JoBr52-06_181-189 Die Deutung des Schönstätter Mariengeheimnisses I

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Die Deutung des Schönstätter Mariengeheimnisses I

Grignion und die Gegenwart

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DIE DEUTUNG DES SCHÖNSTÄTTER MARIENGEHEIMNISSES

Es empfiehlt sich, nach dieser kurzen sachlichen Darstellung besinnlich stehenzubleiben und tiefere Überlegungen anzustellen. Zwei Fragen interessieren uns vor allem. Die eine kreist um Grignions Ideengänge in sich und im Zusammenhang mit den marianischen Strömungen der Gegenwart. Die zweite beschäftigt sich mit unserer Schönstätter Mavienverehrung im Lichte der Grignionschen Auffassung und ihrer zeitgemäßen Verwirklichung und Sendung.

GRIGNION UND DIE GEGENWART

Um die Bahn für lückenlose Aneinanderreihung vielfältiger Gedankenketten freizumachen, sei daran erinnert, daß wir in unserer Sprechweise Endzeit und Zeitenende unterscheiden. Endzeit ist die Zeit von Christi Himmelfahrt bis zum Untergang der Welt. Das Zeitenende oder die apokalyptische Zeit kann im doppelten Sinne verstanden werden: Im engen Sinne ist Zeitenende gleichbedeutend mit Weltende oder Weltuntergang; im weiteren Sinne meint man damit Zeiten zwischen Christi Himmelfahrt und Weltuntergang, die dem Weltende wie ein Ei dem anderen ähneln, die ein gigantisches Vorspiel eines katastrophalen Nach- und Endspieles sind. Wenn wir die gegenwärtigen Zeiten »apokalyptisch« nennen, so tun wir das im besagten weiteren Sinne. Niemand weiß ja genau die Stunde und den Tag, wann der Herr in den Wolken des Himmels erscheint, um die Toten und /

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die Lebendigen zu richten(1). Damit haben wir einen festen Standort im Gewirre der heutigen Meinungen.

Es gibt zwei Auffassungen, die darin übereinkommen, daß sie der Marienverehrung der Kirche am anderen Ufer die zukunftsträchtige Funktion zuschreiben, wie wir sie angedeutet haben. Sie unterscheiden sich in Beurteilung und Bewertung der Zeit voneinander. Die eine spricht vom Ende, die andere vom Anfang der Zeiten. Die eine meint, das Christentum, die Kirche ginge dem Endstadium entgegen; die andere glaubt erklären zu müssen, die eigentliche, erste Vollblüte des Christentums oder das Christentum im Vollalter Christi stände uns noch bevor, vom Zeitenende könne keine Rede sein.

Nehmen wir apokalyptische Zeit in unserem Sinne, so verschlägt es nichts, welcher Auffassung man im einzelnen huldigt. Das »Vorspiel« kann dann beides sein: Hinweis auf das Endstadium der Weltgeschichte und Gebärmutter der ersten Blüte oder des Vollalters Christi. Hauptsache ist für uns in beiden Fällen die gleiche Auffassung über die Stellung der Gottesmutter in der Kirche am anderen Ufer.

Wir halten uns zunächst an die Auffassung Grignions. Wir müssen das tun, weil wir ja seinen Gedankengängen nachtasten wollen.

Wenn wir fragen: Wie kommt der Heilige überhaupt zu seiner Einstellung, wie gelangt er zur dritten Seite seines Geheimnisses, so wissen wir nur eine Antwort: Es ist dieselbe, die wir später wiederholen, wenn wir /

