MyPK 02 Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den Tiefen der Seele

MyPK 02 Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den Tiefen der Seele

Aus: Erfassung menschlicher Seelentiefen in der Schönstatt-Erziehung (1962), 1-4

Folgender Text hebt besonders stark den Zusammenhang von menschlichem und göttlichem Tun im Menschen hervor. (H. King)

(Gott und die Seele)

Sein ganzes Leben hindurch schwebte ihm ein einziges großes Ideal vor Augen: Gott und die Seelen. Alles andere war für ihn Nebensache. Es wurde zielstrebig dieser einen großen Lebensidee ein und untergeordnet. Es ging ihm (dem Verfasser) immerdar darum, die Seele für Gott zu öffnen und sie mit ihm unzertrennlich in Verbindung zu bringen. Das verlangte aber unabdinglich, dafür zu sorgen, daß die Seele womöglich bis in die letzten Tiefen für Gott und Göttliches geöffnet würde und geöffnet blieb. Darauf legte er … vom ersten Augenblicke seiner Erziehertätigkeit (seit 1912) gebührend Gewicht.

Es geschah also mehr als ein Jahrzehnt vor der Zeit, wo langsam die Öffentlichkeit anfing, sich damit zu beschäftigen. Seit 1919 weitete die göttliche Vorsehung seinen Arbeits und Einflußkreis. Das geschah von da ab Jahr um Jahr in wachsendem Maße. So kam es, daß sich ungezählt viele Seelen aus allen Ständen und Klassen, aus allen Altern und Geschlechtern ihm weit öffneten. Tag und Nacht so darf man wohl mit Recht sagen lebte er so und wirkte in seiner eigenartigen geheimen Werkstatt ausschließlich für die Seelen. Niemals wurde er müde, ihre Geheimnisse in sich aufzunehmen und den Wegen hin zu Gott nachzutasten: mochte es sich dabei um urgesunde, um angekränkelte und kranke, um mystisch begnadete oder um Seelen handeln, die berufen waren, den Kuhweg zum Gipfel der Heiligkeit zu wandeln.

(Verwurzelung)

Es wurde ihm klarer und klarer, daß nur die Seele, die sich bemüht, bis in die letzten Tiefen mit Gott tief innerlich verknüpft zu sein, fähig ist, dem Sturmesgewitter der heranziehenden wurzel und bindungslosen oder bindungsflüchtigen Zeit Widerstand zu leisten und standfest und wurzelecht und wurzelstark zu bleiben… Wer im Sturme der Zeit wetterfest sein und erstarken will wie eine Eiche, muß die Wurzeln seiner Seele in ihren tiefsten Tiefen schier unlöslich mit Gott verbinden.

Das Bild gibt treffend wieder, was ihm als Ideal für Erziehung und Seelenführung vor Augen schwebte. Es genügte ihm nicht, den Willen an Gott zu binden und das helle Bewußtsein der Seele zu reinigen, zu durchlichten und zu vergöttlichen. Es wurde ihm sehr bald klar, daß der Mensch gemeiniglich mehr das tut, wonach das Herz sich ausstreckt und was im unterbewußten Seelenleben als unverdauter Eindruck oder als Voreinstellung lebt und wirkt.

(Das Ideal des freien Menschen)

Von hier aus wird verständlich, weshalb er in seinem ersten programmatischen Vortrag als Parole für seine gesamte Erziehung und für die von ihm gegründete Erziehungsbewegung das Ideal des freien Menschen ausrief.

Dieses Ideal leuchtet durch alle pädagogischen Unternehmungen und Verlautbarungen der Folgezeit hindurch und bestimmt das Leben und Streben.

An jeder bedeutsamen Wegscheide oder an jedem Scheidewege blitzt es urwüchsig neu auf und läßt Geister, die ihn verstanden haben, nicht mehr zur Ruhe kommen. Das tritt besonders dort in Erscheinung, wo die menschliche Freiheit durch Druck von außen und durch Vergiftung von innen tödlich bedroht wurde.

Man vertiefe sich in die „Dachauliteratur“, man durchforsche „Himmelwärts“, allüberall leuchtet das Ideal der Freiheit in hellsten und wärmsten Farben immer wieder von neuem auf. Es geht dabei um möglichst vollkommene Freiheit von etwas und für etwas: um Freisein soweit das mit der Gnade angängig ist von allem Un und Widergöttlichen, um im selben Grade frei zu werden für Gott und alles Göttliche… und das alles im Interesse und zum Wohle der Braut Christi, die in den heraufbrausenden Stürmen nicht nur Heroen des Willens, sondern auch und vor allem Genies des Herzens (mit allen Verzweigungen und Auswirkungen) notwendig hat, wenn sie nicht den Stürmen zum Opfer fallen will.

