MyPK 12 Gottlicher Wirklichkeitssinn und göttliche Triebkräfte III

MyPK 12 Gottlicher Wirklichkeitssinn und göttliche Triebkräfte III

Aus: Oktoberwoche 1950, 177-187 – (Schönstatt 1993, 424 S.

Achter Vortrag – Teil 2

1. Die Gabe der Weisheit ist zunächst ein helles Licht. Wir wollen einen Augenblick Anleihe machen bei den Mystikern, die haben hier Vergleiche zur Hand. Wo es sich um eine jenseitige, geheimnisvolle Welt handelt, kann man nicht mit geschliffenen Begriffen arbeiten. Es ist eben etwas Geheimnisvolles, und das Geheimnis will jeweils entschleiert werden durch Bilder, weil in Bildern ein heller Kern ist, aber gleich [180] zeitig auch unermeßlich viel Dunkelheit. So sagen sie, man soll sich einen Blindgeborenen vorstellen. Der Blindgeborene ist der Mensch, der im Lichte des Glaubens wandelt, der lediglich die Tugend des Glaubens in sich entfaltet hat, ohne daß die Gabe des Heiligen Geistes wirksam geworden wäre.

Sehen Sie, auch wir, die wir normalerweise im Lichte des Glaubens wandeln vorausgesetzt, der Heilige Geist ist nicht tiefgreifend eingebrochen in unser Innerstes durch seine Gaben , sind praktisch, gemessen an dieser Höhenlage, Blindgeborene. Sehen Sie, der Blindgeborene hört allerlei erzählen von der Schöpfung, von der Schönheit der Welt, vom Glanz des Firmamentes, von der Herrlichkeit der Flora. Jetzt mögen all diejenigen, die an der Natur hängen, sich die glänzendsten Naturschilderungen ausmalen. Und nun sollen wir annehmen, so meinen die Mystiker, plötzlich sei wie durch ein Wunder der Blindgeborene von der Blindheit geheilt. Und nun vergleicht er: Was ich mir vorstellen konnte, ist nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die ich nun schauen darf. Das soll der Zustand der Seele sein, wenn die Gabe der Weisheit sie erfüllt. Auf einmal sieht sie helles Licht, Dinge, die andere kaum ahnen, und zwar nicht bloß mit Klarheit, sondern es wird in der Seele auch eine Wärme wach, eine Inbrunst, alle diese großen Wahrheiten und Wirklichkeiten zu umfangen, dafür zu leben und dafür zu sterben. Sehen Sie, das ist die Gabe der Weisheit.

Verstehen Sie den Zusammenhang von heute morgen? Die Gabe der Weisheit vervollkommnet unser Glaubensorgan, und zwar in hervorragender Weise. Da haben Sie dogmatisch wiedergegeben, was wir einen übernatürlichen Spürsinn, einen übernatürlichen Wirklichkeitssinn genannt haben.

[181] Ob wir uns dadurch nicht alle anregen lassen müssen, die Gottesmutter zu bitten, heute an ihrem Ehrentage uns den Heiligen Geist mehr und mehr zu geben? Denken Sie einmal an die Leitung einer Familie. Wenn die einzelnen nicht alle den Heiligen Geist haben, wenn die nicht alle den übernatürlichen Spürsinn und Wirklichkeitssinn haben, was wird das für eine Leitung geben! Der eine auf der Ebene, der andere auf jener Ebene! Aber wenn wir alle einmütig auf ein und derselben Ebene im Kern uns befinden, wie schnell stellen wir dann eine Einheit dar, weil der Heilige Geist nicht zerteilt, sondern überall im selben Maße wirksam ist.

Es ist diese Erkenntnis, dieses helle Licht, das die Seele auch gleichzeitig innerlich warm macht, wie die Mystiker hervorheben, mit einer ungemein starken Geschmacksseligkeit verbunden, die im Kern schon in dem enthalten ist, was ich vorher gesagt habe. Ich kann eine Wahrheit unbesehen annehmen und sagen: Ja, es ist so, Schluß der Vorstellung! Der heilige Bonaventura nennt ein Bild und sagt: Ich kann theoretisch allerlei wissen, etwa von der Süßigkeit des Honigs; es ist aber etwas ganz anderes, wenn ich den Honig geschmeckt habe. Sehen Sie, meine liebe Schönstattfamilie, wer die übernatürliche Welt, die Seligkeit der übernatürlichen Welt einmal geschmeckt hat, der bekommt innere Sicherheit. Das dauert etwas, bis wir nicht bloß Geschmack haben, sondern bis der Geschmack ersättigt ist. So werden Sie verstehen, wenn Sie hineinschauen in das gewöhnliche Leben, wie Menschen, die vom Heiligen Geiste erfüllt sind, Liebe zum Beten haben, weil durch das Gebet die Seele tiefer in die jenseitige, übernatürliche Welt eingeführt wird, und zwar mit einem tiefen persönlichen Geschmack. So hören wir von manchen Heiligen, wie sie sich beklagten, wenn man sie vom Gebet weggerissen hat. Woher das kam? Man hat sie von einer Welt weg [182]gerissen, die anders ist als die, die unsere Füße berühren. „Emitte Spiritum tuum …“