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vor der Frage stehen: Wie kommen wir Schönstätter zu unseren marianischen Auffassungen und zu ihrer Stellung im Rahmen unserer Schönstätter Zukunftsvision? In beiden Fällen kann es sich nur um einen hohen Grad des sensus fidei, des Glaubenssinns handeln, der wie mit einem eigenartig sicheren Glaubensinstinkt oder Witterungssinn übernatürliche Wirklichkeiten greift und umgreift, die sonst in Dunkel gehüllt und anderen nicht faßbar sind. Wir wissen, wie die Theologie diesen Vorgang sieht und kennzeichnet(2). Sie spricht vom habitus fidei, der durch die Gaben des Heiligen Geistes – besonders der Wissenschaft, des Verstandes und der Weisheit – vervollkommnet ist. Pater Köster sagt darum mit Recht:

»Der hier die bisherige Entwicklung der Theologie und mehr noch der Frömmigkeit zusammenfaßt und in einer früher unbekannten Andacht zu Maria krönt, ist der 1888 seliggesprochene Grignion von Montfort. Was er kündet, ist das Geheimnis Mariens. Grignion erreicht es nicht über rationale Logik und Spekulation, sondern über jenes lnnewerden, worin unter vielem Gebet der ‚Finger Gottes‘ die Kenntnis höherer Wirklichkeit dem Herzen einprägt(3).«

[[164]] So erwarten wir denn vergebens zwingende spekulative Begründungen, wollen uns deshalb auch nicht damit abplagen. Nur eines können wir in seinem Sinne tun: Wir können versuchen, selbst ihn zu verstehen und ihn anderen verständlich zu machen, müssen aber gleichzeitig Gewicht darauf legen, nachzuprüfen, ob die reli- /

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giösen Strömungen in der jetzigen Kirche seine Zukunftsschau rechtfertigen.

Wir stehen hier vor einer ähnlichen Situation wie in unserer Familiengeschichte. Hier wie dort hängt alles davon ab, ob leitende Idee und treibende Kraft von Gott kommt oder ob sie menschlichem Wahnwitz oder teuflischem Gaukelspiel den Ursprung verdankt. An gegebener Stelle haben wir uns auf das »Gesetz der geöffneten Tür und der schöpferischen Resultante« berufen dürfen, um den ausgeprägt göttlichen Charakter Schönstatts, den Einbruch des Göttlichen in seine Geschichte nachzuweisen(4). Ähnlich müßte verfahren, wer die Erkenntnisquelle klären will, aus der Grignion geschöpft hat. Er müßte vor allem das »Gesetz der schöpferischen Resultante« sinngemäß auf die Voraussage des Heiligen und auf die bisherige mariologische Entwicklung anwenden.

Grignion sieht sich vor zwei Fragen gestellt. Die erste heißt: Hat die Gottesmutter wirklich die Stellung im Heilsplan, wie sein Geheimnis sie kündet? Weshalb tritt sie dann zu Lebzeiten des Heilandes und auch sonst im Laufe der Jahrhunderte nicht in entsprechender Weise in den Vordergrund(5)? Darauf fußt die zweite Frage: Warum soll das Grundverhältnis künftig anders sein, warum und wozu der starke Wechsel in der Pädagogik Gottes(6)?

Auf die erste Frage weiß der Heilige zwei Antworten. Sie haben auch dem spekulativen Theologen etwas zu /

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sagen. Die eine beschäftigt sich mit der Demut der ancilla Domini:

»Ihre Demut«, so erklärt Grignion, »war so tief, daß sie auf Erden keine mächtigere und beharrlichere Neigung hatte, als sich selbst und allen Geschöpfen verborgen zu bleiben, um nur Gott allein bekannt zu sein. Zur Gewährung ihrer Bitte um Verborgenheit, Armut und Verdemütigung hat es Gott gefallen, sie in ihrer Empfängnis, in ihrer Geburt, in ihrem Leben, in ihren Geheimnissen, in ihrer Auferstehung und Himmelfahrt fast vor jedem menschlichen Geschöpf zu verbergen« (Nr. 2-3).

Der zweite Grund liegt in ihrer Sendung. Ihre Aufgabe besteht darin, Christus in alleweg in den Vordergrund zu stellen. Sie muß seiner Person und Sendung mit allen Mitteln und Kräften dienen. Sie darf die Aufmerksamkeit nicht von ihm abziehen und auf sich hinlenken.

