JoBr52-05_183-189 Der 31 Mai 1949 III

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Der 31 Mai 1949 III

Das Ereignis vom 31. Mai 1949

[[71]] Auf den 20. Mai folgte der 31., der Tag, von dem wir oben ausgingen, von dem wir die Schleier ein wenig lüften wollen. Der Tag versammelte uns abermals zu einer Feierstunde im unfertigen Heiligtum. Wir waren zusammengekommen, um einen feierlichen Akt zu vollziehen. Wir spürten alle, daß es sich um einen Akt handelte, der nur ganz selten gesetzt wird, etwa, wenn ein bedeutsames Ereignis bevorsteht, weil ein Kampf auf Leben und Tod beginnt, oder wenn eine bereits tobende Schlacht einen Höhepunkt erreicht hat und alles zur Entscheidung drängt.

Ich hatte mich mit einem kleinen Kreis von Vertrauten zusammengefunden, um der lieben Gottesmutter den /

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ersten Teil meiner »Antwort«[14] zu überreichen. Sie kennen das Schriftstück. Als Generaloberer durften Sie es seinerzeit ja einsehen. Die Arbeit sollte während der Nacht auf dem Altare liegen. Sie wollte die Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt bitten, sie möchte sich in diesem Falle wahrhaftig dreimal wunderbar erweisen und ihren besonderen Segen und ihre reiche Hilfe dem nun beginnenden schweren Kampf nicht versagen, auf den ich mich jahrzehntelang gerüstet hatte und in den ich nach langen Überlegungen und viel Gebet und Opfer einzutreten mich verpflichtet hielt; sie möchte von hier aus nicht nur einen Gleichstrom hinausquellen, sondern auch einen Gegenstrom gegen eine bestimmte Art abendländischer Geistigkeit in die Heimat des Urheiligtums zurückfließen lassen. Gemeint ist hier ein Krankheitsbazillus, der sich wegen des Einflusses, der vom Abendland ausgeht, und wegen der starken Beeinflußbarkeit der modernen Seele geräuschvoll anschickt, überall in die ganze Welt einzudringen und Unheil anzurichten.

Die bei der Gelegenheit gehaltene Ansprache läßt jetzt noch die weihevolle Stimmung ahnen und nacherleben, die damals Herz und Raum durchzitterte:

»Es ist etwas wie Heimatluft«, so hob sie an, »die uns augenblicklich umweht. Es mag uns scheinen, als ob Engel unter uns weilten und uns zuriefen: ‚Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land!‘ (Ex 3,5). Ja, er ist heilig, er will mehr und mehr heilig, heiliges Land werden. Heiliges Land, weil die Gottesmutter sich dieses Plätzchen auserwählt hat; heiliges Land, weil von diesem Fleckchen /

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Erde im Laufe der Jahre, im Laufe der Jahrzehnte, im Laufe der Jahrhunderte heilige und heiligmäßige Menschen gedeihen, wachsen und fruchtbar werden dürfen; heiliges Land endlich, weil von hier aus heilige, das heißt heiligende Aufgaben auf schwache Menschenschultern gelegt werden sollen.

Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß Schönstatt zu uns gekommen ist – Alt-Schönstatt zu Neu-Schönstatt. Von heute ab soll eine andere Tatsache geschichtliche Wirklichkeit werden. Von heute ab haben wir – so dünkt mich – von hier aus dafür zu sorgen, daß Neu-Schönstatt den Weg nach Alt-Schönstatt zurückfindet. Der Gnadenstrom, der von drüben in der Fülle der dritten Gründungsurkunde hierher geflutet ist und ständig weiter flutet, möchte wieder zur Quelle zurück und dorthin reichen Segen bringen. Das dürfte der tiefe Sinn der heutigen Feier sein. Sie ist beides gleichzeitig: beglückende Gabe und bedrückende Aufgabe. Wir sind ja hier in stiller Abendstunde zusammengekommen, um der lieben Gottesmutter in feierlicher Weise die gemeinsame Arbeit, die wir für sie fertiggestellt haben, zu überreichen. Ich nenne die Arbeit eine gemeinsame. Während ich Tag und Nacht geschrieben, haben Sie im Hintergrund für mich den Heiligen Geist in unserem Coenaculum erbeten. Sie wurden nicht müde, in derselben Absicht in erhöhter Weise Opfer zu bringen. Vor allem bemühten Sie sich, im Alltag ernst zu machen mit dem Leben aus der Inscriptio.

Mit dieser feierlichen Überreichung übernehmen wir eine Last, die Men- [[72]] schenschultern, wenn sie sich selbst überlassen sind, nicht tragen können. Wir erwarten aber auch einen großen Segen für das Abendland, zumal für unsere Heimat. Von dorten haben wir uns hersenden lassen, um hier als Werkzeuge in der Hand unserer lieben Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt die Pläne göttlicher Weisheit und Liebe verwirklichen zu helfen. Wir versuchten zu tun, was wir tun konnten.

