein reiches Gnadenmaß und eine hochgemute Kreuzesliebe ‑ wir pflegen dafür zu sagen: ohne den Geist der Inscriptio oder Englingweihe ‑ dürfte es kaum möglich sein, dauernd standfest zu bleiben und bei allem Heroismus und Radikalismus allezeit weise Maß zu halten. Nietzsche bricht in seiner Weise ‑ allerdings auf rein natürlicher Ebene ‑ eine Lanze für die Haltung, die hier ‑ freilich in tiefer übernatürlicher Verankerung und Verwurzelung ‑ gemeint ist. Er mahnt: „Das Geheimnis um die größte Fruchtbarkeit und den höchsten Genuß von Dasein zu ernten, heißt: gefährlich zu leben. Baut Eure Städte am Vesuv! Schickt Eure Schiffe in unerforschte Meere! Lebt im Krieg mit Euresgleichen und mit Euch selber!“ Eine Umdeutung solcher Ratschläge auf unsere Verhältnisse und eine Umgießung in unsere übliche Sprechweise erübrigt sich.

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