»In der ersten Ankunft Jesu Christi war Maria fast nicht hervorgetreten, damit die Menschen, die über die Person ihres göttlichen Sohnes noch wenig unterrichtet und aufgeklärt waren, sich nicht durch allzu große irdische Anhänglichkeit an Maria von der Wahrheit entfernen möchten. Dies wäre ganz sicher geschehen, wenn man sie gekannt hätte, und zwar wegen der wunderbaren Reize, die der Allerhöchste sogar über ihr Äußeres ausgegossen hatte. Das ist so wahr, daß der heilige Dionysius der Areopagite uns schriftlich hinterlassen hat(7), er hätte sie, als er sie sah, wegen ihrer geheimen Reize und /

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ihrer unvergleichlichen Schönheit für eine Gottheit gehalten, wenn nicht der Glaube, in dem er wohl befestigt war, ihn das Gegenteil gelehrt hätte« (Nr. 49).

Die zweite Frage, die Frage nach dem Wechsel in der göttlichen Pädagogik oder nach dem Wandel von Verhüllung zur glänzenden Enthüllung von Mariens Person und Tätigkeit, kann sich im Sinne Grignions auf zwei Momente berufen:

Erstens: Der Hauptgrund für Verhüllung besteht nicht mehr zu Recht. Christus ist jetzt überall, wo man Ohren hat zu hören und Augen zu sehen, in seinem göttlichen Charakter so bekannt – wenn auch nicht [[165]] überall anerkannt -, daß die Enthüllung Mariens und ihrer Herrlichkeit seine Person nicht mehr gefährdet(8).

Zweitens: Mariens Christusdienst von Amts wegen scheint geradezu eine solche Umschaltung zu ihren Gunsten und zur Verherrlichung ihres Sohnes zu verlangen(9). An Christuserkenntnis fehlt es vielerorts nicht, wohl aber an Christusliebe, an »vitalis Christi cognitio(10)«. wie oben ausführlich dargestellt worden ist, schenkt die volle Bejahung der »marianischen Ordnung« im vollen Ausmaße der »christologischen«, was ihr frommt. Sie ist – wie wir wissen – für sie sicherer Schutz, sinnenhafter Ausdruck und vorzügliches Hilfsmittel. Dafür hat die Dogmengeschichte das Wort geprägt: Omnes haereses tu sola interemisti in universo mundo(11). Ferner: Sie ist anerkannterweise die amtliche Christusgebärerin für alle Zeiten. Das schließt eine doppelte /

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Aufgabe in sich: Sie darf wirksam bei Erzeugung und Erziehung der Gotteskinder mitwirken. So war es in der christlichen Zeitrechnung in alleweg. Ihre Sendung tritt aber in apokalyptischen Zeiten besonders dringend in den Vordergrund. Der Grund dafür ist leicht ersichtlich. Wegen der furchtbaren Katastrophen in der physischen, moralischen und religiösen Ordnung ist beides, sowohl Erzeugung als auch Erziehung der Kinder Gottes, außergewöhnlich erschwert.

Darum verlangen solche Zeiten stärkere Hingabe an sie sowie vollkommenere Willigkeit und größeres Geöffnetsein für ihre Erziehungsaufgabe. Beides wird aber um so leichter geschenkt, je mehr die Stellung Mariens in Heilsplan und Heilsgeschichte gläubig gesehen und anerkannt wird. Deswegen betet »Himmelwärts«:

»Wir bitten dich, o Vater, schlicht:
Laß glühn in uns das Glaubenslicht,
daß unsere Mutter klar wir schaun,
auf sie als Mittlerin vertraun;

gib, daß wir stets nach ihrem Bild
voll Dienstbarkeit sind froh gewillt,
als Werkzeug für das Heil der Welt
zu opfern uns, wie’s dir gefällt,

damit zerbricht des Drachen Macht,
der Haß und Hader stets entfacht:
Durch Christus, der zu deinem Ruhm
uns Anteil gibt am Mittlertum. Amen(12).«

