MyPK 06 Göttliches Lebensgefühl

MyPK 06 Göttliches Lebensgefühl

Aus: Vollkommene Lebensfreude (1934), 279-281. 285

Die zweite Folgerung. Haben wir erst von der Lebensauffassung gesprochen, so möchte ich das Wort Leben ein klein wenig anders deuten. Ich spreche von einem gottähnlichen Lebensgefühl und einer gottähnlichen Lebenssicherheit. Fühlen Sie wieder den Versuch, so ganz mitten in das heutige Leben hineinzugreifen? Gottähnliches Lebensgefühl. Sie dürfen, wenn Sie die dogmatischen Abgrenzungen vor Augen haben, ruhig dafür sagen, göttliches Lebensgefühl und göttliche Lebenssicherheit.

Göttliches Lebensgefühl. Die Unterlagen habe ich Ihnen eben umrissen. Was bin ich? Was zeigt mir die Heilige Schrift, was formt stärker mein Wissen, meine Dogmatik? Was bin ich? Gottes Kind, meine Seele Gottes Braut. Was bin ich? Gottes Freund. Was bin ich deswegen? Habe ich nicht etwas Göttliches, etwas Gottähnliches in mir?

Was müßte meine Erziehung bewerkstelligen? Wie müßte ich Gott gegenüberstehen? Wir müssen auch lebensmäßig, unserm Lebensgefühl nach, uns wirklich als Gottes Kinder fühlen, als Gottes Freund, als Gottes Braut. Darf ich jetzt wieder den Hintergrund in Erinnerung bringen, den wir heute morgen gezeigt haben? Wie viele von uns fühlen sich aber als gotteshörig, als Geschöpf Gottes, als Gottes Sklave, als Gottes Hund!

Lebensgefühl, göttliches, gottähnliches Lebensgefühl. Wir brauchen es heute. Wenn Sie die heutige Zeitlage klar vor sich haben, klar empfinden, wo das hinausgeht, dann werden Sie finden: der Mensch wird heute nicht nur zur Bestie, sondern mehr und mehr zum Stückchen einer Maschine. Das muß ich wissen, um die katholische Lehre zu haben. Utamur haereticis! (1)

Was muß ich herausstellen aus dem Schoß der katholischen Wahrheiten? Die, die dem Menschen ein starkes Selbstgefühl geben, ein gottähnliches Lebensgefühl (2).

Auf der einen Seite, da ist es letztlich die Struktur des Massenmenschen, ein Stück einer Maschine. Wollen Sie sich nicht täuschen lassen und sagen: Ach was, das Meisterstück ist eben: das sind Glieder einer Gemeinschaft. Es gibt aber verschiedene Arten von Massenmenschentum. Die Tendenz der anthropologischen Häresie geht darauf hinaus, das Individuum zu entwerten bis zum äußersten: sonst bekommen wir keine Masse. Was kann ich tun? Alles herausheben, um den Menschen wieder groß werden zu lassen. Gottähnliches Lebensgefühl.

Wenn ich da recht sehe, glaube ich sogar sagen zu dürfen, „der kleine Mensch gegenüber dem allgewaltigen Leben“, das muß umgedreht werden. Jetzt muß es heißen „das kleine All gegenüber dem Menschen“. Nicht die Selbstherrlichkeit des Menschen, die Größe des Menschen, nein: deshalb ist das All klein gegenüber dem gewaltigen Menschen, weil der Mensch die Teilnahme am göttlichen Leben sein eigen nennt Gottes Kind, Gottes Braut, Gottes Freund. Wie wenige von uns machen mit diesem Ausdruck Ernst: Umformung des Lebensgefühls! Ein göttliches Lebensgefühl müßte ich mir mehr und mehr aneignen. Dann stehe ich frei da gegenüber den Cäsaren, dann stehe ich frei da gegenüber der ganzen Welt. Nicht stolz, aber frei in Gott. Mir selbst gegenüber steht das All klein da. Göttliches Lebensgefühl. Wie ist meine Haltung gegenüber dem eigenen Körper, gegenüber dem anderen Geschlecht? Das ist es, was wir in der Erziehung viel stärker betonen müssen: gottähnliches Lebensgefühl.

Wenn Sie ein klassisches Beispiel haben wollen für eine praktische konsequente Anwendung derartiger Gedankengänge, dann studieren Sie Franz von Sales! Er denkt diese Gedanken als seine Lieblingsgedanken durch. Sklave, Höriger, Knecht wie faßt er die Seele, wenn das alles stimmt, was ich Ihnen gesagt habe? Gottes Kind, Gottes Braut, Gottes Freund. Da ist die Menschenseele eine Königin, die Königin neben dem König. „Bereits in einem Briefe vom Jahre 1604 tröstet er eine kranke Dame: ‚Als unser Herr am Kreuze hing, wurde er sogar von seinen Feinden als König erklärt. Die Seelen, die unter einem Kreuze leiden, sind die erklärten Königinnen.'“ (…)

Das ist das göttliche Lebensgefühl. Und lassen Sie sich nicht irremachen, wenn in absehbarer Zeit Strömungen kommen: „Wir müssen uns als Katholiken in acht nehmen, daß wir nicht den Pantheismus mitmachen!“ Das hat damit nichts zu tun. Es ist das von uns eine große Vernachlässigung, daß wir sofort wieder fürchten, wir könnten zu weit gehen. Deswegen, strenggenommen: gottähnliches Lebensgefühl; wir dürfen aber sagen göttliches Lebensgefühl, soweit wir teilnehmen am göttlichen Leben (3).

  1. Benützen wir die Häretiker! Kurzformel, die das kentenichsche Umgehen mit Zeitenströmungen charakterisiert Vergl. Herbert King: Neues Bewußtsein. Vallendar-Schönstatt 1995, 65-69.
  2. Diese Überlegung steht über dem Ganzen des Umgehens Pater Kentenichs mit der Tradition. Er liest sie neu unter dem Gesichtspunkt ihrer psychologischen Bedeutung für die menschliche Seele. Vergl. die Einleitung zu Punkt 9 (Religiöse Psychologie).
  3. Letzterer Hinweis ist von größter Bedeutung in der heutigen Zeit mit ihrer pantheisierenden Grundströmung (Esoterik). Diese ist auch Reaktion auf eine zu große Trennung von Göttlichem und Menschlichem, wie sie unserer kirchlichen Spiritualität eigen ist. J. Kentenich fürchtet jedenfalls sehr viel mehr die Trennung als die Vermischung.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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