JoBr52-05_221-227 Der 31 Mai 1949 VIII

JoBr52-05_221-227
Der 31 Mai 1949 VIII

Die internationale Sendung Schönstatts (Fortsetzung)

Die Mitverantwortung für die internationale Sendung der Dreimal Wunderbaren Mutter und Königin von Schönstatt veranlaßte uns 1946, die in Dachau getätigte Krönung der Mater Ter Admirabilis als Königin der Welt nachzuvollziehen, sie so zum Lieblingsanliegen der ganzen Familie und zum Gegenstand der zartesten Sorge für beide Bündnispartner zu machen[16]. Wir waren dabei von der Überzeugung getragen, daß sich die Geschichte der Krönung von 1939 wiederholen würde, durch die wir die Gottesmutter als Königin der Familie ausgerufen haben[17], und die uns die innere Gewißheit der Sieghaftigkeit in allen Kämpfen der Systemzeit geschenkt hat.

Dieselbe Verantwortung hat mich seit 1947 Jahr für Jahr über Länder und Meere getrieben. Überall, wo es möglich war, wurden Filialheiligtümer errichtet. Sie sollten für das Reich der Mater Ter Admirabilis Stützpunkte sein, von denen aus sie als Weltenkönigin ihre Netze auswerfen und Erziehungsarbeit leisten konnte. Wie aus obigem Bericht ersichtlich ist, war die Arbeit reich gesegnet. Leitende Idee und treibende Kraft war dabei nicht nur der universelle schönstätter Reichsgedanke, sondern auch das Ideal der völkischen Annäherung und Einheit auf Grund sorgfältigster Pflege völkischer Eigenart, im Interesse gegenseitiger seelischer Ergänzung zum Wohle für alle Teile[18]. Alle sollten, wie /

[222]

es im internationalen Gebete heißt, »trotz aller Eigenart geschlossen sein, als Idealreich sich dem Vater weihn[19]«. Wegen der Nöte in und um Deutschland, das in Gefahr schwebt, Missionsland zu werden[20], und wegen seiner Weltsendung dem Kollektivismus gegenüber sollten zunächst fremde Nationen vom Schönstattgeist erfüllt werden, um ihn bei Gelegenheit der Besetzung [[89]] der Reichsgebiete dorthin zu verpflanzen, das mechanistische, idealistische Denken überwinden zu helfen und so den Siegeszug der Gottesmutter dorten vorzubereiten. Näheres darüber kann im Nordamerika-Bericht nachgelesen werden.

Das gesteckte Ziel schwebte uns allezeit zwar klar vor Augen, die Ausführung ging jedoch wie überall, wo es sich um Leben handelt, nur langsam vonstatten.

Zunächst galt es, die Provinzen der Schwestern geistig unabhängiger vom Mutterhaus und Alt-Schönstatt zu machen und sie stärker auf eigene Füße zu stellen. So entstand überall ein »Neu-Schönstatt« mit Zentralheiligtum und Provinzhaus. Nebst dem 20. Januar 1942 hat kein Ereignis die neuere Geschichte der Familie so stark bestimmt wie Idee und Errichtung der Filialheiligtümer. Das gilt allerdings nur dort, wo sie aus begreiflichen psychologischen Gründen dem Urheiligtum genau nachgebildet sind und Schwestern als Dauerwächterinnen um sich geschart haben. Originelle Strömungen und völkisch bedingtes eigenes Brauchtum wurden sodann bei den Schwestern in derselben Absicht maßvoll gefördert. (…)

[223]

Wo die Bewegung aus dem ersten Stadium herausgetreten ist, hat sie bereits die Eierschalen sklavischer germanischer Nachbildung abgestreift und sich völkisch bedingte eigene Prägungen gesucht. Sie hat dabei aber unerschütterlich an Schönstatt und Pallotti als unverrückbaren Mittelpunkten der Ellipse festgehalten und so das Wort wahr gemacht:

»An Schönstatt und Pallotti laß uns glauben
und dieses Einheitszeichen nie uns rauben[21]«.

Die dadurch geförderte geistige Eigenständigkeit ist inzwischen tatsächlich allseitig so weit gediehen, daß Patres und Schwestern aus der eigenen Geschichte genügend gespeist werden können, daß sie eine gewisse Polarität zueinander und zu Alt-Schönstatt darstellen, daß sie aus dem Verhältnis der Ordnungseinheit in den Zustand schöpferischer Spannungseinheit eingetreten und somit fähig und bereit sind, mit Alt-Schönstatt einen edlen Wettstreit einzugehen. Dasselbe gilt bis zu einem gewissen Grade auch von der Laienbewegung, wenigstens in Chile und Brasilien.

Manches Mal erweckt es den Anschein, als ob unsere schönstätter Romanen auf dem besten Wege sind, Deutschland zu überflügeln. Offenbar fühlt sich die romanische Seele in der Geistigkeit Schönstatts überaus schnell heimisch. Beide sind innerlich wahlverwandt und gänzlich aufeinander abgestimmt.

»Ich habe in den letzten Jahren hier in Brasilien« – so erklärte mir kürzlich ein Pater – »so stark und handgreiflich Gottes Eingreifen in Gesellschaft und Be- /

[224]

wegung erfahren, daß wir mit Bestimmtheit erklären können: Wenn Schönstatt – schon allein wie es sich bei uns ausgewirkt hat – kein Gotteswerk ist, so gibt es überhaupt keine göttliche Vorsehung und kein Einbrechen Gottes in die Geschichte mehr.« Andere Länder drücken sich ähnlich aus.