Wollen wir wie bisher den Beweis erbringen, daß die Familie getragen wird in all ihren Institutionen auch in den großen Kämpfen und Entscheidungen, in den Beurteilungen vom übernatürlichen Wirklichkeitssinn, dann brauchen wir alle mehr den Heiligen Geist. Dann müssen wir beten, daß uns die Gottesmutter, zumal der Leitung der Familie, in überfließender Weise den Heiligen Geist erfleht. Sie dürfen das nicht übersehen in einer Zeit, wo alles auseinandergerissen ist, wo auch die besten Familien klagen, der eine gehe diesen, der andere jenen Weg.

Wenn wir es als Familie, wie wir sie darstellen, nicht fertigbringen, insgesamt in diese übernatürliche Welt und Wirklichkeit hineinzuwachsen, dann werden wir trotz aller großen Ideale immer voller Gegensätzlichkeit sein. Wir brauchen den Heiligen Geist; den brauchen wir immer. Und Sie dürfen nicht meinen, wir wären schon am Ende der Entwicklung. Wenn das Schiff der Familie wohl auch fertig ist, um in die See zu stechen, so gibt es darüber hinaus noch eine ganze Menge Einzelheiten, die geklärt werden müssen. In gewissem Sinn sind wir nicht bloß ein Schiff, wir sind viele Schiffe, eine ganze Flotte geworden. Und wer mag eine Flotte befehligen? Eine kleine Barke kann ich führen, ein Schiff auch, aber eine ganze Flotte, wer wagt die zu befehligen? Und so müssen wir die Situation nehmen. Oder wenn Sie bei dem andern Bild bleiben wollen: Wir sind wie eine Arche mit verschiedenen Stockwerken, die Stockwerke sind gefüllt, die Arche will in See stechen. Wir brauchen den Heiligen Geist. „Emitte Spiritum tuum …“ Sie spüren, von welchem Wert das ist, wenn [183]wir von diesem ganz übernatürlichen Wirklichkeitssinn aus die Linien nach allen Richtungen ziehen.

2. Was uns die Gabe der Weisheit in hervorragendem Maße schenkt, ist eine hochgradige Liebe. Die Mystiker sagen uns, daß diese Liebe eine doppelte Eigenschaft ihr eigen nennt. Das verstehen wir alle sehr gut. Wenn wir das normale Maß der Gottesliebe haben, wissen wir, wir schätzen Gott dem Willen nach mehr als alles andere, aber praktisch hängt unser Gemüt an vielen, vielen Dingen viel stärker als am Jenseits, an der Übernatur. Dann sind wir nicht zuverlässig in der Hand Gottes, dann ist die Gefahr groß, daß wir ihm immer wieder ausweichen. Normalerweise wird der Mensch viel mehr durch das geführt, was unbewußt das Hen möchte, als durch das, was der Wille will. Nicht wahr, deswegen reden wir nicht von Willensverschmelzung, sondern von Herzensverschmelzung. Das Hen ist es, das letzten Endes beredt macht, groß oder schwach macht.

Im Zusammenhang mit der Weihe wollen wir das sehen. Wir müssen die Weihe durch alle Jahrhunderte durchschauen, was sie in dem und jenem Sinn zu sagen hat. Wenn wir gestern überlegt haben, wie die Zeit aussieht, so müssen wir auch überlegen, was Jahrhunderte von der Weihe sagen, was Jahrhunderte auf den Begriff der Weihe geantwortet haben.