Solche und ähnliche Erwägungen diktieren Grignion Sätze in die Feder, die einen tiefgläubigen Sinn verraten:

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»Die Bildung und Erziehung der großen Heiligen, die gegen das Ende der Welt kommen werden, ist ihr vorbehalten; denn nur diese einzigartige und wunderbare Jungfrau kann in Verbindung mit dem Heiligen Geiste die einzigartigen und außerordentlichen Dinge hervorbringen« (Nr. 35).

»Alle Reichen des Volkes, um mich mit dem heiligen Bernhard eines Ausspruchs der Heiligen Schrift zu bedienen(13), alle Reichen des Volkes werden von Jahrhundert zu Jahrhundert vor deinem Angesichte flehend niederfallen, besonders aber am Ende der Welt, das heißt die größten Heiligen, die an Gnade und Tugend reichsten Seelen, werden am eifrigsten bemüht sein, zur allerseligsten Jungfrau zu beten und in ihrer Gegenwart zu wandeln, um ihr als dem vollkommensten Vorbilde nachzuahmen und ihrer mächtigen Hilfe teilhaftig zu werden.

Ich sagte, dies werde besonders am Ende der Welt geschehen, und zwar bald; denn der Allerhöchste muß im Verein mit seiner heiligsten Mutter große Heilige heranbilden, welche die Mehrzahl der anderen Heiligen ebensosehr an Heiligkeit übertreffen werden, wie die Zedern des Libanon über das niedere Gesträuch emporragen« (Nr. 46-47).

[[166]] Um solche Heiligengestalten zu erziehen, bedient sich die Gottesmutter feuriger Marienapostel, die ihre Lebensaufgabe darin erblicken, die Ganzhingabe an sie zu verbreiten(14). Es handelt sich hier in der Hauptsache um die

»Priester des Herrn…, die wie ein brennendes Feuer überall das Feuer der göttlichen Liebe entzünden werden. Sie werden sein wie scharfe Pfeile in der Hand(15) der mächtigen Maria, um deren Feinde zu durchbohren« (Nr. 56).

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»Sie werden wahre Apostel der letzten Zeiten sein… Das sind die großen Männer, die kommen werden, die aber Maria auf Befehl des Allerhöchsten bilden und ausrüsten wird« (Nr. 58-59).

1. Vgl. Mt 24,36.

2. Vgl. M. Seckler, Stichwort »Glaubenssinn« in: LThK², 4. Bd.; M. D. Koster, Volk Gottes im Wachstum des Glaubens, Heidelberg 1950. Der folgende Begriff »habitus fidei« bedeutet soviel wie übernatürliche Glaubensfähigkeit.

3. H.M. Köster, Die Magd des Herrn, 45 f.

4. Vgl. Bd. I, S. 84.

5. Vgl. Abhandlung, Nr. 49.

6. Vgl. a.a.O., Nr. 50.

7. Epistola ad S. Paulum, zitiert in: Summa Aurea X, 844. Dionysius der Areopagite dürfte allerdings ein Pseudonym sein für einen Verfasser aus dem Ende des 5. oder Anfang des 6. Jahrhunderts.

8. Vgl. Abhandlung, Nr. 49.

9. Vgl. A.a.O., Nr. 50.

10. Vgl. oben, S. 148 ff.

11. Alle Häresien hast du allein überwunden auf der ganzen Welt. Dieses Wort geht ins 8. Jh. zurück.

12. Himmelwärts, 57.

13. Vgl. Ps 44,13 nach der Version der Vulgata.

14. Vgl. Geheimnis Mariä, Nr. 59.

15. Vgl. Ps 127,4.

Aus: Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit, Vallendar-Schönstatt 1972, 278 S. – www.patris-verlag.de

 

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