So bekommt Schönstatt bei aller Gleichheit in der geistigen, organisatorischen und methodischen Grundstruktur allmählich in allen Ländern ein [[90]] völkisch geprägtes Gesicht, das die Gewähr für Echtheit und Dauerhaftigkeit des aufgebrochenen Lebens gibt. Geht die Entwicklung im bisherigen Tempo weiter, so stehen wir bald vor neuen Problemen. Sie kreisen alle um das bereits angedeutete Verhältnis zwischen Alt-Schönstatt und Neu-Schönstatt in den einzelnen Ländern und untereinander. Dadurch wird die Leitung der Bewegung schwieriger, aber auch fruchtbarer; sie wird spannungsreicher, aber auch schöpferischer.

[[91]] (……)

Denken Sie an den 31. Mai und 5. Juni 1949! Vergessen Sie nicht, was beide Daten unter »Gegenstrom« verstehen. Beide führen als Grund für Richtigkeit der gegebenen Deutung göttlicher Wünsche das »Gesetz der geöffneten Tür« an. Beide versichern sich – durch feierliche Überreichung der »Antwort« an die Mater Ter Admirabilis und durch die im gleichen Sinne getätigte Krönung – des besonderen göttlichen Schutzes und Segens.

Lassen Sie mich nunmehr einen weiteren Grund angeben, der fähig ist, unser Vertrauen zu stärken. Sie /

[225]

finden ihn im Brief bereits angedeutet; er macht verständlich, weshalb die bedeutsame Auseinandersetzung von hier aus begonnen werden mußte: Es ist die urwüchsige, fest verwurzelte organische Denkweise. Nicht nur Gebet und Opfer, nicht nur Vertrauen auf die Güte und Macht unserer Mater Ter Admirabilis, nicht nur wissenschaftliche Auseinandersetzung ist vonnöten, um die Krankheit zu überwinden: Es muß die schöpferische Vermählung zwischen reinrassiger romanischer und germanischer Art hinzukommen. Beide bekannten Heilmethoden, die Allopathie und die Homöopathie, wollen gleichzeitig angewandt werden; dann erst kann man der Krankheit wirksam zu Leibe rücken. Die Homöopathie besteht in wohlwollender wissenschaftlicher Kritik und Klärung, die Allopathie in Verbindung der angegebenen typisch gegensätzlichen Arten. Vereinigen sich beide zu gemeinsamern Tun, ringen sie viribus unitis[22] um dasselbe Ziel, tun sie es im Solde der Mater Ter Admirabilis, dann steht es gut um uns, gut um Deutschland, gut um die Nationen, die ihr Scherflein zur Lösung gemeinsamer Probleme beitragen. Gemeinsam nenne ich die Probleme. Der Krankheitskeim versucht bereits, in romanische Länder [[92]] einzudringen und Unheil anzurichten. Zwar hat die romanische Seele stärkere Widerstands- und Aufbaukräfte zur Verfügung; sie muß aber doch mit einer größeren Schwächung der übernatürlichen Glaubenssubstanz reehnen und allen damit verbundenen Folgerungen für christliches Denken und Leben.

(……)

[[93]] Damit ist der 31. Mai 1949 in seiner Eigenart und bisherigen Auswirkung, aber auch in seiner Ausstrahlung /

[226]

in die Zukunft genügend gekennzeichnet. Wer ihn versteht, wer ihn gläubig deutet, dürfte sich angeregt fühlen, niederzuknien und das »Werkzeugs-Lied« zu beten:

»Mutter, Dreimal Wunderbar,
laß uns stets dein Werkzeug bleiben,
liebend heut und immerdar
deinem Dienste uns verschreiben.
Brauch uns, wie es Gott gefällt,
ganz für deine Schönstatt-Welt.

Herz und Willen nimm uns fort,
sie sind ungeteilt dein Eigen:
Deinem Wink und deinem Wort
wollen blindlings sie sich beugen.
Ganz zu sein dein Eigentum,
ist des Werkzeugs Ehr und Ruhm.

Vorbehaltlos ist’s bereit,
deinem Schönstatt-Werk zu dienen:
Schick uns Leid, führ uns zum Streit,
vollen Sieg laß uns gewinnen:
Gegen Teufels List und Wut
gib uns Licht, stärk unseren Mut.

Laß uns gleichen deinem Bild,
ganz wie du durchs Leben schreiten:
Stark und würdig, schlicht und mild,
Liebe, Fried‘ und Freud‘ verbreiten.
In uns geh durch unsere Zeit,
mach für Christus sie bereit.

Ob uns Welt und Teufel droht,
Sturmeswetter uns umdräuen:
Siegreich brichst du jede Not,
wirst uns deine Allmacht leihen.

[227]

Deines Herzens Himmelspfort
bleibt für uns der sichere Hort.

Niemals gehen wir zugrund,
wenn wir treu dein Werkzeug bleiben:
Du hilfst uns zu jeder Stund,
reiche Früchte wirksam treiben.
Laß uns froh an deiner Hand
ziehn ins ewige Schönstatt-Land[23].«

Aus: Joseph Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form, Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. – www.Patris-Verlag.de


[16] Am 18.10.1946 zum Abschluß der „Krönungswoche“.
[17] Am 10.12.1939 im Kreise der Marienschwestern.
[18] Vgl. die Ausführungen darüber im Nordamerika-Bericht 1948.
[19] Vgl. oben, S. 202.
[20] Vgl. J. Kentenich, Oktoberbrief 1949 an die Schönstattfamilie, Vallendar 1970, 69.
[21] Himmelwärts, 136.
[22] Mit vereinten Kräften.
[23] Himmelwärts, 162 f.

Back