JoBr52-06_147-154 Die Originalität des Schönstätter Liebesbündnisses IX

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Die Originalität des Schönstätter Liebesbündnisses IX

Maria in der Ordnung der Welt (Fortsetzung)

Wenn wir das Gesagte über Philosophie und Psychologie der Liebe und über Theologie, Philosophie und Psychologie der Weltordnung zusammenfassen, so dürfte theoretisch klar sein, in welcher Beziehung das »in Maria« und das »in Christo Jesu« steht. Die Ausführungen wollen als eine gedrängte Apologie der Grignionschen Marienverehrung aufgefaßt werden. Damit ist gleichzeitig unsere Inscriptio, unsere Herzensverschmelzung mit dem Herzen Mariens im Interesse der Christusinnigkeit und Dreifaltigkeitsergriffenheit, gerechtfertigt.

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Pius X. hat in genialer Weise mit einem einzigen klassischen Wort den gordischen Knoten gelöst. Er spricht in seiner Jubiläumsenzyklika von einer vitalis Christi cognitio(19). Er faßt damit alles zusammen, was wir bisher gesagt haben. Das Wort »vitalis Christi cognitio« gibt uns den Sinn der [[148]] Marienliebe, vor allem ihres Hochgrades, wieder, wie er in der Prägung »in Maria« ausgedrückt ist.

Das pianische Wort greift wie ein Pfeil mitten in Herz und Gekröse des separatistischen, des mechanistischen Idealismus, der, wie wir wissen, die Idee vom Leben trennt und so das Leben und lebendige Persönlichkeiten entwirklicht und deshalb verflüchtigt. Der Gegensatz zur »vitalis« ist die »intellectualis Christi cognitio(20)«. Alles, was wir oben von idealistischer Frömmigkeit gesagt haben, will hier nachgelesen und auf die beiden charakteristischen Worte angewandt werden. Wem das glückt, dem leuchten plötzlich große Zusammenhänge neu auf. Klarer noch als bisher steht ihm als Zentralaufgabe, sowohl von seiten der Wissenschaft als auch der Seelsorge, die Überwindung des idealistischen Denkens vor Augen. Solche Überwindung kann als Frucht und Ausdruck der Marienverehrung aufgefaßt, sie kann aber auch als Voraussetzung und Mittel gedeutet werden.

Es ist nicht ganz leicht, das Wort »vitalis Christi cognito« richtig zu übersetzen. Man muß den Lebensraum kennen, in den es hineingesprochen worden ist; man muß die Gegner vor Augen haben, die hier apo- /

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strophiert werden. Der Papst erstrebt ein lebendiges Christentum; er ist nicht zufrieden mit dem bloß ideenmäßigen. Wissen soll in Liebe und Leben umgeformt werden. So ist es Gottes Wunsch; so verlangt es auch der gigantische Geisteskampf der Zeit. Jegliches matte und kraftlose Christentum bricht heute zusammen. Das gilt auch vom Wissen um Christus, um Gott, um den Dreifaltigen. Das alles tut es letzten Endes alleine nicht!

Wissen ist wertvoll, bis zu einem gewissen Grade auch notwendig. Philosophie und Psychologie machen darauf aufmerksam, daß es an sich nicht Maßstab und Gradmesser, wohl aber Voraussetzung für die Liebe ist. So gibt es geringes Wissen mit großer Liebe und ausgedehntes Wissen mit einem Mindestmaß von Liebe. Die tägliche Erfahrung liefert dafür anschauliche und beweiskräftige Belege in reichster Fülle. Das gilt besonders für die Intellektualisten und Idealisten. Sie mögen eine große Liebe etwa zur Idee »Gott«, »Christus« oder »Christusgliedschaft« haben. Damit ist aber noch keine Liebe zur Person gegeben; und nur die personelle Liebe macht letzten Endes religiös. Religion verbindet ja die Person des Menschen mit der Person Gottes.

Hier setzt nach Pius die Bedeutung der Marienverehrung ein. Sie schenkt eine lebendige, das heißt eine lebenspendende und verlebendigende Erkenntnis der Person Christi und der Dreifaltigkeit. Sie ist nie zufrieden mit einer bloß verstandesmäßigen Erfassung der göttlichen Personen, noch viel weniger der durch sie signalisierten Ideen und deren Symbolgehalte.