Wir wollen jetzt bewußt einen Standpunkt beziehen, jede Reserve wegwerfen und klar sagen: So ist es und nicht anders. So auch hier.

a. Es ist recht so, und wir müssen dankbar sein, wenn unsere Liebe so groß ist, daß sie alle Anfälle des Trieblebens wenigstens kraftvoll überwindet, aber die Gabe der Weisheit gibt [184] dieser Liebe eine ungemein zarte Innigkeit. Verstehen Sie, was das besagt? Dann ist das selbstverständlich, dann bringe ich das nicht mehr fertig, rein natürlich zu lieben, sondern die ganze Inbrunst meines Herzens richtet sich auf Gott. Und es ist nicht so, als wenn ich einen Menschen nicht mehr gern hätte. Diese Dinge versteht man bloß, wenn der liebe Gott sie der Seele gezeigt. Es ist etwas Eigenartiges: Ich habe natürliche Freude und doch nur Freude an Gott, nur Freude, wenn Gottes Wille erfüllt ist. Wenn ich sage, rein natürliche Freude gibt es da nicht mehr, so ist es auch wieder nicht richtig gesagt; Gott will auch, daß ich Freude an natürlichen Dingen habe. Aber unter dem Einfluß der Gabe der Weisheit fängt die Seele an zu verstehen, was das heißt: Omnia uni! Das ist eine große Innigkeit meiner Liebe, die letzten Endes gebunden ist an Gott und um Gottes willen auch an die Geschöpfe. Dann bringe ich es fertig, bei aller Nähe zu den Geschöpfen eine endlose Ferne festzuhalten, dann mag auch körperliche Nähe die Ferne nicht stören und körperliche Ferne die seelische Nähe nicht hindern. Das sind Meisterstücke, die in der Werkstatt des Heiligen Geistes getätigt werden.

Umgekehrt: Brauchen wir, wenn wir den übernatürlichen Wirklichkeitssinn haben, auch diese Verwurzelung im Herzen Gottes? Zweifellos! Der Dogmatiker spricht deswegen vom pius credibilitatis affectus. Er ist so klug, daß er eine Wurzel des Glaubens auch hineinsinken läßt in das Gemüt. Dieser pius affectus ist es, der durch Liebe genährt wird. Dann wird der göttliche Instinkt, der übernatürliche Wirklichkeitssinn so stark, daß früher oder später die anderen Erkenntnisquellen nur nebensächlicher Natur sind. So verstehen wir, was es heißt: „Justus autem meus ex fide vivit!“ (2) Aus dem Glauben, [185] aus diesem Glaubenssinn, aus diesem übernatürlichen Sinn und Instinkt lebt der Gerechte.

b. Eine zweite Eigenschaft, die die Seele durch die Gabe des Heiligen Geistes bekommt, ist eine Stetigkeit und Beständigkeit. Jetzt denken wir an unsere eigene Entwicklung. Da müssen wir Ebbe und Flut konstatieren. Ich muß sagen: Meine Güte, wie bin ich weit davon entfernt, stetig, beständig zu lieben.

Sie dürfen nicht vergessen, daß das eingegossene Licht, auch die Beschauungsgnade, nicht bloß ein beseligendes, sondern auch ein verzehrendes Licht ist. Hören Sie den Ausdruck: Dasselbe Licht der Beschauung ist beides gleichzeitig, es ist beseligend und beglückend, aber auch verzehrend. So dürfen Sie nicht diese oft jahrelange Ausgedörrtheit Ihres Empfindungslebens übersehen. Wer macht das nicht mit? Der eine in jungen Jahren, der andere später, jeder muß es einmal mitmachen. Wer es nicht mitgemacht hat, darf nicht hoffen, daß Gottes Geist ihn trägt. Sicher, der Herrgott ist frei, aber er führt die Seele doch nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Wir müssen das Ausgedörrtsein einmal durchmachen. Wir werden das nachher noch besser verstehen, wenn ich von der Gnade der Wandlung und Verwandlung ein paar Worte sage. Aber sehen Sie, bei dieser Beständigkeit der Liebe und souveränen Festigkeit ist der lebendige Gott der Magnet, ich bin so magnetisiert, daß ich immer angezogen werde. Sicherlich, da sind andere Gegenstände, die ziehen auch an, aber ich bin so ergriffen vom lebendigen Gott nicht so, als wenn Fehler nicht möglich wären , der Magnet hat mich so angezogen, daß ich liebend auch dort bei Gott sein kann, wo meine Aufmerksamkeit von anderen Dingen aufgesogen wird. Nicht wahr, wie haben wir, als wir jung waren, Sehnsucht gehabt [186] nach dem dauernden Liebesverkehr mit Gott! Und wieviel Klimmzüge haben wir gemacht! Wir sind vielleicht krank geworden. Wir haben vergessen, daß wir unsererseits für diesen steten Liebesverkehr mit Gott uns nur dadurch einigermaßen vorbereiten können, daß wir den aktiven Wandel mit Gott maßvoll pflegen. Das andere ist Gnade, das muß der liebe Gott uns geben durch die Gaben des Heiligen Geistes.