(Hinweise aus der Erfahrung)

Dem ersten großen Sturmesbrausen das die nationalsozialistische Verfolgung verursachte ist die Familie nicht im geringsten zum Opfer gefallen. Im Gegenteil! Die Eiche hat ihre vielverzweigten Wurzeln unzerreißbar tief ins Herz Gottes und der Gottesmutter hineingesenkt, und göttliche Führungsweisheit hat fürsorglich sich dafür eingesetzt, daß die Gelegenheiten zum tiefer Hineinwachsen ins Göttliche und Ewige sich dauernd mehrten.

Denkt man an die Stürme seit 1949 und läßt man auf sich wirken, daß die Eiche immer noch nicht geknickt ist, daß sie im Kerne vielmehr gestärkt und gefestigt dasteht, so sieht man sich unwillkürlich vor die Frage gestellt: wie ist das alles möglich in einer Zeit, wo der Glaube vielfach bloß im Kopf stekenbleibt und nicht das Herz und den ganzen Menschen so erfaßt, wie Paulus das wünscht, wenn er sagt: Mein Gerechter lebt (nicht nur nach, sondern) aus dem Glauben. Es ist schwer verständlich, weshalb man sich nicht bemüht, hinter das Geheimnis für die unerschütterliche Standfestigkeit der einzelnen Gliederungen, vornehmlich der Schwestern zu kommen. Täte man das, so müßte man unwillkürlich angeregt werden zu erforschen, welche Mittel und Methoden angewandt worden sind, um die Tiefen der Seele zu erfassen, zu läutern, zu reinigen, zu durchgeistigen, zu durchsittlichen und zu durchgöttlichen, daß als Resultat eine eigenartige göttliche Instinktsicherheit und ein bewunderswerter göttlicher Witterungssinn zu buchen ist. Es wäre dann leicht nachzuweisen, daß es dabei um Dinge geht, die das Anliegen der Tiefenpsychologie in echt katholischer Sicht sich aneignen, ohne im geringsten kryptogamen, d.h. geheim wuchernden Häresien zum Opfer zu fallen, die sich vielmehr nachweisbar sehr eindeutig davon distanzieren….

So mag es denn der Mühe wert sein, sich darauf zu besinnen, wie (er) das bewußte und wenn man den Ausdruck so wählen will das un und unterbewußte Seelenleben im besagten Sinne zu erfassen pflegte.

(Triebmäßiges Handeln)

Das eine wie das andere darf als Frucht eines ausgesprochenen sentire cum Ecclesia (1) angesprochen werden. Denkt man im ersten Fall vornehmlich an ein agere a proposito (an vorsatzmäßiges Handeln), so ist es berechtigt, im zweiten Fall stärker an ein agere a natura (von geläutert triebmäßigem Handeln) zu sprechen. Wie aus dem Text ersichtlich wird und wie die Lebenserfahrung nachweist, bedingen beide Arten einander. Vorsatzmäßiges Handeln ist wenn es sich richtig vollzieht geeignet, die Natur bis ins Unterbewußte zu erfassen, zu läutern und zu durchseelen, und die geläuterte Natur erleichtert und beschwingt und sichert das vorsatzmäßige Handeln.

Weil hier im Vordergrunde die Frage nach gottgefälliger Erfassung der Seelentiefe steht, soll nur vom agere a natura im angedeuteten Sinn kurz die Rede sein… Umfassende Darstellung verlangt eine ausführliche Studie. Die kommt hier nicht in Betracht. Es kann sich nur um einige skizzenhafte Hinweise handeln, die zum Nachdenken anregen und in den Stand setzen wollen, Schönstatt in seiner zeitgemäßen Einfühlungskraft bei aller unerschütterlichen Verwurzelung in bewährtem katholischem Traditionsboden verständlich zu machen.

Darum gebe man sich damit zufrieden, auf Berührung, Erfassung und Durchdringung menschlicher Seelentiefen im erbsündlich belasteten Zustand einige theologische, einige psychologische, einige soziologische und einige pädagogische Streiflichter fallen zu lassen.

(Der Heilige Geist in den Tiefen der Seele)

Erst ein theologisches Streiflicht. Paulus macht darauf aufmerksam, daß es der Heilige Geist ist, der mit unaussprechlichen Seufzern in uns abba, Vater, spricht. Der Heilige Geist ist es also, der die ganze menschliche Natur bis in letzte Tiefen ergreift und soweit das in statu viae (2) möglich ist vom Kindsein vor Gott und vom übernatürlichen Kindessinn durchdringt. So will das Wort von den unaussprechlichen Seufzern (3)verstanden werden. Er tut es wie die Dogmatiker uns sagen durch seine sieben Gaben. Weiter: Wie der Herr vom Geiste getrieben wurde, so erlebt sich auch der Gerechte, in dem die übernatürlichen Triebkräfte als Gegengewicht gegen die ungeläuterten naturhaften Triebe wirksam sind. Wo die übernatürlichen Triebkräfte unbeachtet bleiben, ist es auf die Dauer unmöglich, verwilderte und hemmungslos ausbrechende Naturtriebe zu meistern. Es dürfte nicht schwer sein, diese Hinweise auf die Seelentiefen in der rechten Weise anzuwenden. Weiter:

„Es sind diese Gaben die verborgensten und feinsten Fäden, Handhaben und Tasten, durch welche der Hl. Geist die geheiligte Seele regiert, in ihr wirkt, was er will … Durch diese Gaben wird die Seele ein erwähltes Werkzeug des Hl. Geistes, er wird so echt ihr Erzieher und Lehrmeister“ (Meschler).