Ich wiederhole: Wissenschaftlich mögen uns alle diese Zusammenhänge einsichtig sein. Aber warum sträuben /

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wir uns, sie zur Norm für Leben und Streben zu machen? Warum wollen wir von dem »per ipsam et cum ipsa et in ipsa(21)« nichts wissen? Wo liegt der Grund? Vielleicht sagt man: Es schickt sich nicht, die Doxologie sinngemäß auf die Gottesmutter anzuwenden. Darauf antwortet die spekulative Dogmatik mit Scheeben durch den Hinweis auf die communicatio und quasi communicatio idiomatum(22) und die Praxis der Kirche, die vom Heiligen Geiste gelenkt wird. Was heute vom Gottmenschen ausgesagt wird, findet morgen oder übermorgen in ungezählt vielen Fällen – wenn auch auf einer niedereren Ebene – auf seine sponsa et consors(23) Anwendung. Man denke etwa an die Geschichte des Herz-Jesu- und des Herz-Mariä-Festes oder der Herz-Jesu- und Herz-Mariä-Weihe(24). Der Grund dafür liegt in der praedestinatio perpetua, perfecta, mutua, absoluta(25) der beiden Personen.

Aber – so sagt man – ist es nicht unschicklich, das Sakrale so in das Profane herunterzuziehen? Darauf die Entgegnung: Ist die Gottesmutter nicht auch sakral? Muß man nicht vielmehr fürchten, daß sich in besagter Denkweise ein Rest idealistischer Einstellung eingenistet hat, die die göttliche Transzendenz von ihrer Immanenz löst und darum nicht unbedeutend [[149]] zur Trennung von Religion und Leben beiträgt?

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Daß das »in Maria« keine Gnade findet vor dem Forum der ausgesprochenen Idealisten, ist eine ausgemachte Sache. Ich glaube jedoch, daß es bei ihnen dem »per Mariam et cum Maria(26)« nicht viel besser ergeht. Aus ihrer Haltung heraus und nach ihren Rezepten und Mahnungen hat schließlich nur noch Gott Geltung, alles andere kommt nicht mehr in Frage. Ob nicht bald auch Gott verabschiedet wird?

Die Geschichte des Wortes »soli Deo(27)« redet hier eine deutliche Sprache. Die Heiligen sind nicht Gott: darum weg mit ihnen! Dasselbe gilt von der Gottesmutter: darum muß sie gestrichen werden! Im Gottmenschen ist auch noch ein menschliches Element: das besteht nicht zu recht! Jetzt hat das »soli Deo« seine einsam horstende Höhe erreicht. Wie lange mag es dauern, bis auch die lebendige Persönlichkeit des Offenbarungsgottes so transzendent gesehen wird, daß sie in höchster Gefahr schwebt, ihren personalen Charakter einzubüßen, und daß sie sich früher oder später die Metamorphose in den »Sonnengott« gefallen lassen muß? Dann erhält das Wort »soli Deo« einen heidnischen Sinn(28).

Der hier umschriebene Prozeß ist keine leere Fiktion, kein vages Spiel einer lebensfremden Phantasie. Die Geschichte des Protestantismus ist ein beredtes Paradigma für die Bedeutung dessen, was wir von der Funktion der niederen für die höhere Ordnung gesagt haben. Fehlt letzterer der gottgewollte Schutz und der sinnenhafte Ausdruck, nimmt man ihr das gemäße Hilfs- /

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mittel in der niederen Ordnung, so fällt man von der gottgeprägten Ordnung ab, und man muß gewärtig sein, daß sich das alte Wort bewahrheitet: Abfall ist Zerfall.

Wir sind mit unserer Gedankenkette noch nicht am Ende. Den bisherigen theoretischen Erwägungen fügen wir bei: Die Ordnungsgesetze haben allgemeine Gültigkeit. Sie wollen auch auf niedrigere Ordnungen angewandt werden.

Es ist nicht untheologisch, die Gottesmutter als eine Welt, als einen Kosmos und deshalb als eine Ordnung für sich aufzufassen – einerseits unendlich entfernt vom unendlichen Gott, andererseits die geschaffene Welt endlos überragend und hinter sich lassend -, ohne deshalb leugnen zu wollen, daß sie Glied im Erbstrom Adams ist. Der Abstand zwischen ihr und uns ist trotz ihrer beglückenden menschlichen Züge und Nähe so groß, daß die Dogmatik von ihrer transzendentalen Stellung im Heilsplane spricht(29) und sie als stellvertretende personale Spitze der ganzen Schöpfung auffaßt(30), daß sie ihr eine eigene Art Verehrung, Hyperdulia oder Hochverehrung, zubilligt und sich sträubt, ihre Vermittlung am Throne Gottes mit der »intercessio« der Heiligen gleichzustellen(31). Sie spricht vielmehr mit Scheeben nicht zwar von einer »interpellatio« wie bei Christus, sondern von einer »quasi interpellatio(32)«.