3. Damit ist an sich die dritte Wirkung der Gabe der Weisheit genügend vorbereitet. Natürlich muß ich gleich beifügen, ich reiße auseinander, was im praktischen Leben eine Einheit ist. Was ist die dritte Wirkung? Das ist die Gnade der Wandlung. Das ist das, was man sonst die Transformatio in Deum, in Christum nennt. Der Heilige Geist benutzt hier meistens zwei Mittel, die auf die Dauer außerordentlich schwer zu tragen sind. Es hat den Anschein was ich eben sagte , als wenn eine Seele, die so vom Heiligen Geist geführt wird, ständig Hochzeit feiert. So ist das nicht, das ist nur die eine Seite. Die Seele hat nicht ständig Hochzeit. Da kommt

a. zunächst das eine furchtbar hart und herb anmutende Mittel, die Erdrosselung ich kann es nicht besser ausdrücken oder die Vernichtung aller rein natürlichen Affekte. Da habe ich an gar nichts mehr rein natürliche Freude. Und das kann jahrelang dauern, diese Kerkerhaft.

Mich dünkt, heute müssen wir alle damit rechnen, wenn wir die ganze Heilsordnung auf uns wirken lassen. Wir heutigen Menschen müssen damit rechnen. Wir bringen sowieso die Disposition für ein ständiges Ausgedörrtsein mit, weil unsere seelischen Fähigkeiten nicht mehr das entsprechende Volumen haben. Es ist so, als müßten wir fast gestehen, es ist ein gewaltiges Defizit in all unseren Fähigkeiten zu konstatieren.

[187] Deswegen machen wir heute durchweg viel früher, länger und schneller derartige Zustände durch. Der Herrgott benutzt die Zeit, unsere heutige Situation, um uns zu geben, was vonnöten ist. Was ist vonnöten? Wenn irgendein Mensch den Heiligen Geist vonnöten hat, so der heutige Mensch, der stark hineingeworfen ist in die Kloaken des heutigen Lebens.

Unter dem Einfluß der Gabe des Heiligen Geistes wird das erst verwirklicht, was ich eben sagte, dann habe ich an nichts rein Natürlichem mehr Freude, auch nicht an den Dingen, für die ich eine Lieblingsneigung hatte. Es ist gleichsam, als wenn das alles ausgedörrt wäre. Erst wenn alle Freude an rein Natürlichem erstorben ist das ist das eine , kann der Heilige Geist kommen.

b. Und zweitens, wenn eine vollkommene Indifferenz in mir lebendig ist gegen Ehre oder gegen Verachtung nicht als wenn die Seele in irgendeiner Weise das nicht spüren würde , dann kann der Heilige Geist kommen. Dann ist die Seele vorbereitet. Dann ist der Begriff Werkzeug ein vollendeter, dann lenkt und leitet er, nicht mehr ich führe mich. „Es kommt einmal die Zeit“, wir kennen das Wort an Petrus, „da ist es jemand anders, der dich führt. Jetzt gehst du hin, wohin du willst …“ (2)

Sehen Sie, da wird das ganze innere Leben, das Affektleben, da werden alle unsere inneren Fähigkeiten gleichsam in Besitz genommen von Gott selber. Da ist es wirklich Gott, Christus, der in uns lebt und denkt, nicht bloß abstrakt, sondern auch gesinnungs und lebensgemäß in relativ vollendeter Weise. Er lenkt und leitet unseren Verstand. Er ist es, der in uns denkt, das ist der Geist Gottes, der Heilige Geist. Conna [188] turalitas, congenialitas! Gleichschaltung! Meine inneren Fähigkeiten sind dann gleichgeschaltet der übernatürlichen Wirklichkeit, in der der dreifaltige Gott, der Heilige Geist herrscht und triumphiert. Er lenkt und leitet unsere äußeren Handlungen. Und dann ist der Mensch, soweit das hier auf Erden möglich ist, fertig. Das ist der Sinn des sensus fidei, des übernatürlichen Wirklichkeits und Spürsinns. Darum erneut „Emitte Spiritum tuum …!“

  1. Gal 3,11.
  2. Vgl. Joh 21,18.

Aus:
Textsammlung zum Thema „Mystik“ bei Pater Kentenich
Zusammengestellt von P. Herbert King

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