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Ob es ein Gegengeschenk, eine Anerkennung, eine Ehre für uns ist, wenn wir annehmen, daß sie uns von heute ab benutzen will, um von hier aus einen stärkeren rückwirkenden Einfluß auf die Gestaltung der Geschicke der Kirche im abendländischen Kulturraum zu gewinnen? Wir denken selbstverständlich, wenn wir das Wort ‚Abendland‘ hören, immer zunächst an Deutschland.

Darf ich ausdrücken, was in diesem Augenblick unsere Seele bewegt? Darf ich in Worte kleiden, was in unserem Herzen vor sich geht? Wir kommen, um zu schenken und beschenkt zu werden. Wir tauschen mit der lieben Gottesmutter unsere ganze Hilflosigkeit, Hilfsbereitschaft und Hilfstreue. Wir schenken ihr unsere Hilflosigkeit, und sie schenkt uns ihre Hilflosigkeit. Wir schenken ihr unsere Hilfsbereitschaft, und sie schenkt uns ihre Hilfsbereitschaft. Wir schenken ihr unsere Hilfstreue, und sie schenkt uns ihre Hilfstreue.

Diese Gegenüberstellung erinnert uns unwillkürlich daran, daß der Zentralgedanke, der uns immer bewegt, der uns ständig vorwärtstreibt, der uns aber auch eine unerschütterliche Ruhe in allen Situationen sichert, der Bündnisgedanke ist. Er steht auch dieses Mal im Vordergrund unseres Interesses. Er gibt uns Antwort auf alle Fragen, die eine Lösung erheischen. Die beiden Partner, die seit Jahr und Tag zusammengehören, stehen sich in diesem Augenblick an heiliger Stätte erneut gegenüber. Und was wollen sie?«

Der Vortrag deutet sodann im einzelnen die beiderseitigen Angebote und Pflichten. Einige markante Gedanken seien besonders hervorgehoben:

»Die Hilflosigkeit des einen Partners besteht vorzüglich in der Not ob der nunmehr für das Abendland neu übernommenen und übertragenen zentnerschweren Aufgaben … Es handelt sich darum, die Wurzel, den letzten Keim der Krankheit bloßzulegen und zu heilen, an der die abendländische /

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Seele leidet: das mechanistische Denken. Ich habe Gründe genug für die Annahme, daß Gott der Familie nach dieser Richtung eine schwere Last auf die Schultern gelegt hat. Das ‚Gesetz der geöffneten Tür‘ überzeugt mich davon. Persönliche Jugendkämpfe weisen nach derselben Richtung[15]. Sie ließen mich durchkämpfen, was das heutige Abendland bis in die tiefsten Wurzeln erschüttert. Mit der Krankheit durfte ich auch die Heilmittel am eigenen Leibe in reichem Maße erfahren…

Die eindeutige Sendung Schönstatts für das Abendland, vornehmlich für die eigene Heimat, gegenüber dem machtvoll anstürmenden und alles in Staub legenden Kollektivismus steht vor einer Mauer, die nur dann in größerem Ausmaße wirksam durchbrochen werden kann, wenn der bezeichnete Krankheitskeim überwunden und entfernt worden ist…

Sie dürfen in Ihrer Art an dieser Last mittragen und die Aufgabe der Familie teilen. Wir müssen aber damit rechnen, daß die Arbeit in der Heimat edle Herzen tief verwundet, daß sie helle Empörung weckt und machtvoll ausholende /

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Gegenschläge veranlaßt. Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn sie eine stark geschlossene gemeinsame Gegenfront einflußreicher Männer gegen mich und die Familie auf den Plan ruft. Menschlich gesprochen müssen wir endlich damit rechnen, daß der Versuch gänzlich mißglückt. Und trotzdem dürfen wir uns von dem Wagnis nicht dispensiert halten. Wer eine Sendung hat, muß sie erfüllen, auch wenn es in den dunkelsten und tiefsten [[73]] Abgrund geht, auch wenn Todessprung auf Todessprung verlangt wird! Prophetensendung schließt immer Prophetenlos in sich.

Wir sehen das Abendland in Trümmer gehen und glauben, von hier aus zur Rettungs-, zur Bergungs-, zur Auf- und Ausbauarbeit aufgerufen zu sein. Wir glauben, uns als Werkzeug anbieten zu müssen, um einen Gegenstrom in die Länder hinüber zu leiten, von denen die hiesigen Völker einstens ihre Kultur empfangen haben, von denen auch wir überreich beschenkt worden sind. Wir bringen deswegen den Mut auf, mit Paulus zu sprechen: ‚Non possum non praedicare'[16]. Ich kann nicht anders, ich muß das Wort ergreifen!