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Dürfen wir sie so als eine Ordnung für sich auffassen, so bilden wir Menschen ihr gegenüber – trotz Standeserhöhung unserer Natur durch die Gnade – eine niedere Ordnung. Dann gelten dieselben Gesetze in Anwendung auf uns mit Rücksicht auf die Beziehung zu ihr. Das heißt zunächst: Ihr Verhältnis zu Christus, zu Gott macht uns unser Verhältnis zu denselben Personen, aber auch zueinander verständlich. Die niedere Ordnung wird ja – wie wir gesehen haben – nur von der höheren aus richtig verstanden. Ferner: Unser Verhältnis zueinander will Ausdruck, Schutz und Hilfsmittel sein für Fassen und Erfassen des gottgewollten Verhältnisses zwischen ihr, Christus und Gott. So verlangt es das Ordnungsgesetz, das den dreifachen Dienst der niederen Ordnung an der höheren feststellt.

Von hier aus fällt neues Licht auf die Frage, die uns interessiert. Sie lautet: Weshalb wird das »in Maria« im Interesse des »in Christo« abgelehnt? Im Mittelpunkt der umrissenen großen Zusammenhänge steht jetzt nur der klar formulierte Fragepunkt: Weshalb kein Sinn für das »in Maria« und [[150]] »in Christo«? Weshalb das unvermeidliche Gegensatzgefühl und Gegensatzbewußtsein zwischen diesen beiden Polen? Die langsam vorbereitete Antwort kann nur heißen: weil wir in der niederen Ebene, das heißt im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch einerseits und Gott andererseits den lebensmäßigen, inneren, den organischen Zusammenhang verloren haben.

Wir hörten: Abfall ist Zerfall. Angewandt auf unseren Fall heißt das: Weil wir hier von der gottgewollten Ordnung abgefallen sind – genauer gesagt: weil wir im Menschen nicht mehr Gott sehen und lieben oder weil /

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wir ihn nicht mehr in seiner natürlichen und übernatürlichen Gottbezogenheit geistig und lebensmäßig umfassen -, atomisieren wir nicht nur die menschliche Gesellschaft, sondern im gewissen Sinne auch Gott, das heißt wir trennen Mensch und Gott voneinander und zerreißen so das Band, das die natürliche und übernatürliche Ordnung miteinander verbindet. Das Endglied der Entwicklung ist vollkommene Trennung von Religion und Leben, ist Säkularisierung des Lebens, ist die Pest des Laizismus(33), ist ausgeprägter Naturalismus. Es kommt die Zeit, da wir mit Nietzsche klagen müssen: Gott ist tot. Wir sind seine Mörder; wir und ihr, wir haben ihn gemordet(34).

19. Enzyklika »Ad diem illum« vom 2.2.1904 (ASS 36, 452). Dort steht statt »cognitio«: »,notitia«, lebensmäRige Kenntnis Christi.

20. Verstandesmäßige Kenntnis Christi.

21. Durch sie und mit ihr und in ihr. Vgl. oben, S. 84 f.

22. Austausch und Quasi-Austausch der Titel. Vgl. J. M. Scheeben, Handbuch der katholischen Dogmatik, 5. Buch, Erlösungslehre, Freiburg 1954, Nr. 661 ff und 1771.

23. Braut und Gefährtin.

24. Vgl. J.M. Scheeben, a.a.O., Nr. 1845.

25. Dauernde, vollkommene, gegenseitige und absolute Vorherbestimmung. Vgl. J. M. Scheeben, a.a.O., Nr. 1595 ff.

26. Durch Maria und mit Maria.

27. Gott allein.

28. Vgl. J. Kentenich, Marianische Erziehung, Vallendar 1971, S. 185 ff.

29. Vgl. J.M. Scheeben, a.a.O., Nr. 1618.

30. Das ist eine These, die H.M. Köster in seinem Buch »Die Magd des Herrn«, a.a.O., 133, vertritt.

31. Vgl. J.M. Scheeben, a.a.O., Nr. 1632.

32. Vgl. J.M. Scheeben, a.a.O., Nr. 1832.

33. Pius XI., Enzyklika »Quas primas« vom 11.12.1925 (AAS 17, 604 f. = Denzinger Nr. 2197).

34. F.W. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Stuttgart 1965, 140: »Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!«

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit, Vallendar-Schönstatt 1972, 278 S. – www.patris-verlag.de

 

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