Die hier gemeinten verborgensten und feinsten Fäden greifen in letzte Seelentiefen hinein. Darum nennt man wohl auch die Gaben des Heiligen Geistes übernatürliche „Seelenorgane“ oder „Anschlußkräfte“ (Ruderer), die die Seelen instandsetzen, nicht nur etwa humano modo (auf menschliche Weise) sondern divino modo (auf göttliche Weise) zu handeln, die sie wecken, die sie treiben, die sie emporreißen wie im Fluge empor zum Heroismus, zum Vollalter Christi.

„Die Seele wird durch sie unmittelbar von Gott ergriffen, wird willig und lenksam allem Übernatürlichen gegenüber und tut sich leichter zu Gott hin“ (Franke).

Der hl. Thomas erklärt:

„Die Gaben des Hl. Geistes sind bleibende, ganz vom Himmel stammende Beschaffenheiten, durch die der Mensch vervollkommnet wird zu schnellerem Gehorchen gegen den Hl. Geist … Sie sind besondere übernatürliche Fähigkeiten, die uns gelehrig machen, auf daß wir jene ausgezeichneten Werke verrichten, die unter dem Namen Seligkeiten bekannt sind.“

Es dürfte abermals nicht schwer sein, herauszuhören und herauszulesen, in welchem Ausmaße hier auf das Erfaßtwerden der Seelentiefen vom Heiligen Geiste abgehoben ist. Das meint auch Laros, wenn er hervorhebt:

„Sie (die Gaben des Geistes) sind letzthin das vom Geiste Gottes gewirkte Spontan Geniale in der Menschenbrust. Dieses drängt mit innerer Anziehung, mit einer Art Gravitation (Schwerkraft) auf Gott hin und wirkt für ihn.“

Andere geistliche Lehrer vergleichen die Gaben mit den Segeln von Schiffen oder mit den Flügeln der Vögel, um die Leichtigkeit des Wirkens gegenüber unseren sonstigen Fortbewegungsmitteln zu beleuchten.

Es dürfte nicht schwer sein, die hier gezeichneten Zusammenhänge in unserer Familiengeschichte überall wirksam zu sehen. Man braucht sich nur zu erinnern an das individuelle und gemeinsame Streben nach heroischer Heiligkeit. Hält man vor Augen, daß ein solches Streben nur möglich ist, wo die Gaben der Hl. Geistes sich ungehindert auswirken können, so versteht man, weshalb und in welchem Maße Schönstatt seine Glieder und Gliederungen anleitet und fördert bei Erfassung und Durchdringung, bei Läuterung, Durchseelung und Durchgöttlichung der Seelentiefen.

Zum gleichen Resultat kommt man, wenn man sich vergegenwärtigt, wie die göttliche Führung die gesamte Familie immer wieder und wieder drängt zum Heroismus der göttlichen Tugenden (und der Kardinaltugenden). Die Gottesgelehrten weisen nach, daß die Vollendung der göttlichen Tugenden ausschließlich die Aufgabe und Funktion der Gaben des Hl. Geistes ist. Darum abermals die Folgerung: wie tief mögen die Seelen bis ins Unterbewußte von Gott und Göttlichem erfaßt und durchdrungen sein!

Nochmals: Wo wir zur Inscriptio oder zum Engling Akt anleiten, pflegen wir immer wieder hervorzuheben, die bedingte Bitte um jegliches Kreuz und Leid habe die Aufgabe, die negativen Voreinstellungen und Vorurteile gegen Kreuz und Leid zu überwinden und unter dem Einfluß des Hl. Geistes positiv umzuwandeln. Klassisches Beispiel für die Wandlung sind die Apostel vor und nach der Herabkunft des Hl. Geistes. Vorher waren sie trotz der Nähe des Herrn triebhafte Menschen, die vor Kreuz und Leid flohen. Wo man sie nicht genügend beachtete, waren sie bereit, Blitz und Donner herabzurufen. Nach Herabkunft des Hl. Geistes freuten sie sich, vor die Richterstühle gezogen, mißachtet und mißhandelt zu werden. So sieht der neue Mensch in Christus Jesus aus, den die Gottesmutter von ihren Heiligtümern aus in besonderer Weise der heutigen Kirche schenken möchte.

(1) Mit der Kirche fühlen.
(2) Im Zustand des Lebens, solange wir leben.
(3) Röm 8,26.

Vgl. Durchblick in Texten, Band 1, Schwerpunkt 2

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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