Sie verstehen, wie groß einer solch riesenhaften Aufgabe gegenüber unsere Hilflosigkeit ist. Wir kommen uns vor wie David, der dem Goliath gegenübertritt. Ich denke an den Todessprung, den ich 1942 wagen mußte, und bin mir bewußt, daß er sich dieses Mal wiederholt. Könnten wir nicht auf die Hilfsbereitschaff von seiten der Gottesmutter rechnen, so würden wir es niemals wagen, den bedenklichen Schritt zu tun…

Andererseits, wenn Sie mich richtig verstehen, meine ich, beifügen zu dürfen: Nicht nur ich, nicht nur wir, sondern auch die Gottesmutter steht der Situation hilflos gegenüber. Sie ist zwar die fürbittende Allmacht am Throne Gottes, ist /

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aber auch nach dem Plan der ewigen Liebe auf willige und willfährige menschliche Werkzeuge angewiesen. Hat sie laut Gründungsurkunde die Aufgabe übernommen, von unserem Heiligtume aus sich in Deutschland in hervorragender Weise als die Überwinderin der kollektivistischen Irrtümer zu erweisen[17], so hält sie – ich drücke mich menschlich aus – sehnsüchtig Ausschau nach Werkzeugen, die ihr diese Aufgabe lösen helfen. Was bleibt uns da anderes übrig, als uns im Sinne unserer Weihe ihr vorbehaltlos zur Verfügung zu stellen und auf ihren Wunsch einzugehen, uns ihr neu auszuliefern und ihr die Verantwortung für das große Werk zu überlassen, an dem wir, in Abhängigkeit von ihr und im Interesse ihrer Sendung mitarbeiten, mitleiden, mitopfern und -beten dürfen?

Wir stehen in einer entscheidungsreichen Stunde unserer Familiengeschichte. Glückt es uns nicht, die angedeutete Mauer niederzulegen, so wird die Gottesmutter der Heimat die Sendung für Deutschland entziehen und einen Rettungsversuch von Filialheiligtümern aus unternehmen. Sie bleibt dem Bündnis treu! Wenn Gliederungen aus unserer Familie aus Feigheit und Schwäche Treue nicht mit Treue erwidern, so dürfen wir annehmen, daß deren Sendung auf uns übertragen wird.

Zwei Gedanken sollen uns in den Kampf hineingeleiten, zwei Merkworte als Leitsterne über unserem Leben stehen. Das eine heißt: Tua res agitur! Clarifica te! Es handelt sich um deine Sendung, um deine Aufgabe! Nun verherrliche dich und dein Werk! Das zweite heißt: Marer perfectam habebit curam! Die Gottesmutter wird sich in vollendeter Weise selber verherrlichen, wenn wir uns bemühen, überall, wo wir können, ihren Triumphwagen zu ziehen. Dann wird sie die Sorge für uns und ihr Schönstatt-Werk übernehmen und es siegreich durch alle Kämpfe hindurchführen, so wie sie das in den verflossenen Jahren der Verfolgung getan hat.«

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de


[14] Antwort P. Kentenichs auf damals diskutierte Fragen, eine unveröffentlichte Studie aus dem Jahre 1949.
[15] Am 11. Dezember 1916 schrieb P. Kentenich darüber an seinen Mitarbeiter, den ersten Präfekten J. Fischer: »Darf ich einmal ein wenig den Schleier von meiner Vergangenheit lösen? Von meinem Eintritt ins Noviziat bis zu meiner Priesterweihe und noch etwas darüber hinaus hatte ich ständig die wahnsinnigsten Kämpfe zu bestehen. Von innerem Glück und Zufriedenheit nicht die geringste Spur. Wurde von meinem Seelenführer nicht verstanden und hatte bei meiner ungesunden rationalistisch-skeptischen Gedankenrichtung nur geringen übernatürlichen Halt. Das waren wahnsinnige innere und äußere, will sagen geistige und dazu noch körperliche Leiden.« 1958 schrieb er im Rückblick: »Nachdem in mir selbst nach langen, heftigen Kämpfen der Rationalismus und der Skeptizismus des abklingenden 19. Jahrhunderts und die damals herrschende apologetische Auffassung des Christentums innerlich überwunden war, trat Schönstatt in die Geschichte mit einer klaren, unentwegt festgehaltenen Auffassung von christlicher Existenz und christlicher Erziehung ein« (Studie 1957/58).
[16] Apg 4,20 sagt Petrus dieses Wort. Vgl. 1 Kor 9,16.
[17] Vgl. Schönstatt, Die Gründungsurkunden